Pay Day – Trumps Trump

Es ist mit solchen Reflexionsbestimmungen überhaupt ein eigenes Ding. Dieser Mensch ist z.B. nur König, weil sich andre Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist.“ (Marx: Das Kapital)

Nun regiert die Angst. Seit Monaten wurde sie geschürt. Wer gutgläubig deutsche Zeitungen las, muß heute an den Weltuntergang glauben. Und selbst am Tage der historischen Niederlage der PC-Lüge wird weiter theatralisch mit der Angst gespielt. Es sind die üblichen Verdächtigen(r):

Heribert Prantl: „Trumps Aggressivpopulismus zerstört die politische Kultur“

Jakob Augstein: „Die Wahl Trumps ist das Ende des Westens“

Carsten Luther: „Der Ernstfall“

Roland Nelles (der Nelles, der alle AfD-Wähler Rassisten nannte): „Sieg des Zerstörers“

Theatralisch - "Die Zeit" in Trauer

Theatralisch – „Die Zeit“ im Trauerflor

Nelles maßt sich auch an, vom „Sieg des Populismus über die Vernunft“ zu faseln und also der Hälfte der US-Wähler die Vernunft ab- und sie sich selbst zuzusprechen.

Macht mal langsam, Leute! Vor mehr als 50 Jahren veröffentlichte Eric Berne seinen Psycho-Klassiker „Games People Play“, worin er die subtilen Tricks aufdeckte, mit denen Menschen Menschen beeinflussen. Nebenbei machte er deutlich: Wir alle sind Schauspieler unseres Lebens, wir spielen Rollen.

Menschen verhalten sich zu anderen Menschen in Funktion zu deren Position. Ein junges wildes Mädchen wird nach der Geburt eines Kindes plötzlich liebevolle Mutter, ein Hippie in Uniform gesteckt, kuscht vor dem Offizier, ein Tunichtgut auf einem Rettungsturm verhält sich wie ein Rettungsschwimmer … und ein Immobilientycoon mit locker-room-Vokabular oder ein enthemmter Wahlgladiator wird sich im Staatsamt präsidial verhalten. Keine Angst, er wird Angela Merkel nicht unsittlich berühren und einen deutsch-amerikanischen Krieg heraufbeschwören …

Die Auswirkungen auf Deutschland könnten ganz andere sein. Trump ist die größtmögliche Welle der Tide, die nun über die Kontinente schwappt. Vom utopischen, gesinnungsethischen, progressistischen und universalistischen mehr oder weniger marxistischen Mond angezogen, hatten sich die Meere der Aufklärung weit zurückgezogen und spülen nun, da das ferne Gestirn seine Kräfte ausgespielt hat, ihre Wasser mit aller Gewalt zurück über die geistig verödeten Länder. Es ist ein Triumph der Wahrheit, des Realismus, der Tatsachen. Daran ändert auch nicht, daß mancher Glücksritter auf dieser Woge mitsurft und vielleicht sogar in Spitzenämter geschwemmt wird. Wenn nicht Außergewöhnliches passiert, dann dürften die Ausläufer dieser Welle spätestens im Herbst nächsten Jahres an deutschen Küsten anbranden.

Und zu recht, denn Deutschland war ein nicht unwesentlicher Grund, weshalb Trump die Welle so erfolgreich reiten konnte. Wir leben in einer Phase historischer Akzeleration; es ist kein Zufall, daß all das – Migration, Terror, Köln, Pegida/AfD, Brexit, Trump – jetzt über uns zusammenschlägt. Deutschland hat sich selber im letzten Jahr durch archetypische Bilder und fatale Entscheidungen wieder auf die internationale Landkarte gesetzt und die Welt hat es gesehen. Im Versuch, ohne demokratische Legitimierung das eigene Land irreversibel zu verändern, wurde den Völkern ein schleichender globaler Prozeß eindrücklich vor Augen geführt. Noch haben sie die Möglichkeit zu reagieren. Das tun sie nun.

