Suche nach der verlorenen Zeit

Zufällig stieß ich auf diesen Film, an dem man sich nicht sattsehen kann. New York 1911, scharfe Bilder, plastische Menschen, natürliche Bewegungen. 90 Jahre vor 9/11. Ein schwedisches Kamerateam hatte „drauf gehalten“, alltägliche Szenen in verschiedenen Milieus – darunter in der Mitte vermutlich auch China Town – festgehalten.

Was sieht man? Was sehen wir? Was sehen Sie?

Ich sehe Sauberkeit und Klarheit, sehe Individualität, sehe Stil, ordentliche Kleidung. Sehe – in einem Wort – Kultur und Kultiviertheit.

Ich sehe kaum übergewichtige Menschen, sehe keine Handys, sehe keine verschlossenen Menschen, keine Psychopathen, keine lüsternen oder despektierlichen Blicke auf die Frauen.

New York war damals schon die Stadt der Hektik, der Schnelligkeit, der Betriebsamkeit und ganz sicher bereits damals höllisch laut. Aber diese Hektik strahlt nach heutigem Maßstab unvorstellbare Ruhe aus.

Vor allem aber sehe ich – und das berührt mich am meisten – vor allem sehe ich Würde und Stolz! Menschen mit aufrechtem Gang, mit geradem und offenem Blick.

Und das über die Rassengrenze hinweg.

Es gibt keinen Grund zur Glorifizierung. Wir wissen aus der Literatur der Zeit um die zahlreichen Probleme und wir können auch auf diesen zehn Minuten einige davon erahnen. Es ist die Blütezeit des Taylorismus, Charlie Chaplins „The immigrant“ spielt in diesen Jahren am gleichen Ort, Upton Sinclair hatte ein paar Jahre zuvor in „The Jungle“ die industrielle Hölle in Chicago aus Sicht des zugewanderten Proleten geschildert, John dos Passos in „Manhattan Transfer“ wenig später die „neue Unübersichtlichkeit“ exemplarisch dargestellt, Theodore Dreiser mit empfindungsloser Beobachtungsgabe die aufkommende menschliche Kälte in vielen Facetten beschrieben …

Aber wir wissen auch von hoher Kultur, von einer verlorengegangenen Kunst der Konversation, wie sie etwa von Henry James in wunderbarer Weise überliefert und wie sie von Clive Bell, einem Engländer freilich, theoretisch begründet wurde.

Könnte ich, trotz dieser Widersprüche, wählen zwischen Menschen verschiedener Zeitalter, diese um die Jahrhundertwende wären wohl die interessantesten.

Daß just in jenen Jahren um den Ersten Weltkrieg und in den sogenannten goldenen 20er Jahren, den „roaring twenties“ „etwas“ passiert sein muß, sieht man auch, wenn man den New Yorker Film mit einem aus dem Paris des Jahres 1900

und einem aus New York 1930 vergleicht.

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10 Gedanken zu “Suche nach der verlorenen Zeit

  1. Hermann Becker schreibt:

    Vielleicht als Relativierung, vor allem was die Breite der Bevölkerung angeht, einen ähnlichen Film aus einer provinziellen deutschen Industriestadt, Saarbrücken, 1905. Damals nicht am Rande, sondern inmitten eines größeren Wirtschaftsraums gelegen, Elsaß-Lothringen.
    Sichtlich ärmere Leute sind neben wohlhabenderen zu sehen, es herrscht zwar große Geschäftigkeit, aber auch eine vergleichbare Ruhe und Würde unter Passanten und Flaneuren.


    Seidwalk: Besonders schön anzusehen, die sechs Herren, die sich 1:30 min begrüßen. Der gesamte Kanal ist eine wahre Fundgrube!

