Für Ferdydurkisten

Für Aficionados und Ferdydurkisten ein wichtiger Tag: am 25. Juli  1969 starb der große polnische Autor Witold Gombrowicz. Von wenigen gelesen, von vielen, die ihn lesen mußten, gehaßt, von ganz wenigen erkannt, gehört er zum Bedeutendsten, was europäische Literatur erschaffen hat. Der Todestag war Anlaß, einige seiner Hauptwerke erneut aus dem Regal zu ziehen.

Ferdydurke-Stimme aus dem Anderswo

Es ist, frank und frei, peinlich oder anmaßend, mindestens aber lächerlich, ein solches Buch  „bewerten“ zu wollen. Denn „Ferdydurke“ läuft außerhalb der Konkurrenz, ist jenseits von gut und schlecht: Ferdydurke ist ein Schock, eine Zumutung, eine Frechheit, eine Farce, ein Witz, ein Insult, ist Unikum, ist … ich weiß nicht was! Schon die Kategorie „Roman“ stimmt nicht.

Instinktiv suchen wir nach Vergleichen, das ist uns von einer Kritik über Generationen so eingetrichtert worden. Sicher, man könnte auch hier mit Namen wie Kafka, Beckett, Joyce etc. hantieren, sich auf Sartre, Freud, Lacan berufen, Schwergewichte wie Absurdes, Nonsens, Dada, Existentialismus, Postmoderne, Surrealismus, Strukturalismus, Dekonstruktion in den Ring werfen oder sich in Vermutungen flüchten, etwa, daß ein Oskar Matzerath ohne Jozio Kowalski wohl nicht möglich gewesen wäre … aber das alles ist es nicht, trifft es nicht, füllt es nicht aus, das alles sind nur optische Täuschungen, Selbstbetrügereien, die allzu schnell eine offene Wunde für geheilt oder doch wenigstens diagnostiziert erklären möchten.

Dabei ist es noch nicht mal eine „schöne Lektüre“, ist nicht angenehm – Ferdydurke strengt an, neun von zehn Leuten werden es nicht zu Ende lesen – man muß sich quälen, mitunter, sich konzentrieren, immer wieder neu ansetzen, zurückblättern, man muss oft auch einfach sein Unverständnis akzeptieren und man wird es mehrmals lesen müssen. Eigentlich, das wird auch bei dieser sehr aufmerksamen und wortbedachten Übersetzung deutlich, eigentlich dürfte es ob seiner verspielten, „experimentellen“ Zaubersprache, ein unübersetzbares Buch sein, für das es sich fast lohnen würde, Polnisch zu lernen, aber mindestens die Lektüre in anderen Sprachen ist Pflicht! (Danuta Borchardt, die Übersetzerin ins Amerikanische, hat in ihrem Artikel „Translating Witold Gombrowicz’s Ferdydurke“ die prinzipiellen Schwierigkeiten und die quasi-Unmöglichkeit einer deckenden Übersetzung beschrieben.) Möglicherweise bietet auch die erste Übersetzung aus den 60er Jahren, bei Neske erschienen, schon aufschlußreiche Perspektivenwechsel; siehe: Ferdydurke Englisch

Eines aber dürfte trotzdem deutlich sein: es ist ein gnadenloses Dokument unseres Nicht-bei-sich-selbst-sein-Könnens – auf ferdydurkisch: eine Fresse haben, kein eigenes Gesicht haben, stets als Maske herumzulaufen -, eine permanente Aufforderung, jegliches Kategorisieren zu hinterfragen, und gerade darin wird die persönliche Erschütterung wohl wurzeln, sofern man sich des tiefsten Tiefenpsychologen und authentischen Philosophen Gombrowicz, den man sich als nietzscheanisch-mephistophelische Gestalt denken kann, bitter-lustig, nicht durch Selbstabwehr verweigert.

Wir sind, so scheint Gombrowicz sagen zu wollen, durch Kommunikationen, Situationen und Dispositionen permanent fremdbestimmt, bei ihm ist alles menschliche Tun und Unterlassen intentional und zwar im unausweichlichen, im apriorischen Angesicht des Anderen: Wir können nicht wir selbst sein, weil wir ein Wir sind.

PS: Man kann von Gombrowicz derart verunsichert werden – fasziniert sein? – daß man ein ganzes dickes Buch zur Bewältigung, Verwindung schreiben muß, so wie Rüdiger Fuchs‘ kongenialer Gombroman.
Witold Gombrowicz: Ferdydurke. Frankfurt 2004. Übersetzung: Rolf Fieguth
Witold Gombrowicz: Ferdydurke: Pfullingen 1960. Übersetzung: Walter Tiel
Witold Gombrowicz: Ferdydurke: New Haven 2012. Übersetzung: Danuta Borchardt

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