Wer ist Höcke?

… und wenn ja wie viele?

“Wer sein Buch aus dem Sommer liest, findet dort keine maßgeblichen Unterschiede zur NPD-Politik. Höcke spricht von einem Remigrations-Projekt, die NPD von einer Rückführungspolitik. Im Kern ist das dasselbe“ (Steffen Kailitz, Politologe)

Das hätte sich Popphilosoph Precht wohl nicht träumen lassen, daß seine Apologie der postmodernen Persönlichkeit, zumindest dem Titel nach, als Dividuum, als Teilbares, in vielen Identitäten lebendes Wesen, ausgerechnet von Björn Höcke verwirklicht werden könnte. Höckes öffentliches Bild, von den relevanten Medien ad nauseam verbreitet, ist so verheerend wie eindimensional und innerhalb dieses Rahmens ist an ein volles Höcke-Bild nicht zu denken.

Man wird ihn selbst anhören müssen.

In sechs, grob an den biographischen Verlauf gekoppelten Gesprächen mit Sebastian Hennig offenbart Höcke, wie er sich und die Welt sieht. Schon vorab darf man konstatieren: dieses Buch unterscheidet sich radikal von den üblichen Politiker-Selbstdarstellungen durch den Verzicht auf Phraseologie, Moralismus, Parteilichkeit und konsequenzlose Willenserklärungen. Selbst wenn Höcke im weiteren Politikgeschehen des Landes keine Rolle mehr spielen sollte, so steckt dieses Buch doch voller politischer und auch philosophischer Ideen und ganz eigenen Geschichtsinterpretationen. Und: es ist so prall, daß keine Rezension seine wahre Fülle erfassen kann, es gilt: tolle et lege!

Wir haben es offensichtlich mit einem kultivierten, gebildeten Manne zu tun, dessen natürliches Argumentieren immer wieder in die Philosophie abgleitet, ja Philosophie wird, also permanent den Blick von oben und von außen sucht, selbst in den verzweigten Labyrinthen der Realpolitik. Das mag einen Teil seiner Anhänger sogar befremden, denn der ständige Verweis auf Autoritäten – „wie XY sagte“ – kann mitunter als etwas anstrengend empfunden werden und setzt den bewanderten Leser voraus. Selbst die frühkindlichen Erinnerungen werden sofort in geschichtsphilosophische Reflexionen umgemünzt – die sich jedoch lohnen; es gibt bei Höcke eine unerwartete Abstraktionslust.

Die scheint auch aus frühkindlichen Erfahrungen heraus entstanden zu sein, aus einer glücklichen Kindheit ohne größere Restriktionen und aus einem daraus erklärbaren Verlusterlebnis: Geborgenheit, Vertrautheit, Familie, Natur, männliches und weibliches Prinzip, Dialog, Werte, Geschichtsbewußtsein, Verwurzelung, Träume … eine scheinbar vergangene Welt, eine richtige, eine gute Welt, die es wiederzuentdecken oder wiederherzustellen gilt. Politik und AfD sind nur die Vehikel, notwendig geworden durch eine zerstörerische Zersplitterung der Gesellschaft.

Auch wenn Höcke mit Leib und Seele Politiker ist, wie man erfährt, so ist er es doch wider Willen und mit großer Distanz. Parteidenken ist ihm fremd, die Partei als Selbstzweck ein Graus; sie hat Höherem zu dienen – dem Deutschen Volke – und Schaden von ihm abzuwenden. Der Schwere der Aufgabe ist Höcke sich ebenso bewußt wie der Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Es sei denn, dieser Einzelne sei ein Großer, wie Bismarck etwa – der wohl am häufigsten auftauchende Name in diesem nicht namensarmen Buch. „Preußen ist als geschichtliches Phänomen für die Erneuerung unseres Gemeinwesens von elementarer Bedeutung“, lautet fast das Schlußwort.

