Liest das noch jemand?

Die abendliche Routine beim Auskleiden bringt es mit sich, daß mein müder Blick jeden Abend nach links oben abschweift. Dort befinden sich zufälligerweise die Psychoanalytiker. Neben, über, vor den gesammelten Werken Freuds und Jungs stehen und liegen die Schüler, meist in billigen Taschenbuchausgaben der Verlage Kindler, Fischer und Suhrkamp. Schlägt man sie auf, dann brechen manchmal die Rücken, so billig war die Qualität, so ausgetrocknet ist das Papier. Adler, Groddeck, Reik, Rank, Neumann, Horney, Mitscherlich, Clark, Brenner, Politzer, Rogers u.a. bis hin zu Alice Miller und Gerhard Danzer müssen es nebeneinander aushalten, mögen sie sich in Leben und Denken auch spinnefeind gewesen sein im Kampf um die wahre Auslegung der Meister. Nur Wilhelm Reich steht nicht dort; er ist ohnehin viel umfangreicher vertreten, ihm gebührt ein eigener Platz, weit weg von Freud – er steht etwas unglücklich neben Hans Blumenberg, aber das ist nur der Platznot geschuldet.

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Da oben ruhen sie also, die einstigen Größen der Schule. Liest das heute noch jemand? – geht es mir durch den Sinn. Überhaupt kommt mir diese Frage oft ins Bewußtsein, wenn ich ein bestimmtes Buch in der Hand habe oder auch nur anschaue: gibt es auf der Welt auch nur einen einzigen Menschen, der jetzt, in diesem Moment sich ebenfalls mit dieser Autorin oder diesem Denker auseinandersetzt? Oder bin ich der einzige?

Manchmal kann man das leicht beantworten. Ganz sicher ist Freud noch virulent, zumindest liest man ihn noch, wenn auch eher aus historischer Neugierde denn aus genuinem Verständniswillen der heutigen Gesamt- oder der persönlichen Situation. Aber Groddeck? Rank? Ferenczi? Melanie Klein? Und all die anderen aus der zweiten und dritten Garnitur? Schon damals erschienen viele ihrer Texte als artifiziell und – um es positiv auszudrücken – phantasiereich. Akademisch hatten sie wilde Diskussionen ausgelöst, aber normale, einfache Menschen konnten sich in ihren frei flottierenden Eingebungen nicht wiedererkennen. Heute wirken viele dieser Bücher undurchdringlich und weit abseits unserer Problemlage.

Nicht nur, daß dieser ganze Diskursbereich auf sehr waghalsigen Prämissen beruhte, von denen man sich seit langem abgewandt hat, sondern auch die Tatsache, daß sie vom modernen Leben nichts wußten und wissen konnten, macht die Lektüre ihrer Werke nun fragwürdig. Kann jemand, der den Globalismus nicht kannte, der sich einen Computer, ein Handy nicht vorstellen konnte, der keine Ahnung von den sozialen Medien, der Genanalyse und -manipulation, der Verquickung von Leib und Technik, der transhumanen Ziele, der heutigen Massenmedien, der Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit, der entfesselten Technik und Mikrotechnik, der von all dem nichts verstand, kann der uns heute noch etwas Konkretes sagen?

Ich gehe oft ins Bett mit diesem Gefühl: Das alles ist Makulatur! Alles, was dir heilig ist, was dein Leben ausmacht, was sich angesammelt hat, das alles ist Abfall, umsonst, wertlos. Ganz weniges ist davon ausgenommen. Es gibt Bleibendes, man kann es wahrscheinlich auf ein Regal stellen. Und was heute die Gemüter erhitzt, wird morgen schon – und nicht erst in Jahrzehnten, wie das bei den Jüngern der Psychoanalyse noch der Fall war – obsolet und vergessen sein. Mehr noch: es hat diese ohnehin schon übervolle Welt noch mehr beschwert. Wozu also beitragen?

Wenn ich dann morgens erwache, kommt mir oft eine Idee in den Sinn und ich muß eilen, sie nicht zu verlieren. Und wenn keine kommt, dann warten die angefangenen Arbeiten auf ihre Fortführung.  An sich bedeutungslos – aber was soll man tun?

