Ramadan als Wehrübung

Gerade begehen Millionen unserer Mitmenschen den Ramadan. Mittlerweile wird das in der Presse gefeiert, mittlerweile klären die Medien flächendeckend auf, mittlerweile wünschen staatliche Stellen einen „Gesegneten Ramadan“, mittlerweile haben wir uns an den Mundgeruch in der Straßenbahn gewöhnt – als Ausdruck des Rechtes auf freie Religionsausübung.

Alle Religionen kennen Fastenzeiten und asketische Exerzitien. Wenn man den Begriff der Religion – religio: Rückbindung – aber modifiziert oder ihn durch einen anderen ersetzt, dann werden neue Perspektiven sichtbar, dann wird auch verständlich, weshalb der Islam – die theologisch wohl schwächste aller Weltreligionen – eine solche Ausdauer haben konnte und weshalb er gerade jetzt, verbunden mit einer demographischen Explosion, sich anschickt, die Welt ein zweites Mal zu erobern.

Der Ramadan ist eine der „fünf Säulen des Islam“:

  1. Das Glaubensbekenntnis, die Schahada
  2. Das fünfmalige tägliche Gebet
  3. Das einmonatige Fasten während des Ramadans
  4. Die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka
  5. Der Zakad, die Spende an die Bedürftigen

Peter Sloterdijk hatte in seinem fulminanten Großessay „Du mußt dein Leben ändern“, den umstürzenden Gedanken geäußert, den Begriff der Religion abzulegen. Es gibt keine Religionen, „es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme.“ … „Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdient, hat eher eine anthropologische als eine ,religiöse‘ Spitze.“ Darüber hinaus sei der Begriff kulturimperialistisch, da er nur im Westen verstanden würde und Hindus und Buddhisten schon Jahrhunderte zuvor „Religion“ ausübten, ohne diesen Begriff zu benötigen, der ihnen erst durch „Religionswissenschaftler“ aufgedrängt wurde.

Mohammeds Genie liegt in der Vorwegnahme dieses Gedankens und in der Installation eines entsprechenden Regulariums. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die fünf Säulen des Islam – andere Pflichten, wie der kleine und der große Djihad, die Koranlektüre, das Auswendiglernen … kommen hinzu –, so erkennen wir ein ausgeklügeltes Hochintensivtrainingsprogramm. Bis auf die Schahada, die theoretisch nur ein Mal, bei der Annahme der Religion, gesprochen werden muß, die in der Realität aber tagtäglicher innerer Begleiter der meisten Muslime ist – etwa beim Bismillah vor jeder Mahlzeit, vor dem Geschlechtsverkehr etc. –, bis auf die Schahada also und die Hadsch, handelt es sich um Permanenzübungen.

Vor allem das Gebet entfaltet eine enorme Macht. Alle drei Stunden circa ist der Muslim angehalten innezuhalten, sich aus der realen in die spirituelle Welt zu begeben, eine „Vertikalspannung“ zu seinem Gott aufzubauen, und dabei immer wieder die gleichen Formeln zu beten und sich mindestens 17 Mal vor dem Gott in den Staub zu werfen. Die psychomotorische Ausrichtung eines Hirns, das sich diesem Exerzitium unterwirft, ist sehr wahrscheinlich. Der physische Akt des Niederwerfens – hier erkennt man, daß Mohammed ein kluger Intuitivpsychologe war – verbindet beide Ebenen und vertieft die geistige Gravur durch körperliche Repetition. Heute ist das neuester Stand der Wissenschaft, heute nutzt man das Verfahren im Profisport, bei Rehabilitation oder bei der Gehirnwäsche.

Die Hadsch war einst ein enormer Kraftakt. Sich in einen Jet zu setzen, in Mekka zu landen, sich ein Tuch umzuwerfen, ein Selfie zu machen, dieses bei Instagramm einstellen und zwei Tage später schon wieder im Trainingslager der Nationalmannschaft zu sein, dürfte an der Paradiespforte eher wenig goutiert werden. Die Hadsch war als asketisches Exerzitium gedacht, als Leidenszeit, als Zeit des Selbstrisikos. Wer einmal durch die Wüste zog, um die Kaaba zu umrunden, und dabei Hitze und Entbehrung erleiden mußte, den Tod riskierte oder den Überfall durch marodierende Banden, die gnadenlose Sonne ertrug … für den ist die Ankunft, ist das Gemeinschaftserlebnis, ist das Erreichen des Ziels wie eine Offenbarung. Man muß als moderner Mensch schon Reinhold Messner lauschen, um eine Ahnung davon zu bekommen.

