Ungarn in Rock

Jede Lebensphase hat ihre Musik. Drei Jahrzehnte lang, in Wellen der Intensität, vertrat ich die Ansicht, daß Musik, die es wert ist, gehört zu werden, eines leisten müsse: sie dürfe Welt nicht ausblenden, sondern müsse auf sie hinweisen. Sloterdijk hatte – da lag mein Musikgeschmack längst fest – diese Gedanken in „Weltfremdheit“ theoretisch untermauert.

Musik mußte erlitten werden. Es half nichts. Man mußte sie sich in vielen Wiederholungen und unter hoher Aufmerksamkeit erarbeiten. Musik, die durch zu viel Harmonie auffiel, die gefallen, die auf sich selber aufmerksam machen wollte, indem sie Welt aus- oder verblendete, mied ich mit Vorsatz, wohl wissend, welch zirzensische Macht sie haben kann und welch verheerende Folgen für den kritischen Verstand.

In der Folge suchte ich aktiv hochkomplexe musikalische Strukturen; eine Musik ohne Brüche, eine Tendenz, vordergründige Harmonie und Wohlklang waren mir suspekt. Ein Gespräch mit Gleichgesinnten war dadurch massiv erschwert – die meisten, man mußte es sich eingestehen, wollten nicht hören: sie wollten Ablenkung.

In Ungarn wurde all das – sogar verschiedentlich Ausgearbeitete und Gedruckte – über den Haufen geworfen. Ich hörte im Herbst zum ersten Mal „Kárpátia“ und höre sie seither täglich.

Kárpátia in concert

Die Mischung aus bass- und gitarregetriebenem Folk- und Hardrock, aus Volkslied und Heavy Metal mit unglaublichem Drive und großer Positivität und Lebenslust geht wie eine perfekte Droge sofort ins Blut, macht high, energetisiert, belebt, ohne Kater, ohne Erschöpfung und Depression nach dem Kick zurückzulassen.

Die Band ist rechts, keine Frage. Kaum ein Song, in dem nicht von Ungarn, der Heimat, von Gott die Rede ist. Die Geschichte wird besungen, die Helden, die Krone, der ungarische Adler, und auch Trianon wird in Frage gestellt. Eines ihrer populärsten Lieder endet mit dem kraftvollen Refrain „Vesszen Trianon“ – „Nieder mit Trianon“.

Aber hier wird es interessant, der Unterschied zu Deutschland eklatant! Eine solche Zeile wäre bei uns kaum möglich, ohne massiven Protest zu erregen. In Ungarn dagegen ist die Band unglaublich populär – sie gehört zu den größten acts im Lande und stürmt regelmäßig die Charts. Seit vielen Jahren reisen sie landauf, landab, um hunderte und tausende Konzerte zu geben. Allein die Tour 2017 weist fast 100 Auftritte auf. Einer davon in Tompa. Da müssen wir hin!

Auf der Landkarte sieht Tompa aus wie eine kleine Stadt. Tatsächlich entpuppt es sich als verlorenes und weitläufiges Nest mitten in der Pampa. Die Pampa ist in Ungarn die Puszta.  Im Zentrum eines Spinnennetzes aus von schiefen Elektromasten gesäumten – es nisten Störche darauf – Landstraßen steht ein überproportioniertes Rathaus und daneben ein ebenso schmuckes Kulturhaus. Friedlich wehen ungarische, europäische und die Szekler-Flagge nebeneinander.

Wir sind allein, als wir anderthalb Stunden vor Konzertbeginn ankommen.

Die Karte kostet 2500 Forint, acht Euro! Überhaupt scheint die Band wenig kommerzielles Interesse zu haben. Alle Lieder sind auf ihrer Webseite frei erhältlich. Im Foyer haben sich Devotionalienstände aufgebaut. Kárpátia-Merchandise neben nationalen und nationalistischen Accessoires: T-Shirts mit patriotischen Sprüchen und Schwüren, Árpád-Flaggen, Gürtel mit Großungarn-Schnallen, Anstecker … das ganze Arsenal.

Bevor wir das Innere erreichen, werden wir akribisch gefilzt. Die Männer am Einlaß sind Kolosse mit dicken Bäuchen und Armen. Einer sagt etwas zu uns, aber da ich ihn nicht verstehe, frage ich ihn, ob er Englisch spreche. „Nem!“, kommt  prompt zurück, „hier wird nicht Englisch gesprochen, wir sprechen Ungarisch!“ Dann besinnt er sich doch und sagt, daß wir drinnen nicht rauchen dürften. Ein anderer umfaßt meine Hand wie eine Baggerschaufel und drückt einen Stempel drauf. Hier wird nicht lang gefackelt, das sind richtige Männer.

