Michel Onfray: „Niedergang“

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei und auch die – um Hegel zu paraphrasieren – hat ein Ende. Diese Wurstigkeit ist kein Fehlgriff, wenn man die philosophische Essenz des Wälzers von Onfray auf einen Nenner bringen will. Zwischen den Sätzen „Der Himmel ist schwarz“ und „Das Nichts ist uns gewiß“ wird auf 638 Seiten die Weltgeschichte, die westliche insbesondere, die sich auf das Christentum bezieht, als Nichts, zum Nichts und ins Nichts ragend entworfen.

Am Ende ist alles Wurscht.

Als Geschichtsphilosoph, nimmt Onfray den kosmologischen Standpunkt ein, oder den kristallographischen. Wenn wir wissen, daß unsere Sonne verglühen wird, welchen Sinn hat dann all das Gezappele auf Erden? Und: „alles ist Kristall“, formt sich nach geheimen, aber strengen Gesetzen zu Gestalten, die wir weder beeinflussen noch vorhersagen können. Es wirkt „eine Kraft“, eine „poetische Kraft“, eine Entropie … konkreter wird es nicht.

Man kann sich auch nicht dazu verhalten, weder negativ noch positiv, allein die Tragik zu empfinden bleibt uns.

Das ist die Prämisse des Erfolgsbuches plus die diskussionswürdige Aussage: „Eine Kultur schöpft ihre Kraft aus der Religion, von der sie legitimiert wird.“ Und da das Christentum nun mal am Ende ist, gibt es auch für die Kultur keine Hoffnung mehr.

Nun könnte man meinen, Onfray würde wenigstens die kulturellen Sternstunden, die Leistungen des Westens feiern, aber weit gefehlt. In Siebenmeilenstiefeln durchhechelt er die ganze Geschichte von Jesus – einer Fiktion – bis zum kommenden Sieg des Islams. Nichts hat Bestand: Paulus am Anfang, ein impotenter Körperfeind, der das Schwert einführte, das dann die gesamte Geschichte bestimmt; ob Patristik, Scholastik, Kirche, Inquisition, Kaiser … alles Idioten und Verbrecher, Brutalos, geile Schweine, Antisemiten vor dem Herrn und Intriganten. Man muß sich in diese Boshaftigkeiten, dieses Schwarzbuch des Christentums, richtig einchanneln, um es – vielleicht – mit schadenfrohem Lächeln genießen zu können.

Alles wird entweiht: die Großen waren nicht groß, die Heiligen nicht heilig, die Guten nicht gut, die Helden Narren, die Märtyrer Kindsköpfe, die Philosophen Blender und Blinde – alle! Nur die Zyniker und Kyniker, die Epikureer und Hedonisten, die Pragmatiker und Rationalisten, die Materialisten und Atheisten, die großen Zerstörer, finden ein klein wenig Gnade vor diesem guillotinesken Urteil, aber sinnlos ist deren Schaffen trotzdem.

In seinem destruktiven Furor übersieht Onfray gänzlich die Selbstwidersprüche seines Wütens. Er beklagt die Destruktion aller Versuche eine Ordnung zu schaffen und zerstört selbst, er bejammert die fehlende Wertschöpfungskompetenz allerorten und kann selber keinen positiven Wert anbieten, indem er die Geschichtsschreibung der Lüge überführt, schreibt er selbst eine verlogene und verbogene Geschichte, wenn er nur Fakten gelten läßt, warum konstruiert er dann Narrative? usw. Wirklich schwer erträglich sind die Vereinfachungen und Populismen – die Zynismen, mit denen er seine Kapitel meist beendet, mögen noch Geschmackssache sein.

Zwar gelingen ihm immer wieder markige Sätze – „Religion ist der Glaube einer erfolgreichen Sekte“; „Das Gesetz ist die Erstarrung einer Gewalt zu einer Form“; „Fortschritt ist ein christliches Konzept“; „Kulturen errichten sich auf Fiktionen“; „Religion ist eine kollektive Halluzination“; „Eine alternative Weltgeschichte ist nie die beste Lösung“ – aber keiner wird erläutert, begründet oder zu Ende gedacht.

