Daraa-Dresden und zurück

Die Welt ist ein Dorf und Deutschland ist die Welt – mit besonderem Kontakt zu Syrien.

Als ich Dresden für einen Ausflug vorschlage, ist Khaled sofort dabei. Er hatte sowieso dort zu tun, er müsse seine Klamotten aus Syrien abholen. Wie? Was? Die Geschichte ist so:

Er hat einen guten Freund in Istanbul, ein Syrer, der dort ein Lampengeschäft betreibt und offenbar recht erfolg- und reich. Von ihm erfährt Khaled in Sachsen – alles über Mobiltelephon natürlich –, daß eine Familie aus Daraa nach Deutschland fliehen will. Könnte die nicht gleich seine Klamotten mitbringen, die noch irgendwo im Süden Syriens lagern? Ein Anruf  aus Istanbul genügt, die Sache ist gebongt.

Wochen später kommt die Familie, nebst Khaleds Kleidungsstücken, in München an. Kontakte in die sächsische Provinz gibt es keine, aber man kennt jemanden in Dresden. Beim nächsten Besuch nimmt dieser Dresdner Syrer Khaleds Kleidung aus Daraa mit zu sich nach Hause. Khaled kennt ihn nicht, das spielt keine Rolle, Syrer zu sein, verbindet genügend. Noch einmal organisiert die Istanbuler Zentrale alles. Der letzte Schritt ist einfach: Khaled muß nach Dresden, verabredet sich dort mit dem Mann, man trifft sich am Bahnhof und voilà, mein syrischer Freund steht plötzlich mit Rucksack da. Alles zum Nulltarif.

Abends schlendern wir noch die Prager Straße entlang. Zum ersten Mal esse ich Shawarma. Khaled bestellt auf Arabisch. Wir bummeln weiter. Ein junges sehr hübsches Mädchen im blauen Kopftuch kommt uns entgegen. Khaled strahlt plötzlich über beide Wangen, wird ein bißchen rot und schreitet freudig auf sie zu. Sie plauschen ein paar Minuten, verabschieden sich artig.

Woher kennst du die? Aus Daraa!

Heimatliebe

Wie das Leben so spielt: unerwartet und unerwünscht sitzt man früh morgens im Warteraum eines Krankenhauses und harrt viele Stunden. Aber nichts ist so schlecht, daß es nicht für etwas gut wäre, weiß der schlaue Volksmund. Ich werde gezwungen, einen Teil einer Realität kennen zu lernen, der mir bislang vollständig verborgen geblieben ist: das ARD-Morgenfernsehen. Statt ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften, wie in den guten alten Zeiten, werden wir alle – Notfallpatienten – gnadenlos bestrahlt. Neben mir sitzt ein braunhäutiger Mensch, der später als Herr Hassan aufgerufen wird, und starrt versunken in diese fremde Welt auf dem alles überragenden Flachbildschirm. Was er sich dabei gedacht haben mag, wäre eine Frage wert gewesen.

Zwei Schönlinge beiderlei Geschlechts sitzen auf einer Couch und schwelgen in ihrer scheinbar einzigen Exzellenz, dem Small Talk. Da kann unsereiner noch was lernen. Kleine nichtssagende Filmchen werden eingespielt und mit leeren, quälend leeren Worten von den beiden Clowns kommentiert. Wenig später gesteht der „Moderator“ ein, nicht zu wissen, daß ein amerikanischer Präsident nur zwei Wahlperioden zur Verfügung hat. Diese politische Halb- oder gar Unbildung hindert ihn nicht daran, einen AfD-Politiker – es ist der Tag nach dem Parteitag – zu „grillen“, will sagen, ihn mit einem Dutzend Klischees zu konfrontieren, die den AfD-Mann zehn Mal dazu zwingen, seinen Satz mit „Das haben wir nicht gesagt“ oder so ähnlich zu beginnen.

Endlich ist auch diese Tortur überstanden, es folgen zwei deutsche Seifenopern mit den bezeichnenden Titeln „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“ – Folge eintausendsiebenhundertnochwas und Folge 2284 respektive. Wenn das kein Witz ist, dann laufen diese Sachen also seit einem geschätzten Jahrzehnt! In ihnen wird ein hochinteressantes Gesellschaftsbild entworfen.

Neben dem Liebes-Hin-und-Her, dem Beziehungslabyrinth, das fast nur Extreme kennt – unsterblich verliebt und gefährlicher Haß, Freund- oder Feindschaft – überrascht ein erzkonservatives Weltbild, das kein AfD-Fritze sich besser hätte ausdenken können. Ausschließlich weißhäutige, oft blonde urdeutsche Übermenschen – hier streikt der innere Nietzsche; also besser: „letzte Menschen“, aber davon Prachtexemplare –, alle eloquent, alle erfolgreich, alle wie aus dem Ei gepellt, bewegen sich in einer urbanen und landschaftlichen Idylle, die direkt dem Märchenbuch entsprungen zu sein scheint. Weite Himmel, Berge, Wälder, Wiesen, mächtige Eichen und Linden, Landwege, darauf Pferdekutschen fahren. Die Städte und Dörfer bestehen aus engen Gäßchen, langen Alleen oder gut geharkten Eingängen, Fachwerkhäusern, wunderschönen kleine Kirchen, Gründerzeiträume mit Stuckdecken. Immer wieder werden aparte Details eingeblendet: dicke Holztüren mit Metallbeschlägen, farbige Fensterläden, schön gestaltete Fassaden. In alten Bauernhäusern sitzen alte Menschen in Lodenjacke und Trachtenkleid und geben jungen, von der Hektik der Moderne überforderten Menschen – eine junge Frau etwa, die nach einem „one-night-stand“ ungewollt schwanger wurde; eine andere, die als Postbotin nicht lesen kann – weise und nachsichtige Ratschläge in Dialekt.

Das Ganze trieft vor unerträglich übertriebener, aber durchaus ernst gemeinter Heimatliebe, Heimatidylle, schreit eine Sehnsucht nach Identität, nach familiärer und ethnischer Geborgenheit, nach Fortführung der Tradition, Bewahrung des Eigenen aus, daß einem schwindelig werden kann. Nur ein einziges Mal scheint das „wirkliche Leben“ hinein, als man erfährt, daß die junge Schwangere zuvor in einer lesbischen Beziehung lebte. Nun aber ist sie wieder ausgerichtet, hat den Mann ihrer Träume, einen richtigen Mann gefunden … der leider nicht Vater des Kindes ist.

Schaut das jemand? Vereinsamte Omas? Arbeitsloses Prekariat mit tätowiertem Körper und rosa Plüschhäschen auf dem Schoß und Bierflasche früh um Acht? Spricht sich darin nicht tatsächlich eine tiefe Sehnsucht zumindest eines Teils der Deutschen aus?

Die folgenden Nachrichten erden einen dann wieder: „Scharfe Kritik aller Parteien am Grundsatzprogramm der AfD“, „Wirre Rechtsaußen-Partei“ … Blablabla

… das Land, wo die Zitronen blühn

„Palermo ist keine italienische Stadt mehr. Sie ist nicht mehr europäisch. Man kann in ihr gehen und sich fühlen wie in Istanbul oder Beirut.“

„Palermo ist eine Stadt des Nahen Ostens auf europäischem Boden. Es ist eine bunte Stadt wie ein Mosaik und wir sind froh darüber.“

„Früher, als die Mafia noch stärker war, verhinderte sie, daß die Immigranten in die Stadt kamen. Als ich 30 Jahre alt war, habe ich keinen einzigen Afrikaner oder Asiaten in Palermo gesehen. Jetzt jedoch sind wir eine Migrantenstadt.“

Leoluca Orlando – Bürgermeister Palermos, Christdemokrat

Die Brennesselprobe

Brennessel ist ein „Superfood“ – ich schwöre darauf. Von April bis Oktober gehört sie in großer Menge auf unseren Tisch. Im Garten wird bei uns das Kraut, das die Nachbarn mit großem Ernst und allen technisch-chemischen Mitteln bekämpfen – wie übrigens auch den wunderbaren Löwenzahn, die Knoblauchrauke, das würzige Schaumkraut, den Spitzwegerich – kultiviert und gepflegt. Wenn es um Inhaltsstoffe geht, ist die Brennessel aber kaum zu schlagen: Man kann sich wochenlang nur von ihr ernähren und trotzdem perfekt gesund leben. Und sie schmeckt!

Ich sach immer: In Deutschland muß keener Hunger leiden – zumindest nich im Sommer.

Wie man sie zubereitet? Gar nicht! Am besten roh! Brennt doch? Tja, was will man machen? Alles hat seinen Preis.

