Welthaltigkeit und großes Erzählen

„Wenn man an meinen Büchern die Tendenz des Autors erkennen könnte, hätte ich völlig versagt“. (Michael Köhlmeier)

Ellen Kositza schrieb im Heft 68 der „Sezession“: „Als man sich jüngst in netter Runde wieder in fröhlichem Kulturpessimismus erging, mußte an einer Stelle jäh Einhalt geboten werden: Es gäbe heute auch keine Erzähler mehr, klagte einer. Da irrte sich der Gast gewaltig.“

Zufälligerweise war ich bei dieser Szene dabei.

Der Gast bekannte, sich seit langem von der Gegenwartsbelletristik verabschiedet zu haben, weil der Aufwand – geistig und auch finanziell – zu groß sei, ungefähr eins zu zehn, um ein wirklich lesenswertes Buch zu finden (Sloterdijk meint sogar, daß „98 Prozent der Produkte dieses Genres besser eingestampft würden“) und weil man auch den Ankündigungen und Rezensionen nicht mehr trauen könne. Denn oft fehle denen die Expertise und kommerzielle Interessen spielten bei den immer gleichlautenden Anpreisungen des „bedeutendsten Romans der Saison“ o. ä. eine Rolle.

Es fiel dann der entscheidende Satz, und zwar als Fragesatz: „Gibt es heute denn noch großes Erzählen?“

Ellen Kositza, eine beeindruckende Vielleserin und um die Ecke denkende Kritikerin, bejahte vehement und nannte ein paar Namen, von denen mir die meisten nichts sagten und die ich daher vergessen habe. Wohl erinnere ich mich an Köhlmeier, an Mosebach und auch an Juli Zeh. Das freilich machte mich stutzig. Sprechen wir vom gleichen Gegenstand? Was ist großes Erzählen?

Kositza fährt in ihrer Besprechung im Heft 86 fort: „Freilich gibt es sie, die großen Erzähler deutscher Zunge! Michael Köhlmeier nimmt fraglos einen der obersten Ränge ein.“ Es geht um dessen neuesten Roman „Bruder und Schwester Lenobel“, 540 Seiten.

Und dann folgt eine überschwengliche Besprechung, in der auch das wunderbare Wort „welthaltig“ fällt. Später kam mir zu Bewußtsein – wie gesagt als modern-belletristisch hoffnungslos Abgehängter – den Namen Köhlmeier doch schon ein Mal gehört zu haben … nämlich in einer anderen Besprechung der Kositza aus dem Jahre 2014. Auch dort fällt das wundersame Wort „Welthaltigkeit“. Frau Kositza ist also Fan – wenn man so sagen darf. Und wer das nicht glaubt, der sollte die vierte Folge von „Aufgeblättert – zugeschlagen. Mit Rechten lesen“ sehen.

Es gilt: Wenn K&K kritisieren, dann halt die Klappe und hör zu. Konkret: den Köhlmeier mußt du nun lesen und schauen, ob wir über das Gleiche sprechen – großes Erzählen – und was „welthaltig“ denn nun sei.

Es versteht sich von selbst, daß man ein Buch unter diesen Vorzeichen besonders kritisch liest – da mag man so objektiv sein wollen, wie man will – und daß es klammheimlich von Beginn an darum ging, die Kritikerin zu widerlegen.

Tatsächlich entpuppt sich Köhlmeier als begabter, ich sage noch mehr: als begnadeter Erzähler und das Buch ist – für einen modernen Roman – wirklich gelungen. Es ist das eine unter zehn. Köhlmeier ist klug und er kann schreiben. Er spricht viele und große, ja ewige Themen an: Schuld, Reue, Rache, Identität, Sündenbock, Liebe, Tod, Haß, Langeweile, die Juden, der Glaube, der Sinn  … you name it.

Zwei Aspekte fand ich in dieser Geschichte oder in diesen Geschichten – denn das Buch ist in 13 Kapitel unterteilt und verfolgt in jedem, grob gesagt, eine andere Person aus dem familiären und sozialen Umkreis des Ehepaares und des Geschwisterpaares Lenobel und reist dazu durch halb Europa – faszinierend. Wie Köhlmeier die zwingende Konsequenzhaftigkeit des menschlichen Zusammenseins beschreibt, wie also unser Beieinandersein Folgen hat, die oft nicht abzusehen und einzuschätzen sind, die aber da sind, ob wir es wollen oder nicht.