Pünktlich um acht geht es los. Ohne große Sperenzien kommen die Musiker auf die Bühne, greifen ihre Gitarren und hauen richtig rein. Zwei bildhübsche Mädchen in kurzen Röcken dienen der Augenweide, spielen aber auch ganz gut Flöte und Cello.

Live in Tompa

Das Publikum ist sofort da, plötzlich ist der Saal voll. Man sieht alle Altersklassen. Sicher, die „alten Männer“, die Rockgeneration ist stark vertreten, aber auch viele junge Leute sind gekommen, auffällig viele Frauen und sogar ein paar Kinder. Auch einige bekennende Rechte sind da, mit kahl geschorenen Köpfen und Poloshirts, doch sind es wenige. Einige haben Fahnen dabei, Ungarnflaggen, die mit Ortsnamen beschriftet sind. Ein stiernackiger Kerl mit rotem „Magyarország“-Hemd hält seine Fahne wie eine Ikone zwei Stunden lang eisern vor seinen Kopf und wird mit einem Fingerzeig des Sängers belohnt.

Der ist ein charismatischer Typ, zieht alle Aufmerksamkeit an sich. Unter seinem Bart scheint er ununterbrochen zu lachen. Daß er ein Mensch mit Herz ist, beweist er bei zwei Unterbrechungen. Einmal lädt er ein pubertierendes Mädchen auf die Bühne, die einen Song singen will – und angesichts der Kraft der Musik ziemlich kläglich scheitert –, kümmert sich fürsorglich um sie, ein anderes Mal wird ein Paar auf die Bühne gerufen: sie feiern heute ihren 15. Hochzeitstag und der Mann darf der Frau einen opulenten Blumenstrauß übergeben. Vom Adrenalin angeheizt, geben sie sich einen wilden Zungenkuß; der pubertäre Sohn, der neben ihnen steht, erschrickt für einen Moment, hat die Eltern wohl so intim noch nie gesehen, aber die Mutter wendet sich um und herzt auch ihn. János Petrás, der Sänger und Träger des Goldenen Verdienstkreuzes, nimmt die Gelegenheit zum Anlaß, die Institution der Ehe zu feiern.

Das ist für deutsche Augen und Ohren ein Widerspruch: da singt einer patriotische und auch nationalistische Lieder, aber will als haßverzerrter Nazi nicht taugen, zeigt ganz menschliche Züge und auch die Musik ist durch und durch positiv. Ja, sie ist mitreißend. Als die Menge „Vesszen Trianon“ grölt, gröle ich mit.

Auch das Publikum ist in keiner Form aggressiv. Sie kennen alle Texte auswendig und singen eifrig mit. Immer wieder schweigt der Sänger einen Reim lang, um zu hören, ob noch alle dabei sind, und fällt nie ins Leere. Jedoch, es wird nicht getanzt – die Ungarn zeigen sich mal wieder als „gehemmt“ – und es wird auch nicht gepogt, wie das bei rechtsradikalen oder Punk-Bands in Deutschland wohl gang und gäbe ist.

Ohne Pause wird das Programm routiniert, aber mit Seele, heruntergespielt. Zum Schluß gibt es ein Gitarrengewitter, in dessen Mitte die Massen noch einmal auf die Nation eingeschworen werden. Die Band tritt ab. Die Menschen johlen, fordern die Zugabe. Man läßt sich nicht lange bitten, bringt noch drei Speedsongs. Dann folgt ein cleverer Trick: die Melodie der Nationalhymne wird angespielt. Plötzlich stehen sie alle stramm und singen gemeinsam mit Kárpátia im Chor. Man ist gerührt, man ist bewegt, man ist ergriffen. Einige wenige beginnen danach erneut nach einer Zugabe zu rufen, aber die meisten haben begriffen: Höher geht es nicht.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ungarn in Rock

  1. Daniel schreibt:

    Danke für den Tipp! Das kommt auf jeden Fall in meine Playlist. Auch wenn ich kein Wort verstehe. Aber vielleicht ist das teilweise gar nicht so schlecht….

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s