Der Mensch als Demutsübung

Dieser Tage sah ich ein sich paarendes Libellengespann – vermutlich zwei Azurjungfernan der Regentonne Eier ablegen. Das war eine schlechte Entscheidung, denn der Trog trocknet in der Regel mehrfach im Jahr aus und wird noch öfter durch heftige Regengüsse gewaltsam überflutet.

Es tat mir leid, sie würden ihre Eier umsonst abgelegt haben. Aber was kann man tun? Sollte ich sie bei ihrem Geschäft stören und vertreiben? Nein, ich entschied mich, nichts zu tun, in den Lauf der Natur nicht einzugreifen, auch wenn er ganz offenbar in eine Sackgasse geraten war. Demütig nahm ich das Scheitern hin.

Schwerer ist die Demut, wenn es sich um Menschen handelt, aber gerade diese seltsame Spezies ist es, die den Verständigen – diese Selbstzuschreibung gestattet sich wohl fast jeder und fast alle zu Unrecht – immer wieder an den Rand der Gefaßtheit bringen.

Manchmal spielen „höhere Mächte“ eine Rolle.

So hatte ich vor Jahren, mit der technischen Hilfe eines Experten-Freundes, eine umfängliche Webseite über Hans Kirk im Besonderen und die moderne klassische dänische und skandinavische Literatur im Allgemeinen aufgebaut. Es gab weltweit nichts Vergleichbares und selbst dänische Koryphäen wie Morten Thing oder die Tochter des besten Freundes waren des Lobes voll. Dort waren nie zuvor gesehene Bilder zu sehen und zu allen relevanten Texten ausgiebige Artikel in beiden Sprachen.

Und dann bekomme ich eine Mail von meinem Administrator, in der er mir mitteilt, daß das „Content Management System“ – was immer das ist – seinen Dienst ganz einfach beendet hat. Es nannte sich Joomla. Die Seite war von einem auf den anderen Tag ganz einfach verschwunden. Eine Rekonstruktion sei zwar möglich, aber sehr zeitintensiv und für einen Laien wie mich wahrscheinlich nicht zu machen.

Das Ergebnis mehrerer Jahre Arbeit war vernichtet[1]. Was soll man tun? Wütend sein? Traurig? Entmutigt? Wozu?

Oder ein anderes Beispiel. Im Sommer 2017 hatte ich auf diesem Blog ein großartiges Buch über Heidegger besprochen. Daraufhin kam der Kontakt mit dem Verfasser zustande. Ich schlug ihm vor, wenn er Interesse habe, dieses Buch zu übersetzen und bei der Suche nach einem geeigneten Verlag zu helfen. Natürlich ehrenamtlich. Noch nicht mal für einen feuchten Händedruck, denn außer Mailverkehr hat es zwischen uns nichts gegeben.

Ich hatte für den gesamten Prozeß etwa ein Jahr veranschlagt. Nach neun Monaten war ich mit der Übersetzung fertig. Jeden Tag hatte ich mir eine Stunde dafür abgezwackt – es ging langsam, aber kontinuierlich voran. Das Buch hätte – ein Verlag vorausgesetzt – schon seit einem Jahr auf dem Markt sein können. Ich schickte die fertige Übersetzung an den Autor; der zeigte sich begeistert, die Übersetzung würde seine Intention vollkommen treffen und überhaupt läse es sich jetzt noch besser als im Original. Zwar hatte ich den gegenteiligen Eindruck, aber egal, wir waren uns einig.

Danach folgte der mühsame und quälende Prozeß des mehrfachen Korrekturlesens. Zuletzt mußte ich sogar meine Frau noch bemühen, speziell nach Rechtschreibung, Grammatik und innerer Konsistenz zu suchen. Wieder steckte viel Arbeit drin.