Dafür scheut er nicht davor zurück, den ganz dicken Pinsel aufzutragen und direkte Linien von Paulus zu Hitler, von der Peitsche Christi zu den Gaskammern und dergleichen zu ziehen. In der Anlage will er Spengler gleichen, tatsächlich hat er Lukács‘ „Zerstörung der Vernunft“ nur historisch ausgeweitet: Alles läuft letztlich auf Hitler und seine späteren Klone hinaus. Schwarze Teleologie.

Andererseits: mit seiner Islamkritik, Kapitalismuskritik, der Darstellung des Holocaust und des Terrors als ewige Wiederkehr und der negativen Bestandsaufnahme der 68er scheint es bei Onfray oberflächlich Anknüpfungspunkte an die konservative Internationale  zu geben. Man kann das dicke, flotte Buch, diese unterhaltsame Christenbeschimpfung, aber auch als Geschichtsrepetitorium lesen oder als böses kleines zynisches Antidot am Urlaubsstrand sogar mit Häme genießen.

Onfray, Michel: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden. München 2018. 701 Seiten
zuerst erschienen in „Sezession“ Heft 85

9 Gedanken zu “Michel Onfray: „Niedergang“

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Onfray ist, was selten genug vorkommt, ein Selbstdenker, der gnadenlos und demonstrativ die Hochgestalten des germanopratinen Comme il faut in die Tonne wirft, wenn sie ihm nicht zu taugen scheinen, etwa Sade, Freud, Foucault und andere figure heads des francophonyism. (Auch einen, der mit D anfängt.) Er ist sicher links, aber antietatistisch links, seine Hausheiligen sind Proudhon und Camus. Man muss ihm auch sehr zugute halten, dass er im Unterschied zu vielen anderen – die meist inzwischen, nachdem oder vielleicht eher weil dieser nicht mehr modern ist, ihre Metanoia gemacht haben und nun von anderen Kanzeln predigen – nie so verrückt wie diese war, dem Leninismus, Trotzkismus oder insbesondere dem besonders geistvollen und deshalb sur la rive gauche besonders beliebten Maoismus anzuhangen.

    Störend finde ich zuweilen seinen Eifer und seine Parteinahme in allen Konflikten der Geschichte; zuzugestehen ist allerdings, dass sein Engagement ihn nicht an der Krippe irgendwelcher Utopien fressen lässt, wie das gewöhnlich der Fall ist, weil die Ochsen sich zumindest eine phantastische Befriedigung der eigenen Hoffnungen verschaffen wollen, ganz gleich, was sie mit dem, was „hinten dabei herauskommt“, den anderen Stallbewohnern antun.

    Der nüchterne Blick Onfrays auf das Gemetzel der Weltgeschichte verdankt sich selbstredend Spinoza. Zu wünschen wäre eine empirische Fundierung der Thesen, also eine abseits der üblichen hermeneutischen Pfade, auf denen viele Textproduzenten so gerne wandeln. Aber wo ist der Weg dorthin etwa bei Themen der alten Geschichte, deren Überlieferung nur durch einen sehr engen Flaschenhals und durch sehr engstirnige Hirne auf uns gekommen ist?

    Bei John Gray kann man die Kritik am bei den meisten unserer Zeitgenossen fest etablierten linearen Geschichtsmodell mit geschichtsphilosophisch garantiertem Fortschritt abstrakter, kompakter, dargelegt finden, vermutlich hat Grays These aber wegen deshalb größerer Fremdheit auch weniger Leser. Es kann sein, dass Onfrays Buch den Lesern mit ähnlichem Temperament den Weg zu nüchterner Betrachtung bahnt. Illusion also dies by inches: Es mag erst die Verklärung der als eigener angenommenen Vergangenheit sterben müssen, dann der Glaube an die Verkünder des strahlenden Morgens (im Falle man ihnen folgt), damit endlich der Glaube in Geschichtsdingen überhaupt aussetzt.