Der Trick ist folgender: Nie von oben zugreifen, die Pflanze von unten nehmen und Stiel und Blätter in der Hand zerreiben. Und sollte es doch ein bißchen piecksen – na ja, das geht vorbei. Alternativ kann man die Nesseln in ein Tuch wickeln und quetschen und wer ganz und gar sich nicht traut, der übergießt sie kurz mit heißem Wasser.

Die Brennessel taugt aber auch zur Menschenkunde. Wenn ich mit meinen ausländischen Schülern draußen bin, versuche ich ihnen auch unsere Natur näher zu bringen. Und die Brennessel ist der Star! Es gibt übrigens zwei Arten, die große und die kleine (Urtica dioica und Urtica urens); die große ist gesünder, die kleine brennt dafür deutlich mehr. Für den didaktischen Teil ist sie daher besonders gut geeignet.

Man nehme einen Flüchtling (oder einen sonstigen Schüler), führe ihn an eine Brennessel heran, erläutere die zahlreichen Vorteile dieser Pflanze, verschweige auch die „Gefahren“ nicht, pflücke ein schönes Exemplar und halte sie dem Neuankömmling hin. Es gibt nun zwei typische Verhaltensweisen: A) Zurückschrecken und Kichern B) vorsichtige Annäherung und Neugier. In beiden Fällen vollführe man einen kurzen Schwenk mit der Nessel über die Hand oder den Arm. Erneut lassen sich meist zwei Verhaltensweisen beobachten A) Schmerzäußerungen B) Lachen. Fast immer ergibt sich die Kombination AA oder BB.

Noch interessanter wird es, wenn man bemerkt, daß just die AA-Schüler jene sind, die sich eher durch wenig Lerninteresse und Lernerfolge auszeichnen, wohingegen die BB-Kandidaten die Überflieger sind: junge, dynamische, neugierige Schnellerner. Ich habe davon bisher zwei (von ca. 30) kennenlernen dürfen, die Eritreerin Fiori und den Syrer Hussain. Sie sprechen beide schon richtig gut Deutsch, sind ständig aufmerksam und wach und saugen alles förmlich auf. Fiori etwa nahm die Brennessel gleich mit nach Hause, um Tee zu bereiten – sehr gut bei Nierenbeschwerden, die Wurzel übrigens ein Wundermittel bei Prostatabeschwerden – und Hussain, der aufgrund seiner Schulden sowieso sparen muß, wird sie bald als reguläres Gemüse nutzen.

Diese beiden gehen ihren Weg – so Gott will.

Schwarzer sieht schwarz

Auweia, Alice Schwarzer, die Ikone der Emanzipation, hat ein Islamproblem. Und sogar mit viel Tamtam ein Buch darüber veröffentlicht. Das sieht man gar nicht gern im Feuilleton. Apostasie wird auch im Milieu der Gerechten nicht goutiert. Da muß die große Keule raus: für DITIB schreibt sie „belletristischen Genre Horror-Fiction„, die dauerbedeckte Hübsch-Ahmadiyya sieht das Wasser auf den Mühlen der AfD, die TAZ den Kulturkampf zwischen Rassismus und Sexismus, andere, durch die Kölner Ereignisse zur taktischen Milde gestimmt, sehen nur „äußerst streitbare Thesen“ usw.

nicht nur in Köln © KiWi

nicht nur in Köln © KiWi

Wer mag Alice Schwarzer eigentlich? Niemand, soweit ich weiß, außer zwei – und die leben mit mir unter einem Dach. Trotzdem: Objektivität!

Der Schock – die Silvesternacht von Köln“ ist wirklich ein Schock, zumindest wenn man nur Schwarzers Beitrag liest. Zuerst schocken die Beschreibungen einiger weniger Szenen und die bildliche Vorstellung, was hunderte Frauen an diesem Abend durchgemacht haben müssen und übrigens nicht nur durch die grapschenden Männer, sondern auch durch die Polizei und die spätere mediale Verarbeitung: eine mehrfache Demütigung. Aber dann schockt auch gleich die hanebüchene Argumentation der Schwarzer, obwohl sie zu begreifen scheint, daß das Phänomen vielfältig beschreibbar ist und sich archaische mit hypermodernen Erscheinungen mischen. Sie traut sich zu, die Frage zu beantworten, wer die Männer sind, und beginnt auf anderthalb Seiten eine Tour de Force, die von „Arabern“ über „Muslime“, „Arbeits- und Perspektivlose“ zu Kolonialismus, Scharia und Gotteskriegern, „Dschihadismus“ und Islamisten in einem Atemzug nichts ausläßt. Das ist weder seriös noch durchdacht und zumeist schlicht Unsinn, an Differenzierungsverlangen scheint die Femme fanal nicht zu leiden. Ein Blick in Gustave le Bon, Canetti, Freud und Reich, Broch und Mann oder Ortega y Gasset, um nur die Klassiker der Massenpsychologie zu erwähnen, hätte manch übereilte Unterstellung, die außerdem mit keinerlei Material belegt wird, verhindern können. Leider fällt mir zum Thema keine namhafte Autorin ein, was Frau Schwarzer sicher den Zugang erleichtert hätte.

Zum Glück hat Alice Schwarzer auch ein paar ältere Arbeiten ausgegraben und vor allem andere Autoren ins Boot geholt. Liest man die alten Schwarzer-Texte zum Islam, zur Verschleierung, zum Machismo etc., dann kann einem schon schwummrig werden. 25 Jahre wurden mindestens vertändelt – hätte man damals auf die noch luzide Feministin gehört und sie nicht schon damals als „RassistIn“ verschrien, Kölner Frauen hätten vielleicht nicht geschockt werden müssen. Dankbar ist man auch für erhellende Sätze wie: „Die meisten Konvertiten kommen, laut dem Mitbegründer des Zentralrates der Muslime und Konvertit Murad Wilfried Hofmann, aus den Kreisen der Grünen“.

Kamel Daoud verleiht der Debatte einen philosophischen Anstrich: „Man erkennt im Flüchtling nur seinen Status, nicht aber seine Kultur; er ist das Opfer, das eine Projektion oder ein Gefühl von menschlicher Pflicht oder ein Schuldgefühl beim westlichen Menschen hervorruft. Man sieht nur den Überlebenden und vergißt, daß der Flüchtling aus einer Kultur-Falle kommt, die vor allem von seinem Verhältnis zu Gott und zur Frau bestimmt wird.“

Necla Kelek geht den theologischen Fragen nach und erforscht, in aller Eile – die sämtliche Artikel kennzeichnet – die koranischen Wurzeln des Frauenverständnisses, um sozialpsychologisch zu enden: „Es wird nicht reichen, diesen verlorenen Söhnen die Sprache zu lehren oder wie Formulare ausgefüllt werden. Sie müssen die eigene Freiheit lernen, um die der anderen zu respektieren.“

Besorgniserregendes bringt Rita Breuer zu Tage, die sich mit der Rolle der Islamverbände beschäftigt. Dort werde laviert und getäuscht und abgewiegelt und, wenn alles nichts hilft, die Rassismus-Karte gezogen und vor allem ein Ziel verfolgt: „die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland zu erlangen, die Geschwister im Glauben mit Dogmatismus zu gängeln und von der Politik wahrgenommen zu werden, um immer mehr Interessen und Normen der Muslime in Deutschland durchzusetzen.“

Bassam Tibi sieht in Köln den Versuch des muslimischen Mannes den europäischen Mann zu demütigen, indem, wie in islamischen Ländern verbreitet, die Frauen der anderen (Männer) geschändet werden. Der Text ist als Vorabdruck hier zu lesen.

Und damit das Ganze nicht in falsche Hände gerät, darf auch ein Quoten-Linker (Florian Klenk) das Wort zum Schluß ergreifen, der die üblichen Floskeln und Beschwichtigungen vorträgt.

Fazit des Buches: Kann man, muß man nicht lesen, erst recht nicht, wenn man diesen Satz gelesen hat.

Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.

Kriminalität und Migration

Seit Erfindung des Autos ist die Zahl der Autounfälle rasant gestiegen.

Seit Einführung der Pille werden Frauen seltener schwanger.

Seit flächendeckender Verbreitung von Coca Cola, McDonalds und Co. steigt der Anteil der Übergewichtigen in der Bevölkerung.

Irgend jemand überrascht? Dann noch einer:

Seit Öffnung der Grenzen ist die „Zahl rechter Straftaten so hoch wie noch nie“. Die der linken übrigens auch.

Innenminister Thomas de Maizière schockt die Nation mit einer neuen Kriminalstatistik. Das Ding ist 135 Seiten lang und steckt voller Informationen, aber alle Gazetten sind sich einig, daß es eine Kernaussage enthält: diese eben.

