Eine Reise in Deutschland

Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal mit dem Zug eine längere Reise gemacht habe. Nun geht es in die ungarische Provinz, wo man hoffen darf, nur wenige Deutschsprachige zu treffen. Die Verbindung schaut vernünftig aus. Es wird auch nichts Spektakuläres passieren – aber gerade in den kleinen Beobachtungen mag man das neue Deutschland erkennen und begreifen.

Der Bahnhof ist bunt beflaggt – auf allen Fahnen stehen Wörter wie „Toleranz“, „Tolerance“, „Diversity“ in verschiedenen Sprachen. Arabische Schriftzüge sind auch darunter. „The Tolerance Project“ ist Kunst und stimmt mit seiner frohen Botschaft den Reisenden auf allerlei ein.

Meine gesamte Reiseplanung löst sich bereits nach den ersten zehn Minuten in Luft auf. Die 30 km lange erste Teilstrecke sollte fahrplanmäßig in einer halben Stunde zu bewältigen sein. Nach zehn Minuten steht der Zug, man informiert die Passagiere über eine defekte Signalanlage und bittet um Entschuldigung. Die Stimmung ist noch recht locker, auch wenn die ersten Handys gezückt werden. Kurz darauf geht es weiter, aber unmittelbar vor Hof kommt der Zug erneut zum Stehen und diesmal wird ein defektes Gleis als Ursache benannt. Nun wissen alle, die einen Anschluß haben, daß daraus wohl nichts werden wird. Eine junge Frau mir gegenüber beginnt nun laut zu fluchen. Das wirkt ein wenig komisch, denn sie stellt eher den Managerin-Typ dar. Zwei Geräte hat sie an zwei Steckdosen stecken: das eine ein IPhone, das andere ein Elektroroller, der zusammengefaltet unter der Sitzbank liegt. Nervös zieht sie ihr Mobil aus der Designerhandtasche und sucht nach neuen Anschlußmöglichkeiten. Dabei flucht sie ununterbrochen in ihre Maske hinein. Stoisch läuft ein fernöstlich wirkender junger Mann mit indianerlangen Haaren an ihr vorbei – sein Gelassenheitstraining macht sich nun bezahlt; auch die schlechten Nachrichten auf seinem Bildschirm können ihn nicht aus der Ruhe bringen. Zwei ältere Damen auf Ausflug nehmen es sportlich und versuchen zu lächeln. Schließlich fahren wir mit einer Stunde Verspätung in der Kleinstadt ein.

Die junge Frau kann es nicht unterlassen, unseren Schaffner dafür anzublaffen, bevor sie aufgeregt hin und her läuft und dann mit ihrem Roller verschwindet. Auch ich gehe zum Schaffner, denn da ich weder im Besitz einer Uhr noch eines Handys bin, sind Informationen rar. Sorgen mache ich mir keine, der Weg bleibt schließlich der gleiche: von hier nach Nürnberg, dann nach Wien, von da nach Budapest und weiter bis Sárbogard und schließlich bis zum Ziel. So bestätigt mir es auch der Zugführer, aber sarkastisch fügt er hinzu – schon seine Durchsagen hatten diesen seltsam wehrkraftzersetzenden Ton –, daß das nicht meine einzige Verspätung gewesen sein wird, denn „die ganzen IC sind kaputt“ und ich solle mich auf manche Kapriole gefaßt machen. Das war ich freilich schon vor Reiseantritt.

Nun stehen wir also auf dem Bahnsteig und alle tippen hektisch was in die Handys. Nur ein altes Ehepaar hat ebenfalls keines. Sie wollen nach Kaiserslautern und haben auch noch ein paar Umstiege vor sich. Eine junge Frau sucht ihnen eine neue Verbindung heraus. Letztlich können aber auch sie nichts anderes tun, als auf den nächsten Zug warten und alle möglichen Leute anzurufen – mit einem bildschirmlosen Telefon –, um diesen zu sagen, daß sie warten …