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  2. Stefanie schreibt:

    Was mir bei dem 1930er Film zuerst in den Sinn kam, war: Vermassung, Serienproduktion, Konfektion von der Stange. Die Straßen sind voller. Wo kommen die Leute her? Aus Wohnsilos, die noch später von gleichförmigen Subburbs, Einfamilienhaussiedlungen, abgelöste werden. Der chaotische Verkehr aus Pferdekarren, Droschken, Fahrrädern, Strassenbahnen und ersten Automobilen ist nun dominiert von vierrrädriger Fließbandware. Die Männer scheinen durchweg den gleichen Anzug und den gleichen Hut zu tragen. Kurz: ein Bild der Nivellierung, des Abschleifens von Unterschieden und zunehmend eine Anpassung nach unten.
    Wie sieht es in den Köpfen aus? Man vermutet, daß dort eine ähnliche Tendenz gewirkt hat. Man setzt sein Weltbild aus den Massenmedien zusammen: Radio, Zeitung, Kino und aus dem, was alle sagen, die genauso sind wie man selbst. Woran erkennt man, daß alle so sind wie man selbst? Sie leben in der gleichen Art Wohnung, tragen dieselbe Kleidung, fahren alle Auto (oder Zug oder E-Bike, je nach Gesellschaftsschicht). Kein Wunder, wenn man zu dem Schluß kommt, daß ja alle Menschen gleich sind – und die die anders aussehen, sich anders kleiden und andere Zeitungen lesen gar keine richtigen Menschen sind oder erst zu solchen gemacht werden müssen (durch Aufklärung bei den Alten und Integrationskurse bei den Neuen?). Serienproduktion hat etwas Totalitäres.
    Würden Sie nicht die Bilder aus den Metropolen vergleichen, sondern ländlichere Szenen, würden die Unterschiede noch stärker ins Auge springen – auch wenn zur letzten Jahrhundertwende die Zeiten der Trachten schon weitgehen passee waren. Schon der Habitus der Leute war anders, die Mimik und Gestik.
    Noch extremer ist dieser Angleichungsprozess nach dem zweiten Weltkrieg, wobei die Herkunft der überformenten Kultur deutlich auszumachen ist: es ist eine Amerikanisierung, vielleicht sogar Californication, McDonaldalisierung, wenn man so will: der gleiche Jeans und T-Shirt Look, die gleiche Sorte Musik, die gleichen Filme, die gleichen Läden und Fressketten. Dagegen sieht New York in dem 1911er Film sehr europäisch aus. Diese Dominanz wirkte sogar in den Ostblock hinein – die Sowjetunion konnte trotz eigener Filmindustrie die eigene kulturelle Hegemonie nicht durchsetzen und vor allem nicht in den Westen verbreiten. Hier lag vielleicht auch der Grund (oder einer der Gründe), warum dieses System seine Leute nicht mehr binden konnte: alle schauten Hollywoodfilme und machten sich ein Bild von der Großen Freiheit und dem Amerikanischen Traum, der aus der Retorte kam. Von der Werbung ganz zu schweigen.
    Ich denke, diese Überformung der europäischen Kiltur durch die Amerikanische, ist auch der Grund, warum innereuropäische Migration so akzeptiert ist: man erkennt sich nicht mehr als fremd, trägt die gleichen Klamotten, hört diesselbe Musik, fährt die gleichen Autos, Mode und Manieren sind vereinheitlicht – und was vielleicht das wichtigste ist: man bleibt bei der Kommunikation so im oberflächlichen, beim Small Talk, daß man keine Unterschiede untereinander wahrnimmt – sei es aus mangelnden Sprachkenntnissen, mangelndem Interesse oder wegen den Einschränkungen der digitalen Kommunikation (wenig Zeichen bei Twitter, nur Sensationelles dringt durch, Gestik und Mimik nicht vorhanden – wodurch feine Ironie leicht untergeht und als Feindseligkeit interpretiert wird etc.). Auch den Zugereisten der letzten Jahre wurde geraten – ob von den Schleppern oder interesserten Kreisen ist schwer zu sagen – sich betont westlich zu kleiden (Jeans, T-Shirt, Markenklamotten). Ich denke fast, der Widerwillen gegen die diversen Kopftuchvarianten kommt eher aus dieser Wahrnehmung der Fremdheit, die demonstrativ vor sich hergetragen wird (wie eine Flagge oder Uniform), als aus der Empörung über eine vermeintliche oder echte Unterdrückung dieser Frauen.
    Umgekehrt kann sich allerding eine Gesellschaft, die sich vollkommen in Subkulturen mit eigenen Dresscodes und Lebensstilen auflöst, nicht mehr als ein Volk wahrnehmen. Die Kontingenz des Selbstbildes durch die Geschichtsschreibung geht verloren – was für den einen eine Befreiung ist für den anderen eine Katastrophe. Wenn nicht mehr alle dasselbe Fernsehprogramm ansehen und Zeitungen lesen, in denen immer dasselbe steht, haben sie gezwungenermaßen auch alle ein anderes Bild von der Welt. All die Blogs und Youtube-Videos bewirken auch eine Zersplitterung: man kann auf einmal nicht mehr davon ausgehen, daß der Mensch in der gleichen Kleidung und mit der gleichen Sprache wie man selbst, sich in wesentlichen Dingen einig mit einem ist, wie der Zustand der Welt um einen herum ist. Vielleicht wachsen daraus ja wieder neue soziale Differenzierungen, die sich irgendwann auch im Äußeren widerfinden. – Und sei es durch solche Überbietungswettbewerbe mit Farbe und Metall an diversen Körperteilen.