Autounfälle sind tragisch und zu bedauern; „ausländerrechtliche Straftaten“ sind abscheulich und zu verurteilen, mehr noch „Straftaten ohne ausländerrechtliche Verstöße“. Aber sie sind so folgerichtig und konsequent wie der Regen aus der schwarzen Wolke. Wann sonst sollte es denn Straftaten gegen Ausländer oder umgekehrt gegen Deutsche geben? Im Jahre 1960 dürfte die Zahl gegen Null tendiert haben, im Jahre 2016 erreicht sie einen neuen unrühmlichen Höhepunkt. Man muß kein Prophet sein, um …

Viel interessanter, weil nicht banal, sind die 6%  Zunahme an „Diebstahl insgesamt in/aus Kiosken, Warenhäusern, Verkaufsräumen, Selbstbedienungsläden, Schaufenstern, Schaukästen und Vitrinen“ oder die fast 7% „Einfacher Ladendiebstahl“ oder die 10% mehr Wohnungseinbrüche just im letzten Jahr! Folgerichtig auch, allerdings unerwähnt, sind der wachsende Anteil von 28,7% (2014) zu 38,5% (2015) an „nichtdeutschen Tatverdächtigen“, darunter 8,4% Zuwanderer vorletzten Jahres, aber 26% letzten Jahres …

ohne ausländerrechtliche Verstöße ((z.B. unerlaubte Einreise und unerlaubter Aufenthalt) © BMI

ohne ausländerrechtliche Verstöße (z.B. unerlaubte Einreise und unerlaubter Aufenthalt) © BMI

Dabei wäre es zu leicht, auf den eingefahrenen Zug zu springen, der all das „den Ausländern“ anhängt. Zumindest direkt wäre das fatal, auch wenn die Einbrecherbanden direkt mit Georgien, Rumänien und Ost- und Südosteuropa in Verbindung stehen. Aber indirekt, im Großen und Ganzen, hat es eben „doch damit zu tun“.

Die Multikultiapologeten erfreuen sich am Karneval der Kulturen: die halbnackten in Pfauenfedern gekleideten Brasilianerinnen sind schön anzusehen, dahinter die Bongo-Truppe und dann die hüpfenden Massai, gefolgt von schwitzenden Eskimos … dazu einen Döner, eine Bananensuppe, ein Bobotie oder ein Thai-Bier … so stellen sie sich die bunte schöne neue Welt vor.

Die Realität wird eine andere sein:

  • daß sich der soziale Zusammenhalt lockert, wenn ethnische Diversität zunimmt, wie eine dänische Studie belegt.
  • daß dieser Prozeß sich in vielen Ländern bereits zeigt, wie eine amerikanische Studie belegt.
  • daß der Nachbarschaftszusammenhalt mit Multiethnizität zerbricht, wie eine englische Studie nachweist.
  • daß Altruismus und Vertrauen auch innerhalb der ethnischen Gruppen abnimmt, wenn die ethnische Diversität zunimmt, wie Robert Putnam deutlich macht.
  • daß die Abgrenzung entscheidend für ein friedliches Zusammenleben auch im Tagtäglichen ist, wie eine Schweizer Studie nachweist.
  • daß Heterogenität Zwischen-Gruppen-Aktivität hemmt, wie eine Oxford-Studie aufweist.
  • daß Integration und Zusammenhalt sich widersprechen, wie eine amerikanische Studie offenbart.
  • daß das Bedürfnis, sich mit gleichartigen Menschen zu umgeben, tief in unserer Psyche verankert ist, wie das Journal of Personality and Social Psychology schreibt:
  • daß Heterogenität negativ mit Glücksempfinden korreliert, wie man in Manchester herausfand.

Undsoweiterundsoweiterundsoweiter.

Und eigentlich alles ganz logisch und voraussagbar, kann sich jeder denkende Mensch an einer Hand abzählen. Zusammengefaßt kann man das z.B. lesen bei den weltbekannten Wissenschaftlern Frank SalterOn Genetic Interests: Family, Ethnicity, and Humanity in an Age of Mass Migration“, bei Robert Putnam oder bei Irenäus Eibl-Eibesfeldt.

In dieser neuen Realität des zerbröckelnden Gemeinwesens wird die Zahl der Straftaten in alle Richtungen ansteigen – da helfen keine Appelle!

Angst vorm Minarettchen

Mit diesen schnippischen Worten betitelt AfD-Versteher Lenz Jacobsen von der „Zeit“ seinen Versuch, die Ängste der Erfurter und Thüringer vor einem Zehnmeterturm  muslimischer Bauart zu ridikülisieren. Bauen will die Ahmadiyya-Gemeinde, vertreten durch Sulaiman Malik, eben jenem Missionar, mit dem ich im November in Weimar diskutierte. Die Frage „Was wollen die Ahmadiyya?“ wurde seither in mehreren Anläufen auf dieser Seite besprochen. Daß es intrinsische Gründe für Einspruch geben kann, sollte daraus deutlich geworden sein. Daß die Ahmadiyya andererseits eine der wünschenswerteren Formen des Islams vertreten – wenn es denn schon sein muß – ebenfalls.

Wir kennen die Argumente der AfD, wir sehen das Ringen und den vielfältigen Umgang von Höcke bis Meuthen, von Weidel bis Petry, und jeder kann sich dazu verhalten, wie ihm es für richtig erscheint. Ein Argument ist in der ganzen Diskussion freilich überhaupt noch nicht erörtert worden: die Frage der Sicherheit!

Wiederholen wir und schauen wir in die Geschichte. Der wesentliche Unterschied der Ahmadiyya zu sunnitischen und schiitischen Auffassungen ist die Annahme eines Mahdi. Es gibt im Islam sieben anerkannte Hauptpropheten („Rasul“; insgesamt gibt es 25): Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den Mahdi. Die ersten fünf sind biblischen Herkommens, also eine ausbaufähige Gemeinsamkeit mit der christlich geprägten Kultur, Mohammed ist der Prophet des Islam und zugleich das „Siegel der Propheten“, also der letzte – in der gegenwärtigen Zeit. Der Mahdi hingegen – es gibt hier ganz unterschiedliche Interpretationen, man muß abstrahieren – ist der Endzeitprophet, den vor allem die Schiiten sehnsüchtig erwarten, der allerdings auch von den meisten Sunniten anerkannt wird. Ähnlich dem Christentum, gibt es also ein Parusie-Problem. Wer ist der Erlöser? Wann kommt er?

Die Geschichte kennt im islamischen Kontext viele verschiedene Versuche, einen Erlöser zu installieren. Es ist aufschlußreich, sich die theologisch drei bedeutendsten anzuschauen.

Zwar sind die Jesiden im engsten Sinne keine Muslime – ihre Religion speist sich aus zoroastrischen, paganen, islamischen, nestorianischen und anderen Quellen – aber ihr Gründer, Scheich Adi, führt sich auf den omayyadischen Kalifen Marwan I. zurück. Die streng abgeschlossenen Jesiden – man kann nicht konvertieren und auch Heirat ist nur innerhalb der Gemeinde möglich – waren seit je ein Haßobjekt für Muslime. Aus zwei Gründen: die Religion kennt kein Heiliges Buch und der Koran unterscheidet streng zwischen Buchreligionen und Heiden, und sie haben mit Scheich Adi einen Mahdi-ähnlichen neuen Prophet. Daher werden gerade, schariakonform, männliche Jesiden vom IS in der Regel ermordet, weibliche als Sexsklaven mißbraucht.

Die Bahai anerkennen alle Heiligen Bücher und versuchen, vergleichbar den Ahmadiyya, eine ausgleichende, friedliche Interpretation. Früher sah man sie im Westen als „Sekte der Mohammedaner“ (Helfritz).  Ihr Gründer Mirza Ali Muhammed verstand sich ebenfalls als Empfänger göttlicher Offenbarungen und als Mahdi. Diese Gotteslästerung löste empörte und gewaltsame Ausbrüche der schiitischen Bevölkerung aus – der Bab wurde 1850 hingerichtet. Seither sind die Bahai in weiten Teilen der östlichen Welt – Iran, Indien, Pakistan – Verfolgung und Bedrohung ausgesetzt, viele wurden ermordet.

Das dritte historische Beispiel sind die Ahmadiyya selbst. Auch hier hat die Proklamierung eines Mahdi zu Gewalt, Unterdrückung und Totschlag geführt, vor allem in Pakistan, wo 97% der Bevölkerung Muslime sind.

