Das rote Mehr

Jeder kennt das: Da redet man auf einen anderen ein, weiß die Lösung seines Problems und erntet nichts als Ignoranz. Irgendwann später – das Gespräch ist längst verjährt – kommt der- oder meist diejenige und präsentiert dir ein Wundermittel, das nun alle bekannten Sorgen beseitigt habe. Es ist exakt jenes einst von dir empfohlene Mittel! Und fragt man nach, bekommt man die Antwort – meist im schwärmerischen Ton – das hat mir X oder Y empfohlen, das habe ich da oder dort gelesen, das hat mir mein Heilpraktiker gegeben usw.

Wir lernen daraus: die Botschaft allein genügt nicht. Es kommt auch auf den Botschafter und auf die richtige Zeit an. Je näher sich Menschen stehen, umso weniger hören sie oft aufeinander.

Ein bißchen beschreibt das auch das Sarrazin-Dilemma. Sarrazin sagt der deutschen Gesellschaft seit sechs Jahren eine unangenehme Wahrheit nach der anderen und keiner will sie offiziell hören, denn Sarrazin argumentiere „biologisch“, sei fremdenfeindlich und arbeitet ohnehin zu viel mit Zahlen und zu wenig mit Gefühlen. Vor allem aber ist Sarrazin trotz seiner sozialdemokratischen Parteizugehörigkeit nicht rot.

Aber rot sind die Medien und genau darauf hatte er in seinem Buch „Der neue Tugendterror“ ausgiebig hingewiesen, mit zahlreichen Fakten belegt, und vergleicht man die politische Position der Journalisten mit der der Durchschnittsbevölkerung, dann muß man eine dramatische Rotverschiebung feststellen. Hören wollte das niemand, weil: von Sarrazin.

In Norwegen wurde auf den „Nordischen Medientagen“ nun ein Untersuchungsbericht vorgelegt, der aufhorchen läßt. Würden norwegische Journalisten den Storting unter sich wählen können, dann gäbe es 119 Mandate für den roten und 49 Mandate für den blauen Block. 65 Stimmen gingen an die „Arbeiterpartei“ (Sozialdemokraten), 24 Stimmen an die „Sozialistische Linkspartei“, 12 Stimmen an die noch linkeren „Roten“ und 18 an die „Umweltpartei“ (Grün). Die beiden letztgenannten sind im Moment noch nicht einmal im Parlament vertreten, decken aber 30% der journalistischen Meinung ab, die SV („Sozialistische Linkspartei“) kommt im wirklichen Leben gerade mal auf 7 Mandate.

Spiegelbildlich der blaue Block. Die „Fortschrittspartei“ (in der deutschen Presse die „Rechtspopulisten“) hat von der Wählerschaft 29 Mandate erhalten, unter der Schreiberzunft null!

Traum und Wirklichkeit

Traum und Wirklichkeit, Welt der Blätter und wirkliche Welt

Ist Norwegen ein Einzelfall? Laut ”Den korte avis” keinesfalls. Auch in Dänemark (und Schweden) zeigen sich ähnliche Verhältnisse. 2012 brachte dort eine Untersuchung vergleichbare Ergebnisse. Hätten Journalisten zu bestimmen, dann wäre die „Radikale Venstre“ (Radikale Linke) auf 30% gekommen, die „Sozialdemokraten“ auf 20% , die „Einheitsliste“ auf 17% und die „Sozialistische Volkspartei“ auf 13%. Vielen gilt die „Einheitsliste“ als wirklich linksradikal und gesinnungsethisch. Sie würde deutlich mehr Stimmen bekommen als etwa die „Venstre“ (Liberale Partei, 11%), die „Liberale Allianz“ (5%) und die „Konservativen“ (2%). Alles in allem gingen 80% der journalistischen Wählerstimmen an den roten Block! Tatsächlich wurde im letzten Jahr die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt abgewählt und Lars Løkke Rasmussen (Venstre, 19%) mit Duldung der „Rechtspopulisten“ der „Dansk Folkeparti“ (21%), die 9% zulegten, zum Ministerpräsidenten gewählt. Eine Rotverschiebung um mehr als 30%, die noch gravierender wird, wenn man die nahezu vollkommene Absenz der konservativen Stimmen im Blätterwald bedenkt – lediglich „Berlingske Tidende“ kann als linksdrallig bis ausgewogen gelten; „Politiken“, „Jyllands-Posten“, „Information“ sind alle stramm links.

