Was heißt konservativ?

Begeistert streicht ein japanischer Tourist im Quadrangle der University of Oxford über den englischen Rasen. „Wie machen Sie das nur?“, fragt er den Gärtner. „Das ist ganz einfach. Man muß nur 100 Jahre lang jeden Tag den Rasen mähen.“

In einem Garten steht eine Fichte mit dickem Stamm. Sie mag 30 oder 50 oder 70 Jahre auf dem Buckel haben. Der Besitzer hat sie um die Hälfte gekürzt. Wie eine Wunde leuchtet die Schnittfläche, hilflos ragen die Äste rechts und links über den Stumpf hinaus.

Eine Wandergruppe kommt vorbei. Einige sind entsetzt – der Anblick wirkt verletzend, obszön –, andere pochen auf das Recht des Eigentümers, und überhaupt: was sei schon dabei.

Ein klassischer Fall. Diejenigen, die ein Gespür für die Verletzung haben, die dem Bestehenden und Gewachsenen eine Existenzberechtigung geben, kann man in diesem Kontext konservativ nennen. Etwas Daseiendes, besonders wenn es schon lange da ist, hat für diese Menschen eine Aufenthaltserlaubnis erworben, die nur unter außergewöhnlichen Bedingungen nicht verlängert wird. Lebendiges ist ihnen beseelt; die Zerstörung kommt einer Tötung gleich.

Die selben Menschen hätten aber 50 Jahre zuvor gegen das Pflanzen dieses Baumes gestimmt, wenn er ein bereits bestehendes Ensemble beeinträchtigt hätte. Vielleicht drohte er eine gelungene Geometrie zu zerstören oder anderen Pflanzen das Licht zu rauben oder er paßte thematisch nicht in die Umgebung … Wie auch immer. Konservativ sein, kann auch bedeuten, Neues – und sei es Leben, das der Konservative besonders liebt und unterstützt – zu unterlassen, wenn es eine geglückte und bewährte Konstellation zerstört oder einfach nur neu organisiert. Was lange hält, hält auch noch länger, ist die Devise des Konservativen. Er mag den Aktivismus nicht und sträubt sich instinktiv gegen übereilte Veränderung.

Dabei kann sich Konservativ-Sein durchaus auch in aufwendiger Aktivität ausdrücken. Wer etwa die wunderbaren Manor Houses in England kennt, wird wissen, wovon ich spreche. Oft sind sie von uralten dichten Hecken und knorrigem Buschwerk umgeben. Um sie in Form zu halten, müssen Gärtner über viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte Woche für Woche schneiden, trimmen und kürzen: verändern. Hier ist die Veränderung, die Aktivität, ja selbst die stete Betriebsamkeit das eigentlich Konservative. Man nennt sie „Hege“. Behutsam führt sie das Leben, wo es zu üppig, wo es zerstörerisch wird. Sie bewahrt damit eine lange Tradition und würdigt die Arbeit verblichener Generationen.

Garsington Manor - das Heim von Lady Ottoline Morell - ist von jahrhundertealten Eibenhecken eingerahmt

Garsington Manor – das Heim von Lady Ottoline Morell – ist von jahrhundertealten meterhohen Eibenhecken eingerahmt

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