Die Populismusrechnung

Zugegeben, die Frage ist nicht letztgültig beantwortet, was Populismus eigentlich sei. Aber immerhin scharf genug, um der AfD oder Trump oder Salvini oder der FPÖ … das Etikett anzuhängen.

Wenn es darum geht, den Begriff zu füllen, fallen in der Regel diese Argumente:

Populisten haben einfache Lösungen für komplexe Probleme.

Populisten trennen zwischen „Wir“ und „Denen“, oft einer Elite und dem Volk.

Populisten nehmen für sich in Anspruch, mit der „Stimme des Volkes“ zu sprechen.

Populisten pflegen einen Anti-Intellektualismus.

Populisten verweigern die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Populisten sind diversen Verschwörungstheorien nicht abhold.

Populisten pflegen einen apokalyptischen Gestus und malen eine dunkle Zukunft an die Wand.

Populisten argumentieren mit und schüren die Angst.

Populisten setzen auf „Polarisierung, Personalisierung, Moralisierung“. (Wikipedia)

Populisten vertreten Meinungen und Empfindungen vor Fakten und Rationalität.

Populisten sind „abhängig von charismatischen Führungsfiguren“. (Bundeszentrale für politische Bildung)

Populismus formiert sich als Bewegung und seltener als Partei (BpB).

Populisten gehen den außerparlamentarischen Weg.

Populisten agitieren und propagieren – oft ohne oder gegen wissenschaftliche Erkenntnisse.

Populisten agieren monothematisch, sie blenden die Komplexität der Vielfalt aus.

Populisten benutzen das „Stilmittel“ des Protestes.

Können wir uns darauf einigen? In diese Richtung gehen die gewöhnlichen Argumentationen.

Nun ziehe man einen Strich, addiere die Summanden und errechne die Summe. Was kommt raus? Nur mit großer Mühe und größerem Aufwand die apriorischen Kandidaten.

Aber mit Leichtigkeit: Greta Thunberg!

Um den Beweis zu führen, genügt es, Wikipedia zu zitieren. Dort lesen wir:

O-Ton Thunberg:

„Ich sehe die Welt etwas anders, aus einer anderen Perspektive. Ich habe ein besonderes Interesse. Es ist sehr üblich, daß Menschen im Autismus-Spektrum ein besonderes Interesse haben.“

„Und ich mag es nicht, wenn Menschen das eine sagen und das andere machen.“

„Dies ist die größte Krise, in der sich die Menschheit je befunden hat. Zuerst müssen wir dies erkennen und dann so schnell wie möglich etwas tun, um die Emissionen aufzuhalten, und versuchen, das zu retten, was wir noch können.“

„Einige Leute sagen, daß ich studieren sollte, um Klimawissenschaftlerin zu werden, damit ich die Klimakrise ‚lösen kann‘. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

„Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr Erwachsenen von uns verlangt. Aber wir ahmen euch nach. Und weil ihr Erwachsenen euch nicht für meine Zukunft interessiert, werde ich eure Regeln nicht beachten.“

Weltwirtschaftsforum Davos: „Ich will, daß ihr in Panik geratet“ und „Unser Haus brennt!“

O-Ton Wikipedia:

„Kernposition Thunbergs ist, daß die Politik viel zu wenig für Klimaschutz tue und damit unverantwortlich handle, insbesondere gegenüber jungen Menschen.“

„Thunberg argumentiert, daß die Biosphäre geopfert werde, damit reiche Menschen in Ländern wie Schweden in Luxus leben können.“

„Reiche Länder sollten ihre Emissionen innerhalb von sechs bis zwölf Jahren auf null reduzieren und so Ländern wie Indien und Nigeria den Aufbau von Infrastruktur ermöglichen.“

„Die Menschen sollten durch zivilen Ungehorsam einen Systemwechsel (sic!) erwirken, so daß kein Öl mehr gefördert werde.“

„Politiker verhielten sich unverantwortlich und wie kleine Kinder, daher sei es nun an der jungen Generation, ihre Zukunft selbst in die eigenen Hände zu nehmen und das zu tun, was die Politik schon lange hätte tun müssen.“

„Hingegen werde sie die Spitzenpolitiker nicht weiter anflehen, sich um die Zukunft der jungen Generation zu kümmern. Vielmehr werde sie ihnen klarmachen, daß es zu Änderungen komme, ob sie wollten oder nicht.“

„Ihre Klimaschutzaktionen sieht sie als wichtiger an, als in die Schule zu gehen. Allerdings frage sie sich, welchen Sinn es habe, in der Schule für eine Zukunft zu lernen, wenn diese Zukunft schon bald nicht mehr existiere.“

„Thunberg postete im März 2019 auf Facebook, daß Kernenergie ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung sein könne. Wenig später veränderte sie ihren ursprünglichen Post und schrieb nun, sie persönlich sei gegen Atomkraft, aber nach dem IPCC könne die Atomkraft ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung sein.“

Persönlich habe ich nichts gegen Populismus. Er mag – zu gewissen Zeiten, in gewissen Situationen – seine Berechtigung haben. Ich teile sogar Gretas Dringlichkeit: Die Ökosysteme haben in erdgeschichtlich kürzester Zeit dramatische Veränderungen erfahren und stehen wohl vor sogenannten tipping points, points of no return, die zu vorerst irreversiblen und sich selbst verstärkenden Veränderungen führen, die wiederum für einen Großteil des terrestrischen Lebens – ziemlich wahrscheinlich aber für das menschliche – katastrophale Folgen haben dürften.

