Hintergründe eines Skandals

In der Lokalpresse wird der Wirt des „Lochbauer“ abgestraft. Auch Berichte können zerstören.

Die „Linke“ will es aktiv, andere verhalten sich zurückhaltender.

© Freie Presse Photo: Ellen Liebner

Freie: Presse: Lochbauer – Wirt wegen Äußerungen in der Kritik

Leser dieses Blogs kennen den „Lochbauer“ bereits. Wir kehren dort gern nach kleineren Wanderungen im Elstertal oder nach dem Baden in der idyllischen Talsperre Pöhl ein und seit ich weiß, daß der Mann Ungarisch spricht und so ziemlich das einzige lebende mir bekannte Exemplar ist, der es offensichtlich gelernt hat und damit die theoretische Lernbarkeit dieser Sprache unter Beweis stellt, gehe ich besonders gern an diesen 400 Jahre alten „Kraftort“ unter der riesigen Kastanie.

Besagte Geschichte ist nun ein weiterer Grund, dort zu verweilen. Und der Zufall beschert uns ein besonderes Geschenk. Vor der Einfahrt viele Fahrzeuge – eigentlich ein schlechtes Zeichen –, darunter ein blauer VAN der AfD. Tatsächlich, unter der Kastanie ist kein Platz mehr frei, die AfD-Ortsgruppe hält ihren Stammtisch. Als wir unters Zelt treten, wenden sich die Köpfe, man schaut etwas skeptisch – vielleicht verwechselt man uns für einen Moment mit linken Störern?

Als Marcel Poser an unserem Tisch vorbei läuft, spreche ich ihn an und frage, ob er ein paar Minuten Zeit habe. Aber nein, der Moment ist schlecht gewählt. Er steht allein in der Küche und muß gerade 43 Essen zubereiten. Wir bestellen noch zwei dazu.

Wenigstens will ich die Gelegenheit nutzen, um mit den AfD-Leuten zu reden. Ich spreche den erstbesten an, ein älterer Mann von 71 Jahren, wie er mir gleich erzählt. Man habe eine Landtagsabgeordnete zu Gast, die über Bildungspolitik gesprochen habe. Auch von der JA seien welche dabei, es gehe zudem um Öffentlichkeitsarbeit im Internet. „Das ist ja heute“, sagt er, nachdem ich ihn auf die Lochbauer-Affäre angesprochen habe,  „wie im Nationalsozialismus oder der DDR. Die Presse gleichgeschaltet, man kann nichts mehr sagen.“ Ich bremse etwas und lehne den NS-Vergleich ab. Zwar gebe es Restriktionen, aber vom NS seien wir doch weit entfernt. Da wird er ein bißchen stutzig und schaut mich fragend an.

Ich stelle mich also vor, erwähne den Blog, die „Sezession„, „eigentümlich frei“, Kubitschek … Alle Namen fallen auf unfruchtbaren Grund. Noch nie gehört.

Er will mich der Landtagsabgeordneten vorstellen, aber wozu? Immerhin jemandem aus Chemnitz will er mir vorstellen und ehe ich mich versehe, drücke ich fremde Hände. Auch hier halte ich eine kleine Legitimation für notwendig, aber erneut stoßen die Namen der Zeitschriften auf taube Ohren. Ich erwähne noch Höckes Buch und ernte die Worte: „Mit dem Flügel habe ich mich noch nie beschäftigt, aber auch nicht mit der bürgerlichen Mitte“.

Dann berichtet er mir lächelnd von den 36 physischen Angriffen auf das Chemnitzer Büro – eingeworfene Scheiben, Graffiti, das ganze Programm, die kleineren Vorfälle gar nicht mitgezählt.

Der junge Mann – geschätzte 40, ein Bürotyp mit gepflegtem Bäuchlein – scheint Feuer und Flamme zu sein. Sofort schwärmt er mir vom Verband Mittelsachsen vor, die „eine hervorragende Youtube-Arbeit leisten“ und so etwas habe man nun in Chemnitz begonnen und wolle es in Plauen ebenfalls organisieren. Ob ich nicht …? Sein Interesse erlahmt sichtlich, als er erfährt, daß ich kein Mitglied der Partei sei und ohnehin in Ungarn lebe. Immerhin hat er dort studiert, das gibt uns die Möglichkeit, die etwas peinliche Situation zu überspielen.