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    • Sebastian Wohlfarth schreibt:

      Die Amerikanisierung, Globalisierung – oder wie immer man es nennt – wird tatsächlich besonders deutlich beim Gang durch beliebige (west)europäische Innenstädte – genormte Läden, genormte Auslagen, genormte Genüsse. – Als ich allerdings 2003-2004 im siebenbürgischen Hermannstadt als Lehrer und Pfarrer tätig war, empfand ich die in diesen Jahren auch in Rumänien einsetzende „Amerikanisierung“ als befreiend und heilsam, was mit den Eindrücken von Reisen und Hilfstransporten in den frühen 90er Jahren zusammenhing, kurz nach dem Ende des Nationalkommunismus. DDR mal zehn, ein durch Ceausescus autarke Diktatur in Furcht und Elend gestürztes Land, eine jämmerliche Folklorehölle. Als dann „der Westen“ langsam Einzug hielt, wurden die abgehärmten, verstörten Mädchen dort auf einmal so schön wie in Ungarn oder Polen … – Persönliche Eindrücke, damals von mir in einer Art Tagebuch festgehalten, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber so können die Perspektiven immer mal wieder kippen. Inzwischen ist mir das Hermannstädter Stadtzentrum auch schon fast zu „westlich“, der rumänische Südosten wirkt deutlich authentischer. Aber auch ärmlicher, verkommener, korrupter. Der rechte Weg ist immer ein schmaler Grat zwischen Versteinerung und Versumpfung …

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  3. Sebastian Wohlfarth schreibt:

    Neben der üblichen Kintopp-Nostalgie spielt sicher auch eine Ahnung von der Potentialität hinein, die sich in diesen Bildern und Szenen verbirgt. Die alte „Was-wäre-wenn…-Diskussion – welche künftige Entwicklung hätte das Ganze nehmen können, wären ein paar geschichtliche, gesellschaftliche Stellschrauben ein wenig anders gedreht worden? Darauf gründen z.B. die Steam Punk-Visionen oder die heroischen, nuklearen, analog-kristallinen SF-Szenarien des Golden Age. Statt dessen haben wir nun Joko und Klaas, dazu Conchita Wurst … Übrigens empfinde ich bei Bildern noch aus den 60-Jahren ähnlich (James Bond, Der Kommissar, Franzosen-Krimis). Aus mancherlei Gründen hat der damalige Protest im Westen, der ja auch nicht von ganz ungefähr kam, „die Kurve nicht mehr gekriegt“. Um (etwas simplifiziert) bei der deutschen Variante zu bleiben: Nicht der Ehemann Dutschke mit seiner Büchertasche hat den weiteren Lauf der Dinge geprägt, sondern die Kommune 1 …