Ein anderer Preuße, ein überraschender allzumal, fehlt nahezu, obgleich er auf fast jeder Seite präsent ist. Höcke ist Hegelianer! Oder etwas verallgemeinerter ausgedrückt: Dialektiker. Natürlich nicht marxscher Observanz, sondern heraklitischer und eben hegelscher. Das hätte der Titel schon verraten können, im Text jedoch verweist er immer wieder auf das tief verinnerlichte Verständnis der Geschichte als Fluß. Die Mär vom Reaktionär zerfällt: „Es darf und kann keine Rolle rückwärts geben, sondern wir müssen das Ganze auf eine neue, höhere Stufe stellen“, es gehe darum, „an die schöpferischen Stränge der Neuzeit anzuschließen“. Derartige Hegelianismen gibt es die Menge.

Höcke nutzt diese Einsichten auch, um sich sowohl selbst zu relativieren, als auch – hier wird Buber ins Spiel gebracht – das dialogische Prinzip, dem er sich verpflichtet fühlt, anzupreisen. Das will nun gar nicht ins Feindbild passen, doch klingen diese Äußerungen durchaus authentisch. Auch der politische Gegner kann also von der Lektüre profitieren und vielleicht seine aversiven Assoziationen neu konditionieren; er wird auch sonst nur Weniges finden, was sie betätigen könnte.

Diesen differenzierten Aussagen und versöhnlichen Tönen, im entschiedenen Duktus vorgetragen, kann man nur sehr viele und vor allem einen Leser wünschen: Björn Höcke.

Björn Höcke: Nie zweimal in denselben Fluß: Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Manuscriptum Berlin 2018. 291 Seiten
zuerst erschienen in Sezession Heft 86
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7 Gedanken zu “Wer ist Höcke?

  1. Michael B. schreibt:

    > Namedropping. Bekanntlich eine wichtigtuerische Untugend bei Leuten minderer Relevanz.

    Zu dieser Art Polemisierung sei der Seitenbetreiber selbst zitiert:

    https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2018/02/01/knallrechts-die-grenzen-der-toleranz/

    „Schon am Kreuz gehangen?“

    Diese Frau Merkel gibt sicher alles moegliche – den Bismarck aber sicher nicht.
    Der eine schweisste ein Land zusammen, die andere – nun ja, mit viel Chuzpe koennte man behaupten, sie versuche die ganze Welt zu pulverisieren und zu sintern. Entropieerhoehung durch Schaffen eines homogenen Schlamms aus Beliebigkeit, das Gegenteil – speziell vernunftbegabten – Lebens.

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  2. R. X. Stadler schreibt:

    Die Frage, die sich mir stellt: Was macht dieser Mann auf dem Posten nicht nur des Gottseibeiuns der Medien, sondern des Oberpopulisten in Deutschland, zumindest in Mitteldeutschland.

    Lehrer sind, wenn sie politisch werden, Ideologen, keine Volksführer. Wieviele Gegenbeispiele gibt es? Und sind die meisten europäischen Populisten nicht Berufspolitiker? Salvini vielleicht nicht – aber gerade den halte ich für den geborenen Populisten; dies im Gegensatz zu Höcke, dem man anmerkt, dass er sich das Populistische und selbst das Populäre angelernt hat.

    Ein Ideologe als Volksführer, das ist gar nicht ungefährlich; wenn wir aber die Ideen aus sich selbst positiv beurteilen können (bis auf seine seltsame Überhöhung Bismarcks), dann nimmt die Gefährlichkeit des Ideologen ab und sein Nutzen zu.

    Unter gewissen Umständen könnte also Höcke, indem er dem Demagogen den Platz versperrt, der Aufhalter der Demagogie oder gar des Faschismus in Deutschland werden. Dafür muss er im Mindesten Höcke lesen (nicht wahr?) und Höcke bleiben.

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  3. lynx schreibt:

    Gerade heimgekommen und vorbeigeschaut, huch: „Bismarck etwa – der wohl am häufigsten auftauchende Name in diesem nicht namensarmen Buch.“ Namedropping. Bekanntlich eine wichtigtuerische Untugend bei Leuten minderer Relevanz. Und das macht den Unterschied: Höcke versucht, den Bismarck in ihm zu erwecken, herbeizureden. Merkel macht den Bismarck, ohne Referenzgedöns, frei von der Leber, scheinbar.

