Makabres Paradox

Deutschland war noch nie ein Debattenland, sondern eine Echokammer für Hysterien und Vorwürfe, aus denen keiner etwas lernt, außer wie man die nächste Runde sinnloser Aufregungen anzettelt“ (Sloterdijk: Zeilen und Tage, 2009)

Wer sich Sloterdijks Werk, vielleicht nach der Lektüre der beiden einführenden Arbeiten, als Unbedarfter nähern will, steht vor schier unlösbaren Schwierigkeiten, denn vor ihm türmt sich ein enormes – qualitativ und quantitativ – Massiv an Gedanken auf. Wo beginnen?

Sloterdijk hat selbst ein paar Pfade geringerer Schwierigkeitsstufe in sein Œuvre gelegt, die auch dem ungeübten Wanderer ohne professionelles Rüstzeug, zugängig sein sollten. In seinen Tagebucheinsichten aus den Jahren 2008-2011 gibt er Einblick in die alltägliche Denkart und die eingeübten Denkwege.

Gemeinhin lobt und liebt man ein Buch, in welchem „genau das steht, was ich immer schon sagen wollte, aber nie die rechten Worte dafür fand“. Sloterdijk hingegen liebt und lobt man, weil bei ihm das steht, was man nie gedacht hätte, weil er um ein, zwei, drei Ecken mehr schaut, weil er Zusammenhänge offensichtlich macht, die im persönlichen Horizont unsichtbar schienen, weil er Ideen dort weiterdenkt, wo andere an ihr Limit kommen, weil er eine eigene unerhörte Sprache dafür findet. Sloterdijk ist – wie Nietzsche einst – keine Bestätigung, er ist Verunsicherung und Insult und regelmäßig fühlen sich die entsprechenden Zielgruppen provoziert und auf den Fuß getreten. Fehler, Schnellschüsse, Widersprüche? Na klar! – who cares? Hier geht es nicht nur um richtig und falsch, hier geht es um relevant oder redundant.

Das Feuilleton streitet sich darüber, ob er der bedeutendste oder größte deutsche Denker oder aber nur ein Scharlatan sei. In Wirklichkeit sind das alles Kategorienfehler, sinnleere Reflexvokabeln. Als gälte hier ein quasi-olympischer Maßstab. Man muß stattdessen nach Aufmerksamkeit, Aufgewecktheit, Perspektive fragen, nach Luzidität. Vielleicht ist er primär noch nicht mal ein Denker, sondern eigentlich ein Seher – nicht im prophetischen, nicht im Heideggerschen oder Georgeschen Sinne, sondern im tatsächlich olympischen: weiter, tiefer, höher – treffender. Selbst im Widerspruch – und den gibt es zuhauf – muß man das Originelle anerkennen. Das ist gefährliches Denken par excellence, das auch die Blamage riskiert.

Sloterdijk zwingt den wohlwollenden Leser zu einem makabren Paradox. Man wünscht sich sein langes, produktives Leben, aber indem er seine Kladden nur punktuell veröffentlicht und die Masse zurückhält, hofft man zugleich auf eine posthume Ausgabe der Tagebücher, Briefe, Reden und Manuskripte.

Ganz persönlich: Sloterdijk lesen ist für mich eine Revitalisierungs- und Relativisierungsübung, ein Synapsenfeuerwerk, eine Hirnzellenfrischkur, der ich mich seit langem schon immer wieder unterziehen muß. Und darf!

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011. Berlin 2012

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