Gombrowicz: Kosmos

Von allen geheimnisvollen Romanen Gombrowiczs ist „Kosmos“ wohl der dunkelste. Dabei scheint es zu Beginn deutliche Parallelen zu „Pornographie“ zu geben: der voyeuristische Ich-Erzähler, gepaart mit einem mysteriösen Gefährten, die Konfrontation mit jungen Menschen … man glaubt, der polnische Seelenalchimist wolle erneut die Feinunzen der menschlichen Psyche abwiegen und die geheimnisvollen Signale der verbalen und nonverbalen Kommunikation belauschen. Und das tut er auch, aber bald verschiebt sich der Schwerpunkt, ein gehängter Spatz taucht auf, ein aufgehängtes Hölzchen, die Dinge erscheinen plötzlich in Figuren, Zusammenstellungen, Konstellationen, neben- und hintereinander, zunehmend auch ineinander, sie verhalten sich wie Sterne in Sternbildern zueinander, sind im All irgendwie aufgehoben und konstituieren es.


Jedem, der einmal fassungslos vor dem Rätsel einer Nachbarschaft zweier Dinge oder einer Gegensätzlichkeit, einer Folge – das Hier mit dem Dort, das Nun und das Dann, der Teil und das Ganze etc. – gestanden hat, wird das unmittelbar evident sein – wem diese „zufälligen“ Beziehungen der Entitäten nie ein Rätsel waren …, ja, ich weiß nicht recht, was der mit so einem Buch anfangen wird. …

Doch dann scheint alles überhand zu nehmen, „so viele, so viele Fäden, Verknüpfungen, Insinuationen“, so viele Ingredienzien; wie ein verrückter Goldmacher wirft der Erzähler immer neue wahnwitzige Zutaten in den Topf der Ereignisse; Münder, Hände, Finger, Beine, Spucke … (Symbole?) tauchen auf, Nonsensworte („Mit dem Grebs in den Grebs grebebsen“*), leere Talarträger betreten die Szene, wilde Wahnsinnswortwirbel … er schafft die Ereignisse, fertige Tatsachen sogar selbst, sprengt den Rahmen des Erzählens, wird „Opfer“ der eigenen Kombinatorik, rührt und quirlt und scheint letztlich selbst den Überblick zu verlieren – es wäre gelogen, wenn ich behauptete, ich hätte hier noch folgen können.

So ein Vitriol-Verrühren verendet entweder in einem erschlaffenden Grau in Grau oder in einer Explosion. Bei einem Magier der Gombrowiczschen Größe darf man sich sicher sein, daß es nicht einfach alles verpufft, daß er die Fäden irgendwie bündelt, die Chemiesuppe letztlich zum Kochen bringt – nur, nur ist es an mir nahezu unbemerkt vorbei gegangen: irgendwo muß es gekracht haben und ich habe es verpaßt. Als wollte der Meister eine Lektion in Erwartungsenttäuschung lehren. Klar, es bleiben Fetzen und Trümmer des Erkennens übrig: Fraktale, Dividuen, Geschlechter, Onanie, Spaltweitöffnen, Sex, Erotik, Höhlen, Häuser, Pfeile, Chaos … Wir können die Dinge in „ihrem anonymen Werden“, „aus dem Chaos geboren“, nie aufzeigen, aber wir sind verdammt dazu, es immer von Neuem zu versuchen: „kaum schauen wir hin, schon entsteht Ordnung unter unserem Blick … und Gestalt … Macht nichts“.

„Dieses Etwas konnte nichts sein, es konnte aber auch nicht nichts sein. Höchstwahrscheinlich bedeutungslos … aber jedenfalls …“

Ist es möglich, daß Gombrowicz eine neue Erkenntnistheorie propagierte?: Unsere Erkenntnis wird nicht mehr durch die Ratio gesteuert, ein materielles Organ, ein Hirn gar, sondern durch Bezüge, Verhältnisse, Zeichen, Kombinationen; ist Gombrowicz vielleicht sogar auf eigenen Wegen zu den Grundgedanken des Poststrukturalismus, der Dekonstruktion, der Semiotik vorgedrungen, hat er Derrida, Barth und Eco obsolet gemacht? Aber Gombrowicz ist kein Philosoph und Theorien sind ihm ein Graus, sind, wie er einmal sagte, „Siebe, durch die das Leben hindurchrinnt“, und „ein Künstler ist nicht Argument, er ist Entladung.“

So bleiben mehr Fragen als Antworten nach diesem Teufelsritt durch die Nacht. Ein Grund mehr, diesen Autor zu lesen, wieder und wieder!

* In Rüdiger Fuchs‘ großartigem Gombroman ist zum „Grebs“ folgendes zu lesen: „Für sein Meisterwerk ‚Kosmos‘ geben die Berge des Zakopaner Gebiets die Ausstattung und Gombrowicz verwendet die Wortsilbe ‚Berg‘ (so im Original, der deutsche Übersetzer Olaf Kühl entschied sich für das rückwärts buchstabierte ‚Greb‘) als eine unergründliche Chiffre, die für alles Mögliche einstehen kann: für den Wahnsinn, den Sexualtrieb, die Wollust, die Macht und die Ohnmacht, für kleine Ferkeleien und große Versprechen. ‚Bembergowanie bembergiem w berg'“. Fuchs selbst schlägt die überzeugende Umkehrlösung vor, das polnische „góra“.
Witold Gombrowicz: Kosmos. Frankfurt 2005 (1965)

siehe auch: Für Ferdydurkisten

Gombrowicz: Pornographie

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