Finis Germania

Es liegt eine große Plausibilitätsprämie darauf, die Welt nomomorph und telemorph wahrzunehmen – sie erscheint dann als von Sinnstrukturen durchzogen, und das ist es, wonach alle Menschen intuitiv suchen.

Der Naturzustand steht am Ende, nicht am Anfang der bürgerlichen Gesellschaft. Nachdem das Aas des Leviathans verzehrt ist, gehen sich die Würmer gegenseitig an den Kragen.

Wir erleben heute nicht mehr das Verschwinden des „Menschen”, sondern wir haben es bereits hinter uns. Der „Mensch“ im alten Sinn ist bereits verschwunden, und er hat die Räume mitgenommen, in denen er gelebt hatte und die auf seine individuell-familiären Dimensionen zugeschnitten waren.

Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht.

Aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf „Auschwitz“ zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur permanenten Buße, doch fehlt in dieser säkularisierten Form der Erbsünde das Element der Gnade und Liebe vollständig. Der Deutsche ähnelt daher nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht revidiert, aber kompensiert wird, sondern dem Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben  und der für alle Zeiten in der Finsternis verharren wird.

Die Welt braucht offenbar Juden und Deutsche, um sich ihrer moralischen Qualitäten sicher zu sein. Allerdings gibt es in dieser Hinsicht einen gewaltigen Unterschied: Die Juden teilen selbst nicht die Bewertung, die ihnen seitens der Christenheit widerfuhr, während die Deutschen die ersten sind, ihre unauflösliche Schuld zuzugeben.

Die Schuld Adams wurde heilsgeschichtlich vom Opfertod Christi aufgehoben. Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden, müssen zum immerwährenden Mythos werden, um ihre Schuld zu sühnen.

Der ewige Nazi wird als Wiedergänger seiner Verbrechen noch lange die Trivialmythologie einer postreligiösen Welt zieren. Die Erde aber wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden, d.h. zu abstrakten „Menschen“ geworden sind. Aber vielleicht braucht der Mensch dann andere Juden.

Bei dem heute so populären Auschwitz-Komplex handelt es sich offenbar um den Versuch, innerhalb einer vollständig relativistischen Welt ein negatives Absolutum zu installieren, von dem neue Gewißheiten ausgehen können. „Auschwitz“ bildet insofern einen Mythos, als es sich um eine Wahrheit handelt, die der Diskussion entzogen werden soll.

Wer „Auschwitz“ relativiert, relativiert die absolute Unmenschlichkeit und somit die Integrität des Menschen. Damit würde aber das einzig Absolute, welches die moderne Gesellschaft, die von den Relativismen und Perspektivismen aller Art zerfressen ist, besitzen könnte, ebenfalls relativiert. Die Festschreibung des Auschwitz-Mythos kann daher als Versuch verstanden werden, einer skeptischen Welt Gewißheiten zurückzugeben.

Hitlers Versuch, im Namen einer völkisch-rassischen Partikularität eine andere Partikularität zu vernichten, wird zum Referenzobjekt sämtlicher Versuche, Partikularität zu behaupten – jedenfalls dann, wenn sie vom indigenen Volk der Industrieländer kommen.

Der Antifaschismus ist in starkem Maße Antigermanismus. Dies widerspricht aber eigentlich seinem universalistischen Selbstverständnis und enthüllt einen völkischen Kern.

Eine der Lieblingsvokabeln im politischen Wortschatz der Bundesrepublik ist die „Verantwortung“. Seine Karriere verdankt das Wort in erster Linie seinem guten Klang in Verbindung mit seiner Unbestimmtheit.

Eine abstrakte Verantwortung kann es nicht geben – sie steht immer in Relation von Verpflichtung und Rechenschaft. Die Wirklichkeit, innerhalb derer es „Verantwortung“ geben kann, ist daher von persönlichen Beziehungen geprägt.

