Huntington heute

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor fast 25 Jahren, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen.

In Deutschland war die Rezeption seinerzeit unisono negativ und das kann in der Retrospektive auch nicht überraschen, denn Huntington trat fast allen virulenten Überzeugungen mächtig auf die Füße. Sein Werk war eine deutliche Abkehr von der marxistischen Grundüberzeugung, die durch die Frankfurter Schule längst in Soziologie und Politikwissenschaft flächenübergreifend eingesickert war, daß gesellschaftliche Veränderungen sich ökonomisch und sozial erklären lassen müßten. „Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte von Kulturen“ (49) – das war ein direkter Angriff auf Marx.

Auch der Neoliberalismus, der sich durch Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ gerade als Endsieger der Historie begriffen hatte, wurde unsanft aufgeschreckt.

Die Konstruktivisten, Relativisten und Feministen wiederum konnten an einen Kampf der Kulturen nicht glauben, sondern nur „an den Kampf um Definitionen“ innerhalb von Kulturen (Thomas Meyer).

Selbst die Globalisierungsapologeten wurden nicht warm – Huntingtons Absage an den westlichen Universalismus mußte sie vor den Kopf stoßen. Weder hielt er den Sieg des liberalen Denkens für alternativlos, noch glaubte er das Mantra, daß Handel gleich Befriedung sei oder technische Modernisierung automatisch zu Verwestlichung führen müsse (93ff.).

Wieder andere warfen ihm „Kulturessentialismus“ vor, eine zu homogene Sicht auf die Kulturkreise, die er als statische, voneinander deutlich abtrennbare Bereiche betrachte und damit der Realität in einer zusehends sich globalisierenden Welt entbehre. Überhaupt fehlte der Vorwurf der Komplexitätsreduktion in fast keinem Kommentar, denn auch wenn Huntigton von einer multiplen Welt ausging, so endete er doch in der Bipolarität, im Manichäismus von gut-böse, Wir-Sie etc. Auch wenn dieses Argument recht einfach auf eine Leseschwäche zurückzuführen war, sowie die Unfähigkeit die Voraussetzung jeglicher theoretischer Modellbildung zu begreifen – nämlich mit abstrakten Begriffen, notwendigen Vereinfachungen zu arbeiten –, fand es schnell Eingang in den Mythos des Clashes. Ähnlich wie bei Sarrazin scheinen viele der Kritiker nur vom Hörensagen her zu argumentieren und haben das Buch selbst nie gelesen. Nur so ist auch der Rassismusvorwurf zu erklären, der immer wieder auftaucht und über den Kurzschluß Islam-Araber zustande kam.

Hier gilt Sloterdijks Diktum: „Das schlechte Lesen ist eine Waffe, die von den Teilnehmern am Wettbewerb um Aufmerksamkeit immer unverhohlener eingesetzt wird. … Die guten intellektuellen Manieren werden vom Textmobbing abgelöst.“

Und schließlich gab es auch Feuer aus der postmodernen Ecke, wo man die plurale Identität verteidigen wollte und unter dieser ist die Kulturzugehörigkeit – für Huntington das Primat – eben nur eine.

Unter all diesen Abwehrmechanismen lagen jedoch vier systemische Ursachen. Zum einen konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Zum anderen fürchtete man, daß ein solches Paradigma zu einer self-fullfilling prophecy werden könne, denn wenn man mit Differenzen agiert, würde man selbst nur welche hervorrufen und dagegen hilft nun mal nur totale Toleranz und nachsichtiges Nachgeben. Jürgen Habermas sah es demzufolge auch utilitaristisch: Huntington konnte zur Legitimation genutzt werden, durch Bush etwa oder eben durch „den Kapitalismus“: „Das Thema ‚Kampf der Kulturen’ ist oft der Schleier, hinter dem die handfesten materiellen Interessen des Westens (zum Beispiel an der Verfügung über die Erdölvorkommen und der Sicherung der Energiezufuhr) verschwinden“. Drittens schließlich kam der amerikanische Professor zur Einsicht, daß der Multikulturalismus zum Scheitern verurteilt sei, was man in Deutschland nicht gern hörte, wie man sich auch, viertens, im Nachkriegsdeutschland das geopolitische Denken überhaupt abgewöhnt hatte und es nun mit Argwohn betrachtete.

Im Januar 2020 scheinen das starke Gründe zu sein, Huntington erneut zu befragen. (Auf die begrifflichen Schwierigkeiten, zwischen Kultur und Zivilisation zu unterscheiden, muß an dieser Stelle leider verzichtet werden.)

„Das zentrale Thema dieses Buches lautet: Kultur und Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen, prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt.“ (19) „Kulturen sind die ultimativen menschlichen Stämme, und der Kampf der Kulturen ist ein Stammeskonflikt im Weltmaßstab.“ (331). Dabei unterscheidet er acht große Kulturen bzw. Kulturkreise, die sich als „höchste kulturelle Gruppierung von Menschen“ durch „Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch subjektive Identifikation der Menschen mit ihr“ (54) definieren. Das sind nebst Kernstaaten: Sinisch (China), Japanisch (Japan), Hinduistisch (Indien), Islamisch (ohne Kernstaat), Slawisch-Orthodox (Rußland), Westlich (USA, Deutschland-Frankreich-Großbritannien), Lateinamerikanisch (ohne Kernstaat) und Afrikanisch (evtl. Südafrika).

