Werther in Ungarn

Wir kommen gerade aus dem Theater. Eigentlich gehe ich nicht mehr. Kann diese dauernde Belehrung, das ewige Moralisieren, gepaart mit Verhunzung einfach nicht mehr ertragen: die Springerstiefel, die Uniformen, die nackten Brüste, dieses Dudududu, das macht man, denkt man, sagt man nicht, das verkappte AfD-Bashing, das wir-sind-bunt-Gelaber … vor allem aber die Erstarrung der schauspielerischen Leistung unter all diesen Vorgaben, die abgelebten Verkörperungen, die Wiederholung gekünstelter Mimik und Gestik und die ideologische Verfremdung oft bewundernswerter Texte.

Das letzte Mal war ich mit Hussain und Khaled im „Nathan“ – das hat mir den Rest gegeben.

Nun kommt meine Frau mit zwei Theaterkarten. Uhmm! „Die Leiden des jungen Werther“ – okay, Goethe mag immer noch gehen. Und wo? In Szekszárd in Südungarn!

In dieser Stadt mit 35000 Ew. gibt es ein kleines deutsches Theater, hauptsächlich finanziert von der Ungarndeutschen Verwaltung. Wir sitzen in einem hübschen kleinen Raum eines ehemaligen Kinos im Secessions-Stil, die Bühne winzig, das Bühnenbild dezent und unklar mit silbrigen und goldenen Behängen, nichts vorschreibend, in der Mitte des Raumes eine verfremdete silberne Büste, im Hintergrund eine Kutsche neben einem Totenkopf aufgemalt.

Das Publikum hauptsächlich Schüler. In Deutschland hätte man da schon gehen können, hier aber herrscht Stille und auch die Handys sind aus.

Herein tritt Werther. Die ersten Worte lassen mich Schlimmes ahnen, aber bevor ich überhaupt Zeit habe, darüber nachzudenken, ist man gefangen. Nach fünf Minuten hat sich der Akteur vollkommen in seiner Rolle aufgegeben. In goldener Weste mit goldenen Bundhosen – es fehlt nur der blaue Frack zur klassischen Werther-Tracht – und rötlichgelbem bezopftem Haar spricht Werther mit großer Intensität. Sein unruhiges, nahezu psychopathisches Wesen sucht ständig neue Ausdrücke. Federleicht und wunderhübsch dagegen die Lotte und steif und akkurat Albert.

© DBU.hu

Immer wieder drehen sich Werthers Gedanken um diesen einen Menschen und um seine Liebe, um sich, und immer wieder kreist er dieses Phänomen von neuem und aus anderem Blickwinkel ein, scheint durch die Liebe das Leiden an der Welt, der ökonomischen, rationalen, egoistischen hindurch. Da wird mir klar: solche Menschen gibt es heute nicht mehr. Wir sind – und ich fürchte, dieses „wir“ erlaubt keine Widerrede (fast – die einzige Konzession) –,  nur noch ein Abklatsch der seelischen und geistigen Fülle, die Goethe uns hier präsentiert, ja uns fehlen ganz einfach die Worte, um selbst die kümmerlichen Überreste der vielschichtigen Fühlwelt und der Sensitivität der Wahrnehmungen der Goetheschen Menschen zu beschreiben.

Werther hingegen tut das im Galopp! Rastlos. Aber man weiß, er könnte noch stundenlang sein Ego derart einkesseln, denn es scheint kein Ende an Fülle zu geben und nur, weil der Abend irgendwann enden muß, endet er auch.

Bei dem jungen Schauspieler handelt es sich um Tom Pilath. Daß er Sachse sein muß, kann man an einigen Vokalen hören. Später spreche ich ihn hinter Bühne darauf an, doch nur als Nebensache, denn es war der Dank, die Ergriffenheit, die mich dahin trieb. Pilath, der, wie sich zeigt, auch schon über die Bildschirme flimmerte, hat wirklich alles gegeben um diesem Werther Leben einzuhauchen. Eine Glanzleistung. Die Dramaturgie hat den Text im wunderbaren originalen Duktus auf das Wesentliche zusammengedampft, kein einziger Moment des Leerlaufes, jede Szene, jedes Bild eine neue Facette. Ganz großes Theater vor kleinem Publikum.

