Ich liebe die Eine

Eine bildhübsche Frau heiratet einen reichen Mann. Wenn ich sage „bildhübsch“, dann muß man sich eine Frau wie Scarlett Johansson oder Brigitte Bardot vorstellen, eine Schönheit also, die jedes Männerherz höher schlagen läßt, von jenem geheimen Zauber, den man nicht erklären, dem man nur erliegen kann. Sie hätte jeden haben können, jeden!

Aber sie nimmt den reichen Geschäftsmann, der zwar klein gewachsen, deutlich älter, fett und potthäßlich ist, zudem rau im Umgang, aber eben reich.

Nach vielen Jahren Ehe mit gemeinsamen Kindern kommt ein schwer faßbarer  Betrug des Mannes ans Licht. Er hat Kinder in Ostasien, mindestens eine Mätresse, die er finanziell unterhält, und nun weiß man, was die „Geschäftsbeziehungen“ waren, die er im fernen Land der gefügigen und problemlosen, unterwürfigen und dauerlächelnden Frauen jährlich mehrmals erledigte.

Die Frau, auch mit 50 noch eine unwirkliche Schönheit – sie könnte noch immer jeden haben –, geht zum Anwalt. Doch die Nachrichten sind nicht gut. Eine Scheidung erwiese sich als schwerer Verlust, die Träume von üppiger Witwenrente, Haus und Ruhestand zerplatzen.

Also verzeiht die Frau und wenn man heute mit ihr spricht, dann hört man nur Gutes über ihren Mann. Ja, er hatte einen Fehler begangen, aber bereut und sei jetzt auch ein ganz anderer, zuvorkommend und nett …

Am gleichen Tag, an dem ich von dieser wahren Geschichte höre, lese ich einen Brief der Luise von Göchhausen an Knebel, 10. November 1783[1]. Sie schreibt:

„Gestern war Goethe bei mir und kam mit folgenden bonmot in meiner Stube nieder:

Entschuldigung.

Du verklagst das Weib, sie schwanke von einem zum andern, Tadle sie nicht, sie sucht nur einen beständigen Mann.‘“

Genialer Goethe! In einem kleinen unscheinbaren Wort spricht er tiefe, ewige Wahrheiten aus. Das zentrale Wort heißt „einen“.

Nicht den, sondern einen. Goethe hatte sofort das Wesen der Beziehung Frau/Mann erfaßt. Ob der Mann Karl oder Friedrich heißt, groß oder klein ist, reich oder arm, klug oder dumm … ist für „das Weib“, also dieses Weib, sekundär. Wichtig ist, daß er ihr Stabilität gibt.

Und so sucht fast jede Frau einen Mann für ihr dringendstes inneres Bedürfnis: Beständigkeit, Schutz, Führung, Unterwerfung, Geld, Macht, Ruhm, Schönheit, Prestige, Stärke, Sicherheit, Zärtlichkeit, Sex …

Welches Bedürfnis die jeweilige Frau hat, das läßt sich wohl nur aus ihrer Geschichte und ihrem Wesen erklären und selbstverständlich sind auch Kombinationen möglich und Kompromisse nötig.

Entscheidend aber ist – das hat Goethe mit einem einzigen Wort deutlich gemacht –: egal, wer es ist, er ist nicht gemeint. Hinter ihm steht ihr Bedürfnis oder – aus seiner Perspektive – seine Fähigkeit oder Eigenschaft. Und in Situationen wie der oben beschriebenen, wird das unmittelbar einsichtig. Es war das Geld, es war die damit verbundene Absicherung für sich und die Kinder, und im Krisenfall bestätigt sich diese Wahl.

Das ist, ich gebe es zu, ein klein wenig ernüchternd. Es mag auch Ausnahmen geben. Aber was gemeinhin unter „Liebe“ firmiert, meint in den meisten Fällen wohl nicht den anderen als solchen, sondern „nur“ seine Funktion und Fiktion.

Das klappt umgekehrt – also Mann/Frau – vermutlich ebenso. Nur ist die Lage dort wohl weit weniger komplex; zu wenig, um einen Artikel abzuwerfen.

Text: Ich liebe die Eine

[1] Goethes Gespräche. Biedermannsche Ausgabe. Band 1 1749-1805. München 1998, S. 343

Ein Gedanke zu “Ich liebe die Eine

  1. Michael B. schreibt:

    > Das ist, ich gebe es zu, ein klein wenig ernüchternd.

    Also wohl auch weniger komplex als gedacht. Insofern nicht ganz verstaendlich:

    > Mann/Frau […] ist die Lage dort wohl weit weniger komplex;

    In Kombination: Noch einiges an Frauenversteherei abzulegen.

    Dann gaebe es natuerlich noch die Variante, dass die Sache in beiden Faellen komplex ist. Oder gar die, dass Mann…

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