Allerdings kann ich in Gretas populistischer Bewegung keinerlei Hilfe ausmachen, die vermutlich unlösbaren Schwierigkeiten zu lösen. Aber ich sehe, daß sie die Unlösbarkeiten vermehrt, indem sie etwa eine ganze Generation von Schülern ideologisch indoktriniert und tatsächlichen Lösungsversuchen abspenstig macht. Sie wird Teil des Problems, sie gehört – auch wenn sie Elektroauto fährt – zur Akzeleration dazu, sie wird bereits vom politischen Establishment, das sie zu bekämpfen vorgibt, produktiv verdaut.

Ihre Aktion wird bald ermüden und Erschöpfung und Desillusionierung zurücklassen. Die sie tragenden Medien werden, von einfachen wirtschaftlichen Motiven getrieben, bald das Interesse an ihr verlieren; Nachhaltigkeit kann sie nicht erzeugen. Sie lenkt zudem von anderen vitalen Problemen ab, etwa der sozialen und politischen Zerstörung jener Gesellschaften, die als einzig mögliche mit ihrem technischen, vor allem aber intellektuellen Know How in der Lage wären, Auswege zumindest zu erwägen.

Man muß die Prämissen klären. Natürlich sind die diversen Umweltkrisen – Erderwärmung ist ja nur ein Faktor – existentiell gravierender als etwa die Frage der Einwanderung. Aber wenn wir letztere nicht lösen und damit – auch das ist „populistisch“, ich weiß – unsere letzte Hochzivilisation handlungsunfähig machen, werden wir die Primärbedrohung auch nicht beseitigen können … sie wird sich dann von selbst lösen.

Das alles sind hochkomplexe Zusammenhänge, die unsere Kapazitäten – individuell, institutionell und gesellschaftlich – vermutlich übersteigen. Dennoch haben wir die Pflicht, sie – die Kapazitäten – zu fördern und zu erhalten und Primitivismus, sei er auch einer sympathischen Naivität geschuldet, abzulehnen.

Ein weiteres Problem, das ich mit Greta habe, läßt sich leicht am sogenannten „Terrorismus“ erklären. Diesen würde es als globales Phänomen nicht geben, wenn die ausgefächerte westliche Medienwelt – aus vielfältigen, meist monetären Gründen – nicht besessen davon wäre, den Terror zu produzieren und zu vervielfältigen. Denn nicht das eigentliche Verbrechen streut den Terror – maximal lokal stark begrenzt – sondern die medial verbreitete Botschaft. Terror heißt „Schreckensbotschaft“

Und Greta unterliegt genau dieser Logik – sie ist letztlich Akteurin im Terrorspiel im klassischen Sinne. Ob sie die Schule schwänzt oder nicht – kein Hahn kräht danach. Das hat sie mit sich, ihren Lehrern, ihren Eltern, ihrer Schule auszumachen. Solange es in diesem Zirkel bleibt, kann es sogar mutig und anerkennenswert sein. Aber es waren ideologisch vorbelastete Medien, die ihr Bild und ihre Botschaft aufgriffen, verstärkten und der ganzen Welt aufpreßten und zwar, weil es in das Weltbild der meisten Redakteure paßte. Jedes andere Motiv wäre vermutlich unbemerkt geblieben.

Damit beginnt die Indoktrination und – nirgendwo ist der Begriff besser geeignet – die Funktionalisierung und das beleidigt – vom aktuellen Schaden abgesehen, ganz ästhetizistisch gedacht – jede unabhängige Intelligenz. Ihr kann das Mädchen nur leid tun, sie muß die Bewegung als abstoßend empfinden.

3 Gedanken zu “Die Populismusrechnung

  1. Absalon von Lund schreibt:

    Populisten sind alle, denn jeder muß ja seine Sicht der Dinge einfach darstellen und kann nicht über alles eine Vorlesung halten. Folgende Unterscheidung: wenn sich jemand eine Sache gut überlegt und innerlich geordnet hat, kann er den Inhalt tatsächlich einfach in einem Satz sagen. Dieser Satz ist dann wie ein Hebel, der zu einer Handlung führt. Hier sehe ich Trump und Salvini. Greta wendet sich auch an das Volk und verbreitet zusammenhanglose unbewiesene Parolen, die zu einer Menge Auftritte für sie selbst und vielen Diskussionen führen, aber niemals zu einer Handlung. Man kann auch sagen: Wahrheit führt zur Handlung, Lüge niemals. Da sind zwei Arten von Geistern am Werk. Der heilige Ignatius von Loyola lehrte in seinen Exerzitien, diese Geister zu unterscheiden!

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  2. lynx schreibt:

    Schreckensbotschaft: das gefällt mir und ruft mir den Schlagabtausch zum letzten Beitrag in Erinnerung. Sie haben recht: Greta nervt. Alle nerven, die überall das Ende der Zivilisation heraufbeschwören. Hysterie allenthalben. Konstruktive Ideen sind gefragt, nicht dieses ewige Gejammere.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Messer, Schere, Gabel, Licht
    Sind für kleine Kinder nicht.

    Hochedler Speck in Fallen glänzt,
    Nach dem’s gelüstet stets die Jugend,
    Die gerne Alten predigt Tugend,
    Und so mit Recht die Schule schwänzt.

    Propaganda, Menschenfischen
    Treibt man leicht mit Gör’n und Ischen.

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