Man sollte zur Kenntnis nehmen: der Mahdi-Gedanke löst bei den meisten Muslimen sofort Skepsis und starke Aversionen aus. Einige von ihnen werden bereit sein, Vertreter dieses Konzeptes auch zu bekämpfen. Noch sind die Ahmadiyya mit ca. 15 Mio Gläubigen in der Welt und 40 000 Bekennenden in Deutschland eine verschwindende Minderheit (unter 1%). Aber sie sind bei exponentiellem Wachstum nicht nur die am schnellsten wachsende Gemeinde, sondern sie praktizieren auch eine sehr intensive Missionsarbeit weltweit und sie erheben den Anspruch, den einzig wahren Islam zu lehren, der sie in historisch absehbarer Zeit zur einzigen und letzten Religion auf dem gesamten Erdball werden läßt (kolportiert werden 300 Jahre, von denen die ersten 120 vorbei sind). Ihr globaler Versuch der Missionierung ist augenfällig, die Osterweiterung in Deutschland folgt einem konzisen Plan, die gebetsmühlenartigen Formulierungen ihrer Vertreter weißen auf eine zentralistische Organisation hin, die Anweisungen von oben nach unten durchsetzt.

Die Hypothese: Sobald sie eine kritische Masse erreicht haben werden, sobald der Mainstream-Islam auf sie aufmerksam geworden ist, sobald er sich bedroht fühlt und sie ernst nimmt, werden sich radikale Kräfte finden, Personen und Einrichtungen physisch zu bekämpfen. Wer, bei aller Friedfertigkeit der Ahmadiyya, eine Verbreitung der Religion unterstützt, könnte innerislamische Machtkämpfe provozieren helfen – von den antiislamischen Impulsen in Teilen der deutschen Bevölkerung ganz zu schweigen.

Auch wenn die Einwohner von Erfurt-Marbach diese mögliche Gefahr noch gar nicht zu sehen scheinen, so zeigen sie doch einen gesunden Skeptizismus und Egoismus, den man nicht lächerlich machen, den man stattdessen ernst nehmen sollte.

Syrische Nazis

Schreck in der Abendstunde!

Wir besprechen – in ganz groben Zügen – das politische System der Bundesrepublik: Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundestag, Bundesrat, Verfassungsgericht usw.

Zum Schluß gibt es die Nationalhymne. Wir lesen sie, besprechen kurz den Inhalt, dann singe ich vor:

„Einigkeit und Recht und Freiheit …“ – ihr kennt den Text.

Plötzlich schnellt Khaled hoch, steht stramm, linke Hand an der Hosennaht und reckt den rechten Arm nach vorne … und strahlt über das ganze Gesicht – wir Deutschen nennen das den Hitlergruß. Nun springe ich auf – die Reflexe sitzen tief – und reiße ihm den Arm herunter. Wir befinden uns im ersten Stock, das Zimmer hell erleuchtet und keine Gardinen aufgezogen. Gegenüber kann uns jeder sehen. Es ist zum Schießen komisch. Mit breitem Grinsen schaut er mich fragend an.

„Das darfst du nicht machen! Wenn dich jemand sieht.“ Schnell die Vorhänge zu. „Das ist verboten in Deutschland! Hitler!“ Aber er lacht noch immer.

„Warum machst du das?“
„In Syrien machen das alle!“
„Warum?“
„Weiß nicht.“

Ob es da eine unterschwellige Beziehung gibt?:

Die Faszination des „starken Mannes“, des „eisernen Willens“?
Die alte Achse Hitler – Arabien?
Der historisch gemeinsame „Feind“? …

Spieglein, Spieglein

© Spiegel - Glückliche Ausländer

© Spiegel – Glückliche Ausländer, triste Deutsche

Vermutlich ungewollt hat der Spiegel in ein Wespennest gestochen. Eigentlich sollte der Artikel „Flüchtlingsfragen: Warum seid ihr Deutschen nicht fröhlicher?“ wohl eine Brücke bauen zwischen Asylsuchenden sowie einigen Flüchtlingen und „den Deutschen“, tatsächlich ist ein interessanter Vorwurfskatalog entstanden. Die Deutschen sind für den Geschmack der Angekommenen nicht fröhlich genug, die Straßen abends zu leer, die Geschäfte nicht lang genug geöffnet, die Bürokratie zu überbordend, man darf die Musik nicht so laut machen wie in Nigeria oder gar nachts auf den Straßen tanzen, mäkelt über Kopftuchgefrage, findet nicht gleich eine Arbeit, muß dauernd alles prüfen lassen, das fehlende Familienleben oder schwacher Nachbarschaftszusammenhalt, also die soziale Kälte, mißfällt, ebenso wie die mangelnde Unterstützung alter Menschen und die Steuern sind auch zu hoch. Da war es in Syrien oder Afrika doch besser.

Nur zwei befragte Männer scheinen dem neuen Zuhause auch etwas Positives abzuringen: Es gibt Versicherungen und für einen Albaner ist das Grüßen auf der Straße ein kleines Wunder.

Damit will ich die fremden Menschen nicht kritisieren, sondern die eigenen, jene zumindest, die geglaubt haben, eine Gabe würde automatisch einen Dank erzeugen. Wer die Erfahrung des Auslandslebens hat, weiß vielleicht, wie stark einem die Differenzen zum Gewohnten beschäftigen. Was jedoch bei vielen der jetzigen Neuankömmlinge überrascht – und das bestätigen auch meine persönlichen Erfahrungen –, ist die Staunlosigkeit, die geringe Neugier am anderen und ist auch eine gewisse Selbstverständlichkeit, mit der man sich umsorgen läßt, ohne daß man dies als Hilfe überhaupt wahrnimmt.

Manchmal scheint es, als verstünden sich viele dieser Menschen als Geschenk, als hielten sie sich selbst für eine Bereicherung, für die die Deutschen dankbar sein sollten.

So ging der pädagogische Versuch des Spiegels einmal mehr nach hinten los. Statt uns den häßlichen oder humorlosen Deutschen in altbewährter linker Selbstverachtung zu präsentieren, werden uns die inneren Schwierigkeiten des Zauberstückes „Integration“ präsentiert.

Das rote Mehr

Jeder kennt das: Da redet man auf einen anderen ein, weiß die Lösung seines Problems und erntet nichts als Ignoranz. Irgendwann später – das Gespräch ist längst verjährt – kommt der- oder meist diejenige und präsentiert dir ein Wundermittel, das nun alle bekannten Sorgen beseitigt habe. Es ist exakt jenes einst von dir empfohlene Mittel! Und fragt man nach, bekommt man die Antwort – meist im schwärmerischen Ton – das hat mir X oder Y empfohlen, das habe ich da oder dort gelesen, das hat mir mein Heilpraktiker gegeben usw.

Wir lernen daraus: die Botschaft allein genügt nicht. Es kommt auch auf den Botschafter und auf die richtige Zeit an. Je näher sich Menschen stehen, umso weniger hören sie oft aufeinander.

Ein bißchen beschreibt das auch das Sarrazin-Dilemma. Sarrazin sagt der deutschen Gesellschaft seit sechs Jahren eine unangenehme Wahrheit nach der anderen und keiner will sie offiziell hören, denn Sarrazin argumentiere „biologisch“, sei fremdenfeindlich und arbeitet ohnehin zu viel mit Zahlen und zu wenig mit Gefühlen. Vor allem aber ist Sarrazin trotz seiner sozialdemokratischen Parteizugehörigkeit nicht rot.

Aber rot sind die Medien und genau darauf hatte er in seinem Buch „Der neue Tugendterror“ ausgiebig hingewiesen, mit zahlreichen Fakten belegt, und vergleicht man die politische Position der Journalisten mit der der Durchschnittsbevölkerung, dann muß man eine dramatische Rotverschiebung feststellen. Hören wollte das niemand, weil: von Sarrazin.

In Norwegen wurde auf den „Nordischen Medientagen“ nun ein Untersuchungsbericht vorgelegt, der aufhorchen läßt. Würden norwegische Journalisten den Storting unter sich wählen können, dann gäbe es 119 Mandate für den roten und 49 Mandate für den blauen Block. 65 Stimmen gingen an die „Arbeiterpartei“ (Sozialdemokraten), 24 Stimmen an die „Sozialistische Linkspartei“, 12 Stimmen an die noch linkeren „Roten“ und 18 an die „Umweltpartei“ (Grün). Die beiden letztgenannten sind im Moment noch nicht einmal im Parlament vertreten, decken aber 30% der journalistischen Meinung ab, die SV („Sozialistische Linkspartei“) kommt im wirklichen Leben gerade mal auf 7 Mandate.

Spiegelbildlich der blaue Block. Die „Fortschrittspartei“ (in der deutschen Presse die „Rechtspopulisten“) hat von der Wählerschaft 29 Mandate erhalten, unter der Schreiberzunft null!