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    • Till Schneider schreibt:

      Verzeihen Sie meine Direktheit, aber das ist ein blöder Kommentar. Da ist nichts dahinter. Es kommt mir fast so vor, als hätten Sie einfach nur „irgendwas gegen Rechts“ schreiben wollen. Das ist gründlich schiefgegangen. Musste es sowieso, da Sie offenbar das Höcke-Buch nicht gelesen haben, aber ein bisschen mehr als blindes Stichwort-Hinterherwerfen („Namedropping“) und mal eben kurz drauflosimprovisierte Vergleiche (Höcke-Merkel in Bezug auf Bismarck) sollte schon drin sein. Außerdem, hier wird es doch bemerkt, wenn der Gehalt fehlt.

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      • Vielen Dank an die Kommentatoren des Kommentators – Sie ersparen mir Arbeit und Erregungsenergie.

        Es stand die Überlegung, ob es sinnvoll sei – zum X-ten Male – die Selbstreferenzen des Verfassers aufzuzeigen. Ich hatte mich mittlerweile zur Position der Resignation durchgerungen.

        Jene Beiträge haben in der Regel nur einen Wert: sie karikieren sich selbst und stellen ein fundamentales Unvermögen zur Kommunikation zur Schau, die man – etwas vereinfachend – wohl als „linx“ bezeichnen darf. Ein Schaufenster also.

        Wenn es überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen, dann auf einer Metaebene – wie kann man die Scheibe durchbrechen? Kann man es? Kann man mit jemandem, der weder den Originaltext noch die Besprechung gelesen hat und auch nicht bereit ist, deren Gedanken zu erfassen, der aber „immer bereit“ ist, sich sein Zitat herauszufischen und es gegen den Gegner – nicht das Argument – zu wenden, kann man mit solchen Zeitgenossen sinnvollerweise sprechen?

        Mir fehlt zunehmend die Kraft dazu und ich werde es in Zukunft zu vermeiden versuchen.

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        • Till Schneider schreibt:

          Aha, dann war er also kein Einzelfall, dieser Kommentar von „lynx“. So genau habe ich bisher nicht darauf geachtet, ob seine Beiträge ein durchgängiges Muster aufweisen, zumal ich sie meistens lynx liegengelassen, d.h. überlesen habe, aber Sie müssen’s ja wissen. Und ich wüsste nicht, weshalb ich es Ihnen nicht glauben sollte. Sie haben sogar schon regelrechte Dialoge mit „lynx“ geführt, wie ich zumindest äußerlich gesehen habe. Da bekommt man so was mit.

          Ihre Beschreibung ist jedenfalls eindeutig. Demnach steht „lynx“ für „links“. Und zwar „Vollbild“, wie der Arzt sagen würde. Ich habe gerade mal im Handbuch nachgeschaut (Lichtmesz-Sommerfeld, „Mit Linken leben„), was man da machen muss bzw. kann (Kapitel „Kann man mit Linken reden?“), bin auf die Schnelle nicht fündig geworden, aber bei „Vollbild“ weiß ich es auch so: Da kann man gar nichts machen.

          Wenn ich nun aber lese, wieviel Kraft Ihnen diese „Dialoge“ rauben, die Sie trotz allem führen bzw. geführt haben, dann sage ich erstens: Das kann nicht anders sein (vgl. Sisyphus), und zweitens: Es tut mir persönlich weh, wenn ich mir vorstelle oder gar mitbekomme, dass Sie sich an einer Sisyphusarbeit verschleißen. Und entsprechend würde ich aufatmen, wenn ich sähe, dass Sie es nicht mehr tun.

          Die „Schaufenster“-Idee ist übrigens prima. In der Praxis könnte man derlei Beiträge einfach im Schaufenster stehen lassen, und wer will, kann sie sich anschauen und staunen.

