Noch einmal Eritrea

Eritrea ist und bleibt ein Rätsel. Letztes Jahr stellten eritreische Flüchtlinge die drittgrößte Gruppe, jeden Monat verlassen mehr als 5000 Männer das Land, statistisch blutet es weltweit am meisten aus: nirgendwo sonst verlassen mehr Menschen ihre Heimat, sie stellen den Löwenanteil der Ertrunkenen im Mittelmeer.

Im Januar hatte ich versucht, anhand von italienischen Quellen, ein anderes „Narrativ“ vorzustellen, das zumindest partiell den üblichen undifferenzierten Reden über Diktatur und Tortur widersprach. Italien, als ehemalige Kolonialmacht, darf man ein besonderes Interesse an und tiefere Einsichten in Eritrea unterstellen.

Aber auch Dänemark, so seltsam das klingen mag, spielt im Eritrea-Disput eine besondere Rolle. Es ist ein vieldiskutiertes dänisches Papier, eine Untersuchung des dänischen Integrationsdienstes, das in Großbritannien oder Israel etwa dazu führt, eritreischen Einwanderern den Asylstatus zu verweigern, denn der Grad der Unterdrückung rechtfertige keine politisch motivierte Flucht.

Eine Sendung des Staatsrundfunks DR P1 nahm das Thema kürzlich auf und brachte interessante Einsichten zu Tage. Ich beschränke mich auf Ergänzungen und Relativierungen zum Bericht „Eritrea unplugged“. Schon jetzt kann man das Fazit wagen: Eritrea braucht endlich eine valide und allgemein anerkannte Neubewertung, will man den bei einer Geburtenrate von vier Prozent schier unerschöpflichen Menschenstrom richtig bewerten – die Bevölkerung Eritreas wird sich in den nächsten 25 Jahren, trotz massiver Abwanderung, verdoppeln.

Im Studio saßen ein bei der UN angestellter Afrikawissenschaftler, eine Flüchtlingshelferin und ein Entwicklungsökonom, der in Eritrea und im Sudan lebt und mit einer eritreischen Frau verheiratet ist. Die Standpunkte der Diskutanten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Während die ersten beiden durchaus zu recht von Diktatur und Gefängnis und Demokratielosigkeit und fehlendem Wahlrecht, mangelnder Pressefreiheit und dem berüchtigten obligatorischen Staats- und Militärdienst sprachen und sich dabei ausschließlich auf Meinungen bereits Geflüchteter beriefen, wußte letzterer von einem regen Stadtleben, belebten Straßen, einer passeggiata-Kultur, von Cafés, Bars, Musik, Kino, einer ausgeprägten Film- und Kunstszene, von starkem Zusammenhalt, von in zwei Schichten kommenden und gehenden Schulkindern zu erzählen. Die gern benutzte Benennung Eritreas als „Nordkorea Afrikas“ wies er zurück, vielmehr sei es das „Kuba Afrikas“. Staatlichen oder polizeilichen Druck spüre man in der Öffentlichkeit nicht, nur ein Mal hatte er Kontakt mit der Polizei, als er bei Rot über die Straße ging. Erwähnt wurde auch das für afrikanische Verhältnisse hervorragende Gesundheitssystem, die eigenen Kinder seien in Asmara zur Welt gekommen. … Diese Beschreibung deckt sich mit zahlreichen anderen. Europäer, die das Land aus erster Hand kennen, zeigen oft ein ganz anderes Bild als die westlichen Hauptmedien.

Irgend etwas kann nicht stimmen. Warum reißen trotzdem 5000 Menschen jeden Monat aus? Christian Sørensen nennt einen überraschenden und paradoxen Grund. Er spricht von der zweiten oder dritten Welle des Exils. Die erste habe es während der Befreiungskriege von Äthiopien Ende der 90er Jahre gegeben. Damals flohen Teile der „kommunistischen“ Rebellen in den Westen. Es entstand regelrecht eine Exilkultur, eine eritreische Diaspora. Diese Menschen unterstützten einerseits den Befreiungskampf, schafften sich andererseits ein bürgerliches Leben im Westen. Nachdem sie es zu verhältnismäßigem Wohlstand gebracht hatten, kehrten sie nach dem Sieg der „Revolution“ oft zurück und führten im bitterarmen Land ein privilegiertes Leben. Einerseits mit Geld gesegnet, andererseits der EPLF Afewerkis ergeben. Sie brachten die westlichen Gewohnheiten, Kleidung, Slang, den Lebensstil mit und weckten damit das Begehren der jungen Menschen. Man nennt sie den „zehnten Stamm“, der den neun Ethnien eine neue Lebensform hinzufügte. So entstand das Paradox, daß die einstigen Revolutionäre durch ihren Erfolg die „Revolution“ durch Dekadenz unterminieren.

Internet und Mobiltelefon sind ein weiterer wesentlicher Faktor, der insbesondere den Jugendlichen Schaufenster in den Westen bietet und das Verlangen anheizt. Die Frage, was die politischen Eliten in 25 Jahren tatsächlich geleistet haben, wird vornehmlich materiell beantwortet und solange noch nicht einmal die Stromversorgung garantiert werden kann, bleibt das Ergebnis mager.

Der obligatorische Staatsdienst darf bei dieser Rechnung auf keinen Fall außer Acht gelassen werden. Mit dem 18. Lebensjahr kann bzw. muß jeder Eritreer, männlich und weiblich, zum Dienst einberufen werden. Offiziell dauert der 18 Monate, die Realität kennt oft jahrelangen Frondienst, zivil oder militärisch. Desertion ist der dritte und der wesentliche treibende Grund – die anderen beiden sind ziehende. Sie wird mit fünf Jahren Gefängnis geahndet. Und vor allem diese Regelung macht Eritreer im Westen zu asylberechtigten Flüchtlingen, denn würden sie zurück geschickt, droht ihnen Haft. Andererseits wird Desertion wohl in jedem Land der Welt bestraft.

Sørensen bringt eine weitere interessante Erklärung. Er glaubt, daß die alte Revolutionsgarde, die unter enormen Entbehrungen die Unabhängigkeit von Äthiopien erfochten hatte, nun von den Jungen, für die man zu kämpfen ja vorgab, ähnliche Opfer erwarte. Aber diese Jugend gehört schon einer anderen Welt, einer anderen Zeit an, sie ist nicht entbehrungswillig und opferbereit. Viele verlassen nun das Land bereits in sehr jungen Jahren, um dem Desertionsvorwurf zu entgehen. Später stützen auch sie mit einer zweiprozentigen „freiwilligen Steuer“ an das Regime exakt jenes System, das zu fliehen zu vorgaben.

Eritrea ist und bleibt paradox. Wir brauchen deutlich mehr Informationen über dieses Land, bevor politische Entscheidungen getroffen werden.

Die Sendung zum Nachhören: Verden ifølge Gram: Eritrea – Afrikas Nordkorea