Es blieben circa 40 Fragen an den Autor übrig, die ich ihm – fein säuberlich in Tabelle aufgereiht – zusandte, um sie mir abschließend zu beantworten. Inzwischen hatte ich auch ein interessiertes Verlagshaus ausfindig gemacht, wo man mir – sollte das Buch nicht ins Programm passen – immerhin tatkräftige Hilfe bei der Suche nach einem anderen versprach. Die Bearbeitung der 40 Fragen – manchmal waren es einfache Rückübersetzungen aus dem Deutschen oder ein paar kleinere Datierungsfehler (ich habe das Buch sozusagen auch noch mal lektoriert) – war nach meiner Einschätzung in drei, vier Stunden konzentrierter Arbeit zu schaffen.

Aus vorherigen Kontakten wußte ich, daß mein Autor – in Dänemark eine große Nummer – sich gern Zeit läßt. Also war ich nach einem viertel Jahr Schweigen noch nicht beunruhigt, fragte vorsichtshalber dennoch nach. Was bekam ich als Antwort? Er habe es vergessen!

Vergessen? Ein dreiviertel Jahr unentgeltlicher Arbeit, die sein Buch über den größten deutschen Denker der jüngeren Ära, das in Dänemark vielleicht ein paar hundert Leser fand, in Deutschland aber zehntausende erreichen könnte, die sein Buch überhaupt erst für die Heidegger-Diskussion relevant machte, einfach vergessen?

Menschen – dachte ich. Er ist halt schon ein bißchen älter, er hat sicher viel Arbeit … Wieder betonte er, wie stolz er auf diese Arbeit sei, wie glücklich über die Übersetzung … und schwieg erneut. Das Spiel hat sich nun zwei weitere Male wiederholt, ich habe die Bearbeitung der 40 Fragen noch immer nicht bekommen und nun innerlich damit abgeschlossen. Es wird dieses Buch auf Deutsch wohl nie geben.

Es gäbe guten Grund, sich aufzuregen, böse, vielleicht sogar ausfällig zu werden. Natürlich verletzt diese Ignoranz und Mißachtung der Arbeit. Aber ich sage mir erneut: Wozu? Ein Buch mehr oder weniger, was tuts? Ein gutes Buch, keine Frage, aber keines, das die Welt retten wird, kein Jahrhundertbuch. Und selbst wenn, in ein paar Jahren würde das Buch in Bibliotheksregalen verstauben und noch ein paar Jahre später, werden wir zu Staub und Asche zerfallen sein.

Und meine Arbeit? Nun ja, sie hat mir Spaß gemacht. Ich habe vieles gelernt. Über Heidegger und über die Sprache. Die Arbeit war Lohn genug.

Vor allem aber habe ich etwas über Menschen gelernt oder zumindest wieder bestätigt gefunden. Sie sind unberechenbar. Der Mensch ist das Tier, das immer „Nein“ sagen kann, selbst wenn es vor dem Gesetz oder vor Gott oder einfach aus Anstand und Vertrauen öffentlich „Ja“ gesagt hatte.

Es gibt kein besseres Demutstraining, als sich mit Menschen zu umgeben.

[1] Sollte hier ein Experte mitlesen, der einen validen technischen Lösungsvorschlag hat: ich wäre dankbar. http://www.hans-kirk.de/index.php/de/
Dieser Beitrag ist exklusiv für diesen Blog „Seidwalk“.

4 Gedanken zu “Der Mensch als Demutsübung

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Zum Joomla-Problem:

    Vorab: Ich kenne mich bei CMS nicht aus. Nach der verlinkten Wikipedia-Seite zu Joomla wurde Ihr Projekt wahrscheinlich beim Wechsel von Version 1.0 zu Version 1.5 aus der Kurve getragen. Das hört sich nach einem fundamentalen Redesign an. Haben Sie schon nach Dienstleistern Ausschau gehalten, die eine automatische oder semiautomatische Projektkonvertierung anbieten? Das gibt es zuweilen, wenn es viele Nutzer der Vorversion gibt, idie ohne viele Mühe auf die Folgeversion kommen wollen, ggf. auch unter Inkaufnahme von Schönheits-Einschränkungen. (He weiter der Versionswechsel zurückliegt, desto unwahscheinlicher wird es freilich, dass solche Angebote nach auf dem Markt sind.)