Traum und Wirklichkeit

Traum und Wirklichkeit, Welt der Blätter und wirkliche Welt

Ist Norwegen ein Einzelfall? Laut ”Den korte avis” keinesfalls. Auch in Dänemark (und Schweden) zeigen sich ähnliche Verhältnisse. 2012 brachte dort eine Untersuchung vergleichbare Ergebnisse. Hätten Journalisten zu bestimmen, dann wäre die „Radikale Venstre“ (Radikale Linke) auf 30% gekommen, die „Sozialdemokraten“ auf 20% , die „Einheitsliste“ auf 17% und die „Sozialistische Volkspartei“ auf 13%. Vielen gilt die „Einheitsliste“ als wirklich linksradikal und gesinnungsethisch. Sie würde deutlich mehr Stimmen bekommen als etwa die „Venstre“ (Liberale Partei, 11%), die „Liberale Allianz“ (5%) und die „Konservativen“ (2%). Alles in allem gingen 80% der journalistischen Wählerstimmen an den roten Block! Tatsächlich wurde im letzten Jahr die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt abgewählt und Lars Løkke Rasmussen (Venstre, 19%) mit Duldung der „Rechtspopulisten“ der „Dansk Folkeparti“ (21%), die 9% zulegten, zum Ministerpräsidenten gewählt. Eine Rotverschiebung um mehr als 30%, die noch gravierender wird, wenn man die nahezu vollkommene Absenz der konservativen Stimmen im Blätterwald bedenkt – lediglich „Berlingske Tidende“ kann als linksdrallig bis ausgewogen gelten; „Politiken“, „Jyllands-Posten“, „Information“ sind alle stramm links.

Kein denkender Mensch zweifelt daran, daß in Deutschland und wahrscheinlich in ganz Europa – ich kann es gefühlt zumindest aus England und Italien bestätigen – ähnliche Verhältnisse herrschen. Und das alles wäre kein Problem, wenn man es nicht merken würde. Aber leider sind ganze Hauptmedien wie „Spiegel“, „Süddeutsche“, „Zeit“ und „Focus“ spürbar in linker und linkspopulistischer (Diez, Augstein, Assheuer etc.) oder linksliberaler (Prantl) Hand und einige Blätter, wie die „Huffington Post“ oder die „TAZ“, betreiben offen linksradikale Propaganda. Auch wenn „Welt“ und „FAZ“ immer wieder versuchen, die eine oder andere kritische Stimme zu Wort kommen zu lassen, sind sie doch noch immer stark linkslastig (geworden). CSU- und AfD-Wähler dürften augenblicklich gar kein Meinungsblatt zur Verfügung haben, große Teile der CDU- und FDP-Klientel vermutlich ebenso wenig, wohingegen die wenigen Grünen und Linken allüberall ihre Meinung bestätigt finden.

Diese Diskrepanzen – man kann das alles bei Sarrazin nachlesen – sind in höchstem Grade demokratiegefährdend und zeitigen im Übrigen einen seltsamen Effekt: je mehr die Presse nach links rückt, umso mehr wird sich die Leserschaft nach rechts bewegen, sich von den Großmedien abwenden und sich entweder gänzlich abkoppeln oder Alternativen im „rechten“ Bereich suchen. Nicht umsonst sinken alle Verkaufszahlen – allein die „Junge Freiheit“ verzeichnet zweistellige Zuwächse. Letztlich ist es eine Frage der Intelligenz. Und die wird systemisch verhindert.

Die Erklärung findet man bei Jürgen Habermas, dem sich die Journalistik direkt oder indirekt verpflichtet fühlt. Als sich immer mehr die Einsicht des Scheiterns des „Projektes der Moderne“ abzeichnete und sich viele Intellektuelle vom systemtragenden Habermasianismus abwandten, veröffentlichte dieser sein Buch „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Es enthält zwei Grundargumentationen, die sich fast eins zu eins noch immer in der linken Presse wiederfinden: es denunziert und kategorisiert im abwertenden Gestus alle Gegenmeinungen und es vertritt die Argumentationsvolte: Wenn etwas nicht klappt, dann nur, weil wir noch nicht genug davon haben. Das Gutgemeinte verkommt zum Schlechten, also brauchen wir mehr vom Gutgemeinten …, mehr Fortschritt, mehr Diskurs, mehr Multikulti, mehr Gender …

Erst wenn Habermas auf den Scherbenhaufen der Geschichte geworfen und ins philosophiehistorische Seminar umverlegt wird, kann sich die journalistische Welt von ihrem akademischen Boden her erholen.

Gibt es d e n Islam?

Den Islam, den Islam gibt es nicht – so hört man allerorten, insbesondere dort, wo man den Islam verteidigen will, also in der Regel gegen „Islamkritiker“ gerichtet argumentiert. Der programmatische Satz der AfD – „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ – hat exakt dieses Argument vielstimmig auf allen Kanälen erneut provoziert.

Uns sollen hier nicht die leicht zu durchschauenden Widersprüche interessieren, etwa daß es den Islam stets dann doch gibt, wenn es ihn zu verteidigen gilt: Der Islam gehört zu Deutschland – Der Islam darf nicht verleumdet werden – Der Islam ist eine friedliche Religion – Der Islam ist grundgesetzkonform – Islam ist Barmherzigkeit etc. Wir wollen dem Argument auf den Grund gehen und eventuell dasjenige herausarbeiten, was den Islam ausmacht.

„Den Islam gibt es nicht“, bedeutet in der Regel zweierlei. Islam sei vielfältig und in Bewegung. Man müsse also historisch, geographisch, soziologisch differenzieren. Indonesien, Saudi-Arabien, Iran, Mauretanien … alle seien islamisch geprägt, aber jeweils ganz anders, Sunni, Schiiten und hunderte andere Glaubensrichtungen, Schulen, Traditionen ließen eine Generalisierung nicht zu. Und: Jede einzelne dieser Richtungen ist in dauerndem Fluß, entwickelt und verändert sich.

Wer so argumentiert, hält ein Plädoyer gegen jede Form sinnvoller Rede, denn, gestehen wir es uns ein: Panta Rhei, alles fließt, alles ist in Bewegung und alles – ausgenommen Allah, der ein Einziger und unveränderlich ist – ist vielfältig. So gesehen gibt es auch keinen Baum, sondern nur Bäume und auch die gibt es nicht, denn auch der einzelne Baum wächst und verändert sich, wie auch sein Betrachter. Seit den Anfängen des vernünftigen Denkens war man sich dessen bewußt: Man kann nicht zwei Mal in den denselben Fluß steigen, meinte der erste Dialektiker Heraklit und wenn man weiter denkt, wird schnell deutlich: man kann es noch nicht mal ein Mal.

Die folgerichtige Konsequenz – wenn wir uns der Logik der Den-Islam-gibt-es-nicht-Prediger anschließen – wäre das vollkommene Verstummen, das Schweigen, denn was es nicht gibt, darüber kann man nicht sprechen. Wenn es den Islam tatsächlich nicht gibt, dann gibt es gar nichts. Die Differenzierung hilft in diesem Fall nicht, denn auch er Schia-Islam z.B. ist in Bewegung und kennt dutzende Untergruppen, die jeweils wieder … ad infinitum. Die sprachliche Konvention der Menschheit in allen Sprachen und Kulturen übergeht dieses Paradoxon ganz einfach und spricht doch – warum nicht auch vom Islam?

Interessanter ist doch die Frage, ob es – trotz der vielfältigen Ausformung und trotz der dauernden Bewegung – etwas allen Varianten Gemeinsames gibt, ein Wesen oder eine Idee des Islam, einen Kern, ein Surrogat, auf das sich alle Muslime aller Zeiten und aller Kulturen einigen können, an dessen Existenz sie sich gegenseitig erkennen. Es ist der Koran selbst, der uns zu einer solchen Annahme zwingt, denn seine strenge Dichotomie zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Muslimen und Nicht-Muslimen – die wiederum in Buchbesitzer (Christen und Juden) und Nichtbesitzer des Heiligen Buches (nicht-abrahamitische Monotheisten, Polytheisten, Synkretisten, Naturreligionen und Atheisten  etc.) unterteilt und unterschiedlich behandelt werden, verlangt danach. Laut Mohammed, laut mohammedanischer Offenbarung gibt es also sehr wohl den Islam und seine gerechtfertigten Anhänger.

Ist es das Arabische, die im Koran kodifizierte Sprache? Zwar sind alle Muslime angehalten die Verse im Original zu rezitieren, auch wenn sie diese oft nicht verstehen – dem Lateinischen im christlichen Mittelalter vergleichbar – doch sprechen viele Muslime ganz andere Sprachen.

Ist es die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime? Ohne Zweifel hat sie stark bindende Kraft und doch sind die kulturellen und religiösen Unterschiede enorm – was einen Großteil der virulenten Kriege dieser Welt erklärt.