Und der Auschwitzschweif, wie ich es nennen möchte, wie Auschwitz als weitergegebenes Erbe unser Leben – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger – noch immer dominiert. Dieses historische Großereignis steht ungenannt hinter fast allen menschlichen Tragödien des Buches.

Auch gelingen dem Autor immer wieder ein paar spannende Exkurse zu mehr oder weniger philosophischen Themen (Hören, Langeweile etc.) und auch die gelegentliche aphoristische Zuspitzung steht ihm zur Verfügung.[1]

Spätestens als Köhlmeier über die Redewendung „das Auge deuten“, „er konnte ihr Auge nicht deuten“, philosophiert, wurde mir bewußt, daß ich das Buch (auch) mit Kositzas Augen zu lesen versuchte, daß in mir die Frage waltete: was hat ihr Auge gesehen? Oder anders: Wie kommt es, daß sie die Schwächen des Buches nicht erkannt zu haben schien? Und was, zum Teufel – ein Haupttopos des Buches –, meint sie mit „welthaltig“? Und mit „großem Erzählen“? Da sprang mir Köhlmeier selbst zu Hilfe, als er festhielt: „daß wahre Literatur daran zu erkennen war, ob sie beim Leser eine Freude an sich selbst wecken konnte.“

Das ist in der Tat ein bedeutendes Kennzeichen wahrer Literatur oder: „großen Erzählens“. Den großen Erzähler erkennt man daran, daß er weder Stoff noch Handlung braucht, um bannend zu erzählen. Das ist eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung: wer das kann, ist ein großer Erzähler, aber nicht alle großen Erzähler können oder tun es. Dennoch ist es ein valides Indiz. Verläßt sich ein Autor nur auf die Handlung, erzeugt er Spannung nur durch deren szenisches Vorantreiben, so steht er zumindest unter dem Verdacht, kein großer Erzähler zu sein.

Moderne Prosa, das sind oft „und-dann-Geschichten“ und „und-dann-Geschichten“ fehlt zumeist die innere Notwendigkeit, der innere Zusammenhang, sie ergeben sich nicht notwendigerweise aus dem Vorhergehenden, sie entwachsen ihm nicht organisch und folgerichtig, sie sind kein großes Ganzes, sie können die Frage „Wozu?“ nicht ausreichend begründen. (Das kann regelrecht abstoßend werden: Wozu etwa die Vergewaltigung Hannas durch muslimische Albaner, wenn nicht, um auch dieses Thema noch einzubringen und negatives virtue signalling zu betreiben – derartige Szenen sind nicht selten, aber sie leisten – von einem weiteren „und-dann“ abgesehen – nichts.)

Daß das so ist, hat seinen guten Grund. Es gibt keine Individuen, Unteilbare mehr, die Gesellschaft fragmentiert, den Menschen mangelt es an einer leitenden Identität, ein stützendes Moralgerüst ist nicht mehr auszumachen und der alles ordnende uns ausrichtende Gott ist auch schon lange tot. Große, ganze, heile, komplette Gebilde zu schaffen wirkt weltfremd und anachronistisch und meist wohl auch lächerlich. Kaum jemand tut das noch – vom Heimatroman, von der Schnulze vielleicht abgesehen – und wenn doch, so muß es in irgendeiner Form, bevorzugt ironisch, gebrochen werden. Damit sind „der Freude an sich selbst“ enge und scheinbar unüberwindliche Grenzen gesetzt. Und es wurde das Tor zu jeglichem Geschreibsel geöffnet, denn wenn Form und Strenge nicht mehr wirken, dann kann jeder alles – und warum nicht auch Schriftsteller sein?

Entsprechend gestaltet sich auch die Welthaltigkeit. Der Begriff ist nicht falsch, aber man muß seine moderne Bedeutung ermessen und Köhlmeiers Roman taugt vorzüglich, um den Sinnwandel aufzuzeigen. Es steckt unglaublich viel Welt in dem Buch. Halb Europa (und mehr) schon mal: Wien, Berlin, München, Dublin, Jerusalem, Bogota … Es steckt ganz viel ganz konkrete Welt drin und das meiste läßt sich sogar googeln: die Tomatenplantage im „Focus“, der noch immer schmerzende Köhlmeier-Verriß durch Reich-Ranicki (24.30 min), die Orte und Plätze, die historischen Ereignisse und Personen … alles echt, alles Welt. Auch im Kleinen pure Welthaltigkeit, etwa wenn Sebastian Lukasser nach seiner Prostata-OP „ein Tropfen in die Hose ging“, wenn er stehen blieb und all diese irrsinnig realistischen Details, großartig gesehen und beobachtet!