          Seidwalk: Wieso sind Sie da nicht fündig geworden? Der Begriff der „Apperzeptionsverweigerung“ klingt doch schon ganz gut und die Rolle der Amygdala ist die beste Entschuldigung, die sich ein Linker wünschen kann („it´s the biology, stupid„). Und gleich geht es mit der „linken Klischeekiste“ weiter …

          Das Ding hakt nur daran, daß die Leute sich nicht mal mehr positionieren wollen und – wie hier geschehen – erstaunt tun, wenn man sie einer Hälfte der Vernunft zuschreibt. „Lynks“ ist hier natürlich nur ganz abstrakt und jenseits parteilicher Zuschreibung gemeint.

          Und damit aber endgültig Schluß! Mehr als genug der Aufmerksamkeit. Nochmals: Danke!

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich zitiere einige Kommentare zur heutigen Politik, die ich auf den Spuren von Fontenelle beim Besuch im Schattenreich von Bismarck persönlich vernommen habe:

      • Über Konzessionen an die hysterische Nuklearfurcht, Euro-Währungspolitik, politische Grünverschiebung und etliche andere Dinge: „Das erste Erfordernis einer Regierung ist Energie. Sie darf nicht der Zeit sich anbequemen, nicht die Zukunft für eine nur zeitweilig bequeme Einrichtung aufopfern. Eine Regierung muss konsequent sein. Die Festigkeit, ja sogar die Härte einer herrschenden Macht ist eine Bürgschaft des Friedens, sowohl nach außen wie nach innen. Eine Regierung, die immer bereit ist, einer Majorität nachzugeben, sei die letztere nun eine lokale oder bloß eine zeitweilige, eine parlamentarische oder aufrührerische, und welche ihr Ansehen nur durch Zugeständnisse aufrecht erhält, von denen jedes den Weg zu einem neuen Zugeständnis anbahnt, eine solche Regierung befindet sich in einer traurigen Klemme.“
      • Wie es dahin kommt, dass man meint, man müsse Abweichler verteufeln, um wenigstens die Leichtgläubigen weiter bei der Stange zu halten: „Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze; ist es zerstört, so kommt es sobald nicht wieder.“
      • Über deutsche Weltrettung und Schulmeisterei: „Die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn dieselben nur auf Kosten des eignen Vaterlandes verwirklicht werden können, ist eine politische Krankheitsform, deren geographische Verbreitung leider auf Deutschland beschränkt ist.“ [Hier irrt Bismarck.]
      • Über die willkürliche Aushebelung der gesetzlichen Regelungen für das Grenzregime, begründet durchs persönliche Bauchgefühl: „Ich bin weder Reaktionär noch Absolutist, ich halte den Absolutismus für eine unmögliche Sache; aber ich halte mich an unsere geschriebenen Verfassungen, die wir in Deutschland und in Preußen besitzen“
      • Über den Sprach- und Argumentationsstil von Frau Merkel: „Ich habe nie daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. “
      • Angesichts des Herdengeistes von Medien und subalternen Politikern: „Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“ [Hier irrt Bismarck; wir haben heute viel mehr Zivilcouragierte als früher, dank der Gnade der späten Geburt und der eifrigen Erziehung zur Inkantation im Chor.]
      • Über Gefälligkeiten und Gefallsüchtige: „Wer den Daumen auf dem Beutel hat, hat die Macht.“
      • Zu „Fahren auf Sicht“ und unbekümmerter Politik: „Über die Fehler, welche in der auswärtigen Politik begangen wurden, wird sich die öffentliche Meinung in der Regel erst klar, wenn sie auf die Geschichte eines Menschenalters zurückzublicken im Stande ist, und die Achivi qui plectuntur sind nicht immer die unmittelbaren Zeitgenossen der fehlerhaften Handlungen.“
      • Über Herrn Maaßen: „Offenheit verdient immer Anerkennung.“

      Ob sich Höcke des Namedroppings schuldig gemacht hat, also der Selbstaufwertung durch fremden Glanz, kann ich nicht beurteilen, da ich das besprochene Buch nicht gelesen habe. Sie haben das wohl getan, da sie so selbstsicher einzuschätzen wissen. Oder haben Sie dazu noch viel validere Erkenntnisquellen wie äußere oder innere Offenbarungen genutzt, vielleicht sogar die besonders verlässlichen vorlaufenden?

      Gefällt 1 Person

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