Ist es also der Koran selbst? In der Tat berufen sich alle Muslime auf das Heilige Buch, aber wie jedes Buch, wie jeder Text, wie jeder Satz, gibt es enormen Interpretationsspielraum und also Streit.

Ist es die Nachfolge des Propheten Mohammed? Vermutlich könnten sich darauf alle Muslime einigen, allerdings ist Mohammed, bei aller Vollkommenheit, die ihm die Gläubigen zuschreiben und der sie nachzueifern versuchen, ein „normaler“ Mensch mit Stärken und Schwächen gewesen, mithin nur das Medium der Botschaft.

Was also ist die Botschaft? Kann man sie auf eine Essenz zusammendampfen, kann man, wie Gregor von Rezzori das in seinem genialen Schelmen-Roman und Sprachkunstwerk „Maghrebinische Geschichten“ – der es heute vermutlich wegen Politischer Inkorrektheit als Neuerscheinung schwer hätte – paradigmatisch vorgemacht hat, das entscheidende Wort finden? Dort fragte der Großkhan danach, alle Weisheit der Welt in ein Buch zu gießen und aus diesem Buche wiederum einen Satz zu extrahieren, der alle Weisheit enthält. Ein Asket löste das Rätsel und sagte den weisen, letztgültigen Satz: „Auch dieses wird vergehen.“ Heraklit läßt grüßen – das ist die Weisheit der westlichen Denktradition, die sich wunderbar mit der muslimischen kontrastieren läßt.

Man kennt ein solches Wort auch im islamischen Kontext – die islamische Theologie nennt das Schahada, das Bekenntnis. Es umfaßt die melodiöse Aussage „Lā ilāha illā ʾllāh(u)“: „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Genau genommen ist sie zweigeteilt und verlangt noch das bereits problematisierte Bekenntnis zum Propheten: „… und Mohammed ist sein Prophet/Gesandter“.

Ich wage hier die Aussage, in der Schahada, im „Es gibt keinen Gott außer Gott, den unabänderlichen Kern des Islam benannt zu haben, auf den alle Muslime sich einigen können, ja müssen, der das Gesamtkonstrukt Islam trägt. Die Schahada ist der Islam, es ist mithin die erste der fünf Säulen des Islam – die anderen vier sind mehr oder weniger konditional. Auf diesem kleinsten gemeinsamen Nenner ist der Satz „Den Islam gibt es nicht“, falsch. Es ist zudem das Gegenstück des Panta Rhei.

Dies angenommen, ergeben sich viele Konsequenzen. Zum Beispiel kann man damit die Frage angehen, ob der Islam grundgesetzkonform ist oder nicht. Das Bekenntnis läßt sich nämlich auf zweierlei Art lesen: deskriptiv und präskriptiv. Es beschreibt entweder eine (angenommene) Grundtatsache – so ist es eben: es gibt nur einen Gott – oder ein Sollen – es hat nur einen Gott zu geben, es darf nur einen Gott geben etc. So gelesen hätte die Aussage einen appellativen Charakter und wäre nur schwer mit dem Grundgesetz in Eintracht zu bringen. Entscheidend wäre nun, zu erkunden, welcher Lesart sich die Majorität der Muslime anschließt. Daran entscheidet sich die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht.

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Anhang: Aus Gregor von Rezzori: Maghrebinische Geschichten

Der Großkhan hatte befohlen, alle Bücher seines Reiches zusammenzutragen. Es waren zwanzigtausend Kamellasten. Als der Großkhan diesen ungeheuren Berg von Wälzern sah, gab er seinen Gelehrten den Auftrag, alle Weisheit, die in ihnen enthalten wäre, in einem Buche aufzuzeichnen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, und eines Tages traten sie vor den Großkhan und überreichten ihm das Buch. Der Großkhan wog das Buch in seiner Hand und befahl den Gelehrten, alle Weisheit dieses Buches in einen Satz zu fassen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, aber soviel sie auch von ihrer Weisheit und Gelehrsamkeit darauf verwendeten, sie mussten verzweifeln. Sie bekannten es dem Großkhan, und er ließ sie alle köpfen. Darauf befahl er, in allen Provinzen, Städten, Marktflecken, Konaks und Jurten seines Landes bekannt zu machen, dass er jeden Schriftgelehrten töten lassen werde, bis nicht einer von ihnen imstande wäre, ihm den Satz zu sagen – einen Satz nämlich, der eine Weisheit enthalte, welche zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit, in allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die größte Einsicht und weiseste Tröstung enthalte. Jahre vergingen, und die Schriftgelehrten starben unter den Schwertern der Henker wie die Stallfliegen bei Frost. Davon hörte ein Asket, der in der Einsamkeit auf einer Säule lebte, und er stieg nieder von seiner Säule und begab sich vor den Herrn der Erde.

„Weißt du den Satz“, so fragte ihn der Großkhan, „in dem alle Weisheit dieser Erde enthalten ist, so dass sie bei jeglicher Gelegenheit und immer, unter allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die tiefste Einsicht und tröstlichste Tröstung ist?“

„Ich weiß ihn“, erwiderte der Asket.

„So sage ihn!“,  befahl der Großkhan.

Darauf antwortete der Asket: „Auch dieses wird vergehen.“

Entwarnung

Die frohe, wenn auch in typischem mehrdeutigem Lokalpressedeutsch verkündete Botschaft lautet – als dicke Überschrift eines kleinen versteckten Artikels in der „Freien Presse“ –:

Drei von vier Straftätern sind Deutsche“. In Plauen und in Sachsen.

Na also! Fürchtet euch nicht vorm schwarzen Mann, fürchtet euch vor euresgleichen. Und wenn man dann noch bedenkt, daß die meisten Ausländer-Straftaten aus „Leistungserschleichung  (wie z.B. Schwarzfahren)“ und ein bißchen Ladendiebstahl bestehen und daß die ebenfalls häufig registrierten „Körperverletzungen“ meist „in Unterkünften unter Asylbewerbern stattgefunden“ haben, dann wird jeglicher gefühlter Angst der Grund entzogen.

Gemessen daran ist die Nachricht vom gestiegenen Anteil der Ausländerkriminalität selbstverständlich sekundär. „Ausländer“ meint in erster Linie Migranten.

All das Zahlengeschiebe ist sinnlos, wenn man die Bezugsgröße nicht kennt. Wie viele Ausländer leben denn in Plauen? Wären es 28%, dann wäre statistisch ja alles in Ordnung. Immer dann aber, wenn es um die Hysterie ging, versicherte man uns, die Zahl läge bei weniger als 2%. Das würde demnach bedeuten: 2% der Bevölkerung begehen ein Viertel aller Straftaten.

Ich finde, das hätte eine andere Überschrift verdient: Einer von vier Straftätern ist Ausländer.

Das heißt eben nicht, wie die Freie Presse euphemistisch schließt: „Drei von vier Straftätern sind Deutsche“, denn der „Normalfall“ hieße vier von vier, sondern, noch einmal: „Einer von vier ist Ausländer“.

Und wie der Zufall es will, wird das Evangelium durch einen anschließenden Artikel nahtlos konterkariert: „Zwei Männer vor Gericht“ – zwei Somalier, die im Dezember einen jungen Mann lebensgefährlich mit Messerstichen verletzten und jetzt wegen versuchten Totschlages vor Gericht stehen.

Koinzidenz der Ereignisse - FP 13.5.2016

Koinzidenz der Ereignisse – FP 13.5.2016

Spiegel: Plauen – wie eine Region mit Flüchtlingen umgeht

Der verweigerte Handschlag

Hussain begrüßt mich immer schon im Haus, geht die Kellertreppen mit hinunter, an deren Geländer das Fahrrad verzurrt wird. „Bist du allein?“, frage ich, denn mir war, als hätte ich Stimmen gehört. „Ich habe Besuch, Besucher“, sagt er in gesuchtem, aber perfektem Deutsch. „Mohammed, Salim und die Frau sind da.“

Freundliche Begrüßung, wie jedes Mal. Handschlag, Kuß links, Kuß rechts. Mohammed in langer Unterhose. Salims Frau, ganz in schwarz – nur das helle Gesicht leuchtet – sitzt auf dem Bett in der Ecke und starrt auf ihr Handy. Was tun? Sie ebenso begrüßen, wie es sich gehört oder ihr nur zunicken und sie möglicherweise beleidigen? Irgendwie denke ich auch schon im muslimischen Kontext. Aber dann sage ich mir: hier ist hier und gehe selbstbewußt auf sie zu und strecke meine Hand aus.