Damit hat sich die Demokratie, die „Herrschaft des Volkes“ noch einmal als lebendig erwiesen. Getragen wurde der freiheitliche Impuls just von jenen Schichten, die man unter Mondfahrern gern als zurückgeblieben beschreibt: die weiße, autochthone Arbeiter- und Mittelschicht. Schon beim Brexit konnte man den demographischen Exodus der Demokratie beobachten. Sie ist keine wirkliche „Volksherrschaft“ mehr, sie hat es geschafft, die nachrückenden Generationen fast vollkommen zu entmündigen, zu desinteressieren, zu verlieren. Die hatten zwar mehrheitlich Clinton gewählt, konnten jedoch nur wenige Wähler mobilisieren. Die parlamentarische Demokratie steht auf alten Füßen.

der Aufstand der alten weißen Säcke

der Aufstand der alten weißen Säcke

Wie hohl sie geworden ist, zeigen auch die versagenden Prognosen. Auch hier gibt es eine aufschlußreiche Duplizität der Ereignisse: viele Menschen trauen den Instituten nicht länger, sie sagen nicht mehr, was sie denken, sie sind es satt, gegängelt zu werden.

Deswegen reagieren die Meinungsmacher panisch. Sie ahnen, daß ihre Stunde bald geschlagen hat. Sie werden ihr Meinungsprivileg verlieren, sie werden vielleicht in Kürze stempeln gehen. Die Augsteins, Prantls und Nelles dürften bald Geschichte sein.

Das ist gut so – was nicht heißt, daß das Kommende besser sein wird. Was kommt, weiß niemand zu sagen.

Die westliche Welt war dem langsamen Siechtum geweiht – sie mag es noch immer sein.

Obama hatte vor acht Jahren radikal „Change“ verkündet und „Yes we can„. Trump bekommt Haß und Verachtung, Obama bekam den Friedensnobelpreis als Vorschuß. Zwei Monate vor seinem Abtritt hat er seine Versprechen endlich eingelöst. Trump is the change.

Nun gebt auch ihm „vier Jahre Zeit“.

4 Gedanken zu “Pay Day – Trumps Trump

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Es gibt heute keine organisierte Interessen-Linke der Unterschicht mehr, sondern nur noch eine Gefühls-Linke sozial darüber, an die jener große Teil der Medienarbeiter gut anschlussfähig war, der immer gerne mit den Hirngespinsten der Werte hantiert, unter anderem weil man so seine Kanzelpredigten unschwer nach fertigen Vorlagen hinschmieren kann und garantiert nicht anstößt. Irgendwann aber, wenn die Überbauarbeiter zu sehr ins Abstrakt-Ideale abheben und zugleich die unten absinken, reißen die ideologischen Transmissionsriemen. Dann tritt überraschend eine neue Realität ins Bild und stürzt die selbstgewissen Weltdeuter in den Katzenjammer, weil sie an ihre eigenen Phantastereien geglaubt haben. Selbstdistanz ist immer das Schwierigste, und für solche Prediger erst recht, die sich ja gerade die mühevolle Wahrnehmung ersparen wollten.

    Dass die stolzen Gatekeeper, wie von Ihnen geschildert, nur mehr parteilich billige Denunziationsworte austeilen, zeigt am besten diese ihre Begriffslosigkeit, erst recht, wenn deren Gebrauch sie selbst nur immer unglaubwürdiger macht bei denen, die sich doch eigentlich wieder in ihre Spur bringen wollten. Sie kommen aus dem Geleis halt nicht mehr heraus und jammern und klagen dann nurmehr. Früher war halt alles besser, Caligula konnte noch das Meer auspeitschen lassen …

    Ich glaube, einem Marxisten alter Schule wäre das nicht passiert. Der kennt Interessen und – außer selbstredend zu Propagandazwecken – keine Gemeinschaft der billig, gerecht und wohl Meinenden. Mit anderen Worten nicht den Kindergarten der ach so lieben, händchenhaltenden Kleinen, die es aber nicht immer bleiben, und dann plötzlich der Erzieherin für böse gelten.