    Eine schwarze Teleologie kann ich im Unterschied zu Ihnen im Buch nicht finden. Sein großer Buhmann ist Konstantin, der zugunsten sehr weltlicher und kurzfristiger Interessen das Bündnis von Thron und Altar begründet habe. Auf dem damals gelegten Geleis sei die machtgierige Kirche dann weitergefahren, teils auch über die weltliche Macht hinweg. Es gibt aber auch Feldbahnen, die man für eine Baustelle einrichtet und dann wieder abbaut. Erstarrte Kontingenz ist noch nicht Teleologie.

    „Eine Kultur schöpft ihre Kraft aus der Religion, von der sie legitimiert wird.“ – Eine sehr weitgehende Aussage sehr abstrakter Geschichtsphilosophie. Die meisten Menschen übernehmen blind die ambiente Ideologie und haften dann fest an ihr, so meine persönliche Beobachtung. Durch Zufälle darauf gestoßen, habe ich dazu ganz bewusst kleine Experimente im Gespräch angestellt. Zum Beispiel jüngst Aussagen aus The Bell Curve von Herrnstein/Murray über den IQ von Nord- und Schwarzafrikanern zitiert, die gewisse Zweifel an der „unmittelbaren Verwertbarkeit“ (dixit Claudia Roth) der jüngsten Bevölkerungs-Bereicherung erlauben. Die Reaktion ist dann sehr häufig ein völlig opportunistisches Suchen nach Gegenargumenten, um deren Triftigkeit sich das Gegenüber kaum bekümmert, Hauptsache anscheinend, man kann irgend etwas gegen den empfundenen Angriff aufs Gleichheitspostulat einwenden. Manche bringen sogar in der Diskussion über Tatsachen ganz unverschämt normative Argumente vor, „Das darf doch gar nicht sein, das wäre ja Rassismus, und der ist verboten!“ Wie auch immer die Tatsachen liegen, diese Haltung zeigt klar den Willen, eine Ideologie um jeden Preis auch gegen die Wirklichkeit zu verteidigen. Das würde ich heute, in weiter Auffassung, als eine religiöse Einstellung bezeichnen. In diesem weiten Sinne beherrschen deshalb (Vorsicht, universalistisches Argument angewandt!) wohl zu allen Zeiten Religionen Weltbild und Denken der Menschen.

    Unberücksichtigt dabei ist allerdings, dass sich die Religionen auch wandeln können. Wer ein bisschen älter ist, konnte doch die Umdefinition des Protestantismus aus einer transzendentalen Lehre über die heute für kaum jemanden noch relevanten 3=1-Numinosa zu einer Sozialarbeiterideologie beobachten, der weitere Umschliff zu einem auch eine feministische Glanzfläche zeigenden „Diamanten“ läuft, Genderismus steht an. Religion ist heute für jeden Atheisten ein amöbisch bewegliches Ziel, so wie der an die Wand geworfene Pudding, der zierreich an der Tapete herunterrinnt. An Missionsschulen alten Stils ausgebildete Afrikaner erkennen das mitteleuropäische sogenannte Christentum so wenig wieder, wie es ein mittelalterlicher Christ täte. Im Hinblick auf seine geschichtliche Gestalt kann sich das hiesige Christentum also nur recht heuchlerisch unter dieses umfassende Rubrum stellen. Dann stellen sich aber die Fragen: Haben wir es heute in Europa mit einer absterbenden Religion oder mit einer neuen zu tun? Es ist durchaus üblich, dass sich solche an vorangehende anlehnen. Wird das Chistentum als Religion im engeren Sinne nicht vielleicht durch eine weltliche Ideologie ersetzt? Ist nicht der sich ausbreitende Ökowahn (mit der gütigen Göttin Natur, der man Entsagungs-Opfer bringt) ein Teil des künftigen Ersatzes? Die geschichtliche Betrachtung sollte sich auch nicht, wie es Onfray über weite Strecken tut, auf die monotheistischen Religionen beschränken. die ja vergleichsweise jung sind.