Als der Zug kommt, finde ich einen freien Platz. Im Abteil nebenan sitzt eine Art Barbie-Puppe, ein bunt gekleidetes Mädchen mit seltsamer Netzstrumpfhose voller mystischer Symbole, einer Phantasiemütze, wundersam lackierten Nägeln und riesigen Kopfhörern. Sie ist stark übergewichtig und schläft auch gleich ein. Diagonal zieht eine junge Frau sofort das Handy und brüllt aller menschlichen Umgebung gegenüber gleichgültig auf Spanisch hinein. Neben mir kommt ein Araber zu sitzen, der vermutlich im Izmir-Markt einkaufen war. Er dünstet schweren Tabakgeruch aus, auf seinem Handy sind keine Menschen zu sehen, nur Symbole und arabische Schriftzüge. Wieder hält der Zug auf offener Strecke. Diesmal soll die „Nichtverfügbarkeit von Gleisen“ die Ursache sein. Das ist überhaupt eine neue Masche der Bahn: man gibt konkrete Gründe an, gefolgt von einer Bitte um Verständnis und ich vermute, daß dahinter lange Psychostudien stehen. Zwei ältere Damen hinter mir bekommen sich vor Lachen kaum noch ein. „Ja, wer hat sie denn gestohlen, die Gleise“. Sie hatten sich schon die gesamte Fahrt über mit Verspätungs- und anderen Bahngeschichten verlustiert und Freundschaft geschlossen, die eine im vogtländischen, die andere im schwäbischen Dialekt. Später gesellt sich ein Hartz-4-Empfänger hinzu und lobt das 9-Euro-Ticket. Endlich könne er seine Frau regelmäßig besuchen, ja selbst wenn eine Einzelfahrt nur 9 Euro kostete, dann könne er das machen, aber bei Normalpreisen sehen sie sich nur alle paar Monate und wenige Male im Jahr.

Wir stehen wieder auf einem Perron. Meine Platzreservierung für die Strecke ab Nürnberg ist natürlich Makulatur. Dafür darf ich ein anderes Ereignis genießen, das mir sonst wohl verborgen geblieben wäre. Eine große Gruppe kleiner Kinder umschwärmen drei junge, am Boden sitzende Frauen. Zuerst dachte ich, es seinen ţigani, denn sie sprachen ein romanisches Idiom, aber dann kommt ein Polizist auf sie zu, bringt einen Stapel Papiere und mit ihm sprechen sie dann Russisch. Es sind wohl циганка aus der Ukraine. Die Frauen wirken blutjung, Anfang 20 vielleicht, und dennoch ist eine schon fast zahnlos. Ich versuche, die Kinder zu zählen, aber es gelingt mir nicht. Ununterbrochen laufen sie herum, kleine Kinder werden von den größeren getragen, sie schwirren auf dem ganzen Bahnhof herum, andere liegen im Schoß der Frauen, sie sind alle zwischen ein und sechs bis acht Jahren alt und eines sticht durch kupferrotes Haar hervor. Dann gesellt sich noch eine Matrone zu ihnen und sie diskutieren die Papiere. Eine nimmt plötzlich eine Jacke aus dem Gepäck, schaut sie sich noch einmal an und steckt sie in den Müllcontainer. Als unser Zug endlich einfährt – ich bin natürlich längst ein, zwei Waggons weitergegangen –, begreifen sie plötzlich, daß das nicht ihr Zug ist. Hastig werden alle Kinder zusammengerufen, in Kinderwägen gestopft und treppauf treppab aufs andere Gleis geschleift. Ob alle Kinder dabei waren und ob sie ihren Zug geschafft haben, konnte ich nicht mehr sehen. Ich bin am Ende auf 14 oder 15 Kinder gekommen und konnte meinen Geist nicht stoppen, die Summe zusammenzuzählen: da laufen also 5300 Euro – monatlich.  

Im Zug nach Wien gilt Maskenpflicht. Am Tisch sitzen drei Studenten. Alle drei haben ihren Laptop offen. Die junge Frau im schwarzen Kleid neben mir scheint sich mit Architektur zu beschäftigen. Zwischendurch tauchen auf ihrem Laptop linke Wohnprojekte auf, Hausbesetzungen, Antifa-ähnliches Zeug. Es kümmert sie nicht die Bohne, ob andere das sehen können, die linke Attitude ist offenbar das Wasser, in dem sie schwimmt – kann es überhaupt jemanden geben, der das anders sieht?

