Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältiger als gestern angedeutet. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

Es gibt noch immer die Ost-West-Schere und zwar in vielerlei Gestalt. Der Westen ist ökonomisch und materiell reicher, aber man spricht dort auch eine andere Sprache. Die DDR galt als geschlossene Gesellschaft, aber gerade dort wird oft offener gesprochen, zumindest auf der unteren Ebene. Dem anderen seine Meinung zu sagen, ist im Osten oft weniger ein Problem.

60 Jahre permanenter und zunehmender Wohlstand haben den Westen sediert. Materieller Wohlstand gilt als Gipfelpunkt der Menschwerdung: Auto, Haus, Urlaub. Diese Dinge waren den Ostdeutschen verwehrt, erschwert oder nur unter Einschränkung möglich. Das werthafte Leben verlegte sich auf ideelle Geltungen, auf Tugenden und auf abstrakte Ideale wie Freiheit, Gerechtigkeit etc.

Dem Osten fehlte die progressive Konstanzerfahrung, die Stabilität, das Gefühl, es würde auf ewig immer nur noch besser werden können – das heute viele just in Kohl und Merkel verkörpert sehen.

Die Permanenz des Wohlstandes hat – mit Nietzsche – „letzte Menschen“ gezüchtet. Ihnen ist eine historische Trägheit und Denkfaulheit eigen: sie wollen den Istzustand erhalten und haben die Vorstellung einer historischen Zäsur verdrängt; Krieg, Hunger, Elend gibt es immer nur irgendwo auf der Welt – sie können sich nicht vorstellen, daß auch sie irgendwann wieder darunter leiden werden.

Der Begriff des „Widerstandes“ hat im Osten einen deutlich höheren Wert. (Jahrzehnte wurde er als „antifaschistischer Widerstand“ idealisiert.) Widerstand gegen Mißstände ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig und kann, wie die „Wende“ zeigte, Erfolge feiern.

Die Nachwendezeit war eine wesentliche Vertrauensverlusterfahrung. Der Westen war vielen ein Ideal, umso dramatischer mußte der Ausverkauf, die Übernahme, die Enteignungen, die Abwicklungen, die Betrügereien, die unbekannte Unterordnung von alles und jedem unter das Pekuniäre … als Schock und Enttäuschung wirken. Viele Ostdeutsche hatten keine Gelegenheit, sich der Kapitallogik anzupassen, sie zu erlernen – sie wurden sofortige und unmittelbare Opfer, oftmals sogar noch verhöhnt und lächerlich gemacht. Ihre Lebensleistungen wurden entwertet oder sogar kriminalisiert (etwa der ganze militärische oder administrative Bereich). Damals wurde viel Porzellan zerschlagen – das Vertrauen ist längst noch nicht zurück.

Das Erleben von Mangel führt zu Sorge und vorausschauendem Denken; Überfluß hingegen animiert die Sorglosigkeit, den Genuß, das Leben im Jetzt – die Gleichzeitigkeit der New-Age-und-Wellness-Welle mit dem Luxus ist kein historischer Zufall. Ostdeutsche sind dagegen Heideggerianer per Geburt. Das äußert sich in einer stärker ausgebildeten Tendenz, aktuelle Vorgänge in die Zukunft zu projizieren und deren meist negative Folgen zu antizipieren. Wo der Westdeutsche aufgrund seiner Erfahrung eher sagen wird, daß das mit der Masseneinwanderung schon irgendwie wird, nimmt der Ostdeutsche vornehmlich die Gefahren und Probleme wahr, ganz unabhängig davon, ob er unmittelbaren Kontakt zu Migranten hat. Will man es sozialpsychoanalytisch ausdrücken, dann könnte man sagen: Im Westen gibt es einen starken Hang zur Rationalisierung.

Beide Bevölkerungsgruppen haben nach dem Krieg unterschiedliche Umerziehungsprogramme durchlaufen: die einen die Umerziehung zum Kommunismus, die anderen zum Amerikanismus. Bei den einen stand das Kollektiv und die Gesellschaft im Mittelpunkt, was zu altruistischem Verhalten dem Nächsten gegenüber führt, wohingegen die anderen zum Individualismus erzogen wurden, der sich den Altruismus dem Fremden gegenüber quasi als Luxus leisten kann – vielleicht auch, um die zwischenmenschliche Kälte im Nahbereich zu kaschieren.

Niemand, der beide Welten erfahren hat, kann leugnen, daß der soziale Zusammenhalt auf der primären Ebene im Osten deutlich höher war und noch immer ist – wenngleich bereits dramatisch gesenkt – als im Westen. Hilfsbereitschaft, Offenheit, zwischenmenschliche Wärme, Familienzusammenhalt und dergleichen waren stärker ausgeprägt … sowohl der „Not“ als auch dem Gemeinschaftsgedanken geschuldet. (Wer das nicht glaubt, der schaue nach Ungarn oder Tschechien, wo man ähnlich ausgeprägte Mentalitäten noch heute findet.)

