Drei Mal Knast

Nun wissen wir also, weshalb Mohammed plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Ohne Ausweis wurde er von der griechischen Polizei aufgegriffen und verbrachte 10 Tage im Knast. Jetzt hat er zumindest wieder vorübergehende Papiere und wird erneut versuchen, die Grenze zur Türkei zu überwinden.

Wie immer versuche ich die Geschehnisse gleich in den Sprachdrill einzubauen. „Hussain, warst du auch schon mal im Gefängnis?“ Überraschenderweise bekomme ich zur Antwort: „Ja, ich war schon mal im Gefängnis, zwei Mal.“ Khaled, am anderen Tischende, und noch längst nicht so fließend, sagt: „Ich auch schon in Gefängnis gewesen haben.“

Nun will ich es wissen, wende mich, wie meist, zuerst Hussain zu, damit Khaled die deutschen Sätze noch einmal hören kann. „Hussain, wo warst du im Gefängnis?“ – „Ich war zwei Tage in Ungarn und zwei Tage in Tschechien im Gefängnis“. Das Deutsch ist perfekt, die Geschichte weniger prickelnd. Sie saßen jeweils zwei Tage in Gemeinschaftsräumen und warteten die Papierkontrollen ab.

Als Khaled zu erzählen beginnt, vergesse ich alles Sprachliche, berichtige ihn nicht mehr.

Er wurde von der Polizei verhaftet, ohne Grund, rein zufällig. Ständig wurden Straßenkontrollen gemacht und wer den Militärs nicht gefiel, wurde mitgenommen, einfach so. „Drei Tage geschlagen“, sagt er, erst mit der Hand und dann auch mit einem Eisenrohr. Und dann auch so: er nimmt die Hände in die Luft und hebt den rechten Fuß. Aussprechen kann er es noch nicht, aber wir verstehen: sechs Stunden wurde er gefesselt aufgehängt, ohne daß die Füße Bodenkontakt hatten. Dabei schlugen sie ihn gezielt auf eine frische Narbe. Wenige Wochen zuvor hatte er dort eine Unterleibsoperation (Varicozele), eine Krampfader wurde gezogen. Noch war die Narbe frisch; die Schergen schlugen immer wieder bewußt darauf. Fast ist es ein Glück, denn vielen, sagt Khaled, wurde stattdessen in die Hoden geschlagen, sogar Kastrationen und Genitalverstümmelungen soll es gegeben haben. Hussain spricht von vergewaltigten Frauen, denen man danach Mäuse in die Vagina einführte – Syrian Psycho? Warum? Wozu?

„Du bist gegen Assad“, schreien sie immer wieder und natürlich war er das, beteuert jedoch das Gegenteil. „Wir knallen dich ab.“ Dann gibt es Einzelhaft, die Hände und Füße werden aneinanderfesselt, so daß aufrechtes Sitzen unmöglich ist. Wieder gibt es Schläge. Gruppenzelle. Ständig geht die Tür auf und einer der Gefangenen wird herausgeholt, um Schläge zu empfangen. Alles erscheint willkürlich, ohne Ziel und Plan. So auch die Entlassung, von einem Moment auf den anderen. Khaled verläßt danach das Land und geht in den Libanon, die Wunde entzündet sich und macht ihm noch lange Ärger.

Während er all das erzählt, lacht und strahlt er, als wäre es der größte Spaß gewesen. Ich frage ihn danach, erwäge das Wort „Trauma“. Denkt er noch oft daran? Jeden Tag, aber was soll man machen? Das Leben geht weiter – „Ich muß es vergessen.“

siehe auch: Narben

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