Die Drachentöter

Ein Märchen

Es war einmal eine schöne Prinzessin, die war schon als Kind so lieblich anzuschauen, daß man im ganzen Reich die größten Hoffnungen hegte. Und da man aus ihr eine richtige Prinzessin zu machen gedachte, wie sie im Buche stand, las man ihr tagaus, tagein und wann immer sie wollte, die alten Märchen vor, jene besonders, die von ebensolchen wunderhübschen Prinzessinnen berichteten.

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Das glückliche Volk

Ein Märchen

Es war einmal ein Volk, das hatte sieben Stämme und jeder Stamm hatte einen König und jeder König einen weisen Wesir und jeder weise Wesir hatte ein Geheimnis und jedes Geheimnis erklärte das Glück dieses Volkes und niemand kannte es, nur die weisen Wesire, aber die hatten keine Sprache, es zu sagen.

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Der Efeu – als Lehrmeister

Zur gestrigen Diskussion zwischen den Chefredakteuren des ARD und des ZDF und einigen prominenten AfD-Politikern sowie Kulturschaffenden – nebst medialer Beschäftigung – gäbe es eine Menge zu sagen, nicht zuletzt über Klonovskys seltsames „Kreide fressen“.

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Auf der Lichtung

Ein Märchen

Zwei Wanderer, ein alter Mann und ein junger, traten aus dem Wald heraus in eine ausladende Lichtung. In ihrer Mitte stand ein Baum enormen Ausmaßes, mit weit hängenden Ästen – verdorrt. Tot war der Baum. Eulen nisteten in seinen Löchern, die arbeitsame Spechte einst geschlagen.

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Die Kuh

In Indien saßen ein Weiser und ein Erleuchteter seit Jahren nebeneinander und taten nichts anderes, als zu sitzen und zu denken und zu sinnen. Sie saßen jeder in einem großen Ring aus grauer Asche, denn über Asche gehen keine Ameisen, die auch dem tief Versunkenen eine Plage werden können. An den Rändern des Kreises brannten bunte Duftstäbchen, das lästige Getier zu vertreiben und als Zeichen der Bewunderung. Von den Bewohnern des nahen Dorfes wurden sie entzündet und jeden Tag erneuert.

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Die Lemminge

oder: Der Einzige und sein Eigentum

Ein Märchen

Lange bevor es Menschen auf der Erde gab, herrschte ein Zwergenvolk über alle Kreatur. Sie besiedelten den Norden, den Süden, den Osten und den Westen.

Zahllose Generationen waren sie selig, schafften sich Nahrung, erzogen ihre Kinder, tanzten und lachten, doch am liebsten schliefen sie. Sie schliefen vor lauter Glück und Freude, denn nichts konnte ihnen geschehen. So ging es bis an ihrer Tage Ende.

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Von einem, der das rechte Wort nicht fand

Ein Märchen

Mitten im Gebirge, den Ort kennt heute niemand mehr, steht eine alte Eiche, wohl tausend Jahre alt, die in vielen Zungen flüstert, wenn der Wind in sie fährt. Bei Unwetter und Sturm kommen die Tiere des Waldes und suchen Schutz unter ihrem dichten Laubdach oder kriechen in ihren hohlen Stamm.

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Die Magd

Ein Märchen

Dort wo die Menschen dunkle Haut und dunkle Haare und dunkle Augen haben, verehrte man vor vielen hundert Jahren ein hellhäutiges Völkchen, von dem niemand wußte, wie es in die Wüste kam. Nur eine alte, alte Frau flüsterte, als sie verhutzelt und verdorrt auf dem Sterbelager lag, eine sagenhafte Geschichte, die allein ein junger Bursche mit besonders scharfen Ohren verstand, denn die Alte war matt und hatte auch keinen Zahn mehr im Mund. Von ihm erfuhren es die Enkel und deren Enkel und die trugen es den Ohren meines Urgroßvaters Urgroßvater zu.

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Die Unzertrennlichen

Ein wahres Märchen

Es war einmal ein König, der liebte Vögel über alles. Und da er reich war und über große Macht verfügte, ließ er sich Vögel aus aller Herren Länder bringen. Überall in seinem Palast zwitscherte und flatterte es, kein Raum, kein Winkel in seinem Schloß mit tausend Zimmern blieb ungenutzt; Käfige, Vogelbauer und Volieren sah man allerorten. Nur ein großer Zwinger blieb leer und dieser stand inmitten des weitläufigen Hofes. Dieser Käfig war für den schönsten Vogel der Welt bestimmt, doch gerade dieser fehlte dem König in seiner einmaligen Sammlung.