    PS: Man muss zugestehen, dass der etwas monoton riechende Frankfurter Fischmarkt durch die noch dazu diversitätshalber wünschenswerte gleichgeschlechtliche Vereinigung von Edda und Scharia eine große Bereicherung erfahren hat. Bitte gratulieren Sie in meinem Namen zur Verlags-Mutʿa. Viel Glück und zum bloßen Spaß hinzu denn auch doch viele Kinder!

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    • Über den Begriff des „Selbstdenkers“ komme ich nicht hinweg. Vermutlich haben Sie recht, zumindest bis zur Hälfte, also vom „S“ bis zum „t“. Den Rest freilich kann ich nicht sehen und da ist „D“ doch eine ganz andere Liga, auch wenn es sich ein wenig eingebürgert hat, eigen Unverständnis mit Scharlatanerie der anderen zu erklären: siehe Sokal. Wo also liegt der Gedanke bei Onfray? Er gehört m.E. in die Kategorie der Philosophiepopularisierer, also Precht, de Botton, De Crescenzo etc.: gebildet, eloquent, selbstbewußt und unoriginell.

      Das ist mir schon vor 20 Jahren aufgegangen, als ich mich mit dem Kynismus beschäftigte. Onfray hatte philosophiehistorisch begonnen. Seine Arbeiten zum Hedonismus waren ganz materialistisch, wenn nicht gargantuesk geprägt: ein großer Fresser und Säufer versuchte seine Schwäche philosophisch zu rechtfertigen – im Grunde eine kafkaeske Figur, ein umgekehrter Hungerkünstler. Hinzu kam die frühe Erfahrung eines Herzinfarkts und damit des Schmerzes und der Todesangst. Das hat ihn letztlich zum „Philosophen“ gemacht … und ich mißtraue Denkern, die ihr Denken aus persönlichen Erlebnissen – wie Popper etwa – generieren.

      Die 30, 40 Bücher dazwischen habe ich verpaßt, weil ich ihn damals als Leichtgewicht im inneren Karteikasten abgelegt hatte – bis man nun anfragte, ob nicht … Und sehr viel weiter scheint er nicht gekommen zu sein.

      Nun ist er auch noch laut und grantig geworden, ein großer Publikumsbeschimpfer und ein Verächter von allem und allen. Sowas schafft Aufmerksamkeit. Und politisch inkorrekt ist er auch, also findet er Verbündete.

      Dabei hat er im Grunde recht: Es ist alles sinnlos. Kann man so sehen. Was aber ist die Konsequenz daraus? Kann man kynisch oder vulgärhedonistisch beantworten, stirnerisch oder hitlerisch … am besten wäre schweigend, das wäre konsequent. Wenn schon kosmologische Perspektive oder kristallographische, dann doch bitte im passenden Modus; vielleicht eine Pulsarfrequenz oder ein gelegentliches Knistern …

      Was nun Frankfurt betrifft, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Auch ich sehe es als heiteres Happening … aber die Folgen sind noch unabsehbar. Daher möchte ich von voreiligen Glückwünschen noch Abstand nehmen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Ich habe vermutlich mit dem „Selbstdenker“ etwas übertrieben, ich sollte präzisieren: er ist ein gewaltiger Leser, der aus seinem Lesepensum sich seinen eigenen Gedankenstrauß recht schlüssig zusammensteckt. Ich verfolge seit einiger Zeit, ursprünglich nur, um mir die Sprache besser zu erschließen, per Youtube die mediale Diskussion über Politik und Gesellschaft in Frankreich, und da ist Onfray nun wirklich ein denkerischer Höhepunkt. Wenn ich mir allein anschaue, mit welcher Ehrerbietigkeit der „Philosoph“ Bernard-Henri Lévy in diesem Milieu behandelt wird, kommt mir das sardonische Lachen. Ein Blender, mit dem es sich kaum einer verderben will, ganz offenbar, weil er reich, einflussreich und „gesetzt“ ist.