Ein zentrales Merkmal der Deutschen ist ihr fundamentaler Sozialdemokratismus, der sich über das gesamte politische Spektrum erstreckt. Sein Kern besteht darin, daß Differenzen aller Art für schlechthin unerträglich gelten.

Eine Zeit, die glaubt, es sei möglich, die Realität philosophischen Programmen folgend zu verändern, muß die Ideologen zu Praktikern und die Praktiker zu Ideologen machen.

Nur wer selbst einen Karrengaul umarmt, kennt sich in den Niederungen der Sklavenmoral aus.

Sie haben gerade einige Sentenzen aus Rolf Peter Sieferles „Finis Germania“ (sic!) gelesen, sein letztes, posthum erschienenes Werk – ein schmales Büchlein (das Amazon übrigens aus der Verkaufsliste entfernt hat) mit gewichtigen, in kurze Artikel gebundenen Gedanken. Augen öffnend. Dringlich. Einzigartig.

Das Buch hat es in die Top 10 des „Sachbuchs des Monats“ auf NDR gebracht – was die TAZ animierte, den verantwortlichen Redakteur zu der Überlegung zu zwingen (?): „ob einzelne Bücher/Titel bei uns ‚verboten‘ werden sollen, weil sie allzu rechts, links oder sonst wie ungeliebt sind“. Besser läßt sich Sieferles Analyse kaum bestätigen. (Anmerkung 12.6.: Jetzt hat die Hexenjagd begonnen, die Meinungskontrolleure sind aufgewacht: FAZ: Wer gab die rechtsextreme Leseempfehlung und SZ: Empfehlung nach Punkten)

Rolf Peter Sieferle: Finis Germania. Verlag Antaios. Kaplaken 50. Schnellroda 2017. 104 Seiten

Siehe auch: Augen auf und durch! (ausführliche Besprechung von Sieferles „Das Migrationsproblem“)

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7 Gedanken zu “Finis Germania

  1. Seidwalk, Sie haben Recht, dass die ganze Debatte ziemlich künstlich ist, was allerdings das betreffende Buch offenbar mit einschließt (was Sie da zitieren, empfand ich überwiegend als typische Feuilleton-Diskussion). Während – um nur 2 zufällige Beispiele zu erwähnen – Timbuktu im Sahara-Sand vrsinkt und so viel Gülle auf mecklenburgischen Feldern ausgekippt wird, dass das Trinkwasser in Gefahr gerät, erregen wir uns über „Finis Germania“, Auschwitz oder die AfD. Als ob das irgendwas zur Sache täte. Lächerlich.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Gibt es denn bei Mehrfachbestellung Mengenrabatt? Ich überlege, ob man nicht den bösen Virus des Blicks au-dessus de la mêlée etwas weiter streuen sollte. – Na ja, wahrscheinlich doch keine Lektüre für allzu viele. Das Rezeptionshemmnis ist in dem Fall nicht zuviel an hirnverdummender Koranlektüre, sondern zu viele Lehrjahre unter der bundesrepublikanischen gefühlsbildenden Medienkäseglocke. Also nicht Mohammed, sondern Mutter Beimer und ihre meinungscouragierten Töchter in den Medchenhäusern…

    Gegen den relativ neutralen Wikipedia-Neuzusatz

    kann man in diesem Fall wenig einwenden. Dort scheint mir das Problem eher, dass die Jungs und Mädels zuviel an kostenloser Internetpresse lesen und zuwenig an Büchern, weshalb jeder Nuggetfund an Feuilleton-Katzengold gleich zur Artikelausschmückung dient. Die Unausgewogenheit der entsprechenden Artikel ist also nur Reflex der medialen Unausgewogenheit. Bei anderen Themen ist es selbstredend grauenvoller. (Feminismus, Gender, „Kultur“-Rassismus, Israel, Antisemitismus usw.) Die korrekte Bahnung kann aber noch kommen, wenn die heldenhafte Bekämpfer des fingierten Antisemitismus auf den Plan treten und sich ihre Lorbeeren für die Erziehung des Deutschengeschlechtes in schwerem Kampfe mit der deutschen Grammatik erringen wollen.

