Hilfe, ich bin rechtsextrem!

Jetzt ist es also amtlich, wissenschaftlich bewiesen und es steht sogar in allen Zeitungen: ich bin rechtsextrem.

Studie: Die enthemmte Mitte

Erst gestern gab es dafür den Beweis. Ich fuhr friedlich mit meinem Rad durch die Innenstadt – laut einer Befragung fühlen sich die Hälfte der Plauener dort nicht mehr sicher –, um von meinem syrischen Freund zu meiner dänischen Freundin zu radeln und „fühlte mich wie ein Fremder im eigenen Land“. Nicht durch die vielen Muslime, wie die Studie der Universität hinterlistig fragte, sondern durch die vielen fremdländischen, seltsam gekleideten, in nicht zu verstehenden Idiomen sprechenden und sich manchmal auch komisch verhaltenden Menschen, von denen freilich die meisten Muslime sein dürften. Dieses sich-Fremdfühlen erfüllt demnach den Tatbestand des Rechtsextremismus.

Was kann man tun? Laut Bundeskanzlerin soll man den Kontakt zu Flüchtlingen suchen. Nun dürfte mein Kontakt zu Flüchtlingen ungefähr – um es im Özil-Jargon zu sagen – 10000% intensiver sein als der der Kanzlerin und trotzdem bin ich noch nicht geheilt, trotzdem fühle ich mich manchmal fremd, trotzdem habe ich den Eindruck, Sinti und Roma können mitunter ein Problem sein – gerade fährt eine befreundete Mutter ihre Kinder jeden Tag zur Schule, weil diese von Sinti und Roma regelmäßig in der Straßenbahn belästigt und beklaut werden –, trotzdem glaube ich, daß ein bißchen mehr nationales Selbstbewußtsein uns nicht schaden könnte, trotzdem meine ich – nein weiß ich –, daß es eine ganze Reihe an „Flüchtlingen“ gibt, die wegen des Sozialsystems nach Deutschland kommen, trotzdem bin ich überzeugt, daß die Bundesrepublik dabei ist, sich gerade „in einem gefährlichen Maße zu überfremdem“, auch wenn mir dieses Wort nie über die Lippen käme, ich glaube sogar, daß „die Deutschen“ in mancher Hinsicht – im Guten wie im Bösen übrigens – anderen Nationen überlegen sein können, nur wäre ich nicht so perfide wie die Leipziger, das auf „die Natur“ zu gründen, ja ich bin sogar davon überzeugt, daß „der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte“ und das wäre ich sogar, wenn ich darüber gar nichts wüßte, denn als Dialektiker weiß ich, daß es nichts, aber auch gar nichts gibt, das nur schlecht oder gut ist. Laut Studie der Uni Leipzig alles Kriterien für Rechtsextremismus.

Nur mit den Juden, da muß ich mich entschuldigen, gegen die habe ich gar nichts. Im Gegenteil, ich bewundere sie kritisch.

fallende Tendenzen

fallende Tendenzen

Und jetzt mal ohne Augenbinde, ohne Pressehilfe. Was sagt die Studie mit dem tendenziös-reißerischen, gänzlich unwissenschaftlichen Titel, die gerade viel Wind produziert, denn eigentlich aus? Der Trend, verglichen mit den Nullerjahren, geht nach unten: weniger „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, weniger „Chauvinismus“, weniger „Ausländerfeindlichkeit“, weniger „Antisemitismus“, weniger „Sozialdarwinismus“, weniger „Verharmlosung des Nationalsozialismus“, weniger „manifeste rechtsextreme Einstellung“, alles weniger! Much ado about nothing.

Nicht ganz: es gibt tatsächlich jeweils einen Aufwärtstrend im letzten Jahr, aber das wäre auch jede vernünftige Prognose gewesen und daß sich vieles in der AfD sammelt, ist ebenfalls logisch – sonst gäbe es sie doch gar nicht.

Man kann die Studie auch ganz anders lesen: Antisemitismus, Verharmlosung des NS und Sozialdarwinismus sind nahezu verschwunden und Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus verhalten sich vollkommen folgerichtig: sie steigen mit der Zahl der Ausländer, so wie zuckerbedingte Karies mit dem Zuckerverbrauch steigen muß.

verschwiegene Gewaltbereitschaft

verschwiegene Gewaltbereitschaft

Manchmal bringt sie auch Unerwünschtes ans Tageslicht. So ist die „Gewaltbereitschaft“ im „Rebellisch-autoritären Milieu“ deutlich höher als im „Ethnozentrisch-autoritären Milieu“ – in letzterem akzeptiert man Gewalt, in ersterem befindet man sich statistisch weit im Bereich der aktiven Anwendung von Gewalt. Es handelt sich dabei wohl um Euphemismen für links- und rechtsradikale Chaoten. Erwähnt hat das, soweit ich sehe, kein einziger Presseartikel.

Methodologisch ist die Umfrage kritisch zu bewerten: Wenn nach „Dimensionen rechtsextremer Einstellung“ geforscht wird, dann kann man nicht mehrfach nach Gefühlen fragen. Auf diese Art und Weise ließe sich etwa Misogynie durch die Frage: „Fühlen Sie sich von Ihrer Schwiegermutter bevormundet?“ ermitteln. Aus einem Entfremdungsgefühl eine „Abwertung von Muslimen“ zu generieren, ist unseriös, wenn nicht „rassistisch“. Chauvinismus mit dem „Mut zu einem starken Nationalgefühl“ zu verbinden ist ähnlich unsinnig, wie die Fragestellungen bis zur Anzüglichkeit primitivisiert und verallgemeinert sind etc.

Verwundert? Nicht, wenn man weiß, daß die Studie von der „Rosa Luxemburg Stiftung“ (Die Linke) und der „Heinrich Böll Stiftung“ (Grüne) und der „Otto Brenner Stiftung“ (IG Metall) finanziert wird. Dort weiß man sicher, was man finden will, und wenn man es nicht findet, wie die Zahlen beweisen, dann hat man seine Adressen, die es entsprechend skandalisierend präsentieren und aufbauschen können:

Deutschlands häßliche Fratze

Deutschland aus rechten Abwegen

Jeder Zweite fühlt sich vom Islam bedroht

Islamfeindlichkeit nimmt deutlich zu

Studie zeigt wachsende Ressentiments gegen Muslime

Deutschland rückt noch weiter nach rechts

Leipziger Studie warnt vor weiterer Radikalisierung

Rechtsextreme immer gewaltbereiter

Haß auf Muslime, Parolen gegen Asylbewerber

Fast jeder siebte Ostdeutsche wünscht sich eine Diktatur zurück