Narben

Resultatausdrücke sind Abbreviaturen für Geschichten. (Kurt Röttgers)

Nicht immer müssen Geschichten erzählt werden – manchmal genügen einzelne Wörter und schon weiß man um das Geschehene. In der Philosophie wurde versucht dafür den Begriff der „Resultatausdrücke“ einzuführen, insbesondere von dem Hagener Philosophen Kurt Röttgers und in der Nachfolge von Hermann Lübbe. Dies sind Ausdrücke, „die am Gegenwärtigen seine Gewordenheit semantisch präsent halten“. „Produkt“ ist so ein Wort oder „Witwe“ und auch die „Narbe“.

Die Geschichte der Narbe ist die Verletzung und ihre Heilung. Als Hussain mir eine Narbe rechts vom Bauchnabel zeigt, lag die Frage nach der Geschichte auf der Hand. Wir hatten uns über den Blinddarm unterhalten – das wäre eine eher langweilige Angelegenheit geworden. Aber es war ein Unfall und während er das sagt, ist ihm die innere Bewegung anzumerken. Erste Ahnungen steigen auf – trotzdem versuche ich es mit dem Verkehrsunfall.

Nein, es ist tatsächlich eine Schußverletzung. Davon höre ich zum ersten Mal, lasse mir also die Geschichte erzählen.

Sie spielt im Jahre 2013. Hussain geht gerade in die 12. Klasse und steht kurz vor dem Abschluß. Doch die Zeiten sind unsicher. Der Krieg ließ die sozialen Strukturen erodieren. Marodierende Banden ziehen durch die Stadt und bedrohen die Menschen. Einbrüche, Raubüberfälle sind keine Seltenheit. Eine funktionierende Polizei gibt es nicht mehr. Also geht man zur Selbstverteidigung über. Man legt sich eine Pistole zu – im Geschäft ist sie frei verkäuflich.

Keine gute Idee, wie sich schnell herausstellt, vor allem, wenn man keine Ahnung von Waffen hat. Richte nie eine Waffe auf einen Menschen, auch wenn sie ungeladen ist, war so ein Merksatz beim Militär. Hussains älterer Bruder kennt ihn nicht und weiß auch nicht, daß bei einer durchgeladenen Pistole auch bei entferntem Magazin eine Kugel im Lauf ist. Und die war, gleich am ersten Tag, für Hussain bestimmt.

Schräg von oben drang sie in den Bauch ein, zerstörte den Darm und blieb im oder am Beckenknochen stecken. Dort steckt die Kugel noch immer. Eine Notoperation rettete ihm das Leben, um das er vier Wochen ringen mußte. Schlimme Entzündungen und Darmaustritt, Dämmerzustände – er erinnert sich nur an wenig aus dieser furchtbaren Zeit zwischen Leben und Tod. Auch die Bauchmuskulatur wurde geschädigt, wahrscheinlich sogar durch die OP. Noch heute fehlt ihm die Muskelkraft auf der rechten Seite. Eine zweite Operation wurde notwendig: um die Darmauswölbung zu unterbinden, wurde irgend etwas Hartes eingenäht – er läßt es mich abtasten. Man spürt die Wucherungen des Fleisches. Bisher gab es keine Röntgenuntersuchung, weshalb auch niemand weiß, wo genau sich die Kugel befindet. Ich rate ihm dazu, in Deutschland einen Arzt zu konsultieren, aber der Junge hat Angst, nicht nur vor Waffen, sondern auch vor Operationen.

Dann zeigt Khaled mir ebenfalls eine Narbe in der Leistengegend – aber das ist eine andere Geschichte, die man auch erzählen muß.

siehe auch: Drei Mal Knast

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