Der Kern der westlichen Kultur bestünde aus der (nicht statisch zu verstehenden) Kombination: Klassisches Erbe, Katholizismus/Protestantismus, europäische Sprachen, Trennung von Kirche und Staat, Rechtsstaatlichkeit, gesellschaftlicher Pluralismus, Repräsentativorgane und Individualismus (99f.). Diese wie jede andere Kultur stünde in einem Spannungsverhältnis zu den jeweils anderen, wobei das Teilen einer gemeinsamen Grenze selbstverständlich ebenso intensivierend wirkt, wie die inhaltliche Nähe oder Ferne zu dieser Kultur.

Folglich ergibt sich für den Westen eine besondere Herausforderung durch den Islam. Dieser wiederum durchlaufe eine Phase der „Resurgenz“, des Erstarkens im Zuge des Versuchs der Modernisierung ohne sich zu verwestlichen. Hilfreich seien dabei „spektakuläre Raten des Bevölkerungswachstums“ (181) und ein Jungmännerüberschuß als tragender demographischer Impuls. Besonders volatil bleibt die islamische Welt auch durch das Fehlen eines Kernstaates. Kernstaaten lösen bei Huntington die traditionellen Supermächte ab (247), stabilisieren aber auch die jeweilige Kultur. Diese findet sich entlang ihrer gemeinsamen Feindbilder und kulturellen Identität zusammen, was freilich einen dialektischen Prozess auslöst. Einerseits – das läßt sich am Europa des 21. Jahrhunderts gut verdeutlichen – rücken die Kulturen näher zusammen, sondern sich nach außen ab, andererseits findet eine Ausdifferenzierung nach innen, ein starkes Bewußtsein der nationalen und regionalen Identitäten statt.

Andersgeartet sind die Loyalitätsstrukturen im Islam, wo sie sich traditionellerweise mehr „am Stamm, an der Sippe und der erweiterten Familie“ orientieren (280). Einigende Kraft ist hier nicht die Nationalstaatlichkeit oder ein politisches Gremium, sondern die Religion. „Im Islam sind die kleine Gruppe und der große Glaube, der Stamm und die ummah, Grundlage von Loyalität und Bindung“ – was natürlich, wenn es denn stimmt, große Bedeutung für Migrationsgesellschaften haben würde. „Darüber hinaus ist der Gedanke eines souveränen Nationalstaates unvereinbar mit dem Glauben an die Souveränität Allahs und den Primat der ummah.“

Im Übrigen meint Huntington auch „umkämpfte Bruchlinien zwischen dem Islam und seinen orthodoxen, hinduistischen, afrikanischen und westlich-christlichen Nachbarn“ (291) feststellen zu können, der Konflikt Westen-Islam sei also nur einer von vielen. Der Satz „Die Grenzen des Islam sind in der Tat blutig, und das Innere ist es ebenfalls“ (420) fehlte in kaum einer empörten Reaktion. Dabei versucht Huntington deskriptiv zu bleiben und begründet seine Position selbstredend. Das „historische Konflikterbe“, das „von allen beschworen und instrumentalisiert werden kann“ (422) läßt sich theologisch, historisch und geographisch recht überzeugend nachweisen (429ff.)

Unter anderem affiziert das die sogenannten „Bruchlinienkriege“, die Huntington analysiert und voraussagt. Die Darstellung des Zerfalls Jugoslawiens läßt sich – trotz einiger Anomalien – damit ebenso erklären wie er den Ukraine-Konflikt inklusive Krimkrise sehr präzise ankündigen konnte. Auch Griechenlands Probleme mit der EU könnten mit den Bruchlinien, neben der allgemein anerkannten ökonomischen Verursachung, eine weitere Erklärung finden. Und ob die Türkei – deren Reislamisierung angekündigt wird – ein Mitgliedstaat der EU werden sollte, wird ebenfalls beantwortet … Dies sind nur einige Beispiele einer ganzen Reihe beeindruckender Erklärungen vielfältiger Konflikte; sie bestätigen die These des „Clashs“ als durchaus brauchbar.

Auch hochaktuelle Fragen lassen sich mit Huntington behandeln. Zehn Jahre vor Heinsohn erkennt Huntington die demographische Dynamik. Migrationsbewegungen sind die Folge, aber Migration schafft auch Migration, „hält sich selbst am Laufen“. Huntington hält sie für die westlichen Gesellschaften für essenziell wichtig: sie „könnte eine potentielle Quelle der Auffrischung und neuen menschlichen Kapitals werden, sofern sie zwei Bedingungen erfüllt: erstens müßten Priorität tüchtige, qualifizierte, tatkräftige Menschen mit dem im Gastland benötigten Talent und Fachwissen haben; und zweitens müßten die neuen Migranten und ihre Kinder an die Kultur des jeweiligen Landes des Westens assimiliert werden“ (500). Es gäbe ansonsten keinen einzigen historischen Beleg dafür, daß eine Gesellschaft Massenimmigration überlebt hätte. Multikulturelle Gesellschaften seien eine Illusion, eine „Chimäre“ (508): „Die Machthaber anderer Länder haben manchmal versucht, ihr kulturelles Erbe zu verleugnen und die Identität ihres Landes von der einen Kultur zu einer anderen zu verschieben. Bis heute haben sie damit in keinem einzigen Fall Erfolg gehabt, vielmehr haben sie schizophrene, zerrissene Länder geschaffen. Die Multikulturalisten in Amerika verwerfen auf ähnliche Weise das kulturelle Erbe ihres Landes. (…) Die Geschichte lehrt, daß ein so beschaffenes Land sich nicht lange als kohärente Gesellschaft halten kann.“ (503).

