Volk oder Völk? Grundtvigs Grundlegung

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

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Denkt man an Dänemarks Geistesgrößen, dann fallen Namen wir Kierkegaard oder Hans Christian Andersen, tatsächlich hat aber keiner die skandinavischen Geisteswelten derart durchsäuert wie der in Europa wenig bekannte Grundtvig. Sein Werk ist enorm, vielfältig und schillernd; ohne ihn gäbe es das heutige Skandinavien nicht, wäre Dänemark nicht die Vorzeigedemokratie und ein Wohlfahrtsstaat geworden – und ohne die Umsetzung seiner Idee der „Volklichkeit“ beherbergte es wohl auch nicht das seit Jahrzehnten „glücklichste Volk“ Europas..

Max Weber, als er den Zusammenhang zwischen vorherrschender Religion und sozio-ökonomischer Entwicklung anhand des Luthertums und des Calvinismus nachweisen wollte, hätte ebenso den dänischen Grundtvigianismus nehmen können. Grundtvig durchdringt alle Seelenbereiche der dänischen Gesellschaft; man kann das Land und seine Menschen nicht verstehen, ohne den Theologen, Priester und Philosophen, den Reformator, Aufklärer und Präceptor Danimarciae, den Dichter und Vater des nationalen Liedgutes, den Historiker und Mythenforscher, den Vorkämpfer für Demokratie und Gleichberechtigung der Frau … zu kennen.

Sein Motto lautete: „Zuerst müssen wir Dänen sein.“ Kierkegaards Individualismus machte im europäischen Existentialismus eine große Karriere – seine Gemeinde  jedoch war eine Kopfgeburt, eine jenseitige, in die Ewigkeit projizierte. Grundtvig dachte stets diesseitig, er sprach zu lebendigen Menschen in der Sprache dieser Menschen. Nicht in der Heiligen Schrift, schon gar nicht in lateinischen oder griechischen Versionen lag das Numinose, sondern im Umgang der Menschen miteinander, in der Communio, der Gemeinschaft. Erst als Dänemark sich der Einwanderung nicht mehr verschließen wollte, begann dieses tief empfundene Gefühl einer quasi-familiären Zusammengehörigkeit zu zerbröseln.

Henning Høirup, Historiker und Theologe, schreibt in Grundtvigs Sinne: „Man wird Mensch dadurch, daß man in und mit seinem Volk lebt, unter dem Segen und der Verantwortung der Gemein­schaft, nicht dadurch, daß man als Weltbürger sich von seinem Volk losreißt, sondern dadurch, daß man sich zu dessen Erbe — auch dessen Schuld — bekennt.“

Damit wird nun keinem Nationalismus das Wort geredet – und selbstverständlich wurde Grundtvig von der leseunfähigen Linken schnell als Protofaschist und von der vereinnahmenden Ultrarechten als Verbündeter  ausgemacht –, sondern einer unentrinnbaren Verbindung Aufmerksamkeit geschenkt: der Mensch als soziales Wesen ist Teil eines Volkes und kann aus diesem Bestimmungszusammenhang nicht heraus – selbst wenn er dieses Volk ablehnt, kann er es nur aus besagtem Kontext heraus.

Høirup: „Keine Nationalität verschafft jemand im geringsten das Heil als Verdienst; aber das Geschenk und die Aufgabe (Verant­wortung) zu kennen, die uns in und mit dem Volk gegeben ist, in das wir hineingeschaffen sind, ist von entscheidender Bedeutung für unser Menschenleben.“[1]

Grundtvig kann als Begründer des Ethnopluralismus verstanden werden, der ein gemeinsames, gleichberechtigtes und friedliches Mit- und Nebeneinander der volklichen Einheiten vertritt, eine Vielfalt des Einzigartigen.

