Der katalanische Vulkan

Wenn wir von Vulkanen sprechen, dann denken die meisten wohl an einen Bergkegel mit einem Trichter in der Mitte. Tatsächlich gibt es jedoch eine ganze Reihe von Vulkanen und nicht jedem sieht man das „Vulkanische“ an. Vor allem aber gehört zu ihm die unterirdische Magmakammer – dort, im Unsichtbaren, entscheidet sich in langen und langsamen Prozessen aus Vermischungen und Konzentration, ob, wann und wie der Vulkan sich „entäußert“.

Nun stehen wir etwas entsetzt und ratlos vor den seltsamen Szenen in Barcelona, Girona und anderen katalanischen Städten. Spanische Polizisten schlagen auf Katalanen und Spanier ein, die für oder gegen ein Unabhängigkeits-Referendum sind, das wiederum dem spanischen Grundgesetz widerspricht. Die Souveränität der Nationen, das Selbstbestimmungsrecht der Völker – das sind hehre Vokabeln, mit der sich fast alle schmücken, die man aber nicht mehr kennen will, wenn plötzlich ein Volk oder eine Nation aufbegehrt.

Aber sind die Katalanen überhaupt ein Volk oder eine Nation? Sie sind es vor allem sprachlich. Die wesentliche Distinktionsquelle ist die eigenständige Sprache, erst dann kommen die Traditionen. Ein dritter wichtiger Motor der Sezessionsbestrebungen ist die Wirtschaft, denn Katalonien ist das industrielle Powerhouse Spaniens. Nicht immer, aber oft, führt materielle Differenz zum Gefühl, ausgenutzt zu werden, und zum Willen, das Selbsterschaffene auch selbst zu genießen. Dieser Faktor war bei der Padania-Bewegung in Italien etwa viel stärker ausgeprägt, spielte beim Referendum in Schottland wiederum eine geringere Rolle.

Nennen wir es ruhig „Nationalismus“ – dann haben wir den Beweis, daß starkes Nationalbewußtsein eben nicht, wie die deutsche Medienwelt uns weismachen will, rechts sein muß. Nein, das Gefühl, einem Volk, einer Nation, einer Kultur, einer Sprache zuzugehören, in ihr die Identität zu finden, geht wesentlich tiefer und transzendiert politische Orientierung. Die katalanische Nationalbewegung ist durchaus politisch links zu verorten. Im Frühjahr etwa gingen hunderttausende Katalanen auf die Straße, um für eine freiwillige Öffnung ihres Landes zu demonstrieren, sofern damit „refugees“ gemeint sind. Man erhitzt sich an der kleinen (kulturellen) Differenz und plädiert für die große (ethnische), weil man sich durch Araber und Afrikaner weniger in der kulturellen Autonomie gefährdet sieht als durch die Madrider Nomenklatura.

Der katalanische Separatismus ist ein moderner: nicht ethnopluralistisch orientiert – was bei der hohen Zahl von Spaniern im Lande und den unzähligen Mesalliancen auf allen Ebenen auch sinnlos wäre – sondern kulturpatriotisch.

„Kulturpatriotisch“? Haben wir dieses Wort nicht gerade erst gehört? In der Tat! „Ich halte die Hinwendung zu einem  Ethnopatriotismus, wie ich ihn innerhalb der AfD wachsen sehe, für nicht zielführend, sondern möchte mich stattdessen für einen europäischen Kulturpatriotismus stark machen. Wir haben in Deutschland, Frankreich oder Spanien einfach keine ethnisch homogenen Völker. Wir sind gegen illegale Migration, die die europäische Kultur unterminiert.“ Das sind die Worte Frauke Petrys und um diesen Glutkern wird sich ihre Bewegung – so sie denn in Bewegung kommt – gruppieren.[1]

Auch das ist ein Beweis für die Vielfalt der Phänomene. Weit unterhalb der sichtbaren Kuppen bewegen sich träge glühende Massen und formen hier dieses und dort jenes Gebilde. Man muß jedes einzelne dezidiert betrachten, um es zu verstehen. Aber unter dem Strich bleibt – und daß sollte sich jeder politische Mensch ins Stammbuch schreiben: Völker und Nationen reichen tief, sehr tief – ihre Emanationen, ihre Ausbrüche sind mit keinem politischen Willen  einfach zum Verschwinden zu bringen. Je mehr das versucht wird, umso gewaltsamer werden die Ausbrüche zwangsläufig sein, ganz gleich, ob in Flandern, Schottland, „Padanien“, Südtirol, Venetien, im Baskenland, Galizien, Katalonien, Ungarn, Siebenbürgen, Wales, Korsika, Sardinien, auf den Färöern … oder in – Deutschland und Europa.

Empfehlung:

Löwenblog: Die Katalanen als Unholde der Geschichte (historisch)

Benedikt Kaiser: Katalonien und die Unabhängigkeit (machtstrategisch)

„Die Zeit“ : Das sind nationalistische Züge (psychologisch)

[1] Das Projekt besteht freilich auf einer Projektion, da sie zum einen den untypischen Begriff des „Ethnopatriotismus“ statt „Ethnopluralismus“ nutzt, ihm zum anderen eine inhaltliche (biologistische) Füllung zuschreibt, wie er fast nirgendwo verwendet wird.

Ein Gedanke zu “Der katalanische Vulkan

  1. Das ist aber jetzt irreführend – „Ethnopluralismus“ ist doch, zumindest wie ihn Benoist versteht, ein Kultur- und kein echter Ethnienpluralismus. Denn Ethnopluralisten definieren Ethnien nicht wie im Biologismus nach ihrer Abstammung, sondern nach ihrer Zugehörigkeit zu einer „Kultur“, um sie so von „Fremden“ zu unterscheiden. Dann trägt Petry irgendwie Eulen nach Schnellroda. Für die AfD und die Identitäre Bewegung ist eher Benoist als Jared Taylors „white nationalism“ richtungsweisend.

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