    Dass die prinzipiellen Anhänger der Meinungsfreiheit und auch der nackten Tatsachen sehr dünn gesäht sind, darüber mache ich mir schon lange keine Illusionen mehr. Das Dümmste und Dreisteste ist das reflexionslose Selbstverständnis der fürsorglichen Vormünder des Menschengeschlechtes, man müsse verhindern, dass falsche Gedanken laut werden, damit ihre Mündel nicht durch sozusagen blinde Mechanismen verhetzt werden, während ihre eigenen Meinungen auch hierüber natürlich immer nur nach gehöriger Information klug ausgesonnen wurden. Ich habe da eine weniger hehre Vorstellung von jedermanns Willensfreiheit, hoffe aber für meine eigene Person auf eine gehörige déformation professionnelle durch lange Konfrontation mit logischen Schlussketten, welche einem vielleicht einen gehörigen irrationalen Ekel gegen emotionale einimpft.

    Ich war deshalb sicher genauso empört, aber weniger schockiert als Sie, weil ich seit gut einem Jahr mit heftigsten Schlammwurf in der Endphase des Wahlkampfes rechne. Es geht um die Hoheit im „Diskurs“ – wenn’s nur einer wäre! – und die Herausforderer sind nun mal outgroups, die das eigene Weltbild gefährden, und es noch viel mehr täten, wenn es zu einer parlamentarischen Repräsentation käme.

    Zensur, einmal wo auch immer als legitim begründet, breitet sich aus wie ein Ölfleck, weil schließlich die meisten dann auch auf den Geschmack kommen und auf das so angenehme Privileg der Unfraglichstellung ihrer Ansichten und der Schonung ihrer Gefühle nicht verzichten wollen. Und weil viele andererseits, o sancta simplicitas, lieber mit Scheiter zum Brennplatz der Hexen schleppen, als sich dem Verdacht mangelnden Eifers auszusetzen.

    Vor ein paar Jahren gab es in Frankreich einen großen Skandal, weil Herr Le Pen den Taufpaten für ein Kind des als antisemitisch verschrienen Komikers Dieudonné machte. — Ob der Vorwurf gegen Dieudonné stimmt? Ich weiß es offen gesagt nicht so recht, halte mich dann aber an die Maxime des Kreon, siehe den Satz ab 31:35 in . (Auch in Gänze sehenswert!) In der Hauptsache macht der in den cités sehr erfolgreich Komiker kamerunisch-bretonischer Herkunft jedenfalls wohl in Opferkonkurrenz afrikanischer Sklavenhandel des Westens versus Vernichtung der europäischen Juden, und er hat ein großes Talent zur Provokation. — Es wurde nun behauptet, bei der (traditionell-katholischen) Tauffeier sei öffentlich der Holocaust geleugnet worden, die Presse interviewte dazu Le Pen, dessen provokatorische Ader auch nicht gerade an Blutleere leidet. Er stritt ab, dergleichen dort gehört zu haben, nicht ohne noch von sich aus hinzuzufügen: Wenn Sie mich darüber hinaus fragen wollten, ob die Aussage stimmt, dann muss ich Ihnen sagen, dass ich dazu keine Meinung habe, weil eine Meinung dazu zu haben in Frankreich verboten ist. Erneute Empörung, aber was will man machen? Im inkriminierten Satz steckt eben doch ein großer Teil Wahrheit. Man hätte vielleicht klagen können und dann gerichtlich feststellen lassen, dass die approbiert richtigen Meinungen doch gar nicht genieret werden …

    Was für eine Blamage, welche die zur Zensur Drängenden doch eigentlich zur Besinnung bringen müsste! Aber ich vergaß, sie kämpfen natürlich lieber gegen Gespenster als gegen wirkliche Gegner – das ist mindestens ebenso verdienstvoll und dabei dem eigenen Leibe mindestens so bekömmlich wie ein Caféhausbesuch aus Protest gegen Terroranschläge. Und je mehr Gespenster, desto mehr Ehre und Bedeutung gewinnt der Kampf sogar.