Zum Schluß wendet Huntington die Perspektive und wagt den Blick in den Spiegel:

„Viel bedeutsamer als wirtschaftliche und demographische Fragen sind Probleme des moralischen Verfalls, des kulturellen Selbstmords und der Uneinigkeit des Westens.“ (500). Kriminalität, Drogen, Verfall der Familie, sinkende gesellschaftliche Beteiligung, Entpolitisierung, nachlassende Arbeitsethik, Bildungsdefizite und Absenken der Bildungsstandards …, das sind die eigentlichen Probleme der westlichen Gesellschaft. Sie höhlt sich selber aus. Trotzdem hängt sie – das ist die Außenseite – dem Traum des westlichen Universalismus nach, glaubt also, ihre „Werte“ weltweit verkünden zu müssen.

Aus Huntingtons Ansatz ergibt sich stattdessen das Gebot der Nichteinmischung unter Akzeptanz anderer Kulturformen. Lange vor Irak, Libyen, Syrien und nun dem Iran schrieb er, „daß eine Intervention des Westens in Angelegenheiten anderer Kulturkreise wahrscheinlich die gefährlichste Quelle von Instabilität und potentiellem globalen Konflikt in einer multikulturellen Welt ist“ (514).

Ein Argument mehr – unter vielen – den „Clash of Civilization“, den „Zusammenstoß der Kulturen“ (und nicht „Kampf“!) neu und ohne ideologische Scheuklappen zu lesen.

Literatur:
Barth, Peter: Im Zeichen des Terrors. Erleben wir einen „Kampf der Kulturen“? http://www.peterbarth.de/islam_aufstaz.htm#fnverweis92
Habermas, Jürgen: Fundamentalismus und Terror. Antworten auf Fragen zum 11. September 2001, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2/2002, S. 173
Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München 1998
Meyer, Thomas: Identitäts-Wahn. Die Politisierung des kulturellen Unterschieds. Berlin 1997
Onfray, Michel: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden. München 2018 (Zitat S. 621)
Sloterdijk, Peter/Heinrichs, Hans-Jürgen: Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen. Frankfurt 2001. (Zitat S. 296)

4 Gedanken zu “Huntington heute

  1. Es ist, wie so vieles andere auch, eine Frage des Blickwinkels. Man kann Huntington als Prophezeiung lesen. Oder auch als Agenda. Zum Beispiel für jene Straussianer (Wolfowitz und Rumsfeld waren hierbei allenfalls die unheilvollsten) und Evangelikalen, welche die Verherrlichung der angelsächsischen Konsumgesellschaft einerseits so lange wie möglichst hinausschieben wollen, und andererseits den Islam, jene vom paulinischen Heil ausgeschlossenen Nachfahren Ismaels, als dämonische Herausforderung biblischen Ausmaßes (im wörtlichen Sinne) betrachten – ein Aspekt, der häufig in Analysen zur US-Außenpolitik vernachlässigt wird. Und man darf wohl annehmen, dass good old Sam wusste, für wen er da schrieb – mag sein Stil rein deskriptiv sein.

    Der „Clash of Civilization“ ist eine Formulierung, die Huntington einst von Bernard Lewis übernommen hat, der diesen Ausdruck m.W.n. zum ersten Mal in seinem Essay „Die Wurzeln des Muslimischen Zorns“ (erschienen 1990 im „Atlantic Monthly“) gebrauchte. Lewis langjährige, sich über Jahrzehnte erstreckenden Islamstudien sind interessant. Es wirkt geradezu so, als hätten die jeweiligen US-Administrationen Lewis Empfehlungen äußerst ernst genommen: Schickt die US-Truppen in Staat X, schaltet antagonistische Regimes aus und ersetzt sie durch Regierungen westlicher Prägung, d.h. mit zuverlässigen Leuten, damit das Öl auch weiterhin fließt. Wie gesagt, es ist alles eine Frage des Blickwinkels.

    Man fühlt sich an die goldenen Zeiten des britischen (und in geringerem Umfang, des französischen) Empires erinnert. Der Eroberung der Welt gingen jahrzehntelange „Studienreisen“ voraus, in denen die noch zu erobernden Länder genaustens erforscht, kartographiert, völkerpsychologisch analysiert und vieles mehr wurden. Und im Laufe der Zeit wechselte die Bewunderung nicht weniger kluger Köpfe der Aufklärung für den Islam einem zunehmend imperialen Selbstbewusstsein, gemischt mit einer Zunahme an Rassismus. Als exemplarisches Beispiel sei das 1801 erschienene Buch „Die Naturgeschichte der Menschheit“ („Histoire naturelle du genre humain“) des Anthropologen Julien-Joseph Virey genannt, der die Araber am unteren Ende des moralischen und intellektuellen Spektrums der weißen Rassen sieht.

    Nach den durchaus kostspieligen Orientstudien jener Forscher und Spione wusste man jedoch über die feinen Trennlinien innerhalb der jeweiligen häufig mehrere Kulturen umfassenden Reiche sehr gut Bescheid, um genau hier die Sollbruchstelle zu finden – die britische Eroberung Indiens ist hiebei exemplarisch in ihrer Methode. Mit den Konsequenzen haben jene Regionen auch heute noch zu tun – auch das erwähnt Huntington, auch wenn er vor dem Wort „willkürlich gesetzte Grenzen“ ein „vielleicht“ setzt (das an dieser Stelle natürlich überflüssig ist).

    Und bei Huntington haben die Adressaten, nämlich die angelsächsischen Eliten, offenbar die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, wie uns die letzten 25 Jahre gezeigt haben (unabhängig vom Strategiewechsel der letzten drei US-Regierungen zwischen direkter Invasion und dem Aufbau und Finanzierung diverser Aktivistengruppen).

