Der Ursprung der Welt

„Sich die nackte Frau als Weltwunder zu wünschen war ein Knabentraum.“ Karl Heinz Bohrer
“You stand on the brink of greatness. The world will open to you like an oyster. No… not like an oyster. The world will open to you like a magnificent vagina.” (Helen Sinclair in “Bullets over Broadway”)[1]

Gustave Courbet (1866): L’Origine du monde ©Wikipedia (Achtung! Das ist Kunst!)

In letzter Zeit beschäftigt mich das Thema „Naivität“. Sie begegnet einem überall, ja man fragt sich: Wo leben die meisten Zeitgenossen eigentlich? In welchen Traumwelten?

Die weltweite #metoo-Kampagne ist von Naivität komplett durchsäuert. Mächtige Medienmogule werden der sexuellen Gewalt beschuldigt. Aber ist das nicht das, was zu erwarten gewesen wäre? Junge, hübsche Schauspielerinnen, von Ehrgeiz zerfressen, wollen ihr Ziel mit allen Mitteln erreichen … Die Empörung ist mindestens zur Hälfte geheuchelt.

Das macht die Tat moralisch nicht vertretbar – aber erklärbar und voraussehbar. Sexualität ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Noch gibt es die #metoo-Gegenbewegung nicht, die jene Frauen an den Pranger stellt, die ihre Sexualität als entrée billet genutzt haben. Das läuft unter dem hübschen Begriff „Verführung“. Ist Verführung auch eine Form „sexueller Belästigung“?

Noch offensichtlicher liegt der Fall bei Photographen und Malern. Es wundert, daß sie ganz zuletzt an der Reihe sind. Nachdem gerade Politiker, Parlamentarier (u.a. des EU-Parlaments), Wissenschaftler, Regisseure und sonstiges Personal an der Reihe waren, trifft es nun die Photographen. Warum erst so spät? Müßten sie nicht Vorreiter sein? Wann folgen die Porno-Darsteller …?

Mir kommen die Zeilen Karl Heinz Bohrers in den Sinn: Ihn beschäftigte in seiner post-rousseauschen Autobiographie das Verhältnis von Aktkünstler zu seinem Akt und er meint, „die nackten Frauen seien auch vom Künstler in einem erotisch entflammten Zustand erschaffen worden“ und wenn sie Augen im Kopf hatten, dann dürfte ihnen dieser Zustand nicht entgangen sein, was wiederum zu selbstverstärkenden Prozessen geführt haben könnte: Flucht oder Einwilligung.

Hans von Aachen: Satyr enthüllt Nymphe (um 1600) – Flucht vs. Einwilligung

Unter dem nüchternen Blick wird nachvollziehbar, was Bohrer meint: „Diese nackten Frauen haben zu wollen oder sie zu malen sei ein und derselbe Gedanke gewesen.“ Das heißt wohl auch, daß die Exzellenz der besten dieser Kunstwerke just in der Lust zu begründen ist. Man wird sich Courbet kaum als interesselos vorstellen können, während er in den Ursprung der Welt schaute.

Dabei sei „unbestreitbar, daß die Künstler die lüsternen Blicke der Auftraggeber im Hinterkopf gehabt hätten“, mehr noch, auch die Blicke des fachkundigen Publikums in den Galerien seien affiziert: Müssen sich die Frauen nicht selbst vergleichen und spielen die Männer nicht eigentlich nur ihr distanziertes künstlerisches Interesse? Umgekehrt darf man bei geglückten phallischen Darstellungen fragen.

Vor vier Jahren gab es eine schöne Ausstellung über Dionysios in Dresden („Rausch und Ekstase“), darunter neben viel Andeutendem auch eine Bronzeplastik eines Fauns, der sein plastisch herausgearbeitetes erigiertes Glied unmittelbar vor der geöffneten Vagina einer sich wollüstig hingebenden Fauna, die er herrisch umfaßte, hielt. Kaum vorzustellen, daß der Künstler bei der Modulation keine Momente der Schwäche empfand.

