Die Wahrheit der Gazelle

Youtube spielt mir dieses faszinierende Video ins Haus. Eine Gruppe von Antilopen, Klippspringer, werden von einer Horde hungriger Afrikanischer Wildhunde  umlagert. Die Antilopen haben sich auf einen Fels gerettet und stehen – man weiß nicht, wie sie das mit ihren Hufen hinbekommen – an einer nahezu senkrechten Wand auf winzigen Vorsprüngen und Felsritzen. Von unten und oben versuchen die Räuber an die Beute heranzukommen. Durch trial und error wagen sie sich immer weiter nach vorn, in einem Moment trennen Jäger und Opfer nur noch wenige Millimeter, gierig saugt der Hund den Geruch der potentiellen Mahlzeit ein.

Die Szene ist wundersam ausbalanciert. Ein Schritt weiter und er müßte stürzen, würde die Antilope vermutlich mitreißen und der lauernden Meute zum Fraß vorwerfen, aber selbst eine Verletzung riskieren. Umgekehrt darf die Gazelle sich nicht rühren, denn jede Bewegung wäre fatal. Scheinbar stoisch stehen die Tiere an der Wand, einerseits allen Annäherungen trotzend, andererseits schicksalsergeben. Fast könnte man meinen, die Situation habe sich nicht nach einer Jagd ergeben, sondern die zarten Tiere – eigentlich Fluchttiere – nutzen diesen Ort habituell als Zuflucht, weil sich dort schon viele Feinde vergeblich versuchten. Schließlich geben die Jäger auf, den Mut, sich selber zu opfern, brachten die agilen Tiere nicht auf, denn schon kleine Verletzungen könnten ihr Ende bedeuten.

Alles in Allem ein wunderbares Sinnbild – aber wofür? Das Leben? Die Existenz? Das Maß? Die Freiheit? … All das wäre darzustellen – hier geht es um die Wahrheit.

Das erinnert an eine literarische Vorlage: In seinem philosophischen Reisebericht „Wind, Sand und Sterne“, in dem es immer wieder um Grenzphänomene, insbesondere zwischen Leben und Tod, Werden und Vergehen geht, hat der französische Schriftsteller Saint-Exupery eine solche Situation auszuleuchten versucht. Er berichtet von seinen Gazellen, die er einst im Pferch gehalten hatte. Sie kannten die Freiheit nie und waren auch zahm, aber wenn der Mensch und also die Aussicht auf Futter nicht da waren, dann drängten sie gegen den Zaun, in die Freiheit, von der sie nichts verstanden. „Aber der Mensch, der mehr von ihnen weiß als sie selbst, sieht deutlich, was sie suchen: die Welt und ihre Erfüllung darin. Sie wollen Gazellen sein und ihren Tanz tanzen. Sie wollen geradlinig dahinflüchten …“[1]

Freiheit der Gazelle heißt Flucht, permanente Flucht und Angst und dennoch zieht es sie es aus dem sicheren Verhau heraus.

„Was kümmern sie sich um Schakale, wenn es die Wahrheit der Gazelle ist, in der Furcht zu leben, die allein ihnen Höchstleistungen abringt? Was kümmert sie der Löwe, wenn es ihre Wahrheit ist, unter der glühenden Sonne von seiner Pranke zerfleischt zu werden?“

Die Wahrheit – ich nehme die Übersetzung als korrekt an –, die Wahrheit der Gazelle – die „Erfüllung“ in Saint Exupérys Worten – ist die Furcht, ist die Jagd durch den Schakal, ist der Biß des Wildhundes und ist die Pranke des Löwen. So wie die Wahrheit der Maus die Katze ist – sie hat ihr Leben vollbracht, vollendet im Maul der Katze, des Fuchses, des Bussards, der Eule, des Storches …

Bollnow wiederum erinnerte in diesem literarischen Zusammenhang an den Perspektivismus der Wahrheit, wie ihn Nietzsche etwa entworfen hatte[2]. Wahrheit sei immer auf das ganz konkrete Leben bezogen und stellt sich aus jeder Perspektive anders dar. Die obige Szene illustriert das beispielhaft: Schakal und Gazelle teilen den Moment und dennoch stellt sich die Situation gegenteilig dar. Auch wenn die Gazelle diesmal entkommt, so ist es ihre innere Wahrheit, ihr Schicksal, ihre „Erfüllung“, ihre Entelechie und ihre „Aufgabe“, Opfer des Raubtieres zu werden, so wie der Hund das Tier zu jagen hat. Bollnow: „Und das bedingt dann, daß es keine einheitliche, neutrale, für alle in gleicher Weise gültige Wahrheit gibt, sondern es gibt verschiedene Wahrheiten, so wie es verschiedene Lebensträger gibt.“[3]