    Gemäß Huntingtons These wird die Menschheit in kulturell-politische Blöcke geteilt und dann als Kulturkreise definiert. Dabei hebt er die Bruchlinien zwischen den Kulturen hervor, die sich wegen tiefgreifender unterschiedlicher Werte in einem Zustand des Konflikts befinden. Und nach dem Kalten Krieg tritt laut Huntington der Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen auf den Plan.

    Auch ich erinnerte mich während der ersten farbigen Revolution in der Ukraine an Huntington, den ich Ende der 1990er gelesen habe. Und auch hier ist es wieder eine Frage des Blickwinkels. Ereignete sich der Ukrainekonflikt, weil Huntington recht hatte? Oder konnte er mit seiner detaillierten Bruchlinienbeschreibung für diejenigen westlichen Eliten hilfreich sein, die genau wussten, wo die Sollbruchstelle lag? Für ein entsprechendes Beispiel schaue man sich z.B. eine auf youtube befindliche offizielle ORF-Dokumentation von 2013 an über Srdja Popovic (inzwischen Rektor in St. Andrews), dem einstigen Kopf der serbischen OTPOR-Bewegung, Stifter der von Washington finanzierten „Canvas“-Organisation, welche nahe alle vergangenen Revolutionsbewegungen weltweit aufbaute oder schulte, Autor des Bestsellers „Blueprint for Revolution“ (vielsagender Untertitel: „How to galvanize communities“) und seinerzeit (2013), endlich froh zu sein schien, mit seinen Aktivitäten an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir befinden uns also noch im Bereich der Mainstream-Berichterstattung jenseits obskurer Verschwörungstheorien. vielleicht erhofft.

    Zurück zu Huntington:

    Einen Kulturkreis definiert er als

    „die größte kulturelle Einheit. Dörfer, Regionen, ethnische Gruppen, Nationalitäten, religiöse Gruppen besitzen auf unterschiedlichen Ebenen der kulturellen Hetegorenität ihre je eigene Kultur.“

    Darüber hinaus ist er

    „die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen unterhalb der Ebene, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Sie definiert sich sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch die subjektive Identifikation der Menschen mit ihr.“

    Daher sei der Kulturkreis

    „die allgemeinste Ebene der Identifikation, mit der sich [der einzelne] nachdrücklich identifiziert.“

    Jedoch steht dieser Aspekt der Eigenidentifikation im Gegensatz zu seiner deterministischen Hauptstütze seines Arguments – außer natürlich, Auswahl würde durch die freiwillige Aufhebung der Wahl ausgeübt.

    Die Errungenschaften des Westens, so schreibt er, seien Christentum, Demokratie, Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit. So weit, so bekannt. Diese Auffassung unterschlägt jedoch all die philosophischen Quellen, die mythische Infrastruktur sowie das gesamte Grundgerüst dafür, und zwar im Mittelmeerraum, in al-Andalus und in all den Gedanken, Geschichten und Texten, die mühelos von einer Gesellschaft in die andere wechselten, ohne dabei Rücksicht zu nehmen auf die angeblichen totalen Verwerfungslinien zwischen den kulturellen Blöcken. Kleiner Hinweis: Es wurden in Europa „während der Rennaissance mehr Werke aus dem Arabischen rezipiert als in der Goldenen Ära des Averroismus im 13. Jahrhundert“ (Ulrich Rudolph)

    Die Liste entsprechender Beispiele, egal ob Wissenschaft, Philosophie, Kunst oder Literatur ist dermaßen lang, dass man im Wissen darüber sich kein Beispiel von den Rippen schneiden muss, sondern eher die Qual der Wahl hat, abhängig davon, für welchen Bereich man sich interessiert. Beispielsweise für europäische Literaturgeschichte (Dantes Anleihen bei Ibn Arabi) oder Philosophie (Descartes nahez wortwörtliche Übernahme von al-Ghazalis methodischen Zweifels). Mag eine Sigrid Huhnke zu ihrer Zeit mit einem recht knappen Werk a la „Allahs Sonne über dem Abendland“ noch eine Exotenmeinung gewesen sein, sind in den akademischen jeweiligen Disziplinen diejenigen heute in der Minderheit, die diesen in der Menschheitsgeschichte womöglich größten geistigen Wissenstransfer möglichst zu relativieren versuchen. Man sieht, dass der Ausdruck „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ fast überall benutzt werden kann. Der Islam ist aus europäischer Sicht so etwas wie ein entfernter Onkel aus Übersee, der einem zwar das Studium ermöglicht hat, mit dem man jedoch nichts zu tun haben möchte. Aber dazu zu gegebener Zeit und an anderer Stelle gerne Ausführlicheres.

    Was die Rechtsstaatlichkeit angeht, merke ich an, dass die Scharia als ein allgemeines Rechtssystem eingeführt wurde, um all die archaischen Stammesgebräuche und den Tribalismus – welcher der Koran als Relikt der „Dschahiliya“ (Unwissenheit) bezeichnet – abzuschaffen. Die Rede ist hier natürlich vom bis ins 19. Jahrhundert geltenden traditionellen islamischen Rechtssystem, der mit den heutigen pseudereligiösen Dritte-Welt-Version des Faschismus nur den Namen gemein hat. Wie entsprechende akademische Studien zeigen, herrschte nicht nur de facto eine Trennung von Staat und Religion (was dem Mythos dass „der Islam keine Trennung von Staat und Religion kenne“ zuwider läuft) – aufgrund der sehr breit ausgelegten inneren zulässigen Differenz (Rechtsschulen, Theologieschulen) war die Scharia darüber hinaus ein recht ausgeklügeltes und stabiles Rechtssystem. Gab es, wieThomas Bauer in seinem „Die Kultur der Ambigutität“ (2011) anmerkt, „im Mittelalter in Afghanistan keine Steinigungen“, scheinen die modernen Eiferer mit nichts anderem beschäftigt zu sein, als mit dem Ausführen archaischer Körperstrafen.

