Reisenotizen: Wien und Plauen

Wir waren ein wenig unterwegs: Ungarn-Wien-Plauen-Berlin und zurück. Ein paar nebensächliche Wahrnehmungen:

Wie eine inkohärente Gesellschaft aussehen könnte oder bereits aussieht, zeigt ein Autofahrer an einer der letzten Tankstellen vor der österreichischen Grenze: Wir müssen lange warten, bevor eine Zapfsäule frei wird. Ursache ist ein Fahrzeug, das leer, ohne Insassen, an einer Säule steht. Und steht, und steht. Auch nach unserem Raststättenbesuch steht es noch. Ganz offensichtlich sitzt der Fahrer im Restaurant und ißt gemütlich. Daß dutzende Autos warten müssen, die Tankstelle fast lahmgelegt ist, stört ihn nicht. Einem Ungarn traue ich das nicht zu – es war … ein Wessi.

In Wien kommen wir ins Gespräch mit der Rezeptionsdame in einem kleinen Hotel. Sie hat ein kleines Kind dabei, findet keinen Kindergarten, muß es also mitnehmen. Sie selbst sei Usbekin, Muttersprache Russisch. Interessiert fragen wir: Also wächst das Kind zweisprachig auf? Nein, dreisprachig. Der Vater spreche Arabisch. Wenig später kommt er schon. Putzt ein wenig im Flur herum. Beide perfektes Wienerisch. Wir bekommen mit: Sie hat zwei Jobs, leitet dieses Haus und arbeitet auch noch in einer Bank. Er keinen.

Auf der Fahrt wollen wir die Hessen Wahlergebnisse hören. Landen dabei bei Terézia Mora, deutsch-ungarische Schriftstellerin, die gerade den Büchnerpreis bekommen hat. Noch nie gehört. Ihre Dankesrede im Wortlaut wird gesendet, ein seltsam vager, mutiger?, feiger? Text.

In Plauens Zentrum stehen mal wieder dutzende Polizeiwagen mit DD-Kennzeichen. Eigentlich ein beängstigendes Bild. In der Straßenbahn fragt ein Kind seinen Vater, weshalb hier so viel Polizei stehe. Der sagt gelangweilt: „Da ist wieder so eine Demonstration“. Das Kind nickt verständig. Alltag in Deutschland drei Jahre danach, ein Polizeigroßeinsatz juckt niemanden mehr.

Apropos drei Jahre: 1095 Tage – so lange habe ich gedient. Kam mir unendlich lang vor. Gerade mal drei Jahre ist es her, seit Deutschland beschleunigt zerbrochen wird. Kaum zu glauben. Und jetzt freut man sich, weil Merkel in drei Jahren gehen will. In drei Jahren kann man jede Menge anrichten.

Daß Deutschland an Geburtenschwund leiden soll, mag man zu Halloween nicht recht glauben. Immer wieder klingelt es an der Tür. Ich fürchte, ich kann den Spruch mittlerweile sogar auswendig: „Süßes oder Saures“. Vermutlich verstehen sie den Sinn nicht mal. Der Witz mit der Zitrone führt meist nur zu Verunsicherung. Drei magische Worte oder: wie schult man den Zugang zum leistungslosen Einkommen. Zwischen meiner Frau und mir geht es hin und her: ich kann mit den Bälgern – einige BH-Größe Doppel D – nicht viel anfangen und meckere über die Dekadenz; sie hingegen, geborene Pädagogin, läuft jedes Mal zur Tür und scherzt mit den Kinderlein, bietet regelmäßig Saures an: „Aber gerne, Zitrone oder saure Gurke?“ Muß man auch wieder lachen, wenn man es hört. Am Ende gibt’s natürlich was Richtiges. Ein zwölfjähriger Junge kommt ganz allein, sagt seine Zauberworte und als meine Frau den Standardwitz macht, hört man von der Straße ein Kichern. Dort stehen die Eltern des Kleinen und folgen ihm von Haus zu Haus.

Black-Facing geschieht hier noch vorreflexiv.

