Circulus Virtuosus

„Nur die Entkräftung der Vergangenheit – ihre Herabstufung zu bloßem ,Rohmaterial‘ der Selbstformung – bewirkt, daß Menschen sich selber frei ,wählen‘ oder ,erfinden‘ müssen. Die Freien sind nicht nur jene, die einen Herrn abgeschüttelt haben. Sie sind auch die, die man ohne Erklärung auf offener Straße stehengelassen hat. Andernfalls wären sie stabil programmierte Medien prägungsfähiger Generationen geblieben und würden ihr Leben als selbstsichere Vehikel angeeigneter Überlieferungen führen – in den Spielräumern der immer überraschungsoffenen Welt.“ (Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit)

Sloterdijks letzter Großessay – „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – liegt nun drei Jahre zurück – seither erschienen zwei Aufsatzssammlungen („Was geschah im 20. Jahrhundert“, „Nach Gott“ und ein Roman „Das Schelling-Projekt“).

Die einen stehen Schlange, wenn die neue xbox erscheint oder das neue Apple-iPhone, die anderen beim neuesten Sloterdijk. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Kategorie. Weit davon entfernt, ihm in allen seinen Argumentationen zu folgen – weil ich nicht seiner Meinung bin und weil ich ihn manchmal einfach auch nicht verstehe – halte ich ihn für den wachsten und aufmerksamsten Zeitkritiker unserer Tage, immer in der Lage, bislang unbemerkte Zusammenhänge überzeugend und als ästhetischen Genuß (sofern es den Geschmack trifft) aufzuzeigen.

„Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – auch das ein erfrischend anderer Blickwinkel – sind jene, die sich nicht mehr aus der Tradition heraus verstehen, sondern sich als Selbstbaukasten begreifen und den Ort, an dem diese Transformation einsetzt, nennt Sloterdijk den „Hiatus“ oder den „Bruch“. Von da an wird Zarathustras entgeisterte Frage, an der sich Sloterdijk orientiert, sinnvoll: „Stürzen wir nicht fortwährend?“ Es ist der Moment der Entdeckung der Zukunft und damit der Beginn der Inthronisierung des Neuen. Es ist auch der Moment, in dem die Söhne – es war und ist ganz wesentlich ein männliches Phänomen – nicht mehr wie ihre Väter sein wollten, in dem der genealogische Impetus durch einen Aktualismus ersetzt wird.

Wie in allen seinen späteren Werken seit der „Sphären-Trilogie“ taucht Sloterdijk tief in die Real- und Philosophiegeschichte ein, um der Entstehung auf den Grund zu gehen. Wie schon etwa bei der „Globalisierung“ oder dem „Zorn“ u.a. glaubt er die ersten Anfänge in der Antike festmachen zu können und holt daher viel weiter aus als die meisten Kollegen vom Fach. In vorliegender Arbeit geht er dabei nicht chronologisch vor, sondern changiert wild in Raum und Zeit, so als wollte er Deleuze‘ vielgelobte Rhizomatik in die Tat umsetzen, ein anderes „Mille Plateaux“ schreiben. All die Namen aufzuzählen (von Platon, Jesus, Augustinus über Napoleon und Hitler bis Nietzsche und Deleuze) wäre Unsinn; m.E. übertreibt er es in dieser Frage, da wirkt das Buch mitunter zu gelehrt, zu (besser)wissend, was zu einigen Längen führt, die auch durch mehr oder weniger gekonnte Sprachakrobatik nicht restlos überwunden werden können. Auch scheint manches fixe Urteil zu apodiktisch und wird den Protagonisten nicht gerecht (Meister Eckhart, Tschernyschewski, Lenin, Marx, Heidegger …) – hier darf man durchaus Provokationen erkennen, Reibungsflächen, Aufforderungen zur Diskussion. Andererseits gibt es auch immer wieder ekstatisch erhellende und witzige Abschnitte („Bretton Woods“, „Im Copy-Shop der Evolution“ u.a.) und man zeige mir einen zeitgenössischen Philosophen, der einen zum Lachen bringen kann. Daß wir den Hiatus im griechischen und (ur)christlichen Erbe zu verorten haben, klingt vorerst wie ein alter Hut, aber daß er auf „Kopierfehlern“ beruhen soll, also vornehmlich subjektivistisch verstanden wird, ist eine steile These.

All dem liegt ein unüberhörbarer fortschrittskritischer, manche sagen sogar apokalyptischer Ton zugrunde. Das mag bei einem Affirmationsmeister verwundern und scheint auch eine gewisse Korrektur der positiven und entwarnenden letzten Werke zu sein, wenn man aber das Gesamtwerk überblickt, dann scheint sich ein virtuoser Kreis zu schließen, denn die frühen und frischesten Werke – „Kritik der zynischen Vernunft“, „Eurotaoismus“, „Weltfremdheit“, „Kopernikanische Mobilmachung“ – kreisten exakt um diesen Schwerpunkt. Vergleicht man mit diesen Arbeiten, dann bleibt zu konstatieren: Sloterdijk war schon mal frecher gewesen und auch flüssiger im Erzählfluß, was aber seine Meisterschaft im Umwerten und Neu- und Anderssehen betrifft, da bleibt er ein Unikum.

Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne. Berlin 2014. 489 Seiten

Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag – siehe auch:

Sloterdijk, ohne zu lachen

Makabres Paradox

Sloterdijks Kunst des Philosophierens

Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Zur Sloterdijk-Debatte

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