Kein denkender Mensch zweifelt daran, daß in Deutschland und wahrscheinlich in ganz Europa – ich kann es gefühlt zumindest aus England und Italien bestätigen – ähnliche Verhältnisse herrschen. Und das alles wäre kein Problem, wenn man es nicht merken würde. Aber leider sind ganze Hauptmedien wie „Spiegel“, „Süddeutsche“, „Zeit“ und „Focus“ spürbar in linker und linkspopulistischer (Diez, Augstein, Assheuer etc.) oder linksliberaler (Prantl) Hand und einige Blätter, wie die „Huffington Post“ oder die „TAZ“, betreiben offen linksradikale Propaganda. Auch wenn „Welt“ und „FAZ“ immer wieder versuchen, die eine oder andere kritische Stimme zu Wort kommen zu lassen, sind sie doch noch immer stark linkslastig (geworden). CSU- und AfD-Wähler dürften augenblicklich gar kein Meinungsblatt zur Verfügung haben, große Teile der CDU- und FDP-Klientel vermutlich ebenso wenig, wohingegen die wenigen Grünen und Linken allüberall ihre Meinung bestätigt finden.

Diese Diskrepanzen – man kann das alles bei Sarrazin nachlesen – sind in höchstem Grade demokratiegefährdend und zeitigen im Übrigen einen seltsamen Effekt: je mehr die Presse nach links rückt, umso mehr wird sich die Leserschaft nach rechts bewegen, sich von den Großmedien abwenden und sich entweder gänzlich abkoppeln oder Alternativen im „rechten“ Bereich suchen. Nicht umsonst sinken alle Verkaufszahlen – allein die „Junge Freiheit“ verzeichnet zweistellige Zuwächse. Letztlich ist es eine Frage der Intelligenz. Und die wird systemisch verhindert.

Die Erklärung findet man bei Jürgen Habermas, dem sich die Journalistik direkt oder indirekt verpflichtet fühlt. Als sich immer mehr die Einsicht des Scheiterns des „Projektes der Moderne“ abzeichnete und sich viele Intellektuelle vom systemtragenden Habermasianismus abwandten, veröffentlichte dieser sein Buch „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Es enthält zwei Grundargumentationen, die sich fast eins zu eins noch immer in der linken Presse wiederfinden: es denunziert und kategorisiert im abwertenden Gestus alle Gegenmeinungen und es vertritt die Argumentationsvolte: Wenn etwas nicht klappt, dann nur, weil wir noch nicht genug davon haben. Das Gutgemeinte verkommt zum Schlechten, also brauchen wir mehr vom Gutgemeinten …, mehr Fortschritt, mehr Diskurs, mehr Multikulti, mehr Gender …

Erst wenn Habermas auf den Scherbenhaufen der Geschichte geworfen und ins philosophiehistorische Seminar umverlegt wird, kann sich die journalistische Welt von ihrem akademischen Boden her erholen.

4 Gedanken zu “Das rote Mehr

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Zu Habermas und seiner öffentlichen Wirksamkeit ist übrigens

    * Mathias Brodkorb (Hrsg.), Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre Historikerstreit.

    eine recht aufschlussreiche Lektüre. Offensichtlich verlässt sich der Großphilosoph, wenn er einen ihm wichtigen Standpunkt vertritt, nicht besonders auf die freie Diskussion in der Sache, damit sie nur richtig ausgeht. Die behandelte Affäre lag vor meinem Interesse an solchen Themen, so dass sie mir damals entging. Spätere Habermas-Kampagnen hinterließen bei mir dann aber denselben Eindruck, dass Theorie und Praxis des kommunikativen Handelns bei deren Schöpfer doch zuweilen arg weit auseinanderfallen.

    Putzig ist, dass sich eine gewisse Linke als Gemeinschaft anscheinend nur durch die Feinderklärung gegen wirklichen oder allermeist eben nur imaginierten Faschismus konstituieren kann – und gleichzeitig das Anathema über Schmittsche Anschauungen spricht. Geradezu einbe ironische Bestätigung für seine Behauptung, Politik operiere über primordiale Feinderklärungen.

