Nemzeti Dal – Übersetzung

„Dieses Gedicht eiferte am 15. März die Pester Jugend an. Ich deklamierte es zuerst im Kaffeehaus der Jugend, dann in der medizinischen Universität, dann auf dem Seminarplatz und schließlich vor der Druckerei, die wir mit Gewalt besetzten. Aus der befreiten Presse kam als erstes dieses Gedicht heraus.“ (Petöfi – handschriftliche Notiz auf dem Original)

„So aber war der Anfang des Nationalliedes, das der Dichter an diesem Morgen seiner Nation schenkte und das sich sogleich wie Feuer in die Ohren und Adern der großen Zuhörerschaft einfraß und die Herzen erschauern und schrecken ließ:

Auf, Ungar, auf! Jetzt oder nie!/Die Zeit ist reif! Das Schwert zur Hand!/Die Losung heißt: Wir oder sie!/Fegt sie aus unserem Vaterland!“

Derart  beschreibt Arnold Krieger die Szene in seinem ansonsten mehr am Liebesleben Petőfis interessierten Roman[1] und liefert uns immerhin gleich eine Alternativübersetzung der ersten Strophe, die allerdings sehr deutlich vom Sinngehalt des Originals abweicht. Die Szene freilich dürfte authentisch sein, sie ist es zumindest in der Erinnerung der Magyaren.

Aber auch innerhalb dieser Interpretationsblase gibt es einen großen Spielraum und ein Ringen um das wahre Verständnis. Wenn man die Tiefen des Youtube-Universum durchforscht, wird man auf dutzende Vorträge des Nationalliedes stoßen. Zahlreiche namhafte Schauspieler haben sich daran versucht, aber auch Laien und musikalische Interpretationen fehlen ebenso wenig. Vielleicht ist es Attila Kaszás, dessen Auftritt 2006 vor großer Menge die Quintessenz der Bedeutung am eindrücklichsten wiedergibt, umso mehr als sein Vortrag die umstehenden Menschen ganz offensichtlich tief berührte. Auch mir läuft es kalt den Rücken hinunter.

Am bekanntesten dürfte die Aufnahme Imre Sinkovits sein, die sich durch überlegene Ruhe auszeichnet. Sinkovits Sohn, Andrew Sinkovits-Vitay, versuchte sich ebenso daran, kann aber kaum neue Akzente setzen. Auch Ferenczy Csongor bewegt sich in diesen Spuren.

Sinkovits selbst versuchte sich in einer drängenderen Variante, László Tolcsvay setzte 2015 vor großer Versammlung noch einen drauf und verleiht den Zeilen eine fast qualvolle Dringlichkeit.

Daß man es auch übertreiben kann, beweist Enikö Eszenyi, die mit bewußter Gewalt gegen den Sinn anschreit – allerdings gelingt es ihr als einziger, das Gehetzte des Textes und seiner Entstehung einzufangen. Die Youtube-Gemeinde jedenfalls goutiert es nicht.

Besagter László Tolcsvay ist in Ungarn eine Legende, denn er spielte in zwei der drei legendären Rockbands der ungarischen Geschichte mit: Fonograf und Illés (Omega ist die dritte). Beide Bands interpretierten die populärste Vertonung des Gedichtes, hier in der reinen Variante:

Im Übrigen haben sich allerlei Laien daran versucht, von „Fekete Pákó“ also dem „Schwarzen Pákó“, einem aus Nigeria stammenden C-Promi, bis hin zu Vorschulkindern, die ihre Eltern stolz machen sollen:

Auch die Musiker fanden darin vielfältige Inspirationen. Herausstechend, auch durch eine hintergründige Animation, die Hardrockvariante der Heavy Metal Band „Zorall“.

Wunderschön auch die Komposition des bekannten Komponisten Zóltan Kodály für einen Männerchor oder das klassische Lied.

Desweiteren gibt es eine Liedermacherversion, Rockversion, Indie-Version, Folkversion und auch eine Rapversion soll nicht verschwiegen, aber auch nicht empfohlen werden.