        Onfray wurde, glaube ich, gerne in Talkshows eingeladen, weil er sehr schlagfertig ist und auch vier oder fünf anderen Gästen der zeitgeistorthodoxen Richtung Paroli bieten konnte. (Mehr als ein das Publikum „verunsichernder“ Mitdiskutant ist wohl auch hierzulande unzulässig.) Inzwischen ist er ganz abgesägt, ebenso wie der nationalsouveränistische Polemiker Eric Zemmour; dem „antipopulistischen“ Establischment saust auch in Frankreich der Frack.

        Originalität ist übrigens eine zweischneidige Sache. Viele stellen dazu schlicht eine steile, verblüffende, aber unfundierte These au: Bikamerale Psyche, Chronologie-Umstürzler, totemistisches Vatermördermahl usw. Befreundete altorientalische Philologen spotteten gerne, wenn die Archäologen etwas Neues entdeckten, das sie nicht erklären können, erklärten sie es gerne originell als das Anzeichen einer neu aufgekommenen Religion.

        Zu Sokal: DIe Kritik von Sokal/Bricmont galt Blendern, die ein mathematisches oder naturwissenschaftliches Vokabular benutzen, um ihr Publikum zu beeindrucken, ohne auch nur eine Ahnung vom Sachgebiet zu haben, indem sie es metaphorisch für ihre Zwecke melken. Ich weiß nicht, ob der Vorwurf bei allen Angegangen stimmt, bei Lacan stimmt er sicher, und die dort Genannten sind gewiss nicht die ersten, die diesen Trick benutzen. Wenn man einen Theologen auf eigenem Feld Schlussfolgerungen aus dem Welle-Partikel.Dialismus oder aus der Unschärferelation ziehen sieht, möchte man gewöhnlich mit zugehaltenen Ohren die Flucht vor dem Non sequitur ergreifen.

        Zur Sinnlosigkeit der Welt:

        Was ist überhaupt Sinn? Eine einigermaßen klare Bedeutung hat das Wort wohl nur, wenn es auf Aussagen bezogen wird, dann meint es deren Bedeutung. Der „Sinn des Lebens“ dagegen, mit der man unsereinen in Westdeutschland im Religionsunterricht geplagt hat, dürfte vermutlich eine historisch recht neue Wendung sein, die erst dann aufgekommen sein dürfte, als die Menschen die Freiheit hatten, zu nehmen oder zu lassen, und die ein Köder in der Falle des Imperativs ist. Wer sich furchtsam in der Botmäßigkeit des rachsüchtigen Sinaidonnerers sieht und sonntags vom Gutsherren zum Pfaffen getrieben wird, für den gibt es nur Observanz. Die selbst gestellte „Frage nach dem Sinn des Lebens“ scheint deshalb so eine Art von Phantomschmerz derjenigen zu sein, die sich nach Zeiten zurücksehnen, die nicht zu eigener Entscheidung nötigen; es sind sozusagen wiedergeborene Knechte, die möglichst schnell einen Herren haben wollen, der ihnen sagt, wo es lang geht. Fatalerweise hat man nämlich heute die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Herren, Prinzipien, Engagements usw., womit viele nicht zurechtkommen. Die wirklichen Lebensfragen sind banaler: Was willst du morgen tun? Was willst du in zehn Jahren tun? Der heute so beliebte Begriff der Identität scheint mir übrigens dieselben Suche nach einem äußeren und objektiven Entscheidungszwang zu beschreiben wie diese obskure Sinnfrage: In welcher Schublade liege ich und wofür soll ich mich deshalb (!) engagieren.

        Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit der Welt führt offenbar nicht konsequent zu welchem Verhalten auch immer.