Die sogenannten Volksparteien sind im Osten historisch nicht verwurzelt. Zwar gab es eine christliche Partei in der DDR, die CDU, und auch zwei liberale, die LDPD und die NDPD (beide gingen in der FDP auf) – alle gemeinsam bildeten sie die „Nationale Front“, doch waren das Blockparteien, die spätestens in den 60er Jahren ihre Eigenständigkeit eingebüßt hatten und deren ideeller Bezug zu den gleichnamigen Westparteien verloren gegangen war. Daher gibt es im Osten traditionell weniger Loyalität zu den Volksparteien. Die einzige „Volkspartei“ in der DDR war die SED (2,3 Mio Mitglieder von 17 Mio EW) – ihr Abkömmling, die PDS, später die Linken, hat bis heute tiefe Wurzeln im Osten und kaum Bindung im Westen.

Sowohl Staat als auch Partei vertraten und begründeten aus der marxistisch-leninistischen Theorie heraus und trotz eines proletarischen Internationalismus ein stark ausgeprägtes Nationalgefühl. Die Begriffe „Nation“, „Volk“ und „Heimat“ wurden gestärkt – im Gegensatz zur Reeducation in den westlichen Zonen und Ländern – und vom Volk auch angenommen. Die DDR verstand sich von oben bis unten als sozialistischer Staat deutscher Nation. Ohne diesen positiv besetzten „Nationalismus“ wäre die „Wende“ und die Wiedervereinigung vollkommen undenkbar gewesen.

Viele halten die DDR für eine Diktatur (ich nicht). In einer Diktatur oder einer geschlossenen Gesellschaft leben, sensibilisiert ungemein: diktatorische Züge werden von Menschen mit diesem Erfahrungshintergrund regelrecht gewittert und instinktiv abgelehnt. Das ist vielleicht das stärkste Indiz, daß sich in der aktuellen Bundesrepublik diktatorische Züge immer stärker breit machen, vor allem im medialen Bereich, der freien Meinungsäußerung, der Meinungsgleichschaltung, der Politischen Korrektheit, der Stigmatisierung Andersdenkender, dem diskussionslosen Aufoktroyieren gesellschaftsverändernder Entscheidungen, das Umgehen oder Ignorieren nationalen und Europäischen Rechts … bis hin zur Zunahme jener Bevölkerungsteile, die intrinsisch antidemokratischen Ideologien und Religionen angehören. Die bundesrepublikanische Demokratie sollte ihren Dresdnern, Sachsen und Ostdeutschen dankbar sein: sie sind der beste Seismograph für gesellschaftliche und demokratiegefährdende Irrgänge.

Das Hauptproblem, das ein Teil der ostdeutschen Wählerschaft sieht, ist im Westen schon unsichtbar, weil es selbst Träger der historischen Entwicklung geworden ist. Ein immer größerer Teil der Wählerschaft hat migrantischen Hintergrund und fällt als Kritik der Einwanderungspolitik potentiell weg – allerdings gibt es erhebliche Unterschiede unter den migrantischen Wählergruppen. Die Frage der ethnischen Wahl ist in Ost und West virulent – aber jeweils von der anderen Seite. Für eine Partei wie die AfD dürfte es ein wesentlicher Unterschied sein, ob sie in einer Stadt mit fünf oder 50 Prozent Ausländeranteil antritt.

PS: Zum religiösen Faktor, siehe Kommentar Kunze

Zum Faktor Deutsche Stämme, siehe Kommentar Pérégrinateur

siehe auch: Die AfD-Welle

2 Gedanken zu “Warum der Osten?

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Zu den Gräben:

    Es ist immer schade, wirkliche Tugenden der ein- oder gegenseitigen Anpassung zu opfern; für mich klingt das, als ob man das warnende Pauluswort „Schlechter Umgang verdirbt die guten Sitten“ geradezu als positive Handlungsmaxime nähme. Ganz allgemein stört mich an den Forderungen der de facto gegen die eigene Kultur eingenommenen Menschheitsvereinigern das doppelte Maß: Jeder Fremde, der hier eintrifft, soll aus Prinzip in seiner Eigenart geschätzt werden, so dornig die auch für die Umstehenden sein mag, während umgekehrt dem Einheimischen ein Anpassungszwang auferlegt werden soll. Mit Verlaub gesagt, die Asymmetrie in dieser Richtung ist weltgeschichtlich selten – und gewöhnlich der Anfang des Endes für die nolens volens aufnehmende Kultur.

    Zur „Marginalisierung der eigenen Befindlichkeit“:

    Zunächst einmal geht es wohl um mehr als bloße Befindlichkeit. Es ist zwar heute unter den sich um die Therapie der sogenannten Populisten im Santa-Clara-Stil Mühenden ganz selbstverständlich, dass sie deren Einwände gegen eine konkrete Politik nur als Ausdruck einer seelischen Störung auffassen können. Doch Achtung! Man kann umgekehrt sie selbst auch auf die Couch legen, und um dann die „ordentlichen“ Verhältnisse wiederherzustellen, braucht man vermutlich diskurstheoretisch so bedenkliche Instrumente wie Zwangsjacken.

