Makabres Paradox

Deutschland war noch nie ein Debattenland, sondern eine Echokammer für Hysterien und Vorwürfe, aus denen keiner etwas lernt, außer wie man die nächste Runde sinnloser Aufregungen anzettelt“ (Sloterdijk: Zeilen und Tage, 2009)

Wer sich Sloterdijks Werk, vielleicht nach der Lektüre der beiden einführenden Arbeiten, als Unbedarfter nähern will, steht vor schier unlösbaren Schwierigkeiten, denn vor ihm türmt sich ein enormes – qualitativ und quantitativ – Massiv an Gedanken auf. Wo beginnen?

Weiterlesen

Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich kann man Sloterdijk ohne ironisches Zwinkern – und vielen Menschen fehlt der Zugang zur Ironie – nicht genießend lesen. Um trotzdem einige seiner Gedanken kennenzulernen, mag man zur Sekundärliteratur greifen. Die ist vergleichsweise noch immer gering – vermutlich ein Zeichen der intellektuellen Verunsicherung, aber auch des weitgehenden Ausschlusses aus der akademischen Gemeinde des „philosophischen Schriftstellers“.

Zwei einführende Werke sind (bedingt) empfehlenswert: Hans Jürgen Heinrichs: „Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens“ und Sjoerd van Tuinen: „Peter Sloterdijk. Ein Profil“

Weiterlesen

Die Ehe als historischer Begriff

„Gott ist tot!“ – „Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen?  Stürzen wir nicht fortwährend?  Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?  Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? “ (Nietzsche: Also sprach Zarathustra)
„Wenn die ‚Ehe für alle‘ kommt, dann wird vielen etwas gegeben, aber niemandem etwas genommen.“ (Thomas Oppermann, SPD)

Es ist ein trauriger Tag. Für die deutsche Sprache. Denn sie hat gerade ein weiteres Wort verloren, ist ärmer geworden, und ein wichtiges Wort dazu. Das Wort „Ehe“.

Weiterlesen

Homo Phobienensis

Einer der Gründe, weshalb ich den deutschen Fußball nicht verfolge, ist das unsägliche Kommentariat. Jeder, der „Match of the Day“ kennt oder die Reporterlegenden Jonathan Pearce, Martin Tyler, Clive Tyldesley, John Motson, Guy Mowbrey, Jon Champion, Peter Drury oder Tony Gubba und deren Stimmbreite, Sprachwitz und Spielintelligenz zu schätzen gelernt hat, kann sich nur angewidert vom deutschen Reporter- und Expertentum, mit Ausnahmen natürlich, abwenden.

Weiterlesen

Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Heute, am 26.6., wird Peter Sloterdijk 70 Jahre alt. Ich halte ihn – man entschuldige die Wiederholung – für den bedeutendsten und schillerndsten Denker unserer Zeit. Wie gestern stehen mir die Feierlichkeiten zum 65. noch in Erinnerung – damals hoffte er, noch 13 Jahre leben und arbeiten zu können.

Weiterlesen

Türklingelpsychologie

(Warnung! Es gibt ihn nicht, den Deutschen, Italiener, Ungarn oder Rumänen. Trotzdem werden diese Begriffe hier der Anschaulichkeit halber genutzt – um deren Existenz zu beweisen.)

Mehrfach die Woche stehe ich vor einer verschlossenen Tür und will den Klingelknopf drücken. Anfangs wartete ich vergebens, mittlerweile kann ich das kleine handgeschriebene Schildchen darüber lesen und klopfe, statt zu klingeln.

Weiterlesen

Das existentielle Apriori

Manchmal, wenn man liest, schlägt einem unverhofft ein Satz, eine Aussage vor den Kopf, oftmals eine Banalität, ragt ein erschütternder Gedanke heraus, beben die Fundamente. Plötzlich öffnen sich – vielleicht nur für einen Moment und allzu oft verschwindet der entscheidende Einfall schon nach wenigen Augenblicken für immer – die Himmel … oder die Hölle. Da wird alles infrage, da werden manchmal Weichen gestellt, da fragt man sich die Frage aller Fragen: Wozu?

So ein Satz war dieser:

„Da ich inzwischen intellektuell-wissenschaftliche Divergenzen nicht im Argument, sondern in einem existentiellen Apriori des Urteilenden begründet sah, ließ ich alles unentschieden.“

Weiterlesen

Die Weisheit der Sprache

Im Ungarischunterricht wird im Vorbeigang die Steigerungsform erörtert. Man braucht sich nicht lange aufhalten, da es eine der wenigen grammatischen Prinzipien ist, die für den Ausländer unproblematisch sind – die üblichen Ausnahmen nicht berücksichtigt. Dem Adjektiv wird in der ersten Steigerung ein –bb angehängt, wobei die Lautharmonie beim Verbindungsvokal zu beachten ist und in der zweiten Form noch ein –leg vorangestellt.