Wenn Grundtvig von „Volk“ spricht, dann meint er keine vordergründig biologische oder vererbte Verbindung, sondern leitet es von einer Willens- und Überzeugungsgemeinschaft, aber auch dem historischen Zusammenhang ab. Identität – zumindest die nordische – wurzelt auch in den volklichen Mythen, deren tragenden Geist er oft mit den mosaischen Texten verglich. Um sie verstehen zu können, bedarf es einer gemeinsamen Sprache, die gemeinschaftlich gewachsen ist, einer Muttersprache. Nur die Muttersprache gewährt den Zugang ins „Reich der Mütter“ (Faust), zu den tiefen und geistigen Gebieten eines Volkes.

All das faßt Grundtvig in seinem monumentalen Gedicht „Folkeligheden“ zusammen. Es neu zu lesen, lohnt, insbesondere in Zeiten, in denen man auf der einen Seite am liebsten die ganze Doppelseite des Dudens, die mit „volk…“ beginnt, herausreißen möchte und auf der anderen Seite der Versuch gemacht wird, das Wort „völkisch“ neu und wieder positiv zu besetzen.

Folkelighed“ ist ein schwer zu übersetzender Begriff. „Folk“ im Dänischen bedeutet nicht nur „Volk“, sondern auch „Mensch“, „folkestyre“ z.B., wortwörtlich „Volkssteuerung“, „Volkskontrolle“, ist ein Synonym für „Demokratie“. Um das Fremdwort „Nationalität“ zu ersetzen, verwendete der ältere Grundtvig immer häufiger die Vokabel „folkelighed“. Das Adjektiv „folkelig“ wird heute fast nur noch im Sinne von „volkstümlich“, „volksnah“ oder gar „populär“ verstanden, die tiefere Bedeutung aber stellt den Deutschen vor ein Übersetzungsproblem. „Völkisch“ wäre durchaus im Bereich des Machbaren, besser aber ist „volklich“. „Folkelighed“ ist also „Volklichkeit“ – um ihn produktiv zu nutzen, muß man freilich auch hier die Nazi-Hürde überspringen können, denn auch dieser Begriff wurde von den Nationalsozialisten gelegentlich gebraucht, besonders entlarvend von Martin Bormann. Für manchen linken Kettenhund Grund genug, ihn zu stigmatisieren (und Grundtvig dazu).

Grundtvig beginnt in der ersten Strophe die Lage zu rekapitulieren: „Volklich soll nun sein das Ganze/rings im Land von Kopf bis Fuß“. Verständlich werden diese Zeilen, wenn man den geistesgeschichtlichen und historischen Hintergrund beachtet. Gerade erschütterte und veränderte die  sogenannte „Bürgerliche Revolution“ von 1848/49 Europa, ein neues Nationalbewußtsein fand in ihre seinen Ausdruck; der Absolutismus fand in Dänemark sein Ende, das Grundgesetz wurde verabschiedet (an dem Grundtvig mitarbeitete). Dänemark hatte zuvor schon entscheidende Entwicklungen zu verarbeiten. 1807 wurde Kopenhagen von den Engländern bombardiert – für den jungen Grundtvig ein Schock bis ins Mark. Hatte man im 17. Jahrhundert bereits große Teile Schwedens verloren, kam nun nach Napoleons Niederlage der Verlust Norwegens hinzu. Das einstige Großreich begann zusammenzuschmelzen – wenige Jahre später, 1864, verlor man Schleswig und Holstein an Preußen; all das führte zu einem immer engeren Zusammenrücken der Dänen.

Zeitgleich hatte der Herdersche Begriff des „Nationalgeistes“ und des „Volksgeistes“, der „Volksseele“, den er in seinen bahnbrechenden „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1791) niedergelegt hatte, seine volle Wirkung entfaltet und weiten Beifall gefunden.

Die Frage „Volk! Was ist denn Volk im Grunde?/Was bedeutet volklich wohl?“ lag in der Luft und mußte beantwortet werden. Und Grundtvig schließt unmittelbar daran die biologistische Antwort kategorisch aus: „Ist’s der Mund, vielleicht die Nase, woran man sie erkennen soll?“  Das ist doppelt bemerkenswert, denn selbst heute noch kann man diverse typisch dänische Physiognomien ausmachen – es wäre ein Leichtes gewesen, auf äußerliche und letztlich auf erbliche Verwandtschaften zu rekurrieren.

