Wiese und Weg

Fast ein Märchen

Wißt ihr, daß auch Wälder, Wiesen und Felder ihre Geister haben? Keine Gespenster, nein, keine Angst, nur Geister, Feen, kleine lebhafte Wesen, leicht wie das leise Rauschen der Halme, durchsichtig wie das sanfte Brummen der Bienen, flüchtig wie das helle Glucksen eines Rinnsales, heiter wie das Zischeln der Natter, hell wie der Flug des Pollens. Kurz: Sie sind überall und nirgends, kaum geahnt, schon verschwunden. Sie zu sehen, haben wir verlernt, nur manchmal, wenn man ganz vorsichtig lauscht und keine schlechten Gedanken hegt, kann man sie hören und spüren. Aber auch dann nur, solange ihre Welt in Frieden ist.

Nun hört, was draußen auf der Wiese geschah. Freundlich lag sie da und dachte nichts Böses. Der Wind liebkoste sie milde, Käfer fielen trunken in blumige Kelche und summten vor sich hin, gedankenverloren spann eine Spinne ihr Netz. Die Wiesengeister dösten in der Sonne.

Da lief ein Mäuslein entlang und piepste Empörtes vor sich hin. Nichts wie weg, dachte es, zu Hause wird es zu eng, zu viele Mäuse im Bau und zu wenig zu futtern. Links und rechts bogen sich die Halme, bis das Tierchen einen Hügel fand, in den es sich eingrub. Ein zweites Mäuslein folgte und bald war die neue Mausefamilie komplett. Sie liefen ihre Gänge, um Würmer und Schnecken zu jagen, zu sammeln das Korn. Die Geister sahen es mit Lust und Freude. Schon hatten sie sich an die Familie der Mäuse gewöhnt und umsäuselten des Nachts zärtlich den Bau, auf daß die Mäuschen zart träumten. Nur der kleine Pfad, den die Füßchen der Nager getreten hatten, war zu sehen.

Ihn lief eines Tages ein Hamster entlang. Mit dicken Backen murmelte er etwas vor sich hin auf der Suche nach noch mehr Futter. Rechts und links vom kleinen Pfad zog er die Körner aus den Ähren und stopfte sie gierig in seinen Mund. Die Wiesengeister kicherten leise, der Hamster stockte, hielt seine Ohren in den Wind, schnüffelte und zog weiter seine Spur.

Dann kam das Wiesel den Pfad entlang. Hier gibt es Mäuse die Menge, dachte es, hier laß ich mich nieder. Mit sanftem Wispern hießen die Wiesengeister es willkommen, schwebten ein wenig zur Seite, denn aufgeregt schlug der Schwanz des haarigen Räubers hin und her.

Bald kam der Hase und bahnte sich einen Weg, auf seiner Fährte folgte der Fuchs. Die Wiesengeister begannen die Nasen ein wenig zu rümpfen und wurden unsanft aus ihrem friedlichen Schlummer geweckt, wenn das nächtliche Jagen begann.

Es folgten der Dachs, das Reh und das Wildschwein, wie man an den Fährten im schlammigen Feldweg erkannte. Sie alle fanden Nahrung und Unterschlupf auf der großen Wiese und gern wollten die Geister mit ihnen teilen – wenn es doch nur nicht so unruhig geworden wäre.

Und dann kam der Mensch. Ängstlich huschten die Geister beiseite. Mit einem langen Stock in der Hand kam ein Junge den Fußweg entlang und schlug rechts und links die Gräser nieder, daß Käfer, Spinnen und Heuschrecken nur knapp dem Tode entrannen.

„Halt ein, halt ein!“, wehklagten die zarten Wesen, doch ihre Stimme galt im Ohr des Menschenkindes nichts; er hielt es für fernes Gedröhn der Wagen oder das Brausen eines Fliegers im Himmel. Da blieb ihnen nichts weiter als zu weichen.

Dem Jungen folgten andere, immer mehr Menschen gingen den Weg, er wurde breiter und breiter. Dann kamen sie und begannen den Fußweg zu befestigen, erst streuten sie Kies, der Pfützen wegen, dann setzten sie Steine und zogen einen dicken Rand.

Die Geister aber wurden blaß und durchsichtig und konnten sich selbst kaum noch sehen. Als aber das erste Auto die Straße entlangfuhr, da gab es sie schon nicht mehr.

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