Nun also: „Lena Gercke erzählt, wie ein Photograph sie sexuell ausnutzte“, lautet die Schlagzeile. Er schmierte ihr Pizza ins Dekolleté und fragte: „Wie weit bist du bereit zu gehen?“  Ist das noch Kunst oder schon Gewalt? Und lebt Lena Gercke nicht auch von ihrem Sexappeal?

Schon vor Jahren wurde Terry Richardson des sexuellen Übergriffes angeklagt. Er machte (einvernehmlich) Photos wie diese:

Ähnlich dem Maler kommt der Photograph ganz nah ran; da wird gesprochen, gescherzt, geflirtet, berührt, geführt, da muß er diese besondere Stimmung schaffen, das Laszive, Erotische evozieren … es ist ein Wunder, daß die Photographen so lange verschont blieben.

Es ist, wie mir scheint, ein doppeldeutiges Spiel beider Seiten – reagierte die Frau nicht, käme die „Kunst“, das Besondere, wohl schwerlich zustande. Daß es sich nun auch um männliche Modelle handelt, ändert am Sachverhalt nichts.

„Vor Praxiteles‘ Venus“, schreibt Bohrer, „hätten alle Männer der Legende nach masturbiert. Das Thema der Nackten in der Kunst und die Begierde, die das Nackte auslöst, seien also selbstevident.“ Sind? Waren – würde ich korrigieren.

Offensichtlich können sich auch Evidenzen und Naturgesetze dem Druck der Wächter beugen.

siehe auch: Sieben Mal Bohrer

Karl Heinz Bohrer: Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie. Berlin 2017

Ein Gedanke zu “Der Ursprung der Welt

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Neue olympische Disziplin: Enthüllung offener Geheimisse. Der Rekord steht bei zehn pro Minute, mit Haltungssonderpunkten wegen vorzüglich gespielter Maulsperre des Entsetztens. Erfreulicherweise heimsen dabei nun auch einmal die Frauenmannschaften die sportlichen Rekorde ein.

    ――――

    Vor Längeren habe ich eine Dokumentation über ein Modefoto-Shooting gesehen. Dem schon recht alten Herrn Künstler lief in einem fort der Mund, „Jaaa! Baby! Zeig’s mir!“ usw. usf. und er stakelte dabei für ausgefallene Perpektiven mit seinem schon etwas klapprigen Gestell möglichst nahe über die sich am Boden Räkelnde hinweg – das war für den Zuschauer recht lustig. Verwunderlich nur, wie er das Bild, das er selbst bot, dabei so völlig vergessen konnte. Ein Mannequin wurde separat zu dieser Dauerbeschallung befragt und meinte dann nüchtern, das sei so ziemlich üblich, man solle dabei am besten einfach nur weghören.

    ――――

    Kauf eines Buches von Godard vom Ramschtisch, etwas widerstrebend wegen des in seinen Filmen gewöhnlich allzu penetranten Belehrungswillens bei oft reichlich wirren Lehren. Es handelte sich um eine Art vom Mitschrift von Vorlesungen, die er vor Filmstudenten gehalten hatte. Wohl da es stark um Technik ging und nicht so sehr um die Parolen auf seinen Inserts, erwies sich das Buch überraschenderweise doch als recht interessant. Er sprach auch Truffauts « La Nuit Amérciaine » an und lästerte sarkastisch über den Filmautor. Wie könne man ein Filmteam so herzig-familiär verklären und einen Take des allerwichtigsten erotischen Requisits, nämlich der Besetzungscouch, dabei völlig auslassen?

    Ein paar Sätze weiter trauerte er, dass ihn Anna Karina, mit der er eine Zeitlang verheiratet gewesen war, verlassen hatte, als nach ersten Achtungserfolgen kein Massenerfolg kam. Er meinte aber recht nüchtern, das sei nun mal so – wenn der Erfolg ausbleibt, dann zögen die Schauspielerinnen weiter.

    Man sollte sich im Spiel, das die Menschen immer miteinander treiben, nichts verklären. Naive Gemüter aber brauchen stets Gut und Böse in ungemischter Form, derzeit also Ziegen zur Rechten und Böcke zur Linken. (Oder meinetwegen auch umgepolt, man will ja nichts Unkorrektes insinuieren …)

    Liken

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