        Erstens, weil Einsichten ohnehin selten Verhaltensänderungen auslösen. Kahneman berichtet, dass er in seiner Jugend lange Mitglied einer Rekrutierungskommission war, die die Führungsqualitäten von Offiziersanwärtern der israelischen Armee ermitteln sollte. Man stellte eine schwierige Aufgabe, eine kleine Gruppe von Männern sollte nur mit einem Baumstamm als Hilfsmittel eine hohe Mauer überwinden, oihne dass einer zurückblieb. Anhand des Verhaltens in der Gruppe schloss man auf die Führungsqualität. Nach einiger Zeit liefen dann die Berichte zurück, wie sich die Betreffenden in der militärischen Praxis bewährt hatten, und nach diesen hatte der Test überhaupt keinen prognostischen Wert. Trotzdem fuhr man fort, nach dieser Methode zu testen und die Bewerter, darunter Kahneman, diskutierten weiter leidenschaftlich, ob dieser oder jener den „Stoff zum Anführer“ habe, Charisma ausstrahle usw. usf. Wie geht es dann wohl erst außerhalb solcher ein Mindestmaß an Rationalität erzwingenden Institutionen zu?

        Zweitens, weil sich die Menschen gewöhnlich nicht der Situation, sondern ihrem Charakter gemäß verhalten. Nehmen wir eine sogar ernstere Grenzsituation als so einen verlorenen Lebenssinn, der vermutlich ganz oben und luftig auf der Maslowschen Bedürfnispyramide steht, nämlich den eintretenden Tod. Als dieser die Abendgesellschaft in Bergmans Siebtem Siegel abholen kommt, meint zu ihm Jöns, der etwas aufsässige Schildknappe, er werde folgen, aber nur unter Protest, und seine neuerworbene Besorgerin demütig-chistlicher Einstellung flüstert erlöst „Endlich!“ Erschütterungen pflegen die Menschen mit unendlicher Kraft genau dorthin zu treiben, wo sie ohnehin schon stehen.

        Drittens, aus demselben Weltbild wurden historisch schon völlig gegensätzliche Konsequenzen für die Lebensführung gezogen. Wenn die Berichte über die Gnostiker stimmen, dann hat ihre Leibsverachtung die einen zu einem asketischen, die anderen zu einem ausschweifenden Leben motiviert. Und ohne es beweisen zu können, würde ich annehmen, dass die meisten nach ihrer Missionierung genau da weitergemacht haben, wo sie aufgehört hatten.

        Dies waren jetzt zugegebenermaßen irrationale Konsequenzen. Rationale Konsequenzen für die Lebensführung gibt es gar keine, siehe Humes Gesetz.

        Ein Freund von mir ist Astrophysiker und berichtet, er habe mehr und mehr Alte in der Vorlesung sitzen, die ein Seniorenstudium betreiben. Nach seinem Eindruck erlägen die meisten davon auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, dem Ruf der Kosmologie. Aber rechnen wollen sie dann gewöhnlich nicht. Ist das etwa konsequent, verstehen wollen ohne wirklich nachzurechnen?

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        • Muß mich leider wiederholen: „Wenn ich nichts sage, dann hat’s geschmeckt, meine Damen!“. Aber ganz besonders der „Köder in der Falle des Imperativs“!

          Da wir bei den dicken „I“ sind: „Identität“ präskriptiv verstanden – einverstanden.

          Jetzt fehlt freilich nur noch jemand, der die Unbekannte „Gott“ in diese vollkommen schlüssige Rechnung aufnehmen will …

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        • Michael B. schreibt:

          @Pérégrinateur

          Bei einigen Ihrer Begriffe kommt es m.E. sehr auf die gewaehlte Bedeutung an, die – einfach wegen der Allgemeinheit dieser Worte – einige Freiheitsgrade besitzt:

          > Einsichten […] ohnehin selten Verhaltensänderungen auslösen

          Kommt drauf an, wie tiefgehend (meist schmerzhaft bedingt) die sind. Dann reserviert man das Wort doch irgendwann einmal fuer die Faelle, die Aenderungsmoeglichkeiten als regelrecht definierendes Merkmal des Wortes selbst einschliessen.