Sie schreckt zurück, zieht den Arm eingeschüchtert an ihre Brust. Noch einmal biete ich meine Hand an, lächle, aber sie kann nicht. Die Männer lachen, nun schmunzelt sie auch, ohne mich anzusehen, und auch ich versuche die Situation durch ein Lachen zu entschärfen.

Hussain weiß schon, was kommt, als wir sein Zimmer betreten, und entschuldigt sich, bevor ich ein Wort gesagt habe. Schon sind wir in der Diskussion. Dann kommt Salim dazu und sagt auf Arabisch, daß das nun mal so Sitte sei, dort, wo sie herkommen. „Klar, kein Problem.“ Trotzdem, ich hake nach. Nun steht auch Mohammed am Tisch, durch seine Finger gleiten die Perlen einer Gebetskette. Vier Männer unterhalten sich lautstark, lächelnd, freimütig, die Frau sitzt brav im anderen Zimmer auf dem Bett und gibt keinen Laut von sich. Nicht der verweigerte Handschlag ist das Problem – das sind kulturelle Idiosynkrasien, die man vorerst respektieren sollte -, sondern die Selbstverständlichkeit des weiblichen Ausschlusses, den der verweigerte Handschlag nur symbolisiert. Starrt sie drüben an die Wand, auf ihr Handy, während die Männer reden, schaltet sie ab, verfällt sie in diese seltsame Dumpfheit der Gewöhnung?

Ich frage Salim, ob es für ihn ein Problem gewesen wäre, wenn seine Frau mich berührt hätte? Nein, es ist eben nur so Brauch, meint er. Und hat er selber Probleme, deutsche Frauen per Handschlag zu begrüßen, seine Lehrerin zum Beispiel? Auch das habe er schon gemacht und während er das sagt, vollführt er die Bewegung vor meinen Augen. Es sieht aus, als hätte er einen Elektrozaun berührt. Tut nicht wirklich weh, muß man aber nicht öfters haben. Spielt mein Nicht-Muslim-Sein eine Rolle? Nein, auch Hussain gibt ihr nicht die Hand und noch nicht mal Mohammed, Salims Bruder. Es ist das Mann-Sein, nichts sonst.

Nachdem die Brüder das Zimmer verlassen haben, uns Tee und Kuchen bereiten, kann ich mit Hussain offen drüber reden. Warum? Sollten Männer und Frauen nicht in jederlei Hinsicht gleich sein? Aber Hussain sieht keine Benachteiligung. Beide, Koran wie die Natur schreiben das vor. Das ist normal. Männer und Frauen entscheiden genauso, „but women less“. Der Islam verlange von den Menschen ihre Begierden zu beherrschen und Frauen sind nun mal attraktiv, wecken Lüste im Mann. Daher sollten sie sich bedecken und Kontakt zu anderen Männern meiden.

„Meinst du“, bohre ich, „daß irgend jemand sexuelle Lüste entwickelt hätte, wenn Salims Frau zusammen mit uns Männern über diese Frage diskutiert oder wenn sie uns die Hand gegeben hätte? Und wie erklärst du, daß ausgerechnet Saudi-Arabien die höchsten Vergewaltigungsraten hat?“

Hussain ist klug und es arbeitet sowieso in ihm. „Ihr müßt uns Zeit geben. Wer nach Deutschland will, der muß die Regeln hier beachten. Aber es ist nicht immer einfach. Gebt uns Zeit.“

Wenn’s nach mir ginge …

Islam und dicke Eier

Bei Maischberger diskutiert man: „Mann, Muslim, Macho – Was hat das mit dem Islam zu tun?“ Uff! Vielleicht später mal ein paar Gedanken dazu.

Hier jedenfalls haben sich Alice Schwarzer, ein DITIB-Vertreter, ein Ex-Salafist, ein Journalist und eine Quoten-Grüne darüber zerfetzt. Ich hab’s nicht gesehen, aber fünf grundverschiedene Besprechungen in der Presse zeigen, daß jeder seine Vorurteile bestätigt bekommen konnte, der beleidigte Muslim ebenso wie die Differenzierungsrelativiererin Simone Peter und auch der Islamophobiker (FAZ, Focus, Spiegel, Welt, Huff)

Einig schien man sich beim „Überdruck“-Theorem zu sein. Junge Männer haben dicke Eier, um es mal salopp zu sagen, besonders wenn sie Muslime sind und oft erst im fortgeschrittenen Alter eine nackte Frau zu sehen – nee, das weiß ich nicht mal –, also zu spüren bekommen. Ergo kann man die Grapscher, Vergewaltiger und sogar den Salafisten und IS-Touristen irgendwie verstehen: Alle wollen nur eine Mö …, mö …, möglichst eine Madame – „Madame“ höre ich oft, wenn man irgend etwas über meine Frau wissen will..

Norbert Elias hatte in seinem Jahrhundertwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“ die Kontrolle über den Sexualtrieb als eine wesentliche zivilisatorische Errungenschaft beschrieben. Bevor einer Salafist wird, um eine Ische abzufassen, sollte er vielleicht Elias lesen.

Aber wie sieht es denn nun in der Praxis aus mit dem sexuellen Druck? Dank gewisser politischer Entwicklungen bewege ich mich seit acht Monaten in reinen Männergesellschaften. Gerade erst hatte ich den Spargel in die Speisekarte eingeführt. Daß er zugegebenermaßen etwas komisch aussieht, diese kleine Bemerkung, rief ein großes Gelächter hervor. Ich demonstrierte, wie er mit seiner hübschen Spitze durch die Erde stößt. Salim nahm die Spitze in den Mund und vollführte typische Bewegungen. Sah aus, als ob er aus der Praxis berichtete.

Sexualität ist ein häufiges, wenn auch eher beiläufiges Thema. Scham scheint „unter Männern“ kein Hindernis zu sein. Schon im November hatte man mir gesagt, daß es schwer sei ohne Frauen. Hier muß man freilich unterscheiden, denn Ehe- und Jungmänner sprechen aus ganz anderen Erfahrungshorizonten. Hussain jedenfalls ist davon überzeugt, daß ein Muslim vor der Ehe keinen Sex gehabt haben kann. Damit wäre der Mittzwanziger Khaled, der sich jetzt verlobt, noch jungfräulich, hätte noch nie eine Frau berührt oder in persona nackt gesehen. Kein Wunder, wenn er die erstbeste Gelegenheit ergreift, sich eine zu angeln. Die nächsten Monate bis hin zur Hochzeit dürften dann besonders schwierig werden: in ihrer Nähe leben – er übernachtet im Nebenzimmer bei seinem künftigen Schwager –, immer diese inneren Bilder haben und doch nicht dürfen. Die erste Nacht zweier studierter, erwachsener Menschen sich vorzustellen, wenn dann alles klappen muß, ist vielleicht auch keine Freude.

Mohammed spielte eine Zeit lang mit dem Gedanken, sich eine Zweitfrau zuzulegen. Khaled klagte immer wieder über seine Einsamkeit. Muhannad vermißte seine Frau. Salim ebenso. Auf der Straße wird man von jungen Landsmännern und Nordafrikanern angesprochen, die nach „women to fuck“ suchen usw.

Auch meine Jungs leiden. Eine ganz typische arabische Geste ist der Griff in den eigenen Schritt.  Alle paar Minuten, fast unbewußt. Und ob man es will oder nicht: es ist auch die Religion, die ihnen natürliche und lebensweltliche  Erleichterung verwehrt.

Zur vertiefenden Lektüre: Islam und Masturbation

Über Sexualnöte junger deutscher Muslime

grundlegend: Ödipus in Arabien

 

Selbstanalyse

Das ist der 200. Artikel auf diesem Blog.

Eigentlich wollte ich in aller Ruhe und in aller Ausführlichkeit ein Buch über den außergewöhnlichen und seltsamen Denker, Heilpraktiker, Homöopathen, ZoologenEsoteriker, Lyriker und Sonderling Herbert Fritsche schreiben. Doch schon im Sommer letzten Jahres ging mir die Konzentration mehr und mehr verloren, zogen die Ereignisse an den Grenzen und auf den Landstraßen Europas, bald darauf auch die chaotischen Zustände in Deutschland alle Aufmerksamkeit auf sich. Schnell war klar: es geht um unser aller Zukunft, es geht um Sein oder Nichtsein. Fritsche, der im seligen Jahre 1961 verstorben war und auf einem ganz anderen Planeten lebte, konnte darauf keine Antwort geben: Demographie, Demokratie, Islam, Integration.