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  4. lynx schreibt:

    Sehr schöner Film, dankeschön! Im Blick zurück kann jeder das sehen, was ihm frommt. Der eine sieht Sauberkeit und Klarheit, der andere Pferdemist und Smog. Die Battery sieht noch heute ähnlich aus und auch die Fahrt mit der Staten Island Ferry hat sich kaum gewandelt. Hier ein wenig vom Zeitzeugen Walt Whitman:
    „Ich frage nach etwas Besonderem und Makellosem für meine Stadt,
    Woraufhin, sieh! ihr einheimischer Name aufsprang. […]
    Die zahllosen Masten, die weißen Küstendampfer, die Leichter, die Fähren, die schwarzen wohlgeformten Hochseedamper,
    Die Straßen der Unterstadt, die Geschäftshäuser der Arbeiter, die Geschäftshäuser der Handelsschiffer und Börsenmakler, die Straßen am Fluß,
    Ankommende Einwanderer, fünfzehn- oder zwanzigtausend in der Woche,
    Die Lieferkarren voller Waren, die mannhafte Gattung der Pferdekutscher, die braungesichtigen Matrosen […]
    Die Handwerker der Stadt, die Meister, wohlgestaltet, schöngesichtig, sie sehen dir direkt in die Augen,
    Gedrängt volle Bürgersteige, Fuhrwerke, der Broadway, die Frauen, die Läden und die Shows,
    Eine Million Leute – freie vorzügliche Manieren – klare Stimmen – Gastlichkeit – die überaus mutigen und freundlichen jungen Männer,
    Stadt stürmenden sprühenden Wassers! Stadt der Spitzen und Masten!
    Stadt, in Buchten eingenistet! meine Stadt!“ (aus: Mannahatta)

    „Ich bin ein Freischärler, ich biwakiere an Wachtfeuern der Eindringlinge,
    Ich wälze den Bräutigam aus dem Bett und bleibe selbst bei der Braut,
    Ich presse sie die ganze Nacht an meine Schenkel und Lippen.

    Meine Stimme ist die Stimme der Frau, ihr Kreischen am Treppengeländer,
    Man bringt die Leiche meines Mannes herauf, triefend und ertrunken […]

    Ich bin der gehetzte Sklave, ich zucke beim Biß der Hunde,
    Hölle und Verzweiflung liegen auf mir, die Scharfschützen lassen es knallen und knallen,
    Ich umklammere die Latten des Zauns, mein Blut tröpfelt, verdünnt vom Schweiß meiner Haut,
    Ich stürze auf Unkraut und Steine […]

    Dies ist die Stadt und ich bin einer ihrer Bürger,
    Was immer die anderen interessiert, interessiert mich, Politik, Kriege, Märkte, Zeitungen, Schulen, Bürgermeister und Räte, Banken, Tarife, Dampfer, Fabriken, Aktien, Geschäfte, Grundbesitz und persönliche Habe.
    Die zahllosen kleinen Männlein, die mit Kragen und Frackschößen herumhüpfen,
    Ich weiß genau, wer sie sind (sie sind ganz sicher nicht Würmer oder Fliegen)…
    (aus: Gesang meiner Selbst)

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  5. Pérégrinateur schreibt:

    Je nachdem, worauf man die Kamera richtet – auf die Schokoladenseite der schönen Quartiere oder auf die Hinterhöfe. In Paris etwa hätte es in den Zofenmansarden, in Belleville oder gar in der von Céline verewigten Zône vor dem alten Festungsgürtel deutlich anders ausgesehen. Zu den vielen Zugpferden gehörten wohl viele Stallknechte, die Städte müssen damals gewaltige Mengen an Mist in die umgebenden Gartenbauregionen exportiert haben.

    Ich würde sehr davon abraten, sich ein unrepräsentatives Bild zeigen zu lassen und dann in prototypischer Wahrnehmung auf „den“ Menschen einer bestimmten Epoche zu schließen.

