Mit Linken leben

Denn das Gejammer über die „Gefahr“, die von den „Rechtspopulisten“ drohe, klingt immer hohler, je mehr sich herausstellt, daß diese gar nicht „rechtsextrem“ sind, sondern in den meisten Dingen extrem recht haben. (Mit Linken leben)

Man sollte Bücher von Personen, die man kennt oder mit denen man gar befreundet ist, aus einsichtigen Gründen – des Magens wegen – nie rezensieren. Dies ist eine erfahrungsgesättigte Maxime, deren Wahrheit sich bisher nur ein einziges Mal nicht bestätigt hat.

Bis auf den heutigen Tag!

„Mit Linken leben“, jenes Buch von Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz, das auf der Buchmesse so viel Furore gemacht hat, bereitet mir gar keine Bauchschmerzen – im Gegenteil, es läßt mich wie selten heiter zurück.

Es überrascht im Ton – der Autor des gehaltvollen religionsphilosophischen Traktats „Kann nur ein Gott uns retten?“ und die an erztrockener Systemtheorie geschulte Bloggerin „fauxelle“ wechseln die Sprache: die sprüht vor Witz, Esprit und lockerem Zynismus, und nicht zuletzt vor Selbstironie. Ernste Fragen werden ernst, aber mit genügend Augenzwinkern angesprochen, um etwaige Verhärtungen von vornherein auszuschließen.

Dabei besticht das timing, das Gespür für Be- und Entschleunigung. Gerade wurde eine schwere Materie gewälzt, aber bevor sie ermüdet, wird wieder durchgestartet. Nie wird es theorielastig oder abgehoben – man hat eine breite Zielgruppe im Blick.

Was ist links, was ist rechts? Was denken Linke, was rechts sei, und was Rechte links und was Linke links …? Wo laufen sie sich jeweils fest, wo liegen ihre blinden Flecken? Warum funktioniert das Gespräch meist nicht und wie könnte man dem abhelfen? Welche Typen von Linken und Rechten gibt es? Was sehen sie jeweils im Spiegel – und im Rückspiegel? Welche Kommunikationsfallen werden aufgestellt und welche Grube gräbt die Gruppe sich jeweils selbst? … Brennende Fragen, drängende Fragen und neue Antworten in einer Zeit, in der das Gespräch zunehmend unmöglich zu werden scheint, aber notwendiger denn je ist. Den zahlreichen Ratgebern gegen rechts, die den Buchmarkt fluten, meist Steuergelder verplempern, dafür aber Preise einheimsen und in der Regel keine Ahnung von ihrem Gegenstand haben, setzen Lichtmesz und Sommerfeld einen wirklichen Argumentationsbrocken entgegen.

Eine fulminante Umwertung der Werte, genauer: Wiederherstellung, Wiederzurechtrücken der Werte.

Viel Information, originelle Denke, jede Menge Lektüreempfehlungen und selbst dort, wo man die Stirn runzeln möchte, bleibt eine Offenheit übrig, die zum Weiter- und Selberdenken animiert. Ganz gleich, ob links oder rechts oder nur neutraler Zuschauer, dieses Buch wagt den Brückenbau und kann von allen mit Gewinn gelesen werden.

Sie wagen sich nicht zu outen? Sie sind auf Arbeit oder in Familie von Gesinnungslinken umgeben? Ihnen gruselt vor den neuen Rechten? Vor allem: Es dürstet Sie nach Aufklärung, nach Argumenten, nach Aussprache? Dann ist das hier, bis auf weiteres, das beste Buch für Sie!

Denn es ist vor allem eines: eine permanente Aufforderung, nein, ein Angebot zum Dialog in alle Richtungen!

Kaufen! Unterstützen! Lesen! Verschenken! Verleihen! – Diskutieren!

PS: Wenn es nicht auf der Hand läge, dann würde ich jetzt auch noch das Wort „Weihnachten“ erwähnen.

Konkrete inhaltliche Informationen lesen Sie bei Klonovsky und Michael Dienstbier

Nachtrag: Wie wichtig das Buch ist, zeigt dieser Artikel in der Berliner Zeitung: Kein Dialog mit Rechten

 

2 Gedanken zu “Mit Linken leben

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Die von Ihnen im vorigen Thread verwendete Qualifizierung „Genöle“ konnte ich im Grimm nicht finden, sie erschließt sich mir aber unmittelbar in einigen Kommentaren eines Mitlesers, in der Wiederkehr des Immergleichen.
    Und jetzt zurück zu Nietzsche (und Deleuze).

    Gefällt 1 Person

  2. lynx schreibt:

    Nein, ich kann es nicht lassen: Sie lassen es sich angelegen sein, wieder einmal nur die halbe Geschichte zu erzählen (das ist der Gegenseite nicht passiert!): dass dieses Buch mit heißer Nadel gestrickt wurde, um just in time den Herren Leo/Steinbeis/Zorn noch schnell was entgegen zu setzen, fast egal was. Das Kubitschle, den Sie ja offenbar auch verehren, konnte das nicht auf sich sitzenlassen. Und das sind wir wieder bei der Altherrenrunde, die so harmlos tut.
    Aber klar, so ist ja das Motto: wir leben – sie reden. Sollen sie doch reden… Und ich dachte immer, Europa sei aus dem Diskurs entstanden, selbst nach der Ansicht konservativer Denker. Wie man es dreht und wendet: die Rechten entwinden sich.

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