Das neue Frauenbild

Was in Ungarn sofort auffällt: es gibt keine ningelnden, nörgelnden, nervenden Kinder. Zumindest habe ich noch keines gesehen. In Deutschland jedoch genügen in der Regel fünf Minuten im Stadtzentrum oder einem Einkaufspalast, um gestressten Müttern, die ihre Kleinen anblaffen, und weinenden, schreienden, zappelnden Kindern zu begegnen.

Mütter sind hier auffällig auf ihre Sprößlinge fokussiert. Nicht vereinnahmend und bevormundend, sondern aufmerksam und liebevoll. Wird ein Kind unruhig, dann fangen sie an zu singen oder zählen Kinderreime auf oder nehmen es einfach hoch und trösten. Sie nehmen die Kinder an die Hand und selbst Teenager sieht man noch zwischen Mutter und Vater Händchen halten.

Alles wirkt natürlich und ungezwungen. Die erste Handygeneration wächst gerade erst heran, eine Kinderwagen schiebende Mutter, die auf ihr Telefon glotzt, habe ich noch nicht beobachtet. Sie werden trotzdem bald die Macht übernehmen.

Mitunter sieht man Gruppen von Frauen. Alle kümmern sich dann um alle Kinder.

Gerade eben ist mir das alles aufgegangen – eine kleine unauffällige Szene.

Die Leiterin einer Sprachschule hatte mich zum Gespräch gebeten, ob ich nicht einen Deutschkurs übernehmen wolle. Sie kommt mit einem vielleicht zweijährigen Jungen unmittelbar nach der Ungarisch-Lektion. Sofort beugt sich unsere Lehrerin zum Kind hinunter und dann sehe und höre ich es eine Weile nicht mehr. Wir beraten. Als ich das Büro verlasse, sitzen im Nebenzimmer die Lehrerin – um die 50 Jahre – und der Sohn der Leiterin zusammen am Tisch und spielen oder basteln gänzlich vertieft. Ich sehe es nur aus den Augenwinkeln und erst auf der Straße durchfährt es mich: Soeben hatte sich ein Rätsel gelöst.

Ohne ein Wort zu sagen, hatte Tünde – so heißt unsere Lehrerin – das Kind der Leiterin genommen und ganz selbstverständlich in ein anderes Zimmer geführt, um unser Gespräch zu ermöglichen. Die leibliche Mutter hatte das ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, einfach hingenommen, sprach keine Anweisungen, Verbote, Wünsche aus – man weiß instinktiv, was dem Nachwuchs gebührt. Dazwischen ein glückliches, sich sicher fühlendes Kind.

Es lebe der Rückschritt!

PS.: Gerade fällt mir ein: ich habe doch stressige Kinder gesehen. Sie gehören zu einem deutschen Ehepaar aus Nordbayern. Bei einer Lehrer-Zusammenkunft saßen beide Eltern mit den Kindern auf dem Fußboden, während die anderen Erwachsenen sich zu unterhalten versuchten, und bliesen mit einer Gasflasche Luftballons auf, die der kleine Sohn laut schreiend und umher rennend einen nach dem anderen zerkrallte.

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