Trump als Inkarnation

„Unglücklicherweise ist ‚postmodern‘ heute ein Passepartoutbegriff, mit dem man fast alles machen kann. Ich habe den Eindruck, daß ihn inzwischen jeder auf das anwendet, was ihm gerade gefällt.“ (Umberto Eco)

Die sogenannte philosophische Postmoderne investierte einen großen Teil ihrer Denkenergie darein, zu erklären, was sie selbst ist, was das Wort „postmodern“ eigentlich bedeuten soll. Ein kurzes Brainstorming, ein bißchen blättern in den alten Texten und ein erst flüchtiger Verdacht erhärtet sich. Sie ist nicht tot, die Postmoderne, sie ist gerade erst wieder auferstanden und hat sich reinkarniert.

Gehen wir einige der Hauptvertreter im Schnellverfahren durch.

In die philosophische Diskussion eingebracht hatte den Begriff, der in erster Linie ein Lebensgefühl, aber auch eine neue Epoche der Partikularisierung von allem und jedem beschreiben sollte, der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard, insbesondere in seinem Buch „Das postmoderne Wissen“. Darin erklärt er den Abschied von den Meta-Erzählungen der Aufklärung/Emanzipation, des Idealismus und des Historismus[1]. Der postmoderne Mensch anerkennt diese Großerzählungen – dazu gehört auch die hegelsche-marxsche – nicht mehr und verfaßt auch keine konsistenten Geschichten und Utopien mehr. „Der Text, den er schreibt, das Werk, das er schafft, sind grundsätzlich nicht durch bereits feststehende Regeln geleitet und können nicht nach Maßgaben eines bestimmten Urteils beurteilt werden …“[2] Es geht darum, „das Inkommensurable zu ertragen“[3].

Plötzlich wurde die „Ordnung der Dinge“[4], das „System der Dinge“[5] in der um sich greifenden Haltlosigkeit bedeutsam und neue Bezugsrahmen mußten gefunden werden. Diskontinuitäten wurden vermerkt – zum Teil deskriptiv, zum Teil präskriptiv –, die nicht-mehr-Ableitbarkeit des historisch Gewachsenen aus dem Vorherigen.

Derrida unternahm in seinen Texten, die in der Regel andere Texte „dekonstruierten“ oder wie Palimpseste angelegt wurden, ein mehrsprachiges, flackerndes, aber durchdringendes Schreiben mehrerer Texte zugleich. Permanente Sinnverschiebungen waren Ziel und Methode. Alles wurde nun signifikant, zum Signifikanten. Der abendländische Logozentrismus wurde verabschiedet.[5]

Jean Baudrillard ging von einer Ununterscheidbarkeit des Realen vom Imaginären aus. Jegliches zersplitterte. Das Individuum – das Unteilbare – wurde zum Dividuum erklärt. Popikonen wie Madonna oder Michael Jackson, Künstler wie Cindy Sherman oder Arnulf Rainer wurden zu potenten Projektionsflächen der pluralistischen Identität verklärt[6]. Werte verflüssigten sich; Baudrillard sprach vom „fraktalen Stadium des Werts“[7]. Er erklärte die Herrschaft von Simulation und Obszönität. Die Geschichte „erstarrte in Indifferenz und Betäubung“[8] oder wechselte „in eine andere zeitliche Umlaufbahn“[9] über. Alles schien „nach der Orgie“[10], alles schien „befreit“, man war in das Stadium der „Hyperrealität“ eingetreten: „Die Ereignisse müssen der Medienwirklichkeit hinterherhasten und sich ihr anpassen“[11]. Alles ist alles, weder schön noch häßlich, weder gut noch schlecht – „wir sind zur Gleichgültigkeit verdammt“[12]. An die Stelle der Werthaftigkeit tritt der Lookismus, das „in Erscheinung treten“. „Nicht: ich existiere, ich bin da; sondern: ich bin sichtbar, ich bin Bild, image – look, look! Das ist nicht einmal Narzißmus, sondern Hervorkehrung ohne Tiefe, eine werbewirksame Unbefangenheit, wo jeder zum Impressario seiner eigenen Erscheinung wird.“[13] „Die Realität ist abhanden gekommen, ihre Kraft verpufft. Sie ist der Überrepräsentation zum Opfer gefallen …“[14] Statt Realität Simulation und Illusion. Der postmoderne Denker (und Nichtdenker) „verwendet polemische Annahmen, anstatt logisch zu argumentieren, er arbeitet mit Brüchen anstelle von Analysen.[15]“ Mit ihm betreten wir die Ära des Trans – des Transästhetischen, Transsexuellen, Transökonomischen.

Gianni Vattimo sieht in der Postmoderne die „Auflösung der Kategorie des Neuen“[16] und meint, die metaphysische Belastung der Moderne mit dem „pensiero debole“, dem „schwachen Denken“, „verwinden“ zu können. Dieses Denken gibt die Kälte der Rationalität preis. Gerade im Umgang mit der Ökologie läßt sich das nachweisen. Schon Baudrillard hatte die Ökologie als Krisenmanagement des ökonomischen Systems und seines Establishments durchschaut, das „schwache Denken“ verabschiedet sich nun von der wissenschaftlichen Grundlage, akzeptiert die Situation und will innerhalb seiner Grenzen intelligent und utilitaristisch agieren[17].