Weiterlesen

Rechtsschwenk Marsch! Warum?

Wenn man glaubt, der Tiefpunkt einer Debatte sei erreicht, dann gibt es meist noch einen, der auch das letzte Halteseil kappt und den Flug in die Hölle antritt.

Weiterlesen

Relativierungen

Von vier Millionen Muslimen in Deutschland kamen, trotz landesweiter Beschallung aus allen Rohren, 1000 um zum FriedensmarschNicht mit uns“ gegen den islamistischen Terrorismus zu demonstrieren.[1]

Von vierhundert Identitären in Deutschland kamen, trotz landesweiter Verunglimpfung aus allen Rohren, 1000 um  für eine „Zukunft in Europa“ und gegen die Masseneinwanderung zu demonstrieren.[2]

Weiterlesen

Europas eigenartiges Ende

“Day by day the continent of Europe is not only changing but is losing any possibility of a soft landing in response to such change. An entire political class have failed to appreciate that many of us who live in Europe love the Europe that was ours.” Douglas Murray

Es tut mir leid, Douglas Murray, daß ich Ihr herausragendes Buch „The strange death of Europe“ nicht – wie es verdient wäre – ausführlich bespreche. Mir fehlt, um ganz offen und ehrlich zu sein, mittlerweile die Kraft!

Weiterlesen

100 Jahre Nørgaard

Es gibt alle paar Jahre ein seltsames Jubiläum zu feiern. Nicht das Hundertjährige an sich, sondern die Art und Weise. Hundertjährige gibt es bald fast mehr als Neugeborene, aber nur wenige strahlen noch Energie, Stolz, Aufrichtigkeit, Wachheit, Lebens- und Denklust aus.

Weiterlesen

Nur ein Gott

Europa, als demokratisches Projekt, ist erledigt. Psychisch erledigt. Die Idee ist pfutsch, niemand glaubt mehr daran.

Der beste Beweis dafür ist das überragende Wahlergebnis Macrons – ein politisches Chamäleon in einer Einjahrespartei – in Frankreich, aber auch die britische Unterhauswahl und selbst Merkels scheinbar irrationale Erholung oder, noch deutlicher, Schulz‘ kometenhafter Aufstieg und Fall, deuten in diese Richtung.

Weiterlesen

Ungarn in Rock

Jede Lebensphase hat ihre Musik. Drei Jahrzehnte lang, in Wellen der Intensität, vertrat ich die Ansicht, daß Musik, die es wert ist, gehört zu werden, eines leisten müsse: sie dürfe Welt nicht ausblenden, sondern müsse auf sie hinweisen. Sloterdijk hatte – da lag mein Musikgeschmack längst fest – diese Gedanken in „Weltfremdheit“ theoretisch untermauert.

Weiterlesen

Finis Germania

Es liegt eine große Plausibilitätsprämie darauf, die Welt nomomorph und telemorph wahrzunehmen – sie erscheint dann als von Sinnstrukturen durchzogen, und das ist es, wonach alle Menschen intuitiv suchen.

Weiterlesen

Die letzten Helden

Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that. Bill Shankly

In einer wertentkernten Welt wird die identitätsstiftende und geschichtstragende Rolle des männlichen Helden, die seit Jahrtausenden im mythologischen Zentrum der Großzivilisationen lag, nach außen verlagert und medial an Männer vergeben, die es zu überragender und beeindruckender Meisterschaft im Werfen oder Treten von Bällen geschafft haben.

Weiterlesen

Die neue Weltmacht

Nichts ist mehr so, wie es mal war. So hat sich in den letzten Wochen und Monaten eine neue Weltmacht etabliert. Sie hat kein Territorium, sie hat kein Volk, sie hat keine Gesetze – aber sie regiert die Welt.

Glaubt man den Enthüllungen unserer Geheim- und Pressedienste, dann regieren seit kurzem russische Hacker den Globus.

Weiterlesen

Zur Ökonomie des Faschismus

Was haben Diamanten, Seltene Erden und Faschismus gemeinsam? Sie sind knappe Ressourcen, sie erzielen hohe Preise, man muß viel investieren, um sie zu finden und zu fördern.

Faschismus ist unserer Tage nicht mit Gold aufzuwiegen!

Weiterlesen