    Yiannopoulos bringt manches Wichtige vor, leider zuweilen mit einem atemlosen Eifer, der mich etwas an Frau Ursula Engelen-Kefers Redeweise erinnerte.

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    Sehe ich zum Teil genauso; hier ein paar meiner Gedanken:
    1. Trump ist einer von zwei unglaublich schlechten Kandidaten – der Untergang des Abendlandes ist er nicht. Die USA hatten immer wieder mal populistische, nationalistische, isolationistische Präsidenten, das hält dieses Land aus. Ich leugne nicht, daß mir weltpolitisch die Unberechenbarkeit Trumps schon etwas Sorge macht.
    2. Aber: Die deutschen Betroffenheitskommentatoren sind so auf Einzelne fixiert, daß sie das System der Checks and Balances nicht einmal nennen oder gar zu kennen scheinen. Auch, daß Trumps politische Ziele ganz erheblich klassisch linke sind (Industriepolitik, öffentliche Infrastrukturprojekte, Importzölle etc.) wird meist gar nicht wahrgenommen.
    3. Ich bin nicht so demokratiekritisch wie Sie; aber wie Sie sehe ich den Sieg Trumps eher als Beweis, daß Demokratie in den USA noch funktioniert, wenn ein solcher Außenseiter sich gegen das eigene Parteiestablishment wie gegen die mediale Clinton-Maschine durchsetzen kann.
    4.. Schön, daß Sie Obama erwähnen, der hat sicher sein Teil am Gewinn Trumps: Von der packenden Catchphrase, vom Populismus (von links), vom Runterputzen und Verächtlichmachen des Gegners, den er auch schon nicht mehr als Gegner, sondern als Feind angesehen hat. Auch die Eitelkeit ist die gleiche. Aber Obama war ja bei den Guten.
    5. So sehr mich das Entsetzen unter der deutschen rot-grünen Einheitsfront in Politik und Medien freut und amüsiert, so ist es doch auch ein schauderhaftes Schauspiel: diese steindumme Selbstgerechtigkeit und -sicherheit, diese Unfähigkeit zur Fehleranalyse und Selbstreflexion, diese schrille Aufgeregtheit, diese Anmaßung. Deprimierend.
    6. Komisch auch, wie schnell sich das gute Amerika, das Obama gewählt hat, in ein schlechtes verwandelt, wo es nun Trump gewählt hat – es wohnen ja doch noch immer die gleichen Leute dort. Erinnert an die AfD: Solange die Leute CDUSPDIrgendwas wählen, sind sie vernünftig und gut; sobald sie die AfD wählen, sind sie haßerfüllt und verachtenswert. Was sich über Nacht wieder ändern würde, wenn das Kreuzchen bei den Grünen gemacht würde…
    7. Da gäbe es noch viel zu sagen, aber ich erlaube mir mit Ihrer Erlaubnis, hier noch zwei Links anzugeben, die mir gut gefallen haben:
    http://www.thelibertypapers.org/ (hier die ersten beiden Einträge); und dann, erst zum Lachen und dann zum Nachdenken, das Video von/über Milo Yiannopoulos, den ich vor einem verächtlich-dummen Artikel in der FAZ (http://www.faz.net/aktuell/politik/wahl-in-amerika/milo-yiannopoulos-zeremonienmeister-des-hasses-14515212.html) gar nicht kannte: https://www.youtube.com/watch?v=0PIvuYCW4rg; schon das Britisch eine Freude zu hören. Vergleicht man das Video mit besagtem Artikel, dann hat man auch schon viel über die Probleme unseres Journalismus‘ gelernt.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      @Kurt Droffe, 10. November 2016 um 11:40

      Nur zum Punkt 7:

      Ärgerlich ist mehr noch als parteilicher Journalismus der dumme, der reflexhaft nach eigenem und fremdem Stallgeruch urteilt.