    In jedem Fall würde ich empfehlen, das Altprojekt und vor allem die unterliegende Datenbank doppelt und dreifach zu sichern.

    Was mich wundert, dass so ein offenbar „schweres Eisen“ wie Joomla eingesetzt wurde. Nach dem, was Sie schreiben, waren sie ja wohl der einzige Inhalts-Beiträger und die Website war wohl im Wesentlichen statisch; in dem Falle braucht man viele der Funktionalitäten gar nicht. Außerdem würde ich vermuten, ihre Website war nicht „klickibunti“, sondern enthielt im Wesentlichen Textseiten mit eingebetteten Bildern und Links, vielleicht noch eine Navigationsleiste pro Seite, jedoch keine komplizierten Layout-Schachtelungen. Oder musste man etwa die Seitenthaupttexte alleine aus Layoutgründen geeignet in Segmente händisch „zerfetzen“?

    Wenn SIe von jahrelanger Arbeit reden: Wieviele HTML-Seiten hatte denn die Website?

    Seidwalk: Vielen Dank! Das Altprojekt hat sich mittlerweile als komplett zerschossen herausgestellt. Da ist auch nichts mehr zu retten. Die Texte sind weg, nur noch die Kategorien sind im Backend zu sehen. Das ganze auf eine andere Seiten ziehen, ist nicht mehr möglich.

    Ich werde überlegen müssen, das Ganze komplett neu aufzusetzen und am besten vielleicht mit WordPress. Suche nur ein Theme (und die Zeit dazu), das die Unterteilungen zuläßt. Das waren zum einen – kopfseitig – die Biographie und die Analyse zweier erstübersetzter Bücher. Linksseitig wurden alle anderen Werke Kirks besprochen, die relevante – Herkommen und Nachfolge – dänische und skandinavische, dann die internationale Literatur besprochen, diese jeweils in ihren einzelnen Vertretern. Desweiteren die Sekundärliteratur und die Geschichte eines erstveröffentlichten Bildes … so um die 100 Texte mal zwei.

    Aber auch WordPress wird es nicht ewig geben …


    Michael B: > Die Texte sind weg

    Sind Sie sicher? Kann natuerlich sein, wenn sie in Datenbanken lagen und von einer inkompatiblen Neuversion Joomla’s selbst zwecks automatischer Konvertierung angefasst wurden. Schien mir aber unwahrscheinlich, ich war drauf und dran etwas Aehnliches wie Pérégrinateur vorzuschlagen.

    Ich bin auch kein CMS-Experte, habe aber doch ein paar Seiten aufgesetzt.
    Ich habe einmal versucht, die Kirk-Domain komplett herunterzuladen, da kam tatsaechlich nicht viel. Aber das mag an mangelnden Zugriffsrechten liegen, die mein script Dinge nicht sehen laesst.
    Koennen Sie ein Zipfile aller Dateien unter der Domain bauen? Ich koennte Ihnen per mail einen Link zum Hochladen auf etwas Cloudspeicher unter meiner Kontrolle zukommen lassen und zumindest einmal hineinschauen.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Man sollte nicht nur die Menschen als Demutsübung ansehen, sondern vielmehr das ganze Leben als eine Vergeblichkeitsübung. Weil es das ist. Wir bauen Sandburgen am Strand, die der nächste Sturm wieder hinwegfegt.

    Es gibt recht verbreitet einen Menschenschlag, der am liebsten dauernd unreflektiert und angetrieben von übermächtigem Drang handeln möchte, Rauschsüchtige des Gefühls, des Engagements, der besinnungslosen Geschäftigkeit. « On s’embesogne pour l’embesognement. » [Man deckt sich mit Geschäften ein um der Geschäftigkeit willen], sagt Montaigne über sie im Kapitel « De mesnager sa volonté » des Dritten Buchs seiner Essais. Baudelaire war offensichtlich auch so ein Rauschbruder:

    https://fr.wikisource.org/wiki/Enivrez-vous

    Natürlich ist ein Leben ohne Beschäftigung öde. Man sollte diese Tatsache aber nicht zum Anlass nehmen, sich in irgendein womöglich sogar den erhabensten Werten förderliches, aber dabei doch besinnungsloses Engagement zu stürzen. Wir Menschen können alles mit weniger oder mehr an innerem Vorbehalt treiben und sollten alles mit sehr großem tun.