    Eine Klage von Ihnen über „den“ verschwundenen Hut bei Männern wie Frauen wäre allerdings nicht ungegründet, und der würde ich mich auch sofort anschließen. Auch machen Frauen mit Rüschen und Spitzen am Kleid mehr aus sich, solche mit beringten nackten Bauchnabeln dagegen weniger. Letztere lassen mich immer an die Verzweiflungsmethode der Spartiatinnen denken, die sich auf der Agora nackt zeigten, um durch die offene Darbietung gewisser Körperteile vielleicht doch noch einen Mann abzubekommen. Oh Mädels von heute, fehlt wirklich so vielen unter euch jeder nichtphysische Charme?

    Woher kommt übrigens dieser Drang heute zur Körpermodifizierung, diese Körperhaarrasuren, Tätowierungen, Lochungen, kosmetischen Operationen vom Occiput bis zu den Zehen? Unlängst habe ich einen jungen Bankberater gesehen mit Beringungen vom einen Ohr über den Mund hinweg bis zum anderen, während früher sogar schon Bankkassierer vom Chef gerüffelt wurden, die während der Hundstage in kurzen Hosen hinterm Tresen stehen wollten.

    ――――――――

    Beerdigt wurde im dritten Film (New York um 1930) übrigens Steve Katovis, hier mehr zu dem Casus (in natürlich parteilicher Sicht):

    https://www.marxists.org/history/usa/parties/cpusa/international-pamphlets/n09-1930-Steve-Katovis-Life-Death-Worker-AB-Magill-Joseph-North.pdf

    Zu “Tammany”, siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Tammany_Hall

    Die etwas angeheizte Stimmung ist jedenfalls nachvollziehbar.

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    Durch eine Politik der starken Immigration soll stets eine Unterklasse ins Land gezogen werden, mit der man die Löhne drücken kann; diese Rolle fiel bei der frühen, von Engels beschriebenen englischen Industrialisierung den Iren zu, über entsprechende zumindest Teilmotive bei der Gastarbeiteranwerbung ließ sich der späte Helmut Schmidt mehrfach in Interviews aus. Die alte Linke war in den Einwanderungsländern deshalb gewöhnlich antiimmigrationistisch eingestellt; man kann noch entsprechende Reden von Georges Marchais auf Youtube finden aus der Zeit, ehe seine Partei, die KPF, dann ebenfalls den Schwenk von den hauptwidersprüchlerischen Lohnabhängigen zu den hundert nach Anerkennung jammernden Minderheiten, heute ja sogar Geschlechtern machte. Dass die ökonomische Klugheit der Oberklasse allerdings so weit gehen kann wie heute, sich eine Unterklasse ins Land holen zu lassen, die ihren Unterhalt gar nicht selbst wird verdienen können, hätten sich die frühen Globalisierer wohl nicht träumen lassen. Vielleicht führt die Suche nach wenigstens irgendjemandes Zweckrationalität also ins Nichts, weil Rationalität heute ohnehin nur Schnee vom vergangenen Jahrhundert ist.

    In Flaigs „Weltgeschichte der Sklaverei“ kann man übrigens lesen, dass die Halter, um Aufstände von Plantagensklaven zu verhindern, diese tunlichst ethnisch mischen mussten. Vielleicht genügt für den gewünschten Effekt auch schon die ideologische Tribalisierung von ein und derselben Ethnie? Aber ob die dann politisch gebotenen Politkommissare für jedwede gefühlte Diskriminierung nicht den betrieblichen Output zu sehr senken und die in Teilzeit auch noch Rollenmodell spielenden Quotenaufsteiger die nötige Arbeitsproduktivität haben werden? Danisch würde wohl verneinen, aber der ist ja auch aus dem letzten Jahrhundert.

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    • Sicher, man muß beide Seiten oder mehr noch: alle Seiten sehen. Wir müssen obige Szenen ja auch nicht mit „Berlin Alexanderplatz“ vergleichen, sondern mit einer normalen Szene im heutigen New York, Berlin, Paris. Dann wird der Unterschied doch sichtbar.