      „Indem er unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung jedes Tabu durchbricht, atomisiert Yiannopoulos jegliche Kategorien von Moral, weil er letztlich das herrschende ‚System‘, auch das moralische, zerstören will. Die entstehende Leere füllt er mit seinem nihilistischen Zynismus, der letztlich der Wegbereiter für eine rassistische, frauenfeindliche Ideologie der weißen Vorherrschaft ist.“

      Da ist also ein Ketzer, abgesichts dessen dem bestallten Kritiker der Ausdruck entgleist.

      Diesen „Deckmantel der freien Meinungsäußerung“, unter dem man Äußerungstabus bricht, den liest man ärgerlicherweise oft. Als ob der Tabubruch bei der Rede nicht gerade die volle Ausübung und seine Sanktionslosigkeit die Probe der Meinungsfreiheit wäre. Diese Rede geht immer auf Freiheitsbeschränkung, meist von Leuten gefordert, die sich selbst als Verteidiger der Freiheit empfehlen.

      „Jeglich“ vor einer Pluralform, die zusammen mit dem wohl so etwas wie „jeden Begriff von Moral“ oder „jede Art von Moral“ meinen soll, jenes zarten Pflänzchens also, das offenbar unter zu freimütigen Äußerungen dahinwelkt. Das freie Wort ist eben schlimmer als die übelste Tat.

      Dann ein in Anführungszeichen stehendes System, dessen Existenz Georgi also in Abrede stellt, das aber offenbar ein unfraglich existierendes moralisches Untersystem (?) besitzt, als dessen Verteidiger er sich offenbar versteht.

      Und schließlich eine gefüllte Leere, die. ob vorher oder nachher, einen Weg bereitet.

      So nonchalant – oder vielmehr chalant – arbeitet nur das Endlektorat des empörten Herzens, und selbiges genügt ja auch vollkommen, denn moralisch ist, worüber ich nicht mehr diskutieren will und kann, und damit basta!

      ***

      Sehen wir vom begnadeten Runterputzer Yiannopoulos‘ jetzt aber einmal ganz ab und kommen zu diesem selbst. Jemand mit seinem kritischem Anspruch sollte sich mit welchem Politiker auch immer nie so weit einlassen.

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      • Kurt Droffe schreibt:

        „Deckmantel der freien Meinungsäußerung“ – ja, der ist gut. Also, die Äußerung ist der Mantel, unter dem sich das Gesagte verbirgt, oder dessen Meinung, die aber vom Gesagten überdeckt wird? Aber wenn das unter dem Mantel geschieht, dann kriegts doch keiner mit? Seehr verwirrend das Ganze..
        Ähnliche Töne vom Kirchenfürsten Bedford-Strohm neulich: „Wer unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gegen andere hetzt, muß gestoppt werden“; und was Hetze ist, das bestimmen wir! Begreift so jemand denn überhaupt nicht, daß vielen dieser monopolistische Anspruch, die Grenzen des Sagbaren festzulegen, schlicht stinkt? Diese herablassende Attitüde? Und diese freudige Respektlosigkeit gegenüber dem Recht zu jeder Meinungsäußerung, wenn die nicht gerade zu einer Straftat aufruft? Das Liedlein würde und wird ganz anders gesungen, wenn plötzlich einmal „die Rechte“ sich zu bestimmen anmaßt, wo die Grenzen des Sagbaren sind, dann steht die Meinungsfreiheit plötzlich wieder hoch im Kurs.
        Ich wünschte mir oft, „Meinungsfreiheit“ besäße in der BRD einen gleich hohen, heiligen Rang wie in den USA das „first amendement“.
        Und ja, ich mag Haß und Hetze übrigens auch nicht.

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