Umberto Eco sah das Problem in der Sprache: „Eingerichtet in einer Sprache, die schon so viel geredet hat …“, versucht der postmoderne Mensch „diese Sprache von innen her aufzubrechen.“[18] Offenheit ist dabei das Zauberwort. Mit ihr kommt der Entzug der Interpretationen, kommen „Unordnung, Dissoziation, Fehlen aller Beziehungen“[19], der Taktikwechsel, die Unfaßbarkeit, das Unvollendete, die Sprünge und Brüche. Stattdessen Autopoesis, Selbsterfindung ohne Geschichte. Konstitutiv dabei ist die Aufgabe des Überernstes, ist die Ironie: „Die postmoderne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, daß die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefaßt werden muß: mit Ironie, ohne Unschuld.“[20]

Und so könnte man fortführen. Die letztgültige Formel dafür hatte wohl Paul Feyerabend gefunden – wenn er sie auch anders gemeint hat – mit seinem „anything goes[21]. Wollte man die Postmoderne in einigen Stichworten festhalten, dann müßte wohl von Durchbrechung tradierter (politischer), von „vielfältigen und heteromorphen Sprachspielen“[22] gesprochen werden, von Identitätswandel und Dividualisierung des Subjekts (jeder kann gleichzeitig mehrere sein, z.B. Präsident und Geschäftsmann …), von Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, einem Nebeneinander verschiedener Lebensformen in einer Entität, von Differenz und Pluralität, von verschiedenen, ja sich sogar widersprechenden Rationalitätsformen und von transversaler Vernunft[23], von der Verabschiedung von der Wahrheit als Konzept, von Maskierungen, Verkleidungen und Larven, von Fake und Fassaden, von Falten[24] und Oberflächen[25], vom „Abrücken des Primats der Logik, das Abrücken von der Monokultur des Sinns“, dem Einzug des Nonsens[26], der „Veränderung der Kompetenz des eines Denktypus“[27], der Aufgabe der Illusion eines transzendentalen Konsenses zugunsten des Dissenses, dem „Zweifel an der Möglichkeit wahrer Aussagen über Sachverhalte.“[28]

Es ist: „sich jenseits von Ansprüchen wie Verantwortung und Pflichterfüllung genießend einzurichten.[29]

Es ist eine „Logik der Unschärfe“, denn: „Exaktheit entgeht der Gewalt nicht.“[30]

Nun ist er endlich da und an der Macht, den die linkslastige Postmoderne fünf Jahrzehnte herbeigeschrieben hatte: Der postmoderne, der allerletzte Mensch, der Typus Trump. Sie hat ihn – als Alltagsmenschen, als Nullachtfünfzehntypen – bejubelt, ästhetisiert und messianisch angekündigt bis in die Gebrauchsmedien hinein, ohne den Golem in nuce sehen zu wollen. Mit ihm löst sich das postmoderne Versprechen auf politischem Parkett ein, er ist die „Verwindung“.

So, wie der philosophische Postmodernismus die logische Folge des gescheiterten „Projektes der Moderne“, das Ergebnis ihrer selbstverschuldeten Sinnentleerung war, so folgt Trump zwangsläufig auf eine entkernte und zugleich verabsolutierte Demokratie, die am eigenen Freiheitsfetischismus erstickt. Und Bannon spricht von „Dekonstruktion“.

Nicht Nero, nicht Mussolini und schon gar nicht Hitler Redivivus tritt als Farce auf die Bühne …

Nun ist Er da, nicht wieder, sondern endlich.

[1] Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1991, 61
[2] Jean-Francois Lyotard: Postmoderne für Kinder, 29
[3] Lyotard: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien 1994, 16
[4] Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. 1966
[5] Jean Baudrillard: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. 1991 (1968)
[5] Jaques Derrida: Grammatologie. Frankfurt 1983 (1967
[6] Vgl. Welsch: Ästhetisches Denken. Stuttgart 1991, 168 ff.
[7] Baudrillard: Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phänomene. Berlin 1992, 11
[8] Baudrillard: Das Jahr 2000 findet nicht statt. Berlin 1990, 13
[9] Ebda. 46
[10] Transparenz des Bösen, 9
[11] Falko Blask: Baudrillard zur Einführung. Hamburg 1995, 32
[12] Transparenz des Bösen, 25
[13] Transparenz des Bösen, 30f.
[14] Blask, 104
[15] Blask 52
[16] Gianni Vattimo: Das Ende der Moderne. Stuttgart 1990, 9
[17] Vgl.: Hans-Martin Schönherr: Die Technik und die Schwäche. Ökologie nach Heidegger und dem „schwachen Denken“. Wien 1989
[18] Umberto Eco: Das offene Kunstwerk. Frankfurt 1977, 287
[19] Ebda. 292
[20] Eco: Nachschrift zum „Namen der Rose“. München 1987, 78
[21] Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang. Frankfurt 1986, 21 (Feyerabend hatte sich dabei gegen geistige Denk- und Forschungsbeschränkungen ausgesprochen: „Der einzige allgemeine Grundsatz, der den Fortschritt nicht behindert, lautet: Anything goes“.)
[22] Welsch: Unsere postmoderne Moderne, 33
[23] Welsch: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt 1996
[24] Gilles Deleuze: Die Falte. Leibniz und der Barock
[25] Gilles Deleuze: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1993
[26] Vgl.: Gilles Deleuze: Logik des Sinns. Frankfurt 1993
[27] Wolfgang Welsch: Ästhetisches Denken, 82 und 111
[28] Schönherr, 123
[29] Hartmut Pätzold: Postmoderne.
[30] Schönherr, 118
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