Natürlich haben wir Verspätung und wer es noch nicht realisiert hat, der wird nach der Grenze alle paar Minuten darauf hingewiesen, dann nämlich, wenn der nun österreichische Zugführer mit süffisantem Unterton hartnäckig darauf hinweist, daß wir 30 Minuten Verspätung haben und die Deutschen dafür verantwortlich sind. Nach der Grenze verschwinden auch allmählich die Masken von den Gesichtern. Dafür sind aber alle erreichbaren Toiletten verstopft und wohl niemand zweifelt daran, daß auch daran die Deutsche Bahn schuld ist.

Ab Wien gibt es wenig zu berichten, ich genieße die ungarischen Stimmen. Die Züge sind pünktlich und selbst die prekären Anschlüsse mitten in der Puszta klappen perfekt. Zwei junge Mädchen verabschieden sich von einer älteren Dame mit „csókolom[1]. Im  Zug sitzen einfache Leute und als mich am anderen Tag ein Ungar fragt, ob ich das Land mag und weshalb, da sage ich: weil hier noch normale Menschen leben

[1] Küß die Hand.

3 Gedanken zu “Eine Reise in Deutschland

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Nach dem neuesten Antidiskriminierungsurteil in Sachen Kundenanrede der Bahn hört man dann wohl bald in den Zügen:

    „Infolge einer sich als nichtbinär identifizierenden Weiche kann die vor uns liegende Strecke für eine nicht absehbare Zeit aus Sicherheitsgründen nicht befahren werden. Wir danken für Ihr Verständnis.“

    Aber nur einen Tag lang, denn über diesen Meldungstext wird es noch am selben Abend einen öffentlich-rechtlichen Fernsehkommentar geben, der die diskriminierende Durchsage als Verletzung des selbstverständlich auf die Gesamtgesellschaft zu verallgemeinernden Artikels 12.1 des Pressekodexes heftig kritisieren wird, nämlich wegen der darin enthaltenen bösartigen und völlig aus der Luft gegriffenen Unterstellung, nichtbinäre Weichen sorgten für mehr Störungen im Betriebsablauf als binäre.

    Zudem wird die Bahn, um die Haupt-Diskriminierten (die an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten) zu beschwichtigen, endlich die soziologische Forschung über LBTQ-Radprofile durchfinanzieren müssen. Denn mit deren Ergebnissen klappt dann auch wieder das Fahren über nichtbinäre Weichen, wobei natürlich weiterhin leichtere Verwerfungen in Kauf genommen werden müssen.

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Eine Gesellschaft im Niedergang erkennt man daran, dass auch die einfachsten Dinge nicht mehr klappen. Es liegt daran, dass die Idioten die Herrschaft übernommen haben, weil sie den anderen einreden konnten, eine gefährdete Spezies zu sein. Um das zu erkennen, ist die Tageszeitung übrigens ein wahrer Brunnen der Erkenntnis, sie ist voll von solchen und ähnlichen Beispielen. Nur werden sie nicht richtig interpretiert. Sie dienen der Spassgesellschaft zur Erheiterung. Und nur wenn die Spaßmacher einmal selber betroffen sind, rasten sie verbal aus. Jedoch ohne generelle Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Beispiel: Wie kann es sein, dass die Mehrzahl der Hamburger Ausfallstrassen seit 10 Jahren derart verrottet sind, dass es für Millionen Autofahrer einem Schlagloch-Slalom gleicht, sie zu befahren – ohne dass eine Protestwelle einsetzt, die auch medial begleitet wird?
    Ein Strassenteilstück von drei Kilometern Länge soll nun endlich neu gemacht werden – die Straße bestand nur noch aus Löchern. Gesamtbauzeit, 9 Jahre. Nach Protest der Anwohner sagte die zuständige Bezirksamtsleiterin, es sei ihr gelungen die Bauzeit auf 7 Jahre zu drücken. Nach Protest des örtlichen Handels, sollen es nun 5 Jahre werden… Für drei Kilometer Straße! Noch Fragen, Kienzle?

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