          > Identitaet (und der ganze vorangehende Paragraph)

          Fuer mich bindet sich das Wort nicht an „In welcher Schublade liege ich“, sondern an seinen anderen Aspekt, der das Gegenteil darstellt, an mein eigenes Schublaedchen, wenn man so will.
          Ich halte es da mit dem Memebegriff: Kulturelle Artefakte (Kunst, Ideologie, Religion, ‚Gedanken‘ generell) sind eigenstaendige Ueberlebensmaschinen, die um das in Menge und durch Lebenszeit begrenzte Naehrsubstrat Gehirn wetteifern und sich darin moeglichst weitgehend verankern wollen. Wichtig ist, sie kommen von aussen. Bleibt man passiv, ist man den Kaempfen unter diesen Dingen immer relativ hilflos ausgeliefert. Wie beschrieben, sehen die Leute dann nur die Variante der Auswahl unter den vorgegebenen (eigentlich vorgekauten) Mustern. Da das Ganze in der Kindheit beginnt, ist das bis zu einem bestimmten Punkt normal. Danach – und je groesser die fremden gedrehten geistigen Raeder waren, desto laenger – beginnt bei einigen wenigen Leuten ein Prozess des Unlernens. Einer der unbekannteren indischstaemmigen ‚gurus‘ des vorigen Jahrhunderts, Jiddhu Krishnamurti, hat das zu seinem Prinzip gemacht: „Ich kann dir nichts beibringen, das ist [fuer dich] alles Wissen aus zweiter Hand“. Er war sich dabei der epimenidesartigen Paradoxitaet seiner Situation durchaus im Klaren.

          Insofern ist Identitaet eigentlich ein Mass fuer die Entruempelung des eigenen Geistes von Fremdbestandteilen und – da wir ja alle nicht nur im eigenen Saft schmoren – der Entwicklung der Souveraenitaet, Fremdeinfluesse kontrolliert im tatsaechlich eigenen Sinn zu verwerten. Oder das entwickelt sich eben nicht, mit den von Ihnen geschilderten Fogen. Zwingend ist das aber nicht.

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          • Pérégrinateur schreibt:

            @Einsichten: Sie wollen den Begriff also auf sozusagen schubsende Einsichten einschränken. Nur lassen sich viele Menschen nicht schubsen, weil sie nur Zutrauen zum alten Trott haben, weil sie Angst vor jeder Veränderung haben usw. Doch ich will nicht um Wortbedeutungen streiten, ich glaube, dass ich verstehe, was Sie meinen, und dass Sie verstehen, was ich meine.

            @Identität und Meme: Die nach dem Selbstreplikator Gen gebildete Metapher Mem hinkt genau an dieser Stelle. Das neu gezeugte Tier bekommt seine Gene qua Keimzellenfusion unentrinnbar zugeteilt, während ein Mem sich sozusagen in seinem künftigen Träger-Nervensystem erst einwurzeln muss; wird es von diesem abgestoßen, dann scheitert die gesamte Replikation. Hier spielt also eine zweite Partei mit – oder eben nicht. Was Sie als wohl zu Recht seltene Ausnahme beschreiben, ist gewissermaßen die intellektuelle Autopoeisis, den Schritt zu welcher einem kein Guru und kein Lehrer abnehmen oder erleichtern kann. Wohin diese dann führt, ist übrigens ganz offen. Der Weg kann zu einer durchrationalisierten Weltsicht führen, aber auch zum tumbesten Fideismus, denken sie nur an das Jammerbild des späten Blaise Pascal. Wenn die tieferen Hirnbereich sprechen, hat nämlich die Hirnrinde bei keinem von uns mehr viel mitzureden. Wir, als denkende Wesen gesehen, sind nicht Herr im eigenen Haus. Da wir Herdentiere sind und daran angepasst, läuft es meistens auf einen Milieu-Konformismus hinaus. Wie so oft, steht alles schon bei Montaigne: « Nous sommes chrétiens au même titre que nous sommes Périgourdins ou Allemands. » (Wir sind Christen nach demselben Prinzip/mit demselben Anspruch, nach dem wir Bewohner des Périgords oder Deutsche sind ) Doch auch wer eigene Wege geht, folgt dabei nur einer anderen Falllinie. (Filmempfehlung: Mon Oncle d“Amérique, von Louis Malle)