    Man kann im Leben gar nicht früh genug lernen, wie viel Unsinn geredet und wie viel gelogen wird, welchen geringen Teil die Bemühung um Wahrheit an allen Äußerungen der Menschen hat. Und das dann entsprechend zu gewichten. Die gefährlichsten der Lügen kommen jedoch von den Oberen, die sich notfalls dennoch straflos stellen können. „Verfolgt das kleine Unrecht nicht zu sehr …“

    The rest is John Stewart Mill.

    Seidwalk: „The rest is John Stewart Mill.“

    Gute Idee! Das hilft – zumindest über die Depri!

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Nachtrag.

    Die böse Hexe hat ein Geständnis abgelegt, wenn sie reumütig genug ist, kann man ihr vielleicht noch verzeihen:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wer-setzte-rechtsextremes-finis-germania-auf-ndr-buchliste-15055693.html

    Wie Grossarth Sieferles Gebrauch des Wortes Mythos darstellt, ist das ein starkes Stück, dergleichen kann man wohl nur noch als bewusste Entstellung seiner Gedanken zu Zwecken der Denunziation verstehen. Auf, auf ins Mittelalter – pardon, das ist natürlich falsch, es geht um die Rückkehr in die von Tabus regierte Gesellschaft: « N’y touchez pas, c’est sacré ! » Leider habe ich kein FAZ-Abonnement, sonst wüsste ich, was ich jetzt täte.

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    Die Lektüre des kleinen Buches kann ich nur empfehlen, sie regt die Gedanken an.

    Der recht merkwürdige Nachruf auf Sieferle im WiIrtschaftsteil der FAZ, halb Konzession früherer Verdienste, halb unfundierte moralische Denunziation, fand sein Motiv – Gutwilligkeit des Redakteurs einmal vorausgesetzt – wohl auch in der Passage im Buch, von dem Sie den Satz mit dem Karrengaul oben wiedergaben. Der Redakteur hat wohl die Anspielung auf das Turiner Vorkommnis im danach umnachteten Leben Nietzsches nicht verstanden – und unterstellt dann seinerseits Sieferle eine nietzschehafte Herablassung gegenüber einer zugeschriebenen Tschandala-Moral niederer Schichten, die Sieferles Worte dort gar nicht hergeben. Vielleicht sind die Bildungsvoraussetzungen für den Eintritt in die FAZ-Redaktion geringer als ehedem. Nun ja, wer aphoristisch schreibt, setzt sich halt immer den ungewollten oder auch gewollten Missverständnissen anderer aus.

    Es wurde schon von etlichen darauf hingewiesen, dass in dem Maße, wie der Komplex Ausschwitz historisch in die Ferne rückt, er dennoch merkwürdigerweise das politische Empfinden vieler in der Gegenwart mehr und mehr gefangen hält. Man kann fast sagen, er wird für sie zu einem psychischen Komplex, zu einer überwertigen Idee, aus der ihnen unüberlegte, reflexhafte Konsequenzen für ihre Haltung zu Gegenwartsfragen erwachsen. Sieferle stellt dazu psychologisch kluge Überlegungen an, die oben angerissen sind.