9 Gedanken zu “Liest das noch jemand?

  1. Zweifler schreibt:

    Volle Unterstützumg dieser Nachdenklichkeit. Ich hatte das vor kurzer Zeit am Beispiel der Leistungen Einsteins gedacht. Sogar bei ihm ist angesichts der wohl anzunehmenden Unendlichkeit des Zeitstrahls nur mit relativ kurzer Bedeutung zu rechnen. Es ist m.E. das Ding (hier Leben, Denken, Lieben etc.) an sich, was die (dessen) Bedeutung ausmacht-das Sein (und Wirken) im Hier und Jetzt. Von anderem auszugehen hätte gewiß Perpetuierung der Unzufriedenheit zur Folge. Leider hat es das Leiden (im Rahmen der angesprochenen Nachdenklichkeit) ob der dargestellten einleuchtenden Logik (am Ende ist alles bedeutungslos) viel leicher, an die Oberfläche zu gelangen, als die Freude an dieser Nachdenklichkeit, da der zum Weitermachen drängende notwendige Optimismus teils erhebliche aufzubringende Kraft benötigt. Dennoch ein Hoch auf diese Nachdenklichkeit, denn ohne diese gäbe es auch die Kraft und den treibenden Optimismus und letztlich die daraus resultierenden teils wundervollen Ergebnisse nebst Freude sowie Genugtuung darüber eben nicht.

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  2. Willanders schreibt:

    Ich habe gerade wieder mal zu einem alten (von 1960) Text gegriffen: zu Erich Fromms „Psychoanalyse und Zen-Buddhismus“. Es enthält viele wertvolle, ewig gültige Gedanken. Einer davon:
    „Während in den Anfängen der westlichen Kultur (…) bei den Griechen (…) die Vervollkommnung des Menschen als Ziel des Lebens galt, befasst sich der moderne Mensch mit der Vervollkommnung der Dinge und mit dem Wissen, wie man sie herstellt. (…) Mit dem Mund bezeichnet er immer noch Glück, Individualismus und Initiative als Ziele – aber in Wahrheit hat er kein Ziel.“ (7) /zitatende
    Fromms Büchlein (88 Seiten) enthält viele anregende Gedanken, eine Lektüre lohnt sich auch heute noch. Es gibt sie also doch – Ideen, die alle Moden überstehen. Zen ist eine davon.

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  3. Jörg schreibt:

    Ich bin Orthopädieschuhmacher, knapp 60, und immer (selten) wenn mich der Daseinsblues anfällt, gehe ich in die Werkstatt und erstelle mein Werk zum Nutzen anderer. Dabei ordnen sich die Gedanken von ganz allein wieder und alles kommt ins Lot. Das Sein ist da, um des Seins willen. Weiter ist da nichts. So meine Erfahrung.

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    • Nein, der Lebensblues.

      Sloterdijk hatte mal gesagt, daß er sich vorgenommen hat, solche Sätze wie Camus schreiben zu können, Sätze die treffen und bleiben.

      Es geht bei der Frage, ob das noch jemand liest, durchaus um Prinzipielles, nämlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der geistigen Produktion, umso mehr in Zeiten rasanten Wandelns, in Zeiten also, in denen es nicht Gültiges mehr zu sagen gibt – außer dies selbst; aber das ist banal. Die Frage dreht sich also nicht um diese Autoren, sie meint das Ganze, den Sinn … wenn diese Platitude noch einmal erlaubt sei.

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      • Skeptiker schreibt:

        Oh, da hilft vielleicht eine Phase körperlicher/handwerklicher Beschäftigung, etwas Abstand zu geistiger Produktion!?
        Oder (mit etwas Ironie geschrieben) mal ein Tag deutsches Fernsehen und schon ist die Sehnsucht nach geistiger Produktion wieder da.

        Seidwalk: Dann doch das erstere.

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  4. Nordlicht schreibt:

    „… Nicht nur, daß dieser ganze Diskursbereich auf sehr waghalsigen Prämissen beruhte …“

    Sehr schön gesagt.

    Aber dennoch waren Freud und etliche Nachfolger wichtig. Auch Irrtümer sind wichtig.

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  5. Nevem van schreibt:

    … ich nicht (mehr). In jungen Jahren las ich, durchaus mit wohlwollendem Interesse, soviel davon, dass mir dann im ganzen Leben die Seelenklempner-Branche gestohlen bleiben konnte, also letzten Endes doch mit Gewinn.
    Ihre Frage, „Liest das noch jemand?“, können wir mühelos auf alle Produkte des schöpferischen Geistes ausdehnen, angefangen bei den Höhlenmalereien. Kreative sind Getriebene, ihre Begabung ist Fluch und Segen zugleich.
    (Bin nur Zaungast, selber eher schreib- und sonst gehemmt und gar nicht traurig darüber; so habe ich angenehme Tage, ohne die ausbleibende Produktion jeglicher Art zu bedauern.)

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  6. Pérégrinateur schreibt:

    Man soll tun, was man eben will oder was man für notwendig hält, dabei aber die Eitelkeit aller menschlichen Dinge nie vergessen –inklusive der Eitelkeit des Stoizismus.

    Noch ein Hinweis: Es gibt auch Gebiete, wo sich Wissen akkumuliert und es nicht fortlaufend ausgetauscht und nach irgendwelchen turns reinterpretiert wird, wo nicht Begriffe (oder auch nur Worte) rotiert und exegetisch zeitpassend gemacht werden. Wenn Sie also Solideres wollen: Auf, dorthin!

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