Erdogan gewinnt in Holland

Einen „Sieg der Vernunft“ nennt der „Spiegel“ den überraschenden Wahlsieg der „Liberalkonservativen“ oder „Rechtsliberalen“ in den Niederlanden. Und Peter Altmeier twittert: „Demokratie und Vernunft  stärker als Demagogie!“

In einem furiosen Schlußspurt holt Mark Rutte viele seiner Wähler zurück (verliert trotzdem viele) und schlägt den „Rechtspopulisten“ Geert Wilders (der de facto zulegt) deutlich, obgleich dieser in den Prognosen lange gleichauf lag oder sogar führte.

Schon die Geschwindigkeit des Umschwungs deutet darauf hin, daß das mit Vernunft wenig zu tun hat, im Gegenteil: die Demagogie, das Irrationale, der Wahnsinn haben gesiegt, wenn lang überlegte Wahlentscheidungen quasi über Nacht umgestoßen werden.

Aber der Wahnsinn hat Methode und sogar einen Namen. Spricht man beides aus, dann besteht wieder ernsthaft Grund, um unsere westlichen Demokratien zu bangen.

Erdogan – so lautet der Name – hat diesen Wahlsieg für Rutte eingefahren. Das kann jeder sehen, auch wenn er – wie ich – keine Ahnung von orangener Innenpolitik hat. In einem verzweifelten Hasardspiel legte sich Rutte mit dem türkischen Pascha an, demonstrierte, was man ihm bislang als Mangelerscheinung vorwarf: Entschlußkraft, Stärke, Stolz und Verteidigung des Eigenen. Damit entzog er den Rechten das Mark, er saugte deren innere Werte aus, um sich selber – für einen Moment – damit vollzupumpen. Er wird sich – das wird man voraussagen können – des körperfremdem Stoffes bald übergeben und wieder in seine konstitutionelle Nichtigkeit und Glattheit zusammenfallen (und hat es schon am Tag danach getan).

Der Wahnsinn der Methode ist das Wichtigere.

Zum einen lädt man einen Despoten ein – der ohnehin schon heimlich die europäischen Agend(t)en (in beiderlei Gestalt: als türkische U-Boote mit Zersetzungsauftrag und als europäisches Über-Ich in der Flüchtlingsfrage) bestimmt –, direkt Einfluß auf unser Leben, Weben und Sein zu nehmen, mithin eine Islamisierung durch feindliche Übernahme zu initiieren.

Zum anderen vertraut eine entkernte Politik nicht mehr auf ihre (weitgehend ausgehöhlten) Inhalte, sondern setzt auf den Theater-Coup. Die SPD hatte das in großem Stile gerade vorgemacht, als sie den Seppel Siggi mit dem Wachtmeister Martin mit großer Bühnenshow ersetzte und damit substanzlos das gesamte Parteiengefüge umrührte, allein durch leere Action.

Möglicherweise war das ein zu zeitiger Coup – time will tell. Von Rutte haben wir soeben gelernt, daß unmittelbar vor der Wahl eine kleine inszenierte Konfrontation mit einem in Europa unbeliebten Despoten, die die agonalen Triebe des Volkes befriedigt, erstaunliche Veränderungen herbeiführen kann. Diese Lektion wird man in Paris und Berlin lernen und wir dürfen gespannt sein, welche Showeinlagen man uns bald bieten wird.

Daß damit das Ende verantwortungsvoller und grundwertgesteuerter Politik besiegelt wird, wird man als Kollateralschaden in Kauf nehmen. Man hat zwar keine eigene Politik mehr, aber man setzt sie auf Gedeih und Verderb durch.

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2 Gedanken zu “Erdogan gewinnt in Holland

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Der Analyse ist nichts hinzuzufügen. Großes Theater, davor wie danach. Der Rest ist Schweigen (über die Pulverisierung der Sozialdemokraten, z. B.)
    Aber „Paris und Bonn“??? Ist da etwa die Nostalgie mit Ihnen durchgegangen?

    Seidwalk: Habe sogar einen Moment gestutzt: Was soll denn hier falsch sein? Dann laut aufgelacht. Danke!

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Wenn die niederländischen Grünen ähnliche Realitätsverkenner und Moraltrompeter wären wie die deutschen, dann wäre es allerdings bedenklich, dass – wie man wohl mutmaßen kann – die Hälfte der desertierten PvdA-Wähler zu diesen gewandert sind. Postmateriell gewordene Schafe sind meistens noch naiver als vorher.

      Im Grunde verhalten sich die Presseleute wie die kleinen Kinder. Ein Detail fällt etwas anders aus, als es vorher war oder als es erwartet wurde, und prompt schließt man daraus auf ein gutes Omen für was man sich selbst innigst wünscht. Es ist eine reflexhafte Reaktion von Hoffnungsseligen, übrigens auch eine der zwei häufigsten bei den Online-Pressekommentaren, die jene abgeben, welche zwar in der behandelten Sache nicht immer unbedingt die Kundigsten sind, welche das aber trefflich ausgleichen können durch eine sehr sichere Vorstellung davon, wie die Welt eigentlich zu sein hätte und infolgedessen unbedingt demnächst werden wird. Den anderen Typ von Kommentar erkennt man gut am einleitenden Syntagma „Der sagt das ja nur, weil …“, gefolgt von einer möglichst üblen Unterstellung. Diese zweite Reaktionsweise muss sich die Presse allerdings nicht in selber Weise zuschreiben lassen. Sie belehrt uns stattdessen allzeit kundig über Rechtspopulisten und ihr finsteres Trachten und ähnliche böse Schatten an der Wand der platonischen Höhle. Viele Redakteure haben schließlich, und das bemerkt man als Leser immer wieder mit großer Dankbarkeit, auch mal ein Semester Theologie studiert, ehe sie „etwas mit Medien“ begonnen haben. Auf diese vier Wochenstunden Diabolologie kann man später bauen.

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