    Der moderner Hang zur Vereinfachung, der die komplexe Vielfalt des Islam auf relativ junge und irrige Tendenzen wie den Wahhabismus verkürzt (was zu ebenso irrigen Schlussfolgerungen führt), täuscht leicht darüber hinweg, dass eben jener Islam jahrhundertelang die progressivste kulturelle Kraft im Mittelmeerraum und in Westasien darstellte, der im Vergleich bsp. zum europäischen Kolonialismus kein Export und Aufzwingung einer Monokultur darstellte, sondern eine enorme Vielfalt an Kulturell umfasste. Und zwar nicht infrolge eines „Betriebsunfalls“, sondern u.a. aufgrund der Kombination von geographischer Lage – die dafür sorgte, dass der alte Eiserne Vorhang zwischen hellenischer und indischer Welt aufgebrochen wurde – und einem dem Islam innewohnenden Xenozentrismus, der in einem Europa – in dem lange Zeit konfessionelle Unterschiede ein Problem für den Zusammenhalt eines Staates darstellte – fehlte.

    Was den klassischen muslimischen Konflikt zwischen Nationalstaat und Religion angeht, so sei angemerkt, dass einige Staaten diesen mehr oder weniger gelöst haben. Für die Muslime auf dem Balkan – die ohnehin den Tribalismus überwunden haben (mit Ausnahme der Albaner – bei denen die Clanstruktur religionsübergreifend immer noch wichtig ist, was ihnen auch den Spitznamen „Sizilianer des Balkans“ eingebracht hat), die Türkei oder Indonesien gibt es keinen Zwist zwischen Staatsloyalität und Religionszugehörigkeit. Bei den Arabern – die etwa 1/5 der Muslime stellen – verhält es sich anders. Im Zuge des Zusammenbruch des Kalifats hofften sie auf eine Wiederherstellung eines Kalifats unter arabischer Führung.

    Das Aufkommen sowohl des panarabischen Nationalismus als auch des Salafismus ging auch parallel einher mit der Schwächung der traditionellen sunnitischen Orthodoxie. Weshalb man als unkundiger externer Beobachter zur Annahme gelanten könnte, es gebe im Islam so etwas wie Philosophie oder Theologie oder generell mystische Spiritualität nicht – es handele sich demnach um eine wüstenkargen Simplifizierung des Monotheismus. Eine Aussage, die falscher kaum sein könnte, obgleich sie in einem mittlerweile überholten Orientalismus populär gewesen ist und hier und da wiedergekäut wird (ähnlich wie die Behauptung, dass „mit dem Tode Ibn Rushds die Philosophie im Islam starb“)

    Zurück zu Huntington und dem fehlenden islamischen Kernstaat.

    Prophetisch ist sicher sein Satz, dass es, sofern die Türkei die Rolle eines künftigen Kernstaates haben will, eines Führers vom Schlage Atatürks bräuchte. Und genau das glaubt Erdogan bei sich zu finden. Wir haben heute eine Blockbildung zwischen der Türkei, Saudi Arabien und dem Iran. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man den Putsch in Ägypten 2013 sowie den Rücktritt der islamistischen Nahda-Partei im selben Jahr in Tunesien (um einem Putsch zuvorzukommen, und nicht das Schicksal der Muslimbrüder zu teilen) betrachten. Bei den Wahlen in Ägypten hatten die Muslimbrüder es ja nicht nur mit den reaktionären Mubarak-Kräften zu tun, sondern eben auch mit der Salafistenpartei, die sämtliches WAhlmaterial und Finanzierung direkt aus Saudi Arabien bekam. Dass Saudi Arabien letztlich nicht in Katar einmarschiert ist, hat auch damit zu tun, dass die Türkei seinem Verbündeten militärisch zu Hilfe kam. Und gegenwärtig sehen wir in Libyen einen ähnlichen Stellvertreterkrieg zwischen der Türkei und Saudi Arabien. Weniger medial betont wird jedoch die französische Unterstützung für Haftar – trotz der Lippenbekenntnisse für die international anerkannte libysche Regierung

    Bei all den Konkurrenzkämpfen unter den potentiellen Kernstaaten (Iran, Saudi Arabien und Türkei) vergisst Huntington – oder deutet dies nur an – die Rolle des Westens dabei. Auch hierzulande wird häufig eine quasi unüberbrückbare Feindschaft zwischen den Schiiten und Sunniten herbeigeschrieben die jedoch eine grobe historische Vereinfachung darstellt und unterschlägt, dass gerade seit den 1980ern der zunehmend innermuslimische Konflikt auch ein Produkt des Prinzips „Divida et impera“ ist. Khomeini flog seelenruhig aus Paris ein, denn aus westlicher Sicht glaubte man, ihn im Gegensatz zu einer möglichen sozialistischen Revolution im Iran – die in den 1970ern eine reale Option darstellte – kontrollieren zu können. Und zahlreiche Analysten verwiesen ebenfalls auf westliche Waffenlieferungen sowohl für Iran als auch für Irak während der 1980er – inklusive israelischer Militärberater für Teheran. Ebenfalls kann keinem der angelsächsischen Eliten entgangen sein, dass eine Irakinvasion den parallel dazu stattfindenen schiitisch-sunnitischen ökumenischen Prozess (der in den westlichen Medien kaum behandelt wurde und daher weitgehend unbekannt ist) zunichte machen würde.
    Wieder eine Frage des Blickwinkels. Haben die USA „alles falsch gemacht, was man hätte falsch machen können?“ oder eben aus einer geopolitischen Sicht alles richtig? Immerhin, und Huntington verwies auf das Migrationsproblem, hat man jenseits des Atlanktiks mit den Folgen nicht viel zu tun.