    Eine Freundin von mir war im städtischen Park, um dort mit ihrer Tochter Tischtennis zu spielen. Die Steinplatte war aber belegt von den Picknickutensilien einer in neuerer Zeit hinzugekommenen arabischen Großfamilie, die diese aus auf dem Rasen geparkten Fahrzeugen ausgepackt hatten. (Im Park herrscht selbstredend ein Einfahrverbot.) Aufgefordert, doch bitte die Platte zu räumen, ließ man sich äußerst großzügig Zeit, so dass meine Freundin lieber wieder ging. Vermutlich hätte sie das Ansinnen gar nicht an die Gäste richten sollen, weil sie ja dadurch nur die eigene Befindlichkeit weiter marginalisiert hat, dort Tischtennis spielen zu können. Oder so irgendwie.

    Zu den „geschützten Biotopen“:

    Natürliche Biotope erhalten sich durchaus selbst, zumindest auf menschlicher Zeitskala, wenn nicht von außen in sie eingegriffen wird. Eben das ist gerade ihre wesentliche Eigenschaft. Unter Biotopschutz stehen heute darüber hinaus aber auch andere Gebiete, die durch bestimmte menschliche Umnutzung eine andere Artenzusammensetzung bekommen haben, die „Naturschützer“ nun so erhalten wollen. (Beispiel: Steinriegellandschaften an früheren Weinbauhängen, deren natürliche Vegetation Wälder waren.) Hierfür ist dann wirklich Pflege nötig, doch im eigentlichen SInne ist das dann nicht Natur-, sondern Kulturlandschaftsschutz.

    Die Metapher Natürlichkeit der Evolution versus Künstlichkeit des pflegenden Erhalts, nun gerade auf politisch betriebene oder verhinderte Entwicklungen bezogen, ist jedenfalls ein Bildbruch, denn beides sind Handlungsoptionen einer Gesellschaft. Sie scheinen mir sehr unter dem Banne der angeblichen Alternativlosigkeit zu stehen und deshalb fast zwanghaft nach Bildern zu suchen, die Unausweichlichkeit suggerieren und aufwerten. Sachliche Argumente für den wägenden Entscheid finde ich in solchen Abziehbildern leider nicht. Ich könnte zum Beispiel genauso Ihr „πάντα ῥεῖ“ zu einem „Alles geht den Bach hinab“ weiterführen – ein Argument per Metaphernspiel, das dann allerdings Ihnen eher nicht behagen dürfte.

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    Rechtsstaat, Demokratie und individuelle Handlungsfreiheit sind Ordnungsprinzipien, die äußerst künstlich sind. Wenn man alles einer „natürlichen“ Entwicklung überlässt, kommt man im Normalzustand menschlicher Gesellschaft an, einer Stammesgesellschaft. Schon allein um den Staat zu erhalten, der – so unangenehm er selbst auch noch ausfallen mag – dem beständigen Krieg aller gegen alle einer Riegel vorschiebt, braucht es einen großen Aufwand, der nur getragen wird, wenn der allergrößte Teil der Bevölkerung assoziabel ist. Wieso sich willig auf eine Reise begeben, an deren Ende die Anomie stehen könnte?

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  2. lynx schreibt:

    Trägt die hier betriebene Verklärung ostdeutscher Tugenden und Zustände, vergangener wie heutiger, nicht dazu bei, dass die bestehenden Gräben eben nicht überwunden werden, sondern weiter vertieft?
    Als Westdeutscher reibt man sich verwundert die Augen und erkennt seine Heimat nicht wieder. Und im Osten gemachte Erfahrungen scheinen auch nur „geträumt“ zu sein.
    Verstärkt man nicht die Marginalisierung der eigenen Befindlichkeit, wenn man sie als so „gefährdet“ beschreibt? Mich erinnert das an Naturschutz und vielleicht wollen ja manche den Status eines „geschützten Biotops“ erreichen. Das wird dann eingezäunt und mit Steuergeldern gehegt und gepflegt bis zum St. Nimmerleinstag. Aber ich glaube, das ist illusorisch. Die Evolution ist die stärkste Kraft, sollte man ja, marxistisch-leninistisch geschult, begreifen. Und jetzt bitte nicht mit Sozialdarwinismus antworten. Eher altgriechisch denken (lernen): Panta rhei. Das war lange vor Kapitalismus und „Amerikanismus“.

    Meine Einlassung gilt übrigens gleichermaßen für Ost wie West, also bitte nicht missverstehen.

    Ihre Gedanken sind tatsächlich anregend: Ist es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet die Gefolgsleute eines sozialistischen Progressivismus nun zu den entschiedensten Unterstützern der Restauration werden? An dieser Stelle auch Grüße an Frau Wagenknecht.

    Seidwalk: An alle anderen Kommentatoren: Bitte keine Kreise ziehen – bitte ganz im Sinne des wilden Lynken nach vorn ausgreifen und nicht auf das polemisierende Niveau absinken: Solche Art des Denkens findet sich hier: http://www.zeit.de/2017/40/bundestagswahl-wahlverhalten-alternative-fuer-deutschland
    Es soll auf diesem Blog überwunden werden, auch wenn es offenbar gesellschaftsfähig ist.
    Natürlich ist Irrtum nicht ausgeschlossen …

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