Selbst der Zakad ist als Übung zu beschreiben. Es geht darum, 2,5 % bis 10 % seines Einkommens an die Armen abzugeben. Die christlichen Konfessionen kennen das als Zehnt oder Kollekte. Aber das Opfer, die Spende, das Almosen ist seit je ein stark wirkendes Gottes-Aphrodisiakum, eine Wohlfühlmaschine und eine Verbindung zum Transzendenten. Wird sie regelmäßig eingeübt, entfaltet sie ihre abhängig machende Glückswirkung.

Unter diesen Vorzeichen ist die Funktion des Ramadan evident. Sein jährlicher Wiederholungscharakter zeichnet ihn als Exerzitium par excellence aus. Der Hadsch vergleichbar, konnte Mohammed nicht ahnen, daß seine Jünger einst in allen Weltteilen sich umtreiben, bzw. war es Mohammed nicht bewußt gewesen, wie groß die Welt eigentlich ist. Es gibt Indizien dafür, daß er vom Scheibencharakter der Erde und damit ihrer Endlichkeit, überzeugt war. Seine Religion ist eine Wüstenreligion, seine Welt reichte bis an den Rand der Dürre, bis an die Berge, er konnte also nicht ahnen, daß es für einen Muslim in Norwegen Probleme geben könnte, die Mekkawanderung zu leisten oder den Ramadan ohne Kompromisse zu überleben. Man hätte von Al Alim, dem Allwissenden, möglicherweise eine konkrete Anweisung für diesen Fall erwarten können …

Auf der arabischen Halbinsel teilen sich Tag und Nacht in schöner Gleichmäßigkeit von ca. 12 Stunden (± zwei) die Zeit, sommers wie winters. Trotzdem ist der Übungserfolg bedeutend. Es ist eine 30-malige Übung zur Abwehr des Zweifels, eine Überwindung des inneren Schweinehundes (pardon), ein zwar überschaubares Leid, durch seine Wiederholung aber ein sehr wirksames. Zudem führen die Intensivierung des Gebets, die größere Offenheit für Spiritualität während des Fastens, die Freude über die Überwindung zu einer gefühlten Gottesnähe, das täglich gemeinsame Fastenbrechen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Umma, die Distinktion zwischen „Wir“ und „die anderen“, zwischen mumin und kuffar, und damit die Sicherheit des Dazugehörens.

Vermutlich ist der Islam das am meisten durchorganisierte – man kann von Psychodesign sprechen – „religiöse“ System. Seine Anhänger sind – das muß die Intention des Gründers gewesen sein – mehr oder weniger durchtrainierte potentielle Glaubenssoldaten. Lediglich der Buddhismus kennt in einigen Spielarten ein ähnlich starkes Training, die Meditation, deren Energie freilich komplett nach innen geleitet wird, wohingegen der Islam eine extrovertierte Religion darstellt. Seine hohe Repetitivität verleiht ihm seine Macht, die er seit 1400 Jahren, trotz weitgehend kultureller Rückständigkeit, beeindruckend unter Beweis stellt. Wer all diese Entbehrungen auf sich genommen hat, für den ist es mit jedem Male schwerer, den zurückgelegten Weg kritisch zu betrachten. Es wäre dann alles umsonst gewesen …

In diesem Sinne: Gesegneter Ramadan!

Siehe auch: Allahu Akbar – eine Klarstellung

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6 Gedanken zu “Ramadan als Wehrübung

  1. Kinderlied wider die Türken (Gebete von Kindern wurden wegen der Reinheit ihrer Seelen als besonders wirkungsvoll eingeschätzt):

    „Das Kirchen- und Kinderlied Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort wurde von Luther 1541 veröffentlicht. Es erschien mit dem Zusatz „Ein Kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen, den Bapst und Türcken“. Begleitet wurde dieses Lied durch Propagandabilder.[32] Es galt, in Verbindung mit den von Luther verfassten Türkenbriefen und dem Streit mit dem Papst, als ein umstrittenes evangelisches Kirchenlied und wurde zwischenzeitlich an einigen Stellen entschärft.

