Denkanstöße – Enzensberger

Die eklatanten inneren Widersprüche, die unserer Zivilisation auf den ersten Blick anzumerken sind, werden gemeinhin, und nicht immer zu Unrecht, als bedrohlich empfunden. Gleichzeitig garantieren sie aber die Freiheiten, die uns verblieben sind. Solange sie an den Tag treten können, ist es möglich, den Zustand der Gesellschaft zu verändern, ohne sie zu zerbrechen. Erst wenn sie gewaltsam zum Schweigen gebracht werden, wenn das Gemeinwesen seine Antagonismen verleugnet und sich als Monolith ausgibt, verschwindet die Möglichkeit der Revision. Die einzig in sich stimmige Welt ist die totalitäre.

Kritik setzt die Widersprüche des Wirklichen voraus, setzt bei ihnen ein und kann von Widersprüchen selbst nicht frei sein. Hierauf macht aufmerksam, was man ihr als den „Beifall von der falschen Seite“ zum Vorwurf macht. Jeder, der sich überhaupt öffentlich äußert, wird ihn zu hören bekommen; kaum einer, der nicht dann und wann versucht wäre, jenem Beifall aus dem Weg zu gehen, Rücksicht auf ihn und auf alle die zu nehmen, die ihm zur Last legen, wofür er nicht haften kann: die Meinung seiner Zuhörer.

Leicht zu sehen, daß Kritik sich unter ihren heutigen Bedingungen taktisch verhalten, oder verstummen muß; aber der Satz verliert sein Recht und wird zur Ausrede, wenn er sich von seinen Gründen löst. Behauptet er sich abstrakt und unbeschränkt, so entzieht er der Kritik die Bedingungen ihrer eigenen Existenz. Eine Grenze des taktischen Verhaltens soll hier angezeigt, die Struktur aller Rechnungen mit dem „Beifall von der falschen Seite“ soll skizziert werden.

Zunächst setzen diese Rechnungen voraus, daß der Kritiker Partei ergriffen hat, schon ehe er an seine Arbeit geht; was er erst unterscheiden möchte, wird ihm in den Mund gelegt und flugs benannt. Auch daran, wieviel Ansichten von der Realität möglich seien, bleibt von vornherein kein Zweifel. Nur bis zwei darf gezählt werden. Die Rede vom falschen Beifall bezieht sich auf eine streng symmetrische Welt, aus der die Farben verbannt sind; auf immer dasselbe Feld, das weiße, versucht sie den Kritiker zu ziehen. Dort mag er reden, solange er will. Seine Parteigänger haben keine Zeit, ihm zuzuhören. Sie sind vollauf damit beschäftigt, im schwarzen, im feindlichen Feld nach Anzeichen des Beifalls Ausschau zu halten. Auf diese Weise machen sie ihre Feinde zu Schiedsrichtern ihres eigenen Redens. Unerheblich, was an den Worten ihres Sprechens wahr oder unwahr ist; Kritik, die sich taktisch auf solche Spielregeln einläßt, sich ihnen beugt, wird vollends fungibel.

Was dem Gegner nützt, muß unterbleiben: Worauf dieser Satz hinausläuft, das wird in seiner Umkehrung klar: Was der eigenen Seite nützt, geschieht. Die Struktur beider Sätze ist totalitär.

Die Redensart vom Beifall, der von der falschen Seite komme; die Aufforderung, der Kritiker habe sich vor ihm zu hüten: sie zeigen an, wie weit es sich, im Gefolge des Kalten Krieges, totalitäre Schemata in unserem Denken ausgebreitet haben. In Deutschland, einem geteilten Land, begegnet man ihnen täglich. Äußert sich etwa in der Bundesrepublik (A) jemand (a) kritisch gegen einen führenden Politiker (X) seines eigenen Landes, so wird aus dem Beifall, der in der DDR (B) seinen Worten gezollt wird, geschlossen, er schätze (B) über die Maßen. Hat (a) etwas gegen einen führenden Politiker namens (Y) einzuwenden, der in (B) amtiert, so erfreut er sich in (A) ziemlichen Beifalls und wird automatisch für einen Parteigänger von (X) gehalten. Wer so argumentiert, bemerkt meist nicht, daß er (A) und (B) einander als spiegelsymmetrische Varianten gleichsetzt.

Damit hat es aber keineswegs sein Bewenden. Auch Personen, die zwischen (a) und (A), zwischen (A) und (X) zu unterscheiden wissen, machen sich sehr oft ein ähnliches Schema zu eigen. Stellen sie etwa (X) und (Y) gemeinsam auf die „falsche“ Seite, so resultiert, daß von diesen beiden einzeln gar nicht mehr gesprochen werden kann. Jedes Wort gegen (X) darf nämlich auf den Beifall von (Y) rechnen und umgekehrt; ist also, nach der totalitären Logik des Schemas, zu verwerfen. Wie lebendig, und tödlich, diese Formalismen in Deutschland sind, lehrt jeder Blick auf die gegenwärtige Publizistik. Selbstverständlich können die Chiffren für beliebige Gegensätze stehen.

Die Angst vor dem „Beifall von der falschen Seite“ ist nicht nur überflüssig. Sie ist ein Charakteristikum totalitären Denkens. Kritik, die ihr Konzessionen macht, ist durch keinen Hinweis auf taktische Überlegungen zu rechtfertigen; sie ist hinfällig.   

Hans Magnus Enzensberger: Über den Beifall von der falschen Seite. In: Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie. Frankfurt 1962

Ein Gedanke zu “Denkanstöße – Enzensberger

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Der Wahrheitsgehalt einer Aussage ist unabhängig davon, wer ihr zustimmt. Wer sich nicht zuvörderst um wahr oder falsch schert, sondern um die Nützlichkeit der Aussage für die ihm erstrebenswert dünkenden Zwecke, ist wohl meist gar nicht an der Suche nach der Wahrheit interessiert, sondern an eigenen Zwecken, und die strittige Aussage wird nur an ihrer (oft noch dazu vermeintlichen) Nützlichkeit für diese gemessen.

    Hört man im Gespräch dann noch Figuren wie „Das kann doch gar nicht sein, weil sonst [etwas dem Einwender Unliebsames] der Fall wäre“, „Damit werden X-Klischees bedient“, dann hat man die fast sichere Bestätigung, dass hier jemand von eigenen Zielen auf die dazu nötige Wirklichkeit schließt ― und dass im Grunde jede weitere Diskussion unnütz ist.

    Aparterweise projiziert dieses argumentative Gesindel seine unlogischen Schlussweisen dann just noch auf diejenigen, die gerader denken.

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