      Wenn ich heute durch eine europäische Großstadt gehe, dann habe ich nicht das Gefühl, man könne sich mit vielen dieser krummrückigen Zeitgenossen zivilisiert über ein wichtiges oder auch nur „interessantes“ Thema sachkundig unterhalten, während die dortigen Herrschaften und Frauschaften doch diesen Eindruck hinterlassen. Ob sie ihn erfüllen, mag man bezweifeln – aber sie sehen immerhin noch so aus, sie geben noch Hoffnung.

      Angesprochen ist die Frage des Fortschrittes. Mir scheint die Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jh., dessen erste Jahrzehnte bis zur großen Katastrophe, waren eine kulturelle Blütezeit, an die wir längst nicht mehr heranreichen und die vielleicht den kulturellen Höhepunkt dieser unserer Epoche darstellte. Man erkennt das – den Höhepunkt – auch daran, daß es gewichtige Stimmen gab, die auf dem Gipfel und vom Gipfel her denkend den notwendigen Abstieg schon sahen: Nietzsche, Spengler, Evola, Heidegger …

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Es könnte sein, dass Ihre Hoffnung auf einer täuschenden Assoziation beruht. Wenn Sie heute einerseits einem bürgerlich-adrett Gekleideten und andererseits einem Baseballkappenträger begegnen, können sie einigermaßen sicher sein, mit welchen von beiden ein Gespräch mehr verspricht. Doch vor dem Weltkrieg war die hohe Zeit der Bürgerlichkeit, wo fast alle Schichten ihre Wohlanständigkeit durch ihre Kleidung anzeigen wollten bis hinunter zu den im Sonntagsstaat wandelnden Proleten. Im ersten Film gut illustriert durch diese chinesischen oder eher japanischen Anzugsträger bei einer Beerdigung im ethischen Viertel. Die „feinen Unterschiede“, die auch damals ähnliche Schlüsse erlaubt hätten, erkennt von uns Späteren kaum mehr einer. (Ein Freund von mir könnte es wohl, er ist Kunstgeschichtler mit entsprechendem Interessenfeld, und kann etwa so nebenbei sagen, nein, jenes alte Foto könne nicht aus der und der Zeit stammen, weil die Damen damals schon eine andere Art von Korsett trugen bzw. die eine da trägt wohl die alte Mode ihrer Herrin auf.)

        Fehlschlüsse aus vermeintlichen äußeren Wohlanständigkeitsanzeichen können den Klügsten unterlaufen. Joachim Fest etwa hat Speer abgenommen, dass er von den menschenschinderischen Verhältnissen in den Rüstungs-KZs nichts gewusst habe und hat ernst später eingesehen, dass ihm da wohl etwas vorgemacht wurde. Ich wette, Fest war da mehr oder eher weniger bewusst durch den großbürgerlichen Habitus Speers voreingenommen zum „Einer von uns, nicht so ein Nazirüpel“. Auftreten konnte dieser nämlich in perfekter und höflichster Form; ein Freund von mir war einmal in Heidelberg bei Speers zu einer Abendgesellschaft mit eingeladen und konnte den beeindruckenden, damals noch lebenden Patriarchen erleben.

        Und selbst die wirkliche Bürgerlichkeit war nie eine Garantie etwa für Bildung. Lesen Sie den Bel Ami von Maupassant, etwa mit diesen im Bilboquet konkurrierenden Journalisten und den gebildeten Frauen, die reihenweise auf diese Null hereinfallen!