    Der Schritt von der Psychologie Einzelner, für die seine Analyse exakt zutreffen mag, auf Massen und Völker ist aber notorisch heikel, im Grunde ein Kategorienfehler, weil Gruppen eben keine Tiere mit Zentralem Nervensystem sind und also keine Seele haben. „Die Deutschen“ können sich nicht schuldig fühlen, sondern allenfalls diese und jene Deutschen, welche vielleicht eine personal verstandene Entität „Die Deutschen“ supponieren. Und es gibt erfreulicherweise viele, die sich solchen Gesinnungs- und Verantwortungsgemeinschaften nicht zugehörig empfinden, ob nun aus höherer oder niedriger Einsicht, aus schierem Unwillen oder weil sie das herrschende Gerede nicht hören oder nicht beachten. Sie sind sozusagen im Gesellschaftskörper, aber nicht „diskurs“-innerviert. Möglichst viel Eigensinn in einer Gesellschaft zu haben, scheint zuweilen eher ein Vorteil, auch wenn die Motive oder Gründe dafür schlecht sein mögen, denn zu den verrückteren Kreuzzügen machen sich nur die einigen Kindsköpfe auf.

    ――――――

    Kleine Illustration zu einer anderen penetranten Idee der Öffentlichkeit, die eben doch nicht alle Einzelnen penetriert. Treffen mit Freunden in einem Lokal mit sehr gemischtem Publikum. An unserem Tisch sitzt G [Eselsbrücke: Grüne], welche noch nie verlegen war, eine Zeitungs-Schlagzeile für unbedingt richtig zu halten und getreu wiederzugeben, zumal wenn sie Panik sät, und klagt über die düsteren Aussichten für Welt und Menschheit. Ebenfalls am Tisch sitzt R [Eselsbrücke: Reaktionär], von der fanatischen Gegenfraktion. Fern von uns kauert am Tresen X [Eselsbrücke: Keine Ahnung, wer das ist], mit dem wir noch nie ein Wort gewechselt hatten und der sich über den Abend still abzufüllen pflegte.

    G: „Die Politiker müssten endlich etwas gegen die Klimakatastrophe unternehmen!“
    R: „Du magst es doch lieber warm als kalt, freu dich doch also!“
    G: „Denk doch an die armen Alten, die vor einigen Jahren in Frankreich im Sommer gestorben sind! Die Menschen werden im Sommer häufiger verschmachten.“
    R: „Und im Winter dann halt weniger häufig erfrieren.“
    [G macht völlig verstört 10, 15 Sekunden lang einen Karpfenmund. Dann endlich:]
    G: „Aber die Extremereignisse werden häufiger!“
    R: „Ja natürlich, die ‚Extremereignisse‘! Wer weiß …“
    [Nachdem das Gesprächsthema am Tisch schon gewechselt hatte:]
    X: „Die Klimakatastrophe geht mir am Arsch vorbei!“

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    • ad Auschwitz: „Die große Wahrheit über uns, die sich uns im Ausland enthüllt, ist die, daß wir KÜNSTLICH sind.“ (Witold Gombrowicz: Argentinische Streifzüge)

      Nettes Erlebnis der Kanzlerin während ihrer argentinischen Streifzüge. Sie wollte gern die Schuldkultgeige vor jüdischem Publikum spielen, aber die argentinischen Rabbiner – Nachfahren einstiger Holocaustflüchtlinge – wollten davon partout nichts hören und sahen – gänzlich verstörend – Deutschland jenseits von Auschwitz.

      https://www.welt.de/politik/deutschland/article165412794/Das-Argument-mit-der-Nazi-Vergangenheit-zieht-nicht-mehr.html

      Identitätskrise. Jetzt brechen sie uns auch noch das Rückgrat. Was tun?

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Ärgerlich und peinlich, dieses beständige empathische Hineinschlüpfen der Journalisten in Frau Merkel. An ihrer Stelle würde ich für solches anschmiegsame Gewürm Verachtung empfinden. Es erinnert mich an die Zeit, als Frau Käßmann noch EKD-Vorsitzende war und in den Journalen regelmäßig in porennaher Großaufnahme abgebildet wurde. Und daran, dass heute vielerorts das Duzen auch zwischen völlig Unbekannten praktiziert und sogar gefordert wird.

