Die Neue Rechte ist ein Konstrukt

Viel Lob bekam und viel Kontroverse initiierte Thomas Wagners – bekennender Linker – Buch „Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten“. Mittlerweile hat er es damit auch in fast alle großen Gazetten geschafft. Man goutiert seinen „Mut“, sich in die Höhlen der Löwen gewagt, den Aussätzigen und Gefährlichen zugehört und mit ihnen diskutiert zu haben und fragt sich, ob das nicht borderline sei. Wie einem Extremsportler schaut man ihm fasziniert zu, genießt den Nervenkitzel, weil man weiß, daß man selber nie den Schneid hätte …

Ich wollte dieses schmucklose Buch lange nicht lesen. Der Titel schien mir verräterisch: Die Angstmacher. Was soll das sein, außer die alte Leier von den unseligen Rechten, die nur alles schlecht reden, um dann die Saat des Bösen zu ernten? Aber die Empfehlungen regneten weiter herein und schließlich – auch als Gegengewicht zu „Mit Linken leben“ – ließ ich mich breitschlagen.

Wagner setzt historisch an. Er meint – ohne die viel älteren Traditionslinien zu negieren – im Jahre 68 einen Bruch im konservativen Denken ausmachen zu können, weil zum einen ein einender Gegner und ein Feindbild entstand und weil man sich zum anderen bei den Aktionsformen und im linken Analysepool großzügig bedienen konnte. Das führte auch zu seltsam dialektischen Verwerfungen, denn der Linken ging ein klar konturierter Gegner – der klassische Nazi – verloren, die eingeübten Argumentationen brachen zusammen. Heutzutage sind zahlreiche linke Themen – direkte Demokratie, Kriegsverweigerung, Establishmentkritik, Religionskritik, Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit etc. – von rechten Positionen abgedeckt.

Und dann klappert Wagner die ganze Geschichte der Konservativen im Westen ab. Das ist – sagen wir mal: interessant. Zumindest für Leser wie mich, die mit all dem nichts zu tun haben, sich aber dennoch „konservativverorten. Sicher, nach der Wende haben wir wie verrückt die neuen Klassiker gelesen: Spengler, Jünger, Gehlen, Heidegger und mit großer Faszination sogar Evola, haben uns die Gedichte Georges oder Benns  erschlossen … Aber alles nahezu unpolitisch, weit weniger ideologisch aufgeheizt, als Wagner hier weismachen will.

Mit den allermeisten anderen Quellen hatten wir nichts zu tun. Nicht mit der NPD, den Nationalkonservativen, den Burschenschaften, der Deutschen Gildenschaft, den Jungkonservativen, der Subversiven Aktion oder der „Jungen Freiheit“. Namen wie Mohler, Mahler, Maschke oder Sandner sagten fast nichts. Venner, Benoist, Renaud Camus, Eichberg hatte ich nie gehört und auch Mosebach oder Dávila nicht gelesen (einiges muß ich nun mühsam nacharbeiten) und Rave und Neofolk und Kultautor Mishima – auch dort sieht Wagner Wurzeln –, all das habe ich nie bemerkt oder abgelehnt. Meine Geschichte ist das jedenfalls nicht – und dennoch stehe ich, wo ich stehe.

Wir lernen daraus: Konservatismus ist vielmehr eine Wesens- als eine konkrete Geschichtsfrage. Wagners Ansatz deckt das Spektrum nicht ab.

Für Leser, die in dieser Geschichte stecken, mag das freilich alles hochspannend sein – ich mußte mir zunehmend das Gähnen unterdrücken, wie bei einem trockenen Geschichtsbuch. Wären nicht Sloterdijk – den Wagner in einem Atemzug mit Sarrazin nennt („das geht gar nicht!“) – und Norbert Bolz zwischenzeitlich aufgetaucht, wenn auch „im falschen Film“, wer weiß …

Erst ab Seite 200 änderte sich das. Das ist der Moment, an dem die „Neuen Rechten“ selber zu Wort kommen. Im Gespräch gelingt es Wagner, die Protagonisten zu klaren und eindeutigen Formulierungen zu führen. Sieh an: die Leute, die in der Öffentlichkeit ausschließlich verteufelt werden, haben wirklich etwas zu sagen. Überragend Martin Sellner, leider viel zu kurz geraten das Gespräch mit Benedikt Kaiser, der die linken Denkschulen absorbiert, und immer wieder erhellend die Beiträge von Kubitschek und Kositza.

Man gewinnt den Eindruck, daß Wagner selbst von den Argumenten überwältigt wird, denn hin und wieder verfällt er in den typisch linken Erklärmodus, etwa wenn er die „Arbeit am Mythos“ der Identitären als „konstruiert“ meint darstellen zu müssen, deren Wert „sich nicht am Wahrheitsgehalt, sondern an der Nützlichkeit“ bemesse u.ä. Wo er anfängt zu analysieren, ist er am schwächsten. Trotzdem, gegen alle Evidenz, behauptet Wagner, daß „das theoretische Rüstzeug der Linken auf diesem Gebiet (Gesellschaftsanalyse) dem der Rechten haushoch überlegen ist.“ Ich würde sagen: war.

Seinen Grundfehler spricht er selber aus, wenn er „rechts“ mit „fortschrittliche Kräfte“ kontert. Das ist eine falsche und ideologische Dichotomie. „Fortschritt“ ist bei ihm a priori als Positivum gesetzt! Ein eklatantes Zeichen – bei aller beeindruckenden Offenheit ohne Berührungsängste – von Lernverweigerung.

Unterm Strich bleibt:

Der Titel erklärt sich nicht! Er ist populistisch, marktschreierisch. Die intuitive Abneigung war berechtigt.

Wenn es tatsächlich schon ein Verdienst ist, den heißen Gegenstand seiner Untersuchung ernst zu nehmen und weitgehend unvoreingenommen zu behandeln, dann ist dieses Buch verdienstvoll.

Und was Wagner präsentiert, ist eine große Mannigfaltigkeit an theoretischen Ansätzen, eine unerwartete historische und zeitgenössische Binnenvielfalt, ein wahrer Schatz. Um es ganz links auszudrücken:

Den Rechten gibt es nicht. Der Rechte ist ein Konstrukt.

Thomas Wagner: Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten. Berlin 2017. 350 Seiten

Siehe auch: Mit Linken leben

Die autoritäre Revolte

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