    Was Habermas als Ausweg aus der Finanzkrise empfiehlt, kommt mir wie eine voluntaristische Flucht ins europäische Ideal vor. Glücklicherweise wird diese Politik, resolut die Schiffe der einzelstaatlichen Souveränität hinter sich abzubrennen, wohl wenige Anhänger finden – sonst hätten wir am Ende doch nur wieder einen Platon, der von Dionysos enttäuscht ist. Wie bei Marx: Keinerlei realistische Vorstellungen über die Machtkontrolle in so einem Konstrukt oder auch nur von einem gangbaren Weg dorthin.

    Ein Europa, das etwas taugen soll für seine Menschen, muss immer so etwas wie ein genetischer Algorithmus sein: Man muss weit genug voneinander entfernt sein, um auch ganz Verschiedenes ausprobieren zu können, und nahe genug, um allenfalls von den Erfolgen und Misserfolgen der anderen zu lernen. Bei immer mehr Souveränitätsübertragungen bekommt man nur immer mehr „Harmonisierung“ aufs Mittelmaß vom Mittelmaß, das kein Volk mehr fürchten und deshalb keinem mehr verantwortlich sein muss.

    Vermutlich krankt die europäische Linke daran, dass sie nicht mehr Interessenvertretung der Unterklasse sein will, was ja durchaus lobenswert war und womit sie eine wichtige Funktion erfüllte, sondern sich als Bußprediger der höheren Moral aufspielt. Eine ziemlich unmarxistische Verkennung derGrundbedingungen politischer Macht, die dann eben den Front National in Frankreich zur Partei der Arbeiter gemacht hat und vielleicht bald die AfD zu der in Deutschland machen wird. Jeder ist seines Glückes Schmied.

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    Und der Kreis schließt sich in gewissem Sinne, wenn man sich erinnert, daß es Habermas war, der neben ARD und ZDF noch eine „öffentlich-rechtliche Zeitung“, gebührenfinanziert, forderte (http://www.sueddeutsche.de/kultur/juergen-habermas-keine-demokratie-kann-sich-das-leisten-1.892340), weil ja der Bürger doch nicht wirklich selbst entscheiden kann, was gut für ihn ist. Wie diese Zeitung dann aussehen würde, kann man sich ausmalen. Ein Alptraum: neben einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den ich nicht rezipiere, auch noch eine öffentlich-rechtliche Zeitung gezwungenermaßen alimentieren zu müssen.
    Deshalb bin ich, bei allem Ärger und Staunen über die allgegenwärtige Dummheit, bei den Zeitungen auch eher gelassen: Keiner muß das kaufen, keiner muß das lesen, jede Zeitung sucht und findet ihre Kunden. Natürlich gibt es da eine linke „echo-chamber“, aber in einer solchen bewege ich mich in gewissem Sinne auch. Aber es ist eben der Segen des Internets, daß letztlich das Angebot immer viel diverser wird – dieses Blog ist ja ein Beispiel.
    Habermas wird einmal zum historischen Bestand der alten West-BRD gezählt werden, wie es ihn auch in der Literatur (Böll, Grass) oder Malerei (Immendorf, Baselitz) gibt: uninteressant, akademisch, in den Depots und Regalen verschwunden.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Ich weiß nicht ob die Mehrzahl der Journalisten ihre politischen Vorurteile wirklich den Habermas-Seminaren verdanken, oder ob die auch nur der ferne Wellenschlag der Kritischen Theorie sind. Man sollte vielleicht nicht zu viel an Bildung unterstellen.

    Vor Jahren befragte ich einmal in freundschaftlicher Runde einen anwesenden Journalisten, wie man sich das so vorzustellen habe mit der fachlichen Vorbildung eines Ressortjournalisten. Habe etwa der für Wirtschaft Zuständige in der Redaktion WIrtschaftswissenschaften studiert und nun zwei Regale mit seinen Ökonomie-Fachbüchern stehen, um im Bedarfsfalle mal sein auch nicht unfehlbares Wissen auffrischen zu können, usw. usf.? Mein den ganzen Abend über recht missionarisch wirkendes Gegenüber – er flog je nach Thema mit Roth 0,8 bis 1,2 – drückte sich beständig vor der Antwort, bis er irgendwann herausplatzte: „Also das muss ich schon sagen, als wir mal Netzausfall in der Redaktion hatten und die jungen Kollegen nicht in der Wikipedia nachschlagen konnten – das wurde zappenduster.“ Zugegeben, nur anekdotische Evidenz.