[1] Antoine de Saint-Exupéry: Prosa. Berlin (Ost) 1988. S. 298
[2] Hierzu maßgeblich: Friedrich Kaulbach: Philosophie des Perspektivismus. Wahrheit und Perspektive bei Kant, Hegel und Nietzsche. Tübingen 1990 sowie: Friedrich Kaulbach: Nietzsches Idee einer Experimentalphilosophie. Köln/Wien 1980
[3] Otto Friedrich Bollnow: Die Lebensphilosophie. Berlin 1959. S. 67

4 Gedanken zu “Die Wahrheit der Gazelle

  1. Percy Stuart schreibt:

    Dieses Video wirkt trotz aller „Schicksalsschwere“ wie ein wohltuender Kontrast zu den Natur-Videos, die etwa Gevatter Klonovsky so gerne verlinkt, wenn er – der Meister des Floretts und des Holzhammers – den Nachweis einer unbarmherzigen Natur erbringen will (Warane fressen ein Rehkitz bei lebendigem Leib auf usw.).
    Warum wohltuend?
    Nicht weil wir nicht Zeuge werden eines unaufhaltsamen „Naturgesetzes“, sondern weil das Ganze, ja: fast inszeniert wirkt. Denken wir dabei bitte auch an die parallelen Diskussionen zu den „Gräueltaten“-Videos aus Butscha: gerade bei Quellen, die Authentizität verbürgen sollen, verbleibt ein Rest an ontologischer Verunsicherung (nebenbei glaube ich an die Echtheit von Massakern; dazu reicht mir z.B. die Lektüre von Babtschenkos „Die Farbe des Krieges“).
    Aber hier haben wir es eben nicht mit zwei Parteien zu tun, sondern mit dreien: Fluchttieren, Jagdtieren und den Stimmen derjenigen, die filmen UND kommentieren. Und wer „inszeniert“ hier für wen? Dieser kleine malerische Felsen, das Fast-Geschnapptwerden… – ein Schauspiel FÜR WEN?
    Parabolisch überhöht denke ich dabei an Kafkas „Schakale und Araber“.
    In einem Umkehrschluß wenden sich die Opfer nicht an die Herrn der Herrn, das Schicksal der Fluchttiere ist nicht das Gefressen-, sondern das Ausgerottetwerden durch den Menschen.
    Hier ist der verlinke Wikipedia-Artikel ausnehmend objektiv, die Karte des – verschwindenden – Verbreitungsgebietes in Form eines Tieres wiederum tut sein Übriges.

    Gefällt mir

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Man sollte nicht für alles und jedes das Wort Wahrheit benutzen. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, nämlich der Wirklichkeit zu entsprechen. Zum Beispiel ist die Aussage „Die meisten Gazellen enden in Raubtiermägen“ wohl wahr. Inwiefern aber sollte diese Aussage nur „für“ irgend jemanden wahr sein? Sie ist wahr für die Gazellen, für die Hunde, für die Beobachter, eben für alle. „Gazellen“ steht wohl im Satz, der aber eine Aussage über die Gazellen trifft, die allein wahr sein kann; ein Satzteil kann es nicht, und das vom Satzteil in der Welt Referierte erst recht nicht.

    Bitte keine Girlanden aus immer vageren, aber appellativ wirksamen Metaphern (Wahrheit, Schicksal, Erfüllung, Entelechie, Aufgabe usw.) um die Dinge hängen. Gemeint ist doch schlichtweg nur das Schicksal der Gazellen, genau das und nichts anderes.

    Gefällt mir

    • Stefan schreibt:

      Na aber hallo…DAS musste mal gesagt werden! Gehen wir davon aus, daß des Ausgangstextes „Wahrheit“ darin bestand, diesen obigen Kommentar auszulösen.

      Mit banaleren Worten: woher will man wissen, wozu etwas gut ist und taugt?

      So, da haben wir aus Girlanden veschiedenste „Wahrheiten“ destilliert.

      Ein Exeget des Seidwalk könnte daran gehen, aus der Fülle der überbordenden Schreibenergie (Schreibdruck??) einen seidwalk’schen Wahrheitsbegriff zu destillieren…nur! …WER soll das bezahlen??

      amusement

      Gefällt mir

      • Stefan schreibt:

        Ich behaupte, es geschieht eine Umdefinition des Begriffes „Wahrheit“ welche nicht ihre Reiz ist.

        Wollen wirs vereinfachen…?!

        Obiger Text nennt das Wahrheit, was der ungelehrte Deutsche „Daseinszweck“ nennt – koppeln wirs noch mit „Bestimmung“ dann sind wir fertig.

        Ganz klar ein missbrauchter Begriff. Aber das Stehen der Fluchttierherde in völliger Reglosigkeit ist ja doch das eigentlich Relevante, was im Text zu wenig beleuchtet wurde. Denn sehr wohl gehört auch dieses „Nicht-Flüchten“ in harter Anspannung zum Gesamtbild. Es schafft einfach einen sehr harten Kontrast.

        Anstatt „Flüchten“ setzen die Tiere halt diesmal „Balancieren“ ein – sie sind halt divers investiert. 🙂

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..