Die Angst-Maschine

Ich saß heute im Garten, las ein Buch und beobachtete die Natur um mich herum. Die Katzen hatten die Hälfte ihres Futters verschmäht. Bald fanden sich Wespen ein und brauchten eine Stunde, die Schüssel sauber zu fressen. Mit Eifer durchbissen sie mit ihrem scharfen Mundwerkzeug die Fleischfasern und flogen mit ihrer Beute davon. Trafen sich mehrere Exemplare, dann gab es erbitterte Kämpfe, manchmal waren vier oder fünf Tiere in einander verknäult. Mit meinem Nahglas war ich unmittelbar dran.

Das alles spielte sich einen halben Meter von mir entfernt ab – von meiner Wenigkeit nahmen sie keine Notiz, auch die Hornisse nicht, die sich ebenfalls interessiert zeigte. Das ist ein gutes Zeichen und ein Beweis dafür, daß man noch lebt: man riecht noch nicht nach Verwesung.

Da mußte ich an gewisse Zeitungsartikel denken. Vor wenigen Wochen noch las ich, daß uns nach dem warmen Sommer des letzten Jahres – der Verweis auf Klimaanomalien darf nie fehlen! – in diesem Jahr eine Wespenplage bevorstünde. Jedenfalls wurde Angst und Panik geschürt: die Wespen kommen! „Die Situation ist schon extrem“ und die „Rekord-Hitze“ darf in diesem Zusammenhang auch nicht fehlen.

Nahezu gleichzeitig kann man auch das Gegenteil lesen. Wir hätten es demnach mit einer mäßigen Wespensaison zu tun, ja, es gäbe sogar weniger in diesem Sommer. Weniger als was? Weniger als letztes Jahr? Weniger als erwartet? Weniger als der Durchschnitt? Egal, es gibt weniger. Würden sich übrigens alle Menschen so unauffällig verhalten wie ich und eventuell ihren Marmeladentopf abdecken, dann gäbe es auch fast keine Plage mehr. Nach einem alten Wetter-Kalauer: Es gibt nie zu viele Wespen, es gibt nur zu viele hysterische Menschen.

„Gründe für den leichten Rückgang“, sagt der Experte, „liegen im langen heißen und vor allem zu trockenen Sommer 2018“ – was auch sonst. Der heiße Sommer, sprich die Klimaerwärmung, kann wahre Wunder vollbringen. Sie kann mehr und weniger Wespen zugleich hervorzaubern. Bei mir im Garten ist es ein ganz normales Jahr, aber das ist natürlich nur „gefühlt“.

Aber auch die mäßige Wespensaison kommt nicht ohne ihr kleines Stück Apokalypse aus! Weil nämlich die Wespen fehlen, haben sich die Blattläuse dramatisch vermehrt.

Zwar erklärt der Experte  zu Beginn: „durch die Trockenheit haben sich Blattläuse, Mücken und andere Insekten kaum vermehren können“ und eine Zeile später: „Viele ‚Schad‘-Insekten können sich ungehindert vermehren, weil zu wenige Wespen sie jagen. So gibt es zum Beispiel in diesem Jahr sehr viel mehr Blattläuse als sonst“, aber dieser kleine Widerspruch wird überhört, wenn man ein wenig die Geschichte von der aus-dem-Gleichgewicht-geratenen Natur weitererzählen und dies immer und immer wieder mit Klimaveränderungen oder Klimaanomalien verbinden kann.

Ist die Maschine einmal angelaufen, das alles erklärende Narrativ in den Köpfen versenkt, machen auch alle mit, vielleicht ohne es zu bemerken.

Natürlich ist es Unsinn, die Blattlausplage nur auf die Wespen zu schieben – schließlich fressen Wespen viel lieber Katzenfutter.

Ein Gedanke zu “Die Angst-Maschine

  1. Flugling schreibt:

    Wenn sich Wespen (staatenbildende Faltenwespen, hier meist Gemeine, Deutsche oder Sächsische Wespe) für Blattläuse interessieren, dann suchen sie nach deren Honigtau-Ausscheidungen als Kohlenhydrat-Nahrung. Erst, wenn die Läuse keinen Honigtau mehr abgeben, mag es sein, dass sie in der Laus auch die Fleischnahrung suchen, die sie zum Füttern der Brut benötigen. Energie, also Zucker, finden die Wespen zuhauf, sobald das Obst überreif in Massen zur Verfügung steht. Wärmere Temperaturen für einen Rückgang von Wespen verantwortlich zu machen, ist absurd, zumal die Brutpflege durch die Wärme erheblich unterstützt wird (Bruttemperatur +- 35 Grad C.). Das Beispiel Katzenfutter zeigt auch, daß wir uns um diese Wespen keine Sorgen zu machen brauchen. Das sind Überlebenskünstler. Allerdings bevorzugen sie frisch Erlegtes (meist andere Insekten) und meiden verdorbenen, stinkenden Aas. Das ist die Domäne der Fliegen. Bedroht sind eher Wespenarten die Otto-Normalverbraucher üblicherweise nicht kennt, vielleicht nicht einmal als solche wahr nimmt.

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