        ―――――――――――――

        Ich konzediere also nicht, dass das mittlere Niveau seit der Belle Époque gesunken wäre. Jedoch scheint mir das Mittelmaß und der Konformismus zugenommen zu haben, vermutlich durch die allgemeine Medienbeschallung, letztlich durch die schon von Tocqueville beschriebene Diktatur der Mehrheit und durch die Konformisierung der Lebenverhältnisse. Es sind heute fast alle Angestellte mit der entsprechenden Mentalität, während es früher, was auch immer man von ihren Taten halten mag, auch in merklichem Maße Entdecker und Eroberer gab, Deserteure im Wald und Strauchdiebe, Einsiedler, Mönche, Pfaffen, Handwerker, herumziehhende Zigeuner, Dienstboten, Industriearbeiter und Büroangestellte, stadtferne Bauern ohne Zeitungsabonnement, alle mit jeweils ganz anderen durch ihre Lebensweise induzierten Einstellungen und teils erhr spezifischem Berufsethos. Sogar Wissenschaftler, ein Beruf, der früher ein Reservat für viele gewissenhafte Eigenbrötler war, sucht man ja heute zum „Netzwerken“ und zur schamlosen Selbstreklame abzurichten. Das alte Achtungssystem ist tot und es zählen vor allem die eingeworbenen und „mitgebrachten“ Drittmittel, das Beruf wächst also mit dem Sales Manager zusammen und manchmal noch mit dem „aktivistischen“ Journalisten zusammen. (Siehe dazu etwa die Auftritte von Schellnhuber.)

        Durch diese Homogenisierung fehlt wohl vielen heute die bereichernde Außensicht auf ihre Lebensweise und Haltungen. Alle glauben, sie besäßen eine noch nie dagewesene Freiheit, sind aber mehr- und einheitlich abgerichtet wie kaum je früher und fallen auch deshalb aus allen Wolken, wenn sie auf noch nie gehörte Ansichten treffen.

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      • Dennoch darf man die Weisheit des Spruches „Kleider machen Leute“ nicht unterschätzen. Eine Kleidung formt einen Menschen im Sinne der Formgebung. Wer einmal eine Uniform getragen hat, der weiß, was diese – sofern sie geachtet wird – mit einem machen kann.

        Ich arbeitete als Student ein paar Wochen in einem Supermarkt und trug eine Schürze. Damit war ich als Ich nicht mehr zu erkennen – es kamen ständig Leute und fragten mich die unsinnigsten Dinge: ob man Waschmittel X auch für Buntwäsche nehmen könne, welches Katzenfutter am besten schmecke oder ob ich glaube, daß diese Blumen seiner Frau gefallen könnten (die ich natürlich nicht kannte). Und das, obwohl ich für die Fahrradabteilung zuständig war. Sehr schnell hatte ich gelernt, daß Unwissen nicht goutiert wurde, also gab ich Antworten, positive und ermutigende und die Leute waren es zufrieden. Ich selbst war zum clerk und zur Autorität geworden. Die Leute glaubten mir ob meiner Schürze mit der Aufschrift „Meister“ … Das funktionierte auch negativ: ich riet den Kunden ab, die billigen Räder zu kaufen – und auch das wurde anerkannt … es folgten wirkliche Kundengespräche (kannte mich damals noch mit Radtechnik aus). Die Leute hätten meiner „Expertise“ mit Sicherheit mißtraut, hätten sie geahnt, daß ich Philosophie studiere.

        Wer Anzug trägt, so lautet die Vermutung, ist weniger anfällig, eine Häuserwand mit Graffiti zu besprühen, auf die Straße zu spucken oder unflätig zu fluchen … Die Menge der Intelligenz oder Moral nimmt damit nicht zu, aber sie dürfte doch anders dargestellt werden. Umgekehrt dürfte jemand, der Bomberjacke und Springerstiefel trägt, eher dazu neigen, aggressiv aufzutreten, selbst wenn man Jesus persönlich hinein gesteckt hätte.

        Übrigens: Ob der Hut beim inneren Aufrichten hilft? In Yoga-Kursen wird gern das Bild des Fadens, als Verlängerung des Rückgrates, genutzt, um die Wirbelsäule zu straffen. Möglicherweise hat der Hut, der Zylinder wohl am stärksten, eben diese Wirkung: man muß aufrecht gehen, den Kopf anheben, um ihn tragen zu können. Hilfsmittel zur Vertikalspannung.

        Die Liste der upper-class-Hohlköpfe in der Literatur ist Legion. Auch die der Bösewichte. Aber sie waren immerhin böse und hohl mit Stil.

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