Spreche mit einem Chemnitz Fan, d.i. ein Anhänger des FC Karl-Marx-Stadt. Er leide, erzählt er. Denn Chemnitz ist auf dem Weg in die zweite Bundesliga in der Oberliga gelandet – also abgestiegen – und gewinnt nun alle Spiele. 14. Spieltag = 42 Punkte! Aber der Fan, erfahre ich, wolle auch mal leiden. Daran leide er nun: ständig gewinnen ohne Verlustgefahr macht keinen Spaß. Ich sage: Du hast nun viele Jahre gelitten (denn in Chemnitz geht seit Jahren vieles schief) und nächstes Jahr wirst du wieder leiden, so genieße doch diese kurze Zwischenphase.

Frage den Fan nach den rechten Ultras im Stadion. Er erbost: die habe er noch nie gesehen, das gebe es nicht, das sei alles von den Medien erfunden. Na ja, vielleicht nicht ganz, aber offenbar wohl doch deutlich aufgeblasen … es geht doch nichts über einen Nazi, den man unters Mikroskop legen kann.

Bücherbasar im Einkaufszentrum. Die „Kinderinsel“ sammelt dort Spenden ein. Gehe seit Jahren dahin. Für 15 Euro kann man eine Kiste Bücher, CDs, Videos etc. wegschleppen. Immer wieder erstaunlich, was die Leute so lesen, hören, sehen. Jedes Jahr gibt es einen Titel, der am häufigsten ausliegt, also kinderfreundlich entsorgt wurde. Diesmal „Feuchtgebiete“ in vielen Exemplaren. Einsamer Spitzenreiter aber Carlos Ruiz Zafón: „Im Schatten des Windes“. Dicker Wälzer, kenne das Buch nur vom Sehen. Welche geheimen Bedürfnisse es wohl zu befriedigen versprach … und enttäuschte?

Vor zwei Jahren erwischte ich dort Paul Deussens legendäre „Philosophie der Upanishad’s“ in fünf Bänden – ohne Band 1! Ärgerlich, umso mehr als ich den sieben Jahre zuvor im Oxfam in Oxford, hinten am Ashmolian, in der Hand hielt und zu geizig war, die drei Pfund (nicht Euro!) auszugeben. Lehrreich.

Mein diesmaliges Highlight: „Die Deutschen Christen Bayerns im Rahmen des bayerischen Kirchenkampfes“ und die fünf Bände „Römische Literatur in Text und Darstellung“. Dazu einige kleinere Hungarica. Und Terézia Mora: Das Ungeheuer – die seltsamen Fäden im Leben.

Zu Hause lege ich gleich die ergatterte Schallplatte Ungarischer Volkslieder auf, aus dem Jahre 1964: Bojos Lajos und seine Zigeunerband, gesungen u.a. von Kovacs Apollónia – in Ungarn alles verblaßte Ikonen. Aber Orbán hatte recht: „Wir, Ungarn, können am besten jammern, wir, Ungarn, können am schönsten klagen, und wir, Ungarn, können uns selbst am ehrlichsten beweinen. Wir sind die Großmeister des Besingens der völligen Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit ….“ Plattencover und Inhalt könnten kaum weniger divergieren. Man erwartet Leidenschaft, Lagerfeuer, Liebesnächte und bekommt Elegien – Liebe gibt es hier vornehmlich im Leidmodus.

Noch mal zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn wir wiederkommen gibt es fast jedes Mal Veränderungen: hier ein neuer Carport, dort eine Terrasse, ein abgesägter Baum, ein neues Auto … Diesmal dröhnen schwere Baumaschinen, um einen enormen Swimmingpool bei Nachbars anzulegen. Daß in einem anderen Nachbarshaus gerade ein Kind geboren wurde, wird hingegen vergessen. Wir sind nahezu die einzigen im Viertel, die gratulieren kommen.

Draußen riecht es verbrannt, wie versengtes Haar. Als Quelle entpuppt sich der Nachbar, der mit einer Art Flammenwerfer kleine Helden zu bekämpfen versucht. Wer Wind sät, soll Sturm ernten. Mögen die bei uns gelittenen und gehegten Nachkömmlinge sich im Frühjahr reichlich drüben vermehren.

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