Vor allem aber steckt in jedem Kapitel eine neue individuelle Welt. Der Roman wandert von einer Welt zur anderen, mit vielen Brüchen und noch mehr sanften Übergängen. Es wird viel Welt zusammengestopft wie in einen Sparstrumpf – die korrekte Metapher ist weder der Fluß noch der Baum, sondern der Sack.

Die Welt als solche, die freilich, kann man dort nicht mehr finden – sie ist von den Welten verdeckt. Oder: von der modernen Welt.

Großes Erzählen – das ist das zweite Merkmal – schafft eine Welt an sich, eine Welt, die etwas bedeutet, die für etwas steht, zeichnet die Welt … und ich sage und wage noch mehr: Wirklich großes Erzählen umkreist einen Archetyp, ein Grundmuster, ein Urwort, ein tiefmenschliches, ewiges Problem und deswegen erinnert man sich an ein wirklich großes Buch noch nach Jahrzehnten, wenn selbst alle konkreten Konstellationen und Figuren verblaßt sind, dann weiß man noch immer: es ging um dies oder das!

Worum ging es Köhlmeier? Wir wissen es nicht. Um zu viel jedenfalls in der Menge und um zu wenig in der Tiefe.

Und schließlich ein drittes Signum „großen Erzählens“: die Sprache. Es ist schwer, den Finger auf die Wunde zu legen. Köhlmeier schreibt flott, gekonnt, gewitzt, auch hintergründig, aber nicht unverkennbar eigen. Wenn ich dagegen nur einen Satz von großen Erzählern lese, ganz unterschiedlicher Art – Thomas Mann, Witold Gombrowicz, Henry James, Joseph Conrad, Arnold Zeig, Robert Walser, Dostojewski, Gorki, Austen, Fontane, Hamsun, Bang, Balzac, Woolf … –, dann weiß ich – wie jedermann: das ist Genie, das ist wahre Kunst, das ist Er/Sie, das ist richtig großes Erzählen.

Man kann mir sagen, was man will: so etwas gibt es heute (wohl) nicht mehr oder doch nur sehr selten. Ja, selbst unter der Österreichischen oder Wiener Literatur, die großen Erzähler, wenn wir nur an Hofmannsthal denken, an Schnitzler, Broch, Musil, Roth oder Doderer, selbst dort wirkt die Einreihung Köhlmeiers – seltsam.

Siehe auch: Weise Weihnacht

Das ist Fortschritt!

Kubitschek & Kositza

[1] „Gleichheit ist der gesellschaftliche Zustand in der Hölle.“, „Psychoanalyse ist Religion, die behauptet, sie sei keine, aber so tut, als wäre sie ein.“, „Die Seele ist ein Archiv der Mißverständnisse: Mißverständnisse können Wärme geben und Schutz bieten.“, „Das Plusquamperfekt ist der Besen, mit dem die Erinnerung ausgefürbt wird“ (sic!, mein Favorit!), „Geliebt werden zu können ist eine Begabung – wie komponieren zu können“ (der tiefste!) etc.
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Ein Gedanke zu “Welthaltigkeit und großes Erzählen

  1. Till Schneider schreibt:

    Der noch immer schmerzende Köhlmeier-Verriß durch Reich-Ranicki „steckt“ in dem neuen Roman von Köhlmeier – heißt das, dass Köhlmeier ihn dort konkret benennt und abhandelt? Oder dass er ihn fiktionalisiert abhandelt, so wie Martin Walser den seinigen in „Tod eines Kritikers“? Das würde mich sehr interessieren. Außerdem wüsste ich gerne, an welcher Stelle des verlinkten Videos die Köhlmeier-Debatte beginnt. Könnten Sie vielleicht die Anfangsminute nachreichen? (Dies nur vorab auf die Schnelle gefragt; später mehr zu den wichtigeren Punkten Ihres Beitrags.)

    Seidwalk: 24.30 min

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