    Was die oben angesprochene innermuslimische Ökumene betrifft: Die zaidisch-schiitische Strömung etwa (das sind die Schiiten im Jemen) wurde von sunnitischer Seite aus Ende der 1950er Jahre als „fünfte Rechtsschule“ akzeptiert. Und 2006 sprach man von offizieller Seite von den „8 gültigen Rechtsschulen“ (4 sunnitische und 4 schiitische).
    Und auch historisch betrachtet kam es nie zu innerreligiösen Kriegen einstigen europäischen Ausmaßes zwischen „Sunniten und Schiiten“ per se, sondern fast ausschließlich zwischen sunnitischen Reichen und der radikal-schiitischen Strömung der sog. „Ismailiten“ (Qarmatenaufstand in Basra, Fatimidendynastie in Kairo, Assassinenbewegung, Safawidenreich). Die „innermuslimische blutigen Grenzen“ sind – vor allem im Vergleich zur christlichen Geschichte – eine Übertreibung, die allenfalls dazu dient, den Islam per se als gewalttätig darzustellen. Deshalb auch der Verweis auf Konflikte zwischen dem islamischen Kulturkreis und sämtlichen angrenzenden Kulturen. Dies ist, bei allem nüchternen Stil eine grobe Vereinfachung und einseitige Darstellung.

    Es steht außer Frage, dass in islamkritischen Kreisen a la PI und Tichy gerne mal ohne Nachprüfung bsp. die Angabe, „es hätte während der muslimischen Besatzungszeit in Indien 80 Millionen ermordete Hindus“ als gegeben akzeptiert wird – obgleich dies historisch eindeutig (siehe entsprechende Studien in Oxford und Cambridge) und nachdrücklich als Fantasiezahl eines indischen Historikers sich herausstellt, der aktiv in der radikalen Hindutva gewesen ist. Das erinnert den Verfasser dieser Zeilen an eine andere subjektive Wahrnehmung unter Islamkritikern – man zitiert begeisternd Voltaires Mahomet, aber vergisst oder kennt nicht dessen später geäußertes Bedauern, „solch einen großen Mann (Mohammed) beleidigt zu haben“. Mehr noch, dass sich für den späteren Voltaire „der Islam als eine umgängliche und tolerante Religion darstellte“ (vgl. J.G.A. Pocock – Barbarism and Religion).

    Doch abgesehen von den „blutigen Grenzen des islamischen Kulturkreises“, welche implizit als islamische Eigenart bezeichnet wird. Hat der Westen nicht mit allen Kulturkreisen Kriege geführt? Mehr noch, seinen Lebensstil, seine Werte und seine Verwaltungsstrukturen erfolgreich exportiert? War das Schicksal praktisch aller indigenen Völker (sofern es Überlebende gab) etwa nicht, dass sie letztlich viktorianischer oder französischer wurden, als die Eroberer selbst? Wieso sehen in allen ehemaligen Kolonien die „Kolonialbauten“ praktisch gleich aus, während im Vergleich dazu eine Moschee sich allein optisch je nach Region völlig unterscheidet? Offenbar werden in solch einer vereinfachenden Darstellung die Ziele und Methoden des europäischen Kolonialismus auf den Islam übertragen.

    Interessanter wird das ganze, wenn man sich die Geschichte der arabischen Geographie und Seefahrt betrachtet. Hier sieht man, wenn man sich mit der Materie beschäftigt, dass zu einem gewissen Zeitpunkt – obwohl man die seetüchtigsten Schiffe hatte, die besten nautischen Geräte und detailliertesten Karten von Gegenden, die in Europa noch unbekannt waren – dies nicht zu einem Ansporn diente, die Welt zu erobern. Es gibt sogar ein gewisses Desinteresse, denn diese Gegenden galten als unzivilisiert (die Beschreibungen der arabischen Geografen ist recht nüchtern, daher lesenswert) – ein ähnliches Desinterresse legten die Araber für den Norden Europas an den Tag. Zu kleine Städte, zu wenig Rohstoffe (wenn man von begehrten slawischen Sklaven absieht), zuviel Wald. Kein Anzeichen von Zivilisation oder Bildung (die sich in Klöstern befand)

    Europa hingegen hatte einen weitaus größeren Ansporn, die Welt zu entdecken und zu erobern – man war praktisch von Muslimen umzingelt (man erinnere sich an den zeitweiligen Ansporn, das Reich des Priesterkönigs Johannes zu finden). Der Aufstieg Europas geht einher mit dem Niedergang der Islamischen Welt. Das Schmiermittel für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt – die Wirtschaft, verlagerte sich von Ost nach West.
    Wie Abdel Wahhab Meddeb („Die Krankheit des Islam“) richtig anmerkt, war Kairo die letzte islamische Weltkapitale, die dann über Amsterdam, London nach New York wanderte. Also beständig weiter weg vom Islamischen Raum.

    Nun sind die islamischen Zivilisationen bekanntlich untergegangen.

