Integrationsversagen: Jürgen Klopp

1. Mein alter Wasserballtrainer war ein integrer und fairer Mann. So sehr, daß ich ihn als Bürgen wählte, als ich in die Partei eintreten wollte. Er sagte voraus, daß ich ein guter und zuverlässiger Genosse sein werde – und hatte recht behalten, wenn auch vielleicht anders als gedacht. Von ihm habe ich einige wichtige Lehren fürs Leben erhalten.

2. Blogleser wissen oder müssen sich jetzt darüber informieren lassen, daß ich seit vielen Jahren Fan von Manchester City bin, lange vor dem Scheich geworden und stets geblieben. Ich verpasse kein Spiel. Sofern ich die Zeichen richtig lese, dürfte City auch dieses Jahr die Meisterschaft gewinnen; einzig und allein der FC Liverpool könnte uns – wenn man sich die Spielweise anschaut – gefährlich werden, aber die Tiefe des Kaders dürfte nicht profund genug sein, um die Saison auf dem bisherigen Niveau durchzustehen. Das auch, weil Jürgen Klopp seine Spieler schindet, so daß einige bald verglühen oder verletzt ausfallen werden.

Klopp jedenfalls ist Citys stärkster Gegner. Aber nun gibt es einen weiteren, einen bekannten, alten Grund, weshalb Klopps Sieg eine Schande wäre.

1/2: Er hat es wieder getan! Die Art und Weise, Ort und Zeit sind unverzeihlich.

Mein Trainer lehrte uns nicht nur die hohe Kunst des Verlierens – mit Würde –, sondern mehr noch die Kunst des Siegens: Mit noch mehr Würde. Unsere Mannschaft hatte mehr Niederlagen einzustecken als Siege zu feiern – wir wußten, wie es sich anfühlt, und wir haben oft genug unter der Arroganz unserer stärkeren Gegner gelitten. Deshalb, so sagte unser Trainer, ist es wichtig, den Kontrahenten, den man gerade geschlagen hat, der ohnehin schon leidet, nicht noch durch Siegestaumel zu demütigen. Das könne man in der Kabine tun. Solange man am Becken steht, gibt man sich die Hand, schaut achtungsvoll und steht aufrecht.

Jürgen Klopp ist die Definition des schlechten Gewinners. Er ist sympathisch, intelligent, witzig und auch im Englischen mittlerweile sehr unterhaltend, aber er hat diese Momente des Kontrollverlustes beim Gewinnen und das macht ihn mir suspekt.

Als im stets heiß umkämpften Stadtderby gegen Everton nun in der 96. Minute, wirklich bei der letzten Aktion ein überaus kurioses und absurdes Tor fiel – dies sind Geschichten, die nur der Fußball schreiben kann –, das zudem hochgradig zufällig zustande kam und den derzeit besten englischen Torwart mit einer unglücklichen Slapstick-Einlage blamierte, da durfte es nur eine Reaktion geben. Die Entschuldigung beim Gegner für diesen peinlichen und fast unfairen Sieg, der würdige Abgang, die Beileidsbekundung.

(ab 9.42 min)

Stattdessen verzerrt Klopp sein Gesicht zu einer Fratze, läuft regelwidrig aufs Feld und springt seinen eigenen Torwart an. Eine vergleichbare Unsportlichkeit habe ich zuvor nur von zwei Trainern gesehen, von Mourinho, u.a. als sein FC Porto gegen alle Wahrscheinlichkeit Manchester United in der Championsleague bezwang und auch gegen City, und von – Jürgen Klopp. In ähnlicher Situation, u.a. als seine Mannschaft in der letzten Minute durch ein irreguläres Tor den FC Malaga – Trainer Pellegrini – aus der Königsliga warf. Man kann es ein Mal entschuldigen. Klopp tat es dutzende Male.

Daß er es nun in England erneut getan hat, verschlimmert die Tat, denn dort ist der faire Umgang unter den Trainern ein unverletzbarer Imperativ, ein Teil der kulturellen Identität. Es ist kein Zufall, daß die letzten drei Trainer von Manchester City  – Mancini, Pellegrini und Guardiola – Gentleman waren, oder genauer gesagt Signori y Señores. Seit Stuart Pearce‘ („Psycho„) Abgang – das letzte Kampfschwein – gehört die zivilisierte Etikette zum Clubimage. Ein Grund mehr, ihm treu zu bleiben.

Klopp selbst ist intelligent genug, die „cultural differencezu bemerken: „In British culture it seems to be disrespectful if I celebrate with my players – it is different in Germany to be fair.”

Das stimmt natürlich nicht – es ist immer und überall respektlos, sich derart gehen zu lassen. Daß Klopp sich auf die kulturelle Differenz beruft, ist doppelt aufschlußreich.

Es zeigt den Paradigmenwechsel im modernen Sport, der dem Erfolg scheinbar alles unterordnet, für den korrektes, richtiges, moralisches Verhalten keine relevanten Größen mehr sind. Die Welt hat sich fundamental geändert, seit uns unser Trainer in der DDR noch das aufrechte Gewinnen lehrte.

Und es relativiert auch den Begriff der Integration, dessen Advokat Klopp in anderem Kontext gern ist. Erst vor wenigen Monaten weitete Klopp seine Kompetenz auf die Politik aus, kritisierte den Brexit und stellte sich hinter Merkels Flüchtlingspolitik: „I can’t say Germany is more open. If you ask the wrong people in Germany they would say: ‘Yes, we want a fence to keep foreigners out and, by the way, could you make is as high as the [Berlin] Wall.’ Europe has been strange the last few years. I like to go to Austria for skiing but they only push [immigrants] through to Mrs Merkel.”

Die Integrationsfähigkeit anderer, oft wenig gebildeter Menschen wird stillschweigend vorausgesetzt, die eigne Integration in die englische Kultur läßt freilich zu wünschen übrig.

siehe auch: Die große Fußballmetapher

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