Circulus Virtuosus

„Nur die Entkräftung der Vergangenheit – ihre Herabstufung zu bloßem ,Rohmaterial‘ der Selbstformung – bewirkt, daß Menschen sich selber frei ,wählen‘ oder ,erfinden‘ müssen. Die Freien sind nicht nur jene, die einen Herrn abgeschüttelt haben. Sie sind auch die, die man ohne Erklärung auf offener Straße stehengelassen hat. Andernfalls wären sie stabil programmierte Medien prägungsfähiger Generationen geblieben und würden ihr Leben als selbstsichere Vehikel angeeigneter Überlieferungen führen – in den Spielräumern der immer überraschungsoffenen Welt.“ (Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit)

Sloterdijks letzter Großessay – „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – liegt nun drei Jahre zurück – seither erschienen zwei Aufsatzssammlungen („Was geschah im 20. Jahrhundert“, „Nach Gott“ und ein Roman „Das Schelling-Projekt“).

Die einen stehen Schlange, wenn die neue xbox erscheint oder das neue Apple-iPhone, die anderen beim neuesten Sloterdijk. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Kategorie. Weit davon entfernt, ihm in allen seinen Argumentationen zu folgen – weil ich nicht seiner Meinung bin und weil ich ihn manchmal einfach auch nicht verstehe – halte ich ihn für den wachsten und aufmerksamsten Zeitkritiker unserer Tage, immer in der Lage, bislang unbemerkte Zusammenhänge überzeugend und als ästhetischen Genuß (sofern es den Geschmack trifft) aufzuzeigen.

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