    Napoleons Invasion in Ägypten, General Clives Eroberung Indiens, der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches trotz enormer Reformprozesse (z.B. „Tanzimat“) – all dies hatte zur Folge, dass letztlich in der Islamischen Welt ein „Kernstaat“ fehlt, wie auch Huntington richtig beschreibt.
    Die Ursache dafür liegt, was der Autor auch andeutet, in dem Aufstieg des Westens. Darüber hinaus bedeutete der Export jenes französischen Frankensteins, nämlich des Nationalismus (so wie der Zionismus ein westlicher Golem ist) gerade für islamische Gesellschaften katastrophale Folgen – insbesondere für all jene nichtislamischen Minderheiten, die bis dahin relativ unbehelligt leben konnten. Was wir die letzten 150 Jahre im Vorderen Orient sehen, sind die Folgen von gigantischen Umwälzungen und Anpassungsprozessen in dieser Region. Muslime heute mögen vereinzelt eingebettet in Nachbarschaften oder Gemeinden sein, deren Werte im Wesentlichen vormodern sind. Doch nirgends sind diese sozialen Elemente Teil einer funktionsfähigen Zivilisation geblieben. Ihre breitere und tiefere Verankerung liegt stets innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die den Werten und Verwaltungsmethoden des Westens entlehnt sind. Selbst der moderne Islamismus, der vorgibt, der große Aufstand der Dritten Welt gegen die Aufzwingung der westlichen Monokultur zu sein, definiert sich typischerweise über feste westliche Begriffe: als „Vorhut“ bzw. „Elite“ (tal’īa), „Bewegung“ (haraka) oder, sofern man siegreich in den Palast eines gestürzten Diktators eingezogen ist, als eine „Islamische Republik“ bzw. „Islamischer Staat“. Daher auch die ebenfalls 20 Jahre alte Diagnose des Philosophen John Gray:

    „Die Ideologen des politischen Islam sind westliche Stimmen, nicht weniger als die von Marx oder Hayek. Der Kampf gegen den radikalen Islam ist nur ein weiterer westlicher Familienstreit.“

    Dies wird umso deutlicher, wenn wir uns anschauen, durch welche Ideologien islamistische Vordenker (Qutb, Maudidi) tatsächlich inspiriert worden sind. (Nietzsche, Trotzki, Alexis Carrel)

    Der Islamismus ist ironischerweise in vielerlei Hinsicht modern. Er ist modern in seinem Streben nach Wissenschaft und seinem Hass auf den Aberglauben. Er ist modern in seiner Ablehnung jeglicher höheren Spiritualität. Er ist modern in seiner Ablehnung von traditionellen Prinzipien und er kann nicht anders, als die Unsicherheiten von im Westen ausgebildeten Denkern (und sind die meisten Islamisten nicht Ingenieure und Ärzte?) der heiligen Schrift aufzudrücken. Intertextualität und mehrdeutige Lesarten sind ebenso wie ein Kreis der Weisen ausgeschlossen.

    Die theologische Politik des klassischen Islam, wo sowohl die Gelehrten als auch der Staat durch gegenseitige Spannungen belebt werden (die Männer der Feder und die Männer des Schwertes), wird durch das letztlich westliche Modell des ideologischen totalitären Staates ersetzt. An dessen Spitze steht dann ein selbsternannter Klerus (der allerdings aus Technokraten besteht), der die völlige Kontrolle über die Politik und die Scharia einfordert. Die elementare Vielfalt vormoderner muslimischer Gesellschaften, in denen Dörfer, Stämme und religiöse Minderheiten (Millet-System) sich selbst regulierten, weicht der islamistischen Aneignung der Mechanismen eines postkolonialen Zentralismus. Soziale Untergruppen – die jahrhundertelang beispielsweise unter dem Osmanenreich florierten, der durch zentralistische Kolonialregime bereits ausgehöhlt wurde – werden schließlich durch eine rein westliche Vision, so sehr sie auch von einer lautstarken, religiösen Sprache verhüllt ist, ausgelöscht.

    Und auch unter anderen Aspekten – dem Zorn (Theisten glauben an Selbstbeherrschung, gerade wenn die Luft brennt) dem Hang für Verschwörungstheorien (Theisten glauben, dass man auf Gott vertraut) oder auch der Rechtfertigung der zweckorientierten Aufhebung des Ethischen durch eine dschihadistische Vorhut (für Theisten heiligt der Zweck nie die Mittel) – sind die radikalen Islamisten ein Ausdruck der sehr westlichen Entfremdung, der sie sich angeblich widersetzen wollen. In seinem glänzenden Werk „Die Krankheit des Islam“ erinnert uns Abdel-Wahab Meddeb daran:

    „Wer sind diese Leute, die starben, um über New York, Washington und Pennsylvania den Tod zu bringen?“ […] Sie sind Kinder ihrer Zeit, ein Produkt der Amerikanisierung der Welt.“

    Dass Huntington sich in islamkritischen Kreisen einer gewissen Beliebtheit erfreut, ist nicht weiter verwunderlich. Denn der Islam wird hier als etwas dem europäischen Abendland diametral gegenüberstehendes betrachtet: Die USA als Rom, Europa als Athen, während der Islam ein unendlich lästiges Judäa darstellt. Man erinnert sich an Leute wie Edward Gibbon, Ernest Renan oder Leo Strauss: Der Islam als eine Art radikales Judentum, bar jeder Theologie und schriftfixiert, der zu Denken unfähige Fanatiker produziere. Und auch hier wieder ist es eine Frage des Blickwinkels. Der Islam mag zwar, so die hier geltende Ansicht, als Folge eines „Betriebsunfalls“ kurz an den hellenischen Geist geschnuppert haben, aber nur im europäischen Gasthof konnte der Hellenismus seinen angestammten Platz finden. Und so weiter. Diese Sicht ist zwar in den entsprechenden akademischen Forschungsgebieten in Misskredit geraten – um nicht zu sagen, gründlich dekonstruiert worden -, aber auch das ist, um Fontane zu zitieren, „ein weites Feld“.

