Nationallied – Präsentation

„Die Übersetzungen erreichen nie das Original, und es gab meines Wissens noch keinen Ausländer, der die ungarische Sprache bis zu dem Grade erlernt hätte, daß man ihn als solchen nicht bereits nach seinem ersten Satz identifizierte.“ Mario Szenessy

Im letzten Teil möchte ich nun meine Übertragungen vorstellen. Diese orientieren sich am angenommenen  Aussagevorhaben des Dichters und opfern poetische Schönheit der bestmöglichen Wiedergabe der Autorintention, ohne dabei kompromißlos vorzugehen. Sie erheben nicht den Anspruch, perfekt oder auch nur gelungen zu sein. Das nach einem halben Jahr Bekanntschaft mit dem Ungarischen zu erwarten, wäre unsinnig. Ich sehe es selber als Übung und Einübung, sowohl in die Sprache als auch in das „Wesen“ des Ungarischen. Die Ungarn und Ungarischsprechenden – aber es gibt de facto keine aus anderen Ländern – mögen sowohl die Mängel als auch die Anmaßung verzeihen und es als freundschaftlich gesinnten Versuch der Annäherung begreifen.

Nationallied

Erheb’ dich Ungar, es ruft die Heimat!
Die Zeit ist reif, jetzt oder nie!
Gefang‘ne sind wir, oder Freie?
Das ist die Frage, wählen müßt ihr! –
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Talpra magyar, hí a haza!
Itt az idő, most vagy soha!
Rabok legyünk vagy szabadok?
Ez a kérdés, válasszatok! –

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Gefang’ne waren wir bis eben,
Nicht würdig unsrer Ahnen,
Die frei lebten und frei starben,
In geknechteter Erde keine Ruhe haben.
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Rabok voltunk mostanáig,
Kárhozottak[1] ősapáink,
Kik szabadon éltek-haltak,
Szolgaföldben[2] nem nyughatnak
.

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Schuft, nichtswürdiger,
der jetzt, wo’s gilt, nicht sterben mag,
dem sein lumpig Leben lieber,
als der Heimat Ehre.
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Sehonnai bitang ember,
Ki most, ha kell, halni nem mer,
Kinek drágább rongy[3] élete,
Mint a haza becsülete.

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Heller als die Kette blitzt das Schwert,
Besser zieret es den Arm,
Und dennoch trugen wir die Kette!
Her mit dir, unser altes Schwert!
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Fényesebb a láncnál a kard,
Jobban ékesíti a kart,
És mi mégis láncot hordtunk!
Ide veled, régi kardunk!

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Des Ungarn Ruf wird wieder klingen,
Würdig seines großen alten Klangs;
Den befleckt die vielen Jahre,
Tilgen werden wir die Schande!
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

A magyar név megint szép lesz,
Méltó régi nagy hiréhez;
Mit rákentek a századok[4],
Lemossuk[5] a gyalázatot!

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Wo unsre Grabeshügel wölben,
Unsre Enkel sich verneigen,
Und beim segnenden Gebete,
Unsre heil‘gen Namen sagen.
Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Hol sírjaink domborulnak,
Unokáink leborulnak,
És áldó imádság mellett
Mondják el szent neveinket.

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Wie nun müßte ein solches Gedicht deklamiert werden? Die zahlreichen Rezitationen zeigen, daß es hier großen Spielraum und ganz unterschiedliche Auffassungen gibt.

Ich glaube: Die finale Beschwörungsformel, dieser fast hypnotisierend klingende Bannspruch, diese Zauberformel „A magyarok istenére esküszünk, esküszünk“ sollte nicht nur das Fesselnde verdeutlichen, sondern wohl auch sich der jeweiligen Stimmung der Strophe anpassen und jede einzelne evoziert eine ganz andere Seelenlage.

Die erste Strophe, insbesondere die erste Zeile muß mitreißen, ein Aufstehen provozieren. Wer sie hört, muß gerade stehen, sich aufrichten, voller innerer Spannung. Danach wird der Hörer vor eine Frage, eine Wahl gestellt, die schließlich nur eine Antwort kennt: den Entschluß und die Tat!

Die zweite Strophe dürfte nachdenklich klingen, sich auf die Urväter besinnend und aus ihrem Erbe stille Kraft schöpfend.

Die dritte hingegen drückt Verachtung aus, die man bis in die Vokalfolgen nachspüren kann.

Die vierte Strophe beginnt nachdenklich, voller Abscheu werden die Ketten abgeworfen, und steigert sich dann zu einem Kampfaufruf!

Wieder beschwört Petőfi in der fünften Strophe seine Landsleute, indem er die große Zukunft aus der großen Vergangenheit evoziert. Ein besinnlicher Ton dürfte hier, bis auf die letzte Zeile, die Aufrufcharakter trägt, angemessen sein.

Die sechste Strophe ist vielleicht am schwersten zu verstehen. Man wird nicht fehlgehen, in ihr eine Todesahnung zu vernehmen, eine fromme, heilige, zugleich beschwörende Stimmung, die die Generationen gegenseitig verpflichtet. Nachdem Petőfi seine Zuhörer durch ein Wechselbad der Gefühle getrieben hat, kann er der gespannten Aufmerksamkeit gewiß sein. Die Stimme kann gesenkt, es könnte sogar geflüstert werden. Diese aufgestaute Spannung wird in einem letzten Schwur grandios und mit Paukenschlag zum Abschluß gebracht.

Ein anspruchsvolles, kaum umzusetzendes Programm für einen geübten Mimen, eine sich der Lächerlichkeit preisgebende Versuchung für den Amateur. Ohne Blatt natürlich – fiel deutlich schwerer als die Al Fatiha.

Für einige Ideen danke ich Frau Szilvia Körmendi. Mein besonderer Dank gilt Frau Tünde Lentner, ohne ihre Hilfe wären Übersetzung und Vortrag nicht möglich gewesen.

Siehe auch:

Nationallied – Petöfi

Nemzeti Dal – Übersetzung

 

Literatur:
Istvan Deak: The lawful revolution. Louis Kossuth and the Hungarians 1848-1849. London 1979
László F. Földényi: Die Revolution „wittere ich, wie ein Hund das Erdbeben“ in: Pester Lloyd 1999
Arnold Krieger: So will es Petőfi. Dresden 1942
Sándor Kurtán u.a.: Ungarn. München 1999
Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte. München 2001
Sándor Petőfi: Doch währt nur einen Tag mein Leuchten. Ausgewählte Prosa. Leipzig 1977
Mario Szenessy: Für die Ungarn der Dichter schlechthin. in: „Zeit online“ 15.1.1971
[1] Drückt eigentlich den Gedanke des Verrates an den Vorvätern aus
[2] „szolga“=Knecht, „föld“=Erde, „-ben“=in
[3] „rongy“ ist ein Substantiv und steht für „Lumpen“, „Lappen“, „Fetzen“ etc.
[4] Wörtlich: „Womit die Jahrhunderte ihn beschmierten“
[5] Wörtlich: „Abwaschen“
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