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            • Michael B. schreibt:

              Der Memebegriff hat seine kontroversen Seiten, aber er scheitert in meinem Zusammenhang, denke ich, nicht an diesen Stellen.
              Gemeint war einfach der Punkt, dass der menschliche Verstand von aussen mit anderen Produkten ebensolchen Verstandes bombardiert wird, der Begriff Meme sollte nur die – sicher diskussionswuerdige – Abkuerzung fuer die von mir gemeinten aeusseren Einfluesse darstellen, nicht in erster Linie seine Replikationsmechanismen. Jene Art Schubladen meine ich, nicht alle Moeglichen. Keine endokrinen Ursachen oder Auswirkungen anderweitig biochemisch tiefergelegter Hirnabschnitte. Mir ist natuerlich schon bewusst, dass das in die von mir gemeinten Gebiete hineinreicht.
              Trotzdem wuerde ich einem Gehirn zum einen trainierbare Resilienz gegen zumindest die genannten memetischen Einfluesse (speziell intellektueller Natur) und auch die Faehigkeit zur Plastizitaet (speziell das Unlernen schon gelernter Artefakte) zuschreiben.
              Beide Klammern beschreiben Einschraenkungen, die aber m.E. letztlich gerade dadurch hilfreich sind.
              Ich war auch einmal „intellektuell“. Aber nicht umsonst ist das ein Unterschied zur Intelligenz (beide kommen nur zu oft hervorragend ohne den Anderen aus). Es ist auch ein Unterschied zu weiteren Perspektiven auf das Leben, als Unglaeubiger faellt mir nur das sehr belastete Wort Spiritualitaet als wenigstens annaehernde Beschreibung ein. Insofern kann man sich dann leichter von nur als Teilbereich erkannten Gebieten wie intellektuellem ‚output‘ loesen (Glaubenssyteme sind sicher schwieriger).

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    • Thomas Freydanck schreibt:

      Hallo seidwalk,ihnen vielen Dank für den kleinen Essay zu „Niedergang“ +Pérégrinateur für seine (wie immer) klugen Kommentare/Ergänzungen.
      Hat meinem Tag Anregung+“Sinn“ gegeben.Danke!

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  2. Stevanovic, Stevan schreibt:

    Tatsächlich habe ich die Rezension schon gelesen…ich wusste nur nicht mehr wo. Wenn Sie mit einem agree to disagree leben können, würde ich hier und da gerne unter Ihre Texte den einen oder anderen Kommentar machen. Ich frage dies deswegen, weil nach meiner Erfahrung die Menschen gerne in ihrer Echokammer bleiben und ich sie dann auch gerne dort lasse.

    Seidwalk: Was für eine Frage! Natürlich! Es ist zwar schon jetzt abzusehen, daß es mit Ihnen „kompliziert“ wird, aber das nehme ich, und die Leser hoffentlich auch, gern in Kauf. Mit kompliziert meine ich, daß diese Art Forum der Vielfalt – sorry! – der Argumente nie gerecht werden kann, weil schließlich jedes entwickelt werden müßte und jeweils neue Auffächerungen nach sich zieht usw. Man muß also auswählen und Mut zur Auslassung haben. Sie wären auch nicht der erste hier, der die Blase mit Wonne zersticht. Immer zu! Aber nicht zuschütten, wenn es geht …

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