    Sie haben einmal erwähnt, in jungen Jahren begeistert Perec gelesen zu haben, dann sicher auch « La Vie Mode d’emploi  », worin die zentrale Figur Bartlebooth, von Natur antriebs- und talentlos, sich willkürlich eine Beschäftigung verschafft, die von ihm so disponiert wird, dass sie in der Welt keinerlei Spuren hinterlassen soll.

    Am Ende sind wir alle kleine Bartlebooths, nur wissen es eben die meisten nicht und verhehlen es sich sogar.

    Bitte nicht Glaube, Liebe, Hoffnung, sondern tunlichst Skepsis, Distanz, Illusionslosigkeit.

    Ich war einmal ein Jahr lang in einem Softwareprojektr gefangen, von dem ich sehr bald sah, dass es scheitern würde. Ich trug dies und die recht einsichtigen Gründe dafür dem Projektverantwortlichen vor, der aber nur meinte, das Projekt müsse ganz einfach funktionieren und ich solle ihn nicht mehr dazu ansprechen, weil ihm das nur die Stimmung verdürbe. Um nicht verrückt zu werden, habe ich mir eine Kompensation verschafft und bin in dem Jahr am Wochenende und wochentags, vor und nach der Arbeit, bei Wind und Wetter insgesamt etwa 5000 Kilometer gewandert. Beide Erfahrungen, die des absehbaren und eingetretenen Scheiterns wie auch die des menschen- und menschenbelangfreien Schweifens durch die gleichgültige Natur möchte ich nicht missen.

    Empfohlene Lektüre:

    • Kohelet, ganz
    [https://www.bibleserver.com/text/LUT/Prediger1]

    • Shakespeare, The Tragedy of Macbeth, V, 5, Sound-and-Fury-Monolog
    [http://shakespeare.mit.edu/macbeth/macbeth.5.5.html]

    Gefällt 3 Personen

    • Michael B. schreibt:

      > Bitte nicht Glaube, Liebe, Hoffnung, sondern tunlichst Skepsis, Distanz, Illusionslosigkeit.

      Das kann es auch nicht sein. Ich schreibe ja auch Software. Seit ueber 20 Jahren als Freiberufler in sehr verschiedenem durchaus auch dysfunktionalem Umfeld. Kommt schon vor. Distanz heisst aber m.E. eher, nichts Unqualifiziertes an die eigenen grundlegenden Staerken heranzulassen, nicht diese zur Entwertung freizugeben . Ich schreibe gern Software, das lasse ich mir doch nicht nehmen. Wenn Sie etwas vorantreiben wollen, genuegen die letzten drei der o.g. Eigenschaften nicht. Wenn es gar nicht passt, gehe ich (einer der Gruende, nicht angestellt zu arbeiten).

      Zu den 5000 Kilometern. Ich bin ja selbst gerade ein Jahr lang ca. 200km pro Monat gelaufen. Das Doppelte waehrend laufender Arbeit? Da waren Sie unausgelastet, mein Lieber 😀

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Sie werden sich denken, dass ich in Anbetracht meiner Einschätzung nicht gerade zu exzessiven Überstunden willig war. Wenn man kein soziales Leben führt, kann man an zwei Tagen Wochenende ziemlich regelmäßig 70 bis zu 80 Kilometer gehen; in den ersten 3 Stunden 16 Kilometer und einen Anstieg von 400–500 Höhenmetern, mit nur wenigen Ausfällen an Hundstagen oder bei frostglatten Wegen. Anfahrt zu den entfernten Ausgangspunkten in allenfalls einer Stunde mit dem Nahverkehr, weil der Heimgang besser zog und es so auch keinen Anschluss-Zeitverschnitt gab..

        Fast jegliche Lektüre fiel allerdings aus, weshalb ich über das Ende meiner Sinnlosigkeits-Gefangenschaft froh war.

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