        Zu Ihrem vorletzten Satz, je nachdem ob Sie das „Sie“ versehentlich oder absichtlich groß geschrieben haben:

        „sie“ – Ja, sie verdient alle Ironie der Welt, aber zugleich ist diese gegenüber ihr und ihrer Schafherde verschwendet.

        „Sie“ – Dass ich es nicht so besonders mit welcher Identität auch immer habe, kam wohl schon zur Sprache. Identität besagt abstrakt nur A = A, also praktisch nichts. Benutzt wird das Wort aber heute meistens zur Erborgung einer Bestimmung: Du bist ein solcher/ich bin ein solcher, also hast du/habe ich das und das zu denken, zu empfinden, zu tun. Jede zugeschriebene Bestimmung eines Menschen erscheint mir aber als eine Manipulation oder (im Selbstbesorgungsfalle) als verkappte Unterwerfung unter einen fremden Willen. Man sollte auch das Wort „Sinn“, mit dem ähnlich Schindluder getrieben wird, strikt nur für die sensorischen Funktionen verwenden oder im philologischen Sinne – Designats eines Wortes in der Wirklichkeit.

        Es gibt keine Leitsterne, denen man getrost folgen könnte oder dies brav sollte:

        Notre vie est un voyage
        Dans l’hiver et dans la nuit,
        Nous cherchons notre passage
        Dans le ciel ou rien ne luit.

        Die so verbreitete Sehnsucht nach dem ideologischehn Gängelband und dem Laufställchen kann ich nicht verstehen. Umgekehrt möchte ich auch nicht Leithammel sein, das würde mich anwidern. Trotz der Aversion gegen den Begriff Identität/identitär habe ich freilich nichts etwa gegen Herrn Sellner. Ein noch junger Mann, der nicht ohne Idealismus tut, was ihm gut bedünkt, nachdem er sich von dem, was als selbstverständlich gilt, emanzipiert hat. So etwas findet man selten, deshalb alle Achtung!

        Ich möchte aus schierem Eigennutz nicht, dass der Staat, in dem ich lebe, von irren Ideologen geführt wird, die alle Bestände verschleudern, um vielleicht selbst zwei Jahre länger oben zu bleiben. Nicht aber, weil ich mich den allzu vielen Kindsköpfen, die sie wählen, noch besonders nahe fühlte.

        Eine Gemeinschaftsbildung durch einen identitären Kunstnebel scheint mir übrigens eben so wenig zu verfangen wie einst Ihr Versuch, durch eine treffende Begriffsbildung für die Migranten den Schleier zu zerreißen. Die Deutschen müssen schon selber darauf kommen, was ihnen wichtig ist und was sie keineswegs ertragen wollen. Viele werden wohl dazu im Fleische leiden müssen, damit die fortschrittsoptimistische Illusion der Selbstverständlichkeit und Unverlierbarkeit ihres Zustandes sich auflöst. Der Wille ist immer irrational und kann Widersprüche in der Sache lange dulden. Sich den Morgenstern wünschen und den Abendstern wegwünschen oder zugleich eine grenzenlose Welt und einen Sozialstaat haben wollen, das geht in den allermeisten Köpfen dank der hierbei tätigen älteren Hirnteile ganz gut zusammen. Erst wenn die Schutzreflexe des eigenen Leibes oder die ähnlich unbedingte Sympathiepräferenz für die Familie oder die Freunde sich regen, dann beginnen die zu gut eingeprägten ideologischen Illusionen zu verfliegen und die unbedingten Anspüche melden sich: „Sagt, was ihr wollt, aber ich will das einfach nicht haben!“ Durchs Reden und Argumentieren kann man nur denen den Weg verkürzen, die diesen Anstoß schon aus sich haben, oder ihnen diesen allenfalls vorher schon klären.

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