    Das Lied wurde mündlich überliefert und gleich nach seiner Entstehung als Kinderlied in Wittenberg gesungen. Man sah im Gebet unschuldiger Kinder eine letzte Rettung in der Gefahr.

    „Sollte jemand den Türken etwas tun, so werdens die einfältigen Kinderchen tun, die beten das Vaterunser. Unser Wall und Büchsen und alle Fürsten, die werden den Türken wohl ungeschoren lassen“. Im Februar 1543 fordern Luther und Bugenhagen im Sendschreiben an die Pfarrer und Superintendenten in Wittenberg: „So sollt ihr auch… die Kinder ernstlich beten lassen“.. dass die Nachkommen… „sicher vor dem Teufel Mahomets bleiben mögen““

    Quellen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_und_die_T%C3%BCrken
    und
    https://de.wikipedia.org/wiki/Erhalt_uns,_Herr,_bei_deinem_Wort

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Gehirnjogging – das wäre ja schön und gut. Man lernt doch aber in der Theologie – wenn denn überhaupt – nur allein, es sich so hinzudrehen, dass man die Widersprüche vor sich selbst besser verdecken kann.

    In meinem Konfirmationsunterricht „bewies“ der Pfarrer die Güte des alttestamentarischen Gottes mit der Beschneidungsregel. In einer – gewiss unbedingt seriösen – Quelle hatte er gefunden, dass bei Säuglingen aus immunologischen Gründen das Risiko der Beschneidung eine Woche nach der Geburt am geringsten sei, und oh Wunder, genau für diesen Zeitraum ist sie von der Tora vorgeschrieben. Wie ich ihn darauf hinwies, dass gar keine Beschneidung wohl noch weniger riskant sein dürfte, und dass das Gebot doch nach seiner Ansicht allein aus Jahwes eigener Machtvollkommenheit ergangen sei, dieser es also genausogut hätte sein lassen können, stellte sich heraus, dass mein putativer geistiger Vormund es aus dieser Sicht noch nie betrachtet hatte. (Der fromme Herr hat versucht, über meine Mutter mir die Freud-Lektüre verbieten zu lassen, die tue mir nicht gut … Es genügt eben nicht, dass man selbst beschränkt ist, man will auch noch möglichst viel Gesellschaft in der Schafhürde.)

    Dass Religionen heftig in den confirmation bias einübten, ist aber gewiss übertrieben; denn viele Fromme haben von sich aus noch nie den Kopf aus dem ambienten Sumpf der Selbstverständlichkeiten gesteckt, so dass sie einer Rücktunkung gänzlich unbedürftig sind.

    Dieses opportunistische „Begründen“, wo’s geht, und saloppe Nichtbegründen, wo’s nicht geht, fiel mir wiederholt auf. In Studientagen hatte ich durch sein solideres Nebenfach etwas Umgang mit einem pietistischen Theologiestudenten, der so zuweilen die Richtigkeit der testamentarischen Offenbarungen bewies: Moses schrieb vor, dass man beim Austreten im Sinai immer ein Schäufelchen dabei haben sollte, um das getane Werk zu bedecken – Gott hat uns aus Fürsorge die Hygiene gelehrt! (Wie es wohl die Ägypter hielten? – Er wusste nichts darüber.) Wenn es dann hakte mit den weltlichen Evidenzen für dogmatisch festgezurrte Aussagen, kam er mit dem „unerforschlichen Ratschluss Gottes“ daher, „das muss man dann halt glauben“. Spinoza hat das Prozedere schön so charakterisiert: Voluntas dei, hoc est ignorantiae asylum. (In einem Nebensatz verbaut, also nicht ganz wörtlich)

    Zur Entspannung noch einen Witz, gelesen wohl bei Salcia Landmann. Ein Jude äußert gegenüber einem Gottesgelehrten Zweifel am Sabbatreiseverbot. Der beweist ihm biblisch die Triftigkeit der Regel, meiner Erinnerung nach mit Gen. 24, also mit der Reise von Abrahams Knecht nach Mesopotamien, um für Isaak eine konvenierende Frau zu finden. Die Reise habe doch sicher länger als eine Woche gedauert, also war auch ein Sabbat betroffen. „Und kannst du dir vorstellen, dass ein frommer Jude wie Abrahams Knecht an einem Sabbat gereist wäre?!“

    They were all contrived in spite,
    To torment us, not delight;
    But to scold and scratch and bite,
    And not one of them proves right,
    But all, all are witches by this light.
    And so I fairly bid ‚em, and the world, Good Night.