Schließlich findet der Lochbauer-Wirt doch noch Zeit für ein Feierabendbier und ein kurzes Gespräch. Jetzt erinnert er sich an mich, als Tisch, nicht als Ich: „Sie saßen am Tisch 51“ – das ist so sechs Wochen her.

Was in der Presse stand, sei eben nur ein Bruchteil der Wahrheit. Schon letztes Jahr habe man über ihn geschrieben – erzählte mir der AfD-Mann –, weil er Sympathien für die AfD offen auslegte. Diesmal ging es um einen Eintrag bei Facebook. Dort hatte er sich über seine Krankenkasse ausgelassen und deren Versagen gegenüber langjährigen Mitgliedern wie ihm,  mit dem Einsatz für leistungslose Neuklienten kontrastiert. Die Kasse hatte ihn über eine Geldbagatelle verklagt, ohne zuvor Kontakt zu ihm gesucht zu haben. In den Wintermonaten lebe er in Ungarn, die Gaststätte sei geschlossen – das wisse die Kasse und trotzdem stapelten sich im Frühjahr die Mahnungen in seinem Briefkasten und die Vorladung vors Gericht. Ein einfaches Telefonat, eine Mail hätten genügt, um die Kleinigkeit aus dem Weg zu schaffen. Stattdessen sieht er sich vor Gericht und muß ein Vielfaches an Strafe und Gerichtskosten bezahlen, vom Ärger, vom Zeitaufwand abgesehen. Als der Kassen-Vertreter wieder bei ihm auftaucht, kommt es zum Streit. Man wirft ihm an den Kopf, daß das hier doch alles „AfD-verseucht“ sei. Er schmeißt ihn raus.

Der Mann hatte Groll, Wut und machte sich auf Facebook Luft, mit den spiegelbildlichen Worten. Wie aber kommt so etwas in die Presse? Warum interessiert man sich dafür? Und weshalb nutzen linke Stadtabgeordnete dies, um einen Gesinnungsskandal auszulösen?

Man wolle ihn aus der touristischen Werbung herausnehmen. Nicht etwa, weil sein Gutshof schlechte Arbeit liefere – im Gegenteil, der Mann ist hoch motiviert, der Hof eine Augenweide –, sondern weil er eine politische Meinung vertritt, die den Welttoleranzfetischisten nicht tolerierbar erscheint.

Ob die Affäre geschadet habe? Im Gegenteil. Es kämen eher mehr Leute. Egal, ob gute oder schlechte Werbung, zitiert er Oscar Wilde, Hauptsache Werbung.

Das eigentlich Pikante aber: Poser ist ein cleverer und fleißiger Geschäftsmann. In weiser Voraussicht hat er sich den Namen des Lokals und seiner eigenen historischen Biermarke urheberrechtlich schützen lassen – diese Traditionen sind nicht mehr antastbar[1].

© Freie Presse Photo: Ellen Liebner

Leute wie er sind die gesellschaftlichen Stützen. In 20 Jahren mühevoller Arbeit hat er diesen Hof auf Vordermann gebracht, lukrativ gemacht. Auf Menschen wie ihm ruht alles, auch der Unterhalt der Neuankömmlinge. Ohne ihn wäre die attraktionsarme und doch tourismusversessene Stadt Plauen einer Attraktion beraubt – der nur drei Kilometer entfernte Gasthof „Barthmühle“ etwa steht seit Jahren schon leer.

Man sägt am eigenen Ast, wenn man solche fleißigen, heimatverbundenen, bodenständigen Menschen und ihre Lebensleistungen platt macht!

[1] Für das Bier als Marke bot man ihm viel Geld – nicht, um es fortzuführen, sondern um es dann einzustampfen, um einen kleinen Konkurrenten loszuwerden!
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