Mit jedem Tag stieg die Spannung. Freund- und Bekanntschaften wurden plötzlich brüchig, der Eindruck, von den meisten Medien manipuliert zu werden, war nicht mehr wegzudiskutieren, das Land begann sich in zwei unversöhnliche Parteien zu spalten, der Dialog zwischen den Positionen mißlang immer öfter. Mir wurde schwer ums Herz, diese seltsame Zukunftsangst kroch hoch, irgend etwas mußte geschehen, den Druck abzulassen, die Sorgen umzuleiten.

Zuerst warf ich mich in die Flüchtlingsarbeit. Ich wollte diese Menschen kennen lernen und ich wollte zumindest denjenigen helfen, die mit größter Wahrscheinlichkeit im Lande bleiben würden, denn wenn diese Personen in die Anonymität absinken würden, in die Parallelgesellschaften, in die Sozialsysteme oder gar in den Untergrund, so dachte ich, dann werden die an sich schon unlösbaren Probleme noch größer. Zuerst waren es Eritreer und Somalier, dann kamen die Syrer hinzu. Mit ihnen konnte ich die Krise auch als persönliche Chance begreifen, denn um den Islam verstehen zu können – das wurde schnell deutlich – wird man wenigstens Grundkenntnisse des Arabischen benötigen und die Syrer, durchschnittlich besser gebildet als sie anderen, eröffneten die Möglichkeit des gegenseitigen Lernens.

Aber je mehr ich von, mit und über die Zugewanderten lernte, umso differenzierter konnte ich die Lage einschätzen, umso mehr Druck zur Entäußerung entstand. So wurde in einer Spontanaktion der Blog gegründet, innerhalb weniger Tage standen mehr als 20 Artikel und noch heute stehen viele in der Warteschleife. Schnell hatte sich eine kleine und, wie ich mit großer Freude feststelle, auch exklusive Leserschaft gebildet. Einige Leser mochten die vielseitige und multiperspektivische Darstellung der Probleme offensichtlich. Ein Artikel, der sich mit dem medialen Mißbrauch in Hinsicht auf die AfD beschäftigte, explodierte mir plötzlich unter der Hand und zog tausende Leser aus aller Welt an und wird selbst heute noch häufig gefunden. Einige dieser Leser sind dem Blog treu geblieben und manchmal kann ich erahnen, wer sie sind und was sie denken.

Und das schafft einen eigenartigen Effekt! Die Vorstellung einer bestimmten Klientel verändert die Art des Schreibens: Kann ich das so sagen? Wird X oder Y dadurch abgeschreckt, provoziert, beleidigt? Wie könnte Z darauf reagieren? …

Auch die Menge der Leser geht nicht unbemerkt an einem vorbei. Selten stimmen die Zugriffszahlen mit der Bedeutung der Texte überein. Grundsätzlichere Beiträge wie „Eritrea unplugged“, „Das Habermas ist voll„, „Mit dem Hammer“, „Warum Köln uns trifft“, „Das Christopherus-Syndrom“, „Clash of civilizations“, „Katastrophendidaktik“, „Die satanischen Verse“, „Die Sloterdijk-Debatte“, „Die Lessing-Legende“, der „Haßprediger“, die Ahmadiyya-Trilogie und einige andere finden oft weniger Leser als Gelegenheitsartikel mit provokanter Überschrift. Es entsteht also eine innere Versuchung, den jeweiligen Titel lärmender, skandalisierender zu gestalten. „AfD“ zieht, „Faschismus“ und „Hitler“ ziehen, „PEGIDA“ zieht … Ein politisch nicht korrektes Wort, eine steile These, ein rotes Tuch voranzuhängen, die Sprache aggressiver zu wählen, deutlicher zu werden, die Offenheit in verschiedene Richtungen aufzugeben, gerade jetzt, wo die nachlassende innere Spannung im Lande auch zu einem Zugriffsrückgang führt … diese Versuchung ist da und es ist davon auszugehen, daß alle Schreibenden, auch die Pressevertreter, dieser Versuchung ausgesetzt sind.

Eine gefährliche Logik – Vorsicht ist geboten –; eine wichtige Erfahrung, die es mir gestattet, auch andere besser zu verstehen.

Allah am Steuer

„Subhan Allah“ – gepriesen sei Allah. Diese Aufschrift soll nun hunderte ikonische rote Doppeldeckerbusse in England schmücken. Bald ist Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. Die Metropolen London und Manchester, aber auch die quasi-muslimischen Zentren Leicester, Birmingham und Bradford werden in den Genuß des Allah-Advertisings kommen, veranlaßt von einer muslimischen Charity-Organisation.

Gepriesen sei Allah

Gepriesen sei Allah – auch in London

Das Timing ist sensibel. Gerade hat London den ersten muslimischen Bürgermeister gewählt – entgegen dem allgemeinen Labour-Trend (wie hat die muslimische Bevölkerung gewählt?) –, dem Kritiker Kontakte zur Radikalenszene vorwerfen, und das Brexit-Voting steht unmittelbar vor der Tür.

Besonders delikat wird die Entscheidung angesichts einer anderen: Zu Weihnachten wollte das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canterbury, in den großen Kinos einen Spot laufen lassen, der die Menschen zum Beten ermutigen sollte. Man lehnte das ab, um die religiösen Gefühle Andersgläubiger nicht zu verletzen.

Die linke Presse wirft sich sofort in die Bresche für Religionsfreiheit. „Wenn Sie glauben, die Allah-ist-groß-Busse sind ein Problem“, schreibt der Independent, „dann haben Sie nur bewiesen, wie notwendig sie sind.“ Dann fährt man fort: „Wann würden Sie, im gegenwärtigen Klima der Abneigung und der Angst, den Ausruf ,Allahu akbar‘ zu hören vermuten? Viele würden antworten: bei einem Terrorangriff“ – nun könne man seine friedliche Bedeutung an Buskarossen studieren.

Die konservative Presse – hier die Daily Mail online – kontert sarkastisch: „Das Publikum ist in der Lage, Äußerungen des christlichen Glaubens zu vernehmen, ohne in Panik schreiend davonzulaufen.“

Böse Zungen werden leise das Wort „Islamisierung“ murmeln oder zum Islamophobiker Peter Hammond greifen, der all das Punkt für Punkt meinte angekündigt zu haben.

In einem Land, das sich noch immer weitgehend als christlich versteht, das die Magna Charta hervorbrachte, die die Geburtsurkunde der modernen Rechtsstaatlichkeit darstellt und erstmals eine Trennung von Kirche und Staat andachte, ein Land, das große Reformatoren wie John Wycliff und William Tyndale hervorgebracht hat, das von Roger Bacon über John Locke und David Hume bis hin zu G. E. Moore und Bertrand Russell große Befreier des Geistes, Advokaten der Vernunft schuf …, in solch einem Land ist es nun möglich, die traditionelle Weihnachtskarte zum „Season’s Greeting“ zu machen, das höchste christliche Oberhaupt öffentlich zum Schweigen zu bringen … aber Allahs Lob auf den Straßen zu singen.

Überhaupt: Was ist das für ein Gott – ganz gleich welcher Observanz –, der bunte Werbeflächen braucht?

Schwedische Zustände

Die Auswirkungen einer „naiven und gutmenschlichen (snillistisk) Einwanderungspolitik“ erschüttern gerade die norwegische Gesellschaft. Diese Worte stammen von Sylvi Listhaug, Norwegens Integrations- und Einwanderungsministerin. Man kann es als einen Schuß vor den Bug sehen, was das Team des NRK, des norwegischen Staatsfernsehens, an Bild-, Ton-, und Hintergrundmaterial aus Schweden mitbrachte. „Eine Gesellschaft in Auflösung“ sieht die dänische Zeitschrift „Den korte avis“. Mit großer Sorge betrachten die skandinavischen Nachbarländer den rasanten inneren Zerfall weiter Teile der schwedischen Gesellschaft.

55 Ghettos in Schweden

Schwedens gefährlichste Gegenden

1990 verzeichnete man drei Ghettos (utenforskap), heute sind es 186 in 22 schwedischen Städten, davon gelten 55 als „No-Go-Areas“! Es sind jene Peripherien der großen Metropolen, wo sich Menschen mit Migrationshintergrund konzentrieren, meist afrikanischen und arabischen Herkommens. Eine Gemengelage aus sozialem Abstieg, Frustration, Kriminalität und Religiosität führt zu undifferenziertem Haß auf die Gesellschaft und die Polizei repräsentiert diese Gesellschaft. Selbst Feuerwehr und Krankenwagen brauchen polizeiliche Unterstützung, die Ordnungshüter selbst wagen sich nur in großer Zahl und bis an die Zähne bewaffnet hinein: schußsichere Westen, Helme, Arm- und Beinschützer und die geladene Pistole im Holster. „Polizeifishing“, so erzählt eine junge Beamte in die Kamera, sei gang und gäbe: man rufe zu einem Notfall