Querfurt als Ausrede

Schon immer strahlen diese kleinen Städte im mitteldeutschen Raum, in Sachsen-Anhalt und in Thüringen etwas Besonderes aus: eine seltsame Ruhe, Gelassenheit, ja vielleicht sogar Mattigkeit. Träge liegen sie in der Sonne, selten rumpelt ein Auto über die Pflastersteine, hier und da huscht eine Katze über die Straße und an den Giebeln hängen die Schwalbennester. Menschen sieht man selten, nur der Bratendurft aus einem Fenster oder ein fernes Klavier läßt auf ihre Anwesenheit schließen.

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Erhört eure Gebete!

Zum 3. Advent

Wahrscheinlich muß man hin und wieder, vor allem die Jüngeren, daran erinnern, daß Weihnachten „was mit Jesus zu tun hat“. Wer dieser Jesus freilich war, liegt offenbar im Auge des Betrachters. Eine interessante – ich sage nicht: korrekte – Sicht auf diese Fundamentalgestalt hatten Hans Kirk und Henri Barbusse, die heute kaum noch jemand kennt – ihren Jesus-Interpretationen nebst eines Exkurs zur Frage des Zorns, sollen die nächsten adventalen Wochenenden gewidmet sein.

Allerorten wird Barbusse als der Autor von „Das Feuer“ erwähnt, vielleicht auch noch seine politische Tätigkeit – er war Kommunist und straffer Stalinist -, aber daß der ursächlich vom Symbolismus herkommende Autor sich ein Leben lang mit der Gestalt des Religionsgründers befaßte, ist weitgehend vergessen.

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Luther der Deutsche

Diesmal habe ich lange überlegt, welches der dutzenden Bücher über Luther, die anläßlich des 500. Jahrestages des Thesenanschlages die Buchläden fluteten, ich – in langer persönlicher Tradition, denn der Reformationstag ist seit eh und je Lutherlektüretag – lesen sollte. Die Wahl fiel schließlich auf Heimo Schwilks Erzählbiographie und sie hat sich als Glücksgriff sondergleichen herausgestellt.

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Terror als Ausweg

Angesichts der Bilder (nur für Hartgesottene!), wie sich fünf junge Männer in Cambrils von der Polizei hinrichten lassen, indem sie sich verweigern, die Arme zu heben und ohne effektiv etwas ausrichten zu können – die Sprengstoffgürtel erweisen sich später als Attrappen –, darf man sich erneut fragen, welche Psycho-Logik hinter solch scheinbar absurden und aller menschlichen Natur widersprechenden Verhaltensweisen steckt. Ein Grund, ein starker, wenn auch nicht der einzige, dürfte sich im Religiösen verbergen. Daher noch einmal der Versuch, den „Terror als Ausweg“ zu beschreiben:

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

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Buddha, Heidegger und Hellmuth Hecker

Am 7. Januar des Jahres ist Hellmuth Hecker (geb. 1923) gestorben, leise und bescheiden, wie es sich gehört. Nur so ist der verspätete Nachruf zu erklären – ich habe es erst heute erfahren.

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Volk oder Völk? Grundtvigs Grundlegung

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

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Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann.

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Der kleine Unterschied

Mängel und Schicksale haben wir alle gemein, die Tugenden gehören jedem besonders. (Goethe: Dichtung und Wahrheit)

Was immer dir Gutes widerfährt, ist von Allah, und was immer Böses dir widerfährt, ist von dir selber. (Koran: Sure 4.79)

Glauben und Gottesbeweis

Man mißtraue allen Gläubigen, die durch Krise, Krankheit, Krieg zum Glauben finden. Sie mißbrauchen Gott und das Numinose als Psychotherapie und mißverstehen ihr kleines persönliches Unglück als ontologisches oder kosmologisches Ereignis. Es ist ihnen im Grunde genommen gleich, ob Katholizismus, Buddhismus, Islam oder New Age …, denn alles kann zum „Ausstieg“ dienen.

Man mißtraue allen Gläubigen, die in eine Religion hineingeboren wurden, denn sie hatten nie die Chance einer unabhängigen Entscheidung. Man erkennt sie an der prinzipiellen Affirmation: sie kennen den Zweifel nicht.

Man mißtraue allen Gläubigen, die sich rational für einen Glauben entschieden haben, denn sie machen die Früchte ihres bescheidenen menschlichen Räsonierens, ihrer geistigen Unvollkommenheit zum Maßstab diviner Existenz.

Man mißtraue allen Gläubigen, die durch eine Offenbarung, durch das praktische Erleben Gottes, zum Glauben finden. Ihnen ist ein persönliches Erlebnis – vielleicht nichts anderes als die Erfahrung des Fürsten Myschkin – zum Schlußstein geworden.

Nur der Skeptiker kann ein wahrhaft Glaubender werden, denn der wahre Glaube muß sich ständig und immer wieder am Zweifel erweisen, er muß permanent errungen werden, sich selbst negieren und geht im Moment der absoluten Gewißheit – die der wirkliche Glaube ist – verloren.

Aber wie ist Glauben dann noch möglich, wer kann dann noch selig werden? Es bedarf des „Sprungs in den Glauben“, wie Kierkegaard es nannte, jenen paradoxen Akt, der Bejahung und Verneinung vereint und:

„Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann denn selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (Markus 10.25ff.)

Ist damit das Christentum als kulturkonstitutiv abgetreten? Mitnichten. Wir müssen uns im christlichen Erbe verorten, nicht weil es wahrer oder besser ist als anderes, sondern weil es unseres ist.