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Die Wolken

Ein Märchen

Weit draußen über dem endlosen Meer wuchsen zwei Wolken heran. Sie wurden dick und fett und reichten fast von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Sie trieften vor Nässe. Wie zwei massige Schwämme sogen sie noch mehr Feuchte in ihren weißen Bauch, der schier unerträglich anschwoll, und waren schließlich so schwer, daß sie sich kaum noch über Wasser halten konnten. Endlich schwebten sie dem grünen Lande entgegen, dem hohen Gebirge, wo sie erleichtert ihre Last abzuwerfen gedachten. Dies war jener Teil der Erde, wo es reichlich regnete, wo die saftigen Matten grünten, wo die Kühe und Kälber auf den Weiden prächtig gediehen. Regengüsse gab es hier im Überfluß und mit ihm den Wohlstand. Sich hier abzuregnen war das Los der Wolken seit Menschengedenken. Die eine Wolke folgte dem Ruf des Geschicks, mit Donner und Blitz entleerte sie ihren prallen Wanst und ward mehr und mehr entlastet, mit jedem Regentropfen, den sie spendete. So ging sie ein in den großen Kreis der Natur und so ist es immer gewesen und wird wohl immer so sein.

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Der Efeu

Ein Märchen

Einstmals trug der Efeu die wunderlichsten Blüten, voller Farbenpracht und süßlichem Duft. Zu seinen Füßen fielen die Bienen und Hummeln ermattet zu Boden, denn sie konnten sich nicht satt trinken am süßen Nektar und vergaßen Ruhe und Schlaf darüber. Ein bunter Teppich aus Schmetterlingen deckte den Grund, als Zeichen in Liebe verendeter Geschöpfe.

Majestätisch und stolz rankte sich die herrliche Pflanze am Baume empor, die Gunst der gesamten Tierwelt genießend. Die frühen Menschen verehrten den Efeu als eine göttliche Pflanze und feierten alljährlich ein Fest, wenn die erste Blüte am Zweig erschien. Den starken Stamm aber, an dem sich das Gewächs emporrankte, den würdigte man nicht und so kam es, daß auch der Efeu ihm keine Beachtung mehr schenkte. Endlich wuchs er höher und stärker als je zuvor, trieb immer neue prachtvolle Kelche und langte zu guter Letzt an der Baumeskrone an. Noch achteten die Vögel der Lüfte seiner nicht, konnten sie das Blütengepränge unter dem Wipfel des Baumes nicht sehen, und just die Vögel suchte der Efeu sich gefügig noch zu machen. Auch sie sollten in stiller Anbetung zu seinen Füßen liegen und ihr letztes Lied versingen. Also schickte der Efeu sich an, selbst das Laubwerk und die äußersten Äste des Riesen zu erklimmen. Das warnende Ächzen und Stöhnen des Baumes verhallte ungehört im Wald. Und während der Efeu zu guter Letzt seine höchste und schönste Knospe entfaltete, durchlief den alten Baum ein leises ersticktes Zittern – nicht der Wonne, wie mancher glaubte.

In diesem einen Frühling kamen auch die Vögel und taten ihren letzten huldigenden Hauch am Fuße des Efeus, der am hohen Stamme rankte. Dann kam der Sommer und der Herbst und der Winter und ein jeder arbeitete hart am toten Gehölz. Als sich im nächsten Lenz der Efeu anschickte, seine Blüten zu bauen, und Wasser und Nahrung durch seine Adern trieb, da brach der Baum in seinem Innern laut krachend in sich zusammen. Wie ein Gerippe sah der Efeu nun aus. Verzweifelt versuchte er die häßlichen Lücken im Blüten- und Blattwerk zu schließen, doch als ein Windstoß kam, da sackte auch er zusammen und ging jämmerlich zugrunde.

Vorbei die schöne Zeit. Kein Vogel und kein Insekt kümmerte sich mehr um die gefallene Köstlichkeit, nichts als ein Rudel Schweine kam vorbei und fraß laut grunzend die welken Blüten.

Um den schönen Efeu war’s geschehen.

Ein einziger Trieb nur überlebte und verkroch sich viele Lenze schamvoll in der Erde. Nur langsam wagte er sich wieder hervor; eine Blüte zu treiben, traute er sich jedoch nicht. Seither kriecht der Efeu ängstlich am schattigen Boden, und zeigt das gewöhnlichste Grün. Nur wenn ein Baum ihm freundlich zuspricht, wagt er einen langsamen Aufstieg.