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    • Ergänzung zum Abschnitt über die (aufgrund politischer Entwicklungen erfolglosen) innermuslimischen Ökumene:

      Der Einfluss Saudi Arabiens auf andere arabische Länder (allen voran Ägypten) zeigt sich auch in der zunehmend anti-schiitischen Agitation dort führender sunnitischer Geistlicher. Die Saudis gehen mittlerweile soweit, iranischen Pilgern die Hadsch zu verweigern und die Schiiten generell als „irrgläubige Ketzer“ zu titulieren. Bemerkenswert: Es waren die Wahhabiten, die noch im 19. Jahrhundert von der sunnitischen Orthdoxie als Ketzer gebrandmarkt wurden – was religionshistorisch betrachtet ja auch sind.

      Der innermuslimische Konflikt läuft auf theologischer Ebene tatsächlich zwischen der sunnitischen Orthoxie und dem saudischen Wahhabismus ab. Das äußert sich bsp. in Boykottaufrufen, also am Hadsch nicht teilzunehmen (zuerst vereinzelt von muslimischen Philosophen, mittlerweile auch von offizieller Seite wie bsp. der sunnitischen Orthodoxie in Tunesien oder Libyen).

      Die Frage ist womöglich rhetorischer Natur, ob in den entsprechenden Machtzentren (Washington, London, Paris) ein Interesse bestehen sollte, dass tatsächlich ein wie auch immer homogener, halbwegs stabiler oder vereinter islamischer Kulturkreis mit einem entsprechenden Kernstaat entstehen sollte – außer natürlich es handelt sich um den mitlerweile bereits traditionellen Verbündeten Saudi Arabien. Denn die saudische Version des Islams erinnert nicht nur entfernt an einen radikalen Calvinismus, weshalb Experten der Materie hier auch zurecht nicht von einer „Reislamisierung“ sprechen – wenn es um die Verbreitung salafistischer Lehren geht – sondern von einer „Protestantisierung“ des Islams. Der von mir angesprochene Meddeb weist mit Bezug auf Tocquevilles Beschreibung der fundamentalistischen Pilgerväter in Amerika auf die ideologischen Gemeinsamkeiten zwischen protestantischen Puritanern und den saudischen Wahhabiten hin. Ich ergänze diese Gemeinsamkeiten auch in Sachen theologischer Auffassung einer liberalen Wirtschaft. Es ist kein Zufall, dass die Saudis aus einem einstigen spirituellen Zentrum wie Mekka eine arabische Version von Las Vegas gemacht haben, wo man im heutzutage sicherlich alles finden wird, mit Ausnahme von Spiritualität.

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  2. Helmut Lethen schreibt:

    Danke für die klärende, nicht von politischem Lagerdenken gesteuerte Erinnerung an Huntington. „Daß eine Intervention des Westens in Angelegenheiten anderer Kulturkreise wahrscheinlich die gefährlichste Quelle von Instabilität und potentiellem globalen Konflikt in einer multikulturellen Welt ist“ wird in diesen Tagen und in jeder Stunde bestätigt.

    (Leider landen alle seidwalk Essays seit einiger Zeit immer bei den junk-mails)

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  3. lynx schreibt:

    Nahtlose Fortsetzung. Und unverzichtbare Lektüre, wenn man nach Affirmation eines überkommenen Weltbildes sucht. Versicherung, Bestätigung, dass man etwas „schon immer so“ gesagt oder gedacht hat. Wenn es allerdings etwas mehr Kribbeln soll, dann empfehle ich Richard Sennetts „Civitas“ (1990). Der sagt auch: „Unterschiede sind nicht dazu da, dass man sie überwindet“. Jedoch erst, wenn man den gewohnten Rahmen der Identität verlässt, kann man Fremdheit, Unvorhergesehenes zulassen: „man akzeptiert das permanente Rätsel und wendet sich nach außen“. Verlässt den Kerker Binnenschau, den auch Huntington zelebriert und als Weltsicht verkauft. Sennett nennt seine Alternative auch „die nicht-lineare Erfahrung des Unterschieds“. Genau das ist es: Nicht-Linearität. Aber dafür muss man womöglich künstlerisch denken können. Huntington ist ein streng linear arbeitender Buchhalter. Das kann einen mit Sorge erfüllen, denn die Geschichte lehrt, dass der Einfluss der Buchhalter ein sehr umfassender und nachhaltiger ist.

    Seidwalk: Sie scheinen da bei Sennett – bei Huntington sowieso – etwas mißverstanden zu haben. Der beschreibt den Verlust der Identität und die Vereinzelung des Menschen nicht affirmativ, sondern kritisch. Er sieht den Rückgang des Zusammenhalts etwa aufgrund des Verlustes von Ritualen mit Sorge, er erkannte früh die Tatsache, daß Migranten ihre Heimat in der Regel dort haben, wo sie aufgewachsen sind und er hatte – ganz nebenbei – Heideggers Refugium in die Hütte als eine Möglichkeit der Stadtflucht bedacht und akzeptiert …

    Sie sind gerne eingeladen, da Sie offensichtliche eine originelle Lesart Sennetts pflegen, eine Rezension des sie begeisternden Buches zu verfassen und uns hier zur Diskussion zu stellen.

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