Ist es die alte Geschichte, ist es die Natur, ist es die gemeinsame Arbeit?, fragt er weiter. Und woran will man es messen? „Was soll gelten hier alleine:/meine Ansicht oder deine?“

Törichte Fragen! Mit dieser apodiktischen Feststellung ändert sich die Leserichtung – von nun an wird geantwortet. „Doch, wie dumm auch Fragen fallen/Antwort gibt`s in Odins Hallen/Antwort gibt’s an Odins Brust/Antwort Mimir hat gewußt!/Schallt es aus dem Walde!“

Das mag auf den ersten Blick für den modernen Leser erstaunlich wirken, daß Grundtvig die Antwort auf die Frage zuerst in der Mythologie sucht, in Odins Hallen oder bei Mimir, dem Seher und Weisen der nordischen Mythologie, der etymologisch mit „Mem“, „memory“, mit Erinnerung zusammenhängt. Grundtvig leistet hier Vorarbeit für C.G. Jung, Rudolf Steiner, Hans Blumenberg oder für Drewermann, er verortet den seelischen Anteil des Volkes in der Sagen- und Märchenwelt, in den Gesängen und Mythen der Völker. Es ist ein langsamer und sehr tief reichender Bewußtseinsstrom, den leichtfertig umzuleiten, sich fast immer irgendwann blutig rächt. Der nicht einfach zu verstehende Refrain unterstreicht das: „Schallt es aus dem Walde!“ Der Wald, „skoven“, ist ein altes Synonym für „skovland“, „Waldland“, für Dänemark, das in Vorzeiten dicht bewaldet war, wie das Island der Nibelungensage.

Grundtvig mag sogar an die Zwergen- und Riesenvölker gedacht haben, als er schrieb: „Völker gab’s in alten Tagen/sowohl große als auch klein.“

Nun beginnt er die „Volkes-Gründe“, die Merkmale eines Volkes zusammenzutragen. Man muß genau lesen, um die Wertigkeit zu verstehen: „Blut, Geburt sind Volkes-Gründe/ nicht Ideenhauch, und wen’ger Stahl/Doch des Volkes Muttersprache/ist der Grund noch überall.“

Blut und Geburt sind auch Seinsmerkmale, wenn auch nicht primär. Erzwungen werden kann das Volk-Sein nicht, weder durch „Ideen-Hauch“ – Grundtvig schreibt hier „Luft“, meint also das Luftige, Ausgedachte, Utopische –, noch durch das Schwert oder die politische Oktroyierung. Stattdessen ist die Sprache das verbindende Glied, die Muttersprache. Damit wird eines seiner Zentralthemen angeführt: die Liebe zur dänischen Sprache, die noch heute den Großteil der Dänen vereint – der kleinere Teil besteht vornehmlich aus jenen, deren Muttersprache es eben nicht ist. Bei aller „Dänischtümelei“, die man versucht sein kann in diese Worte hineinzulesen, darf die Zeile „Wie bei Dänen, so bei Juden“ nicht überlesen werden. Was für die Dänen gilt, gilt für jedes andere Volk genauso. Die Dänen sind nicht besser, sondern gleich. Gleich aber nicht im Sinne der Verrührung der Idiosynkrasien, sondern in der Gleichberechtigung dieser!

Wer sich nicht zum Volk und damit zur Sprache und zur Tradition bekennt, „leugnet selbst sein Bürgerrecht“, „Indfødsret“,  wörtlich „Eingeborenenrecht“.