Und wer es nun nicht mehr hören kann, für den gibt es auch eine Gehörlosenvariante

Übersetzungen aus Fremdsprachen sind ohne Sinnänderungen nicht möglich. In der Regel handelt es sich dabei um Verluste, in einigen glücklichen Fällen können die Texte aber auch wachsen. Das liegt nicht nur am Vermögen des Übersetzers, sondern ist auch von der jeweiligen Sprache abhängig.

Ungarisch – zusammen mit den Schwestersprachen Finnisch und Estnisch – dürfte nun die am schwersten zu übersetzende europäische Sprache sein. Als agglutinierende und nicht flektierende Sprache werden possessive, lokale, temporale und andere Verhältnisse in der Regel mit Suffixen und seltener mit Präfixen gebildet, von denen es bis zu sechs pro Wort geben kann. Es werden bis zu 85 verschiedene Suffixe gezählt, die wiederum mehrere Vokalformen kennen. Auch die Fälle, deren es 18 gibt, werden agglutiniert. Nur Nominativ, Dativ und Akkusativ haben deutsche Entsprechungen. Hinzu kommt eine Etymologie, die den germanischen, latinischen oder slawischen Sprachen fremd ist – Wortfelder bewegen sich mitunter um ganz andere Bedeutungen. Das allein schon macht das reine Memorieren der Vokabeln für Deutschsprachige oft zur Tortur. Die Grammatik ist insgesamt sehr umfänglich und kennt zudem eine Unzahl an Ausnahmen …

Beim „Nemzeti Dal“, dem „Nationallied Petőfis, kommt die alte Sprache hinzu. Mir wurde  versichert, daß die Schüler, die das Gedicht alle auswendig aufsagen können müssen, durchaus nicht alles verstehen.

Einige Beispiele:

Die emphatische Eingangszeile „Talpra Magyar, hí a haza!“ wird in der Regel mit „Erhebe dich, Ungar …“ übersetzt. „Talp“ jedoch ist die „Sohle“ und das Präfix „-ra“ oder „-re“ – in Abhängigkeit der Vokalharmonie – antwortet meist auf die Frage „Wohin“ und entspricht der deutschen Präposition „auf“ oder „an“. Die wörtliche Übersetzung lautete also: „Auf die Sohlen, Magyar …“

Das Agglutinieren bringt eine starke Beschleunigung mit sich. Was im Ungarischen in ein Wort gefaßt werden kann, muß im Deutschen mitunter in einen ganzen Satz ausgefaltet werden. Die Zeile „Sehonnai bitang ember“ kann das verdeutlichen. „ember“ ist der „Mensch“ und „bitang“ der „Schuft“ oder „Schurke“. Wir haben es also mit einem „schlechten Menschen“ zu tun. „Sehonn“ ist eine verkürzte und veraltete Form des Adverbs „nirgendwoher“, das sich aus „honnan“ (woher) und „Se“, einer Verkürzung von „Sem“ (nichts, gar nicht u.ä.) zusammensetzt. Das Suffix „-i“ entspricht in etwa dem deutschen Suffix „-er“, der Verben, Zahlen und Nomen zu Nomen ändern kann; er kann auch attributiv verwendet werden („A bajai halászlé“ – Die Bajaer Fischsuppe). Wollte man „Sehonnai bitang ember“ wortwörtlich übersetzen, mit allen Implikationen, die der Ungar hört, müßte man wohl eine Konstruktion wie diese bilden: „Ein aus nirgendwoher kommender schlechter Mensch“ oder: „Ein schuftiger Mensch, der keine Heimat hat, aber auch keine Heimat haben will“.

Kurz: Wer die Schwierigkeiten der Übersetzung im Allgemeinen und der des Ungarischen im Besonderen kennt, der wird das Vorhaben, ein sinn- und stimmungshaltiges Gedicht wie das „Nationallied“ Petőfis sowohl inhaltlich korrekt als auch poetisch ansprechend übertragen zu können, schnell als Illusion begreifen.

siehe auch:

Nationallied – Petöfi

[1] Arnold Krieger: So will es Petőfi. Dresden 1942, S. 249
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