Wir saßen erschüttert, als der Schuß fiel, das Licht verlosch und ein paar Sekunden lang Stille und Dunkelheit herrschte. So hätte es bleiben können. Das brave ungarische Publikum tut freilich nur seine Pflicht; anstatt Bravo-Rufen und Blumenregen gibt es zwei Runden gepflegten Applaus, die der Leistung des Ensembles nicht gerecht werden. (Später erfahre ich, daß die meisten Schüler sich gesittet gelangweilt haben – es war zu wenig los …)

Daher das Bedürfnis, noch einmal hinter die Bühne zu treten und zu danken![1]

Da muß man also nach Ungarn kommen, um den Glauben an das deutsche Theater wiederzuerlangen. Hier ging es nicht um Propaganda und auch nicht um Originalität, hier ging es tatsächlich um die Frage: Was ist der Mensch!

siehe auch: Die Lessing-Legende

[1] Und nach dem Text zu fragen, denn auf einem Bildschirm lief die ungarische Übersetzung und ich habe relativ viel verstanden – zum ersten Mal; ausgerechnet Goethe!

2 Gedanken zu “Werther in Ungarn

  1. Ja, der Werther.. In jungen Jahren und liebesmalad habe ich das Buch verschlungen, und tatsächlich halte ich es für das einzig – wie soll ich sagen, lesbare, bleibende? – von Goethes Prosawerken. Natürlich, die Lehrjahre sind auch unterhaltsam, Dichtung und Wahrheit interessant, Die Wahlverwandtschaften kunstvoll, alle mit großem Einfluß auf die deutsche Literatur(geschichte), aber doch keines ein solches Kunstwerk wie der Werther. Goethe selbst mochte es im Alter ja nicht mehr lesen, „lauter Brandraketen“ seien da drin, und ich scheue mich auch etwas, aber es wird das einzige sein, das ich ich noch einmal zur Hand nehmen möchte.
    Beim Theater geht es mir wie Ihnen, das lockt mich nicht mehr so. In der Oper, das sagte ich wohl schon einmal, hat man ja immer noch die Musik, bei schlechter Inszenierung macht man eben die Augen zu, das geht im Theater nicht. Es mag da noch gute Inszenierungen geben, aber die Mühe, danach zu suchen, mache ich mir derzeit nicht.
    Unlängst war ich übrigens in der Kinder(!)-Oper „Hänsel und Gretel“. Auch hier: Anstatt das Märchen zu erzählen und wirken zu lassen, kam dann in Brechtscher Manier Konsum- und Kapitalismuskritik, natürlich völlig über die Köpfe der Kinder hinweg. Man hat den eindruck, das rein Menschliche trauen sich manche entweder gar nicht zu, oder halten es für antiquiert, weil ja „das Gesellschaftliche“ das wesentliche sei. Das Ergebnis in Kunst und Gesellschaft ist denn auch danach.

    Liken

    • Darüber – welche von Goethes Prosawerken … – könnte man stundenlang diskutieren und tatsächlich hatte ich die Diskussion vor nicht allzu langer Zeit. Dort wurde der „Wilhelm Meister“ besonders hoch geschätzt, das die meisten wohl für zu ausladend empfinden. Ich gebe Ihnen gern zu, daß der „Werther“ das konzentrierteste und stringenteste Werk ist, mit viel Feuer und jugendlichem Schwung geschrieben, aber mir geht es bei Goethe fast immer gleich, ganz egal, wo ich eintauche: Man bekommt die Botschaft daraus: Sei still und schweig und lies.

      Ich habe den Werther gestern gleich lesen müssen. Natürlich verblaßt die emotionale Ebene im Alter etwas und das macht die Lektüre frei für den wundersamen Reichtum an „Weltgedanken“, an Psychologie, an Textarchitektur und an Sprache natürlich. Und leider bin ich zu geschwätzig … das hat der Goethe nicht verdient.

      Als Ergänzung: Klonovsky teile ich ja nur noch ungern – er ist zu groß, hat fast schon ein Monopol und verdrängt uns „Kleine“ – aber seine Leistung muß man anerkennen, wenngleich man in seiner Position viel Material zugeschossen bekommt … Wie dem auch sei: er berichtete letztens von der „Carmen“: https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna/item/734-4-januar-2018

      Man kann sich ja heutzutage noch nicht mal mehr Wagner ansehen ohne zu leiden. Wenige Ausnahmen: https://www.amazon.de/Richard-Wagner-Ring-Nibelungen-DVDs/dp/B00006L9ZT/ref=pd_cp_74_4?_encoding=UTF8&psc=1&refRID=HWT5HABKFQ479Z08BA43

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