Ein Volk kann auch untergehen, dann nämlich, wenn dieses Bekenntnis nicht erneuert wird oder wenn die verschiedenen Stände „aus dem Volksgeist ausbrechen.“

„War der gute Geist des Volkes/Mehr als Luft und Windigkeit/wartet es getrost, daß Leben/eingeatmet wird erneut:/Wird das gyldne Jahr entfalten/Nachglanz der Goldzeit der Alten/Offenbar wird alles dort/licht das Leben, klar das Wort!“ – Als Goldalder wurden die ersten 50 Jahre des 19. Jahrhunderts angesehen, eine Blütezeit der dänischen Kultur, das „gyldene Jahr“, das Grundtvig in mehreren Gesängen verherrlichte, ist sowohl die Summe dieser Zeit als auch eine zu erwartende helle Zukunft des Landes.

Die freilich kann es nur geben, wenn man sich gegen zu starke fremde Einflüsse schützt. Schon damals kam die größte Gefahr aus dem Süden. Zu Grundtvigs Zeiten drohte die dänische Kultur zu germanisieren, in den gebildeten Kreisen sprach man deutsch, die klassische deutsche Philosophie hatte das Land ebenso erobert wie die literarische Klassik. Deren Ideen und Gedanken waren wegweisend, keine Frage, aber sie drohten auch, die eigene Geisteswelt zu ersticken. Vor diesem Hintergrund wird die Forderung „Deutsch des Landes zu verweisen“, genauer, die Vormacht des Deutschen im Norden zu brechen, verständlich.

Die Strophen 11 und 12 sind das selbsterklärende Herzstück des Poems:

 Werden dänisch die Gesetze,
dänisch Schulen neugestalt,
dänisch Pflüge wie Gedanken,
neu wird unser Ruf so alt:
„Dänen ist das Glück gegeben,
auf dem Meer in Fried zu leben.“
Was das Volk dann denkt, faßt an,
volklich ist das Ganze dann!
Schallt es aus dem Walde!

Priester, Adel, Bürger, Bauern,
Künstler, Schiffer, Lehrerstand
Heißen Übel, was undänisch,
kämpfen für des Dänen Land.
Trotz verschied’nen Werkbereichen
Alle doch einander gleichen,
teilen doch Geburt und Blut,
Muttersprache, Löwenmut!
Schallt es aus dem Walde!

Sie lesen sich wie ein Summa von Grundtvigs Leben: Gesetzgebung, Schulwesen, Arbeits- und Geisteswelt ziehen an einem Strang, mit dem Volk als Souverän: „Was das Volk dann denkt, faßt an/ volklich ist das Ganze dann!“

Das war Grundtvigs Gesellschaftsideal: „Er wünschte sich eine aufgeklärte Gemeinschaft ohne Klassenunterschiede, die sich ihres dänischen Wesens bewußt sein und dies in solidarischen Handlungen ausdrücken sollte.“[2] Seiner Zeit weit voraus, dafür zeugen die Zeilen: „nicht im Feld und nicht im Tinge/Frau’n und Kinder zähln geringe“.

Das kittende Band – ein überraschender wie logischer Coup zugleich – ist: die Liebe! „Wie sich alles auch erweist/Dänisch immer Liebe heißt!“ Auch sprachlich schließt sich hier der Ring. Grundtvig spielte gern mit dem Wort „Folkelighed“, das im Dänischen aus zwei Wortbestandteilen besteht: „Folk“ und „Lighed“ = „Gleichheit“. Die Gleichheit der Völker und die Gleichheit innerhalb der Völker. Wenn nun das letzte Wort „Liebe“ heißt, dann wird dieser Ton noch einmal angespielt: „Kær-lighed“.

„Volklichkeit“ ist nicht nur ein wieder zu entdeckendes Gedicht, es ist auch eine Kategorie, ein Konzept, das es – durchaus am Leitfaden Grundtvigs, der noch immer aktuell ist – das es zu durchdenken gilt. Es könnte dazu beitragen, eine sprachliche Misere zu lösen.

[1] https://ojs.statsbiblioteket.dk/index.php/grs/article/viewFile/10307/8330 Højrup: Grundtvigs Gedanken über Christentum und Volk
[2] Sinram, Jana: Pressefreiheit oder Fremdenfeindlichkeit?: Der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die dänische Einwanderungspolitik. Frankfurt 2015, S. 73

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