    Wer will denn wohl gerne „etwas mit Medien“ machen? Ich vermute, diese öffentliche Bühne ist, ähnlich wie die Politik, besonders für meinungsstarke Gernegroße attraktiv. Da nun aber Konservative mit dem Stand der Dinge eher grundsätzlich zufrieden sind, ist bei diesen wohl der Drang, auf diese Plattform zu kommen, merklich geringer. Außerdem dürften sie auch eher eine klassische Ehe mit Kindern anstreben, und dann sind die Konkurrenzbedingungen gegenüber häufiger nur in Lebensabschnittspartnerschaften ohne jeden Nachwuchs lebenden Kollegen in diesem bei längerer täglicher Verfügbarkeit besser zu bewältigende Beruf schlecht. Das würde auch erklären, wieso in letzter Zeit, wo offenbar der Trichter, durch den die befugten Meinungsproduzenten ihr Brät den das Maul aufsperrenden Meinungskonsumenten in den Rachen stopfen, mehr und mehr Risse bekommen hat, und manche der zweiten ihr Maul zu ganz anderen Zwecken aufmachen und damit die ersten in eine Untergangspanik treiben, diese nicht einmal mehr zweckrational handeln können. Eine weithin angesehene Redaktion, die meint, sich eine Krawallschachtel wie Frau Meli Kiyak leiten zu können, oder ein sächsisches Regionalblatt, das mit für Aufmerksame allzu durchsichtigen Plauener Dreiviertelswahrheiten durchdringen will, die pissen doch gegen den Wind.

    Für die an den Verkaufszahlen ablesbare Krise der Presse könnte allerdings die Verprellung der Leser die kleinere Ursache sein; man schließt allzu gerne auf den Kausalnexus von gleichzeitigen Phänomenen, aber statt der ausbleibenden Störche könnte ja auch die Verfügbarkeit der Kontrazeptiva hauptsächlich zum Rückgang der Kinderzahlen geführt haben. Es fällt auf, dass viele zwar nicht mehr die klassischen Medien lesen, aber stattdessen durchaus die Readers-Digest-Verschnitte von deren Artikeln auf irgendwelchen Internetportalseiten und sich davon ausreichend informiert fühlen – so wie weite Teile des eher klassischen Publikum, das glaubt, mit Tagesschau um acht Uhr sei es nun aber genug. Beide Kanäle bedienen die Erwartungen eines supponierten,einen rechten Standpunkt suchenden Publikums auch nicht gerade besser.

    Sarrazin liegt vielen publizistischen Gatekeepern vielleicht auch deshalb quer im Hals, weil er mit seiner elenden Faktenhuberei ganz offensichtlich der reality based community angehört. Mein Gott, was man da alles nachlesen und -prüfen müsste … Also das geht ja gar nicht! Und dann vielleicht noch am Ende eine Naturwissenschaft, so hat man jedenfalls sagen hören, an denen man sich bekanntlich immer so hart stößt. Wenn schon Wissenschaften, dann doch bitte exklusiv die „deutenden“. A word just means what I want it to mean.

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    • Richtige und notwendige Korrekturen!
      In diesen polemischen Beiträgen kann nicht alles ausdifferenziert werden. Daß Habermas symbolisch zu fassen ist, versteht sich. Ich hege keinen Zweifel daran, daß in den Redaktionsstuben hinter verschlossenen Türen und nach Feierabend auch eifrig gepoppert wird – und manch andere Sodomie.

      Freilich reden wir hier von den „Qualitätsblättern“ und nicht den Lokalzeitungen. Dort braucht man ja noch nicht einmal eine journalistische Ausbildung um eine kleine Karriere zu machen. Man wird da die allgemeinen Vibrationen „unbewußt“ aufnehmen und seine Position entsprechend einschwingen. Die Resultate sind bekannt, gepaart mit den Ergebnissen ihrer kleinen, sicher verallgemeinerbaren Anekdote.

      Trotzdem: die von mir genannten Namen – auch die nur stellvertretend – leiden direkt oder indirekt an der Habermasitis und leben ihren Popper: Gerade heute rein:
      http://www.zeit.de/2016/20/nationalismus-kunst-propaganda-afd-intellektuelle
      aber auch:
      http://www.zeit.de/2015/46/helmut-schmidt-karl-popper-philosophie
      http://www.tabvlarasa.de/34/JuergenHabermasimInterviewmitThomasAssheuer.php
      usw.

      Auch bei der Presse natürlich viele Ursachen … aber auffällig doch die Zuwachsraten bei JF, Sezession, Compact, Tumult e

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