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    • Wenn ich Theologie sage, dann meine ich die „‚Wissenschaft'“ besser die „Lehre von Gott“, dann denke ich an Luther, Calvin, Schleiermacher, an Barth, Guardini, Tillich und Rahner und auch noch an Drewermann und Küng, aber nicht an Käßmann oder den kleinen Marx und erst recht nicht an Pfarrers oder Omas Theologie.
      Ansonsten sind wir uns einig.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Von Drewermann habe ich einmal einen Auftritt unter Jüngern gesehen. – Ganz wie Dr. Krokowski, der von der armen kleinen Seele redet, die doch nur Liebe begehre, worauf sich im verzückten Saal in Sopran ein sehnsuchtsvolles „Aaaah!“ mitfühlender Stimmen verbreitet. Eure Rede sei allzeit lieblich und mit Honigseim gewürzt …

        An der Theodizee scheitern aber alle Theologen, und meist unredlich, oder sie susoendieren die Logik. Wenn man auf die Superposition widersprüchlicher Maximalversprechungen verzichten würde, müsste das wohl gar nicht mal so sein. Leibnizens Argument mit der besten aller möglichen Welten ist trotz Voltaires Spott gar nicht schlecht, setzt aber voraus, dass nicht alles für Gott verfügbar ist, er also auch trade-offs eingehen muss. Doch das seelische Bedürfnis der Gläubigen verlangt eben zugleich nach dem allmächtigen Gott, damit er helfen kann, wenn man Krebs hat; nach dem allgütigen, damit er es will; und nach dem allwissenden, damit er keinen Pfusch macht oder einen vergisst. Also ist ein vernünftig aufs Nichtwidersprüchliche reduzierter Gottesbegriff keine Ware, die einem nun gerade wild aus der Hand gerissen wird. Für den Rest sorgt die Evolution der religiösen Ideen.

        Seidwalk: Es gibt diesen unangenehmen weinerlichen Zug bei Drewermann – deswegen das „noch“ -, aber er ist ein ernstzunehmender Theologe, der mir eine Zeit lang wichtig war.

        Seine drei Bände „Strukturen des Bösen“ (je 800 Seiten) sind erstklassige, wenn auch diskutable Theologie, allerbestes Gehirnjogging. „Tiefenpsychologie und Exegese“ und sind bedeutende hermeneutische Arbeiten und seine Evangelienauslegungen interessante religionshistorische, „Moraltheologie und Psychoanalyse“ (3 Bde) moraltheologische Beiträge.

        In „Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum“ und „Der tödliche Fortschritt“ hatte er sich Mitte der 80er an die vorderste Front der theoretischen Friedens- und Ökobewegung geschrieben – vieles davon gilt noch immer. Und schließlich sind seine sechs (?) dicken Bände zur Naturwissenschaft, Anthropologie, Kosmologie, Neurologie etc. Fundgruben. Nicht zu vergessen die „Dogmatik und Psychoanalyse“ udn natürlich den heiß diskutierten „Kleriker“, wo die systemische sexuelle Not im Katholizismus angesprochen wird (eine Arbeit, die der Islam noch vor sich hat). Nur mit seinen Märcheninterpretationen hatte ich immer Schwierigkeiten.

        Irgendwann mußte ich dann leider einsehen, daß er schneller schreibt als ich lesen kann und so habe ich den Anschluß verpaßt. Die neueren geldtheoretischen Arbeiten, der Dostojewski, der Luther und das Buch zu Moby Dick stehen trotzdem noch auf der Liste. Konsequent treibt er seine universale Metapherntheorie durch alle Geistesgebiete.

        Drewermann ist ein wunderbares Bsp. für die geistige Fülle, die das Christentum hervorgebracht hat und die vergleichsweise geistige Armut des Islam – mir ist niemand dieses Kalibers im islamischen Diskurs bekannt und auch in der Literatur scheint niemand derartige Enzyklopädisten zu kennen. Übrigens ragt Drewermann auch bei den Linken weit heraus – immer wieder machte er seine Vorliebe für die gleichnamige Partei öffentlich.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Was soll denn „theologische Schwäche“ bei einer Religion bedeuten? Zu wenig Hinterwelt? Zu wenig paradoxe Logik? Zu sehr mit Occam’s Razor balbiert? Zuwenig geistliches Bodenpersonal mit seiner eigentümlichen Bildung, durch deren fleißigen Unterhalt man sich große Verdienste erwerben kann? (Gebot Nr. 0: „Du sollst einen Pfaffen ernähren.“)

    Und was wäre das Gegenteil?

    • Avatar-Inflation
    • Scholastische Diskussionen darüber, wieviele Engel auf eine Haarspitze passen?
    • Doktrinen über Sexagintinität und geschlechtlich-ungeschlechtlichen Wechsel in der Götterkeimbahn?
    • 613 Mitzwot darüber, ob man das Ei am spitzen oder am stumpfen Ende aufschlagen muss? Oder besser die Klärung der „Quaestio subtilissima utram chimaera in vacuo bombinans possit comedere secundas intentiones et fuit dispatuta per decem hebdomadas in Concilio Constantiensis“?
    • Fleißiger Akademiebetrieb, bei dem das Eigentliche von morgen, um das es uns doch alle zu tun sein sollte, dank weiser HäuptlingInnenworte schon heute beschworen wird?
    • …

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    • Genau! Treffend formuliert! In einfacheren Worten: eine Religion (fast) ohne Theologie und Theodizee.

      Man mag zur Theologie ja stehen wie man will – und als Atheist hat man da seine Meinungen – aber sie ist doch auch ein gutes Gehirnjogging, schult – ähnlich wie der ML – den Geist und, vor allem: Theologie bedeutet immer Zweifel! (Man denke nur an die Undenkbarkeit und logische Ungehörigkeit der „Trinität“ oder der „Transsubstantiation“.)

      Theologie streift aber auch stets Wesensfragen, existentielle Fragen. Theologiefreie Zonen sind Zonen der Nichtreflexion und also der Stagnation, die sich auch ökonomisch, juristisch und staatspolitisch niederschlagen muß …

      Insofern ist Theologie mit der Philosophie verbandelt – wo es keine Theologie gibt, dort hat auch die Philosophie einen schweren Stand und – man kann das ausweiten – auch die Kultur im Allgemeinen. Auch aus diesem Grunde dürfte die arabische Kultur vergleichsweise so außergewöhnlich limitiert sein.

      Man kann nicht übersehen, daß Islam und die anderen Weltreligionen auf ganz anderen Agenzien beruhen. Die innere Triebkraft des Christentums etwa war die theologische Debatte: der Dauerstreit, der in der Uneindeutigkeit des Heiligen Textes wurzelt, hat dem Christentum das geistige Überleben gesichert. Das erklärt u.a. auch, weshalb die Kirchen jetzt schwächeln, weil der innere Konflikt in einem allgemein anerkannten Gutmenschentum und der nicht mehr zu kritisierenden Egalität aller und alles ausläuft.

      Der Treibstoff des Islam ist hingegen gerade die Abwesenheit der theologischen Debatte, der kompletten Ex(In)klusivität (in Abhängigkeit von der Blickrichtung)- die wiederum im Koran festgeschrieben steht. Zwar hat er verschiedene Glaubensrichtungen hervorgebracht, aber keine Kirchen und kaum Autoritäten – und auch die Spaltungen waren machtpolitisch motiviert und nicht theologisch. Alles, was man wissen muß, wurde im 7. Jh. erarbeitet und nur noch geringfügig in den Folgejahrhunderten konkretisiert. Es fehlt dem Reformislam bis heute die eigene moderne Begrifflichkeit – man spricht etwa von „Aufklärung“ und „Reformation“ …

      Also, bei aller berechtigter Kritik, Theologie hat auch ihre Vorteile.

      … „Aber Andalusien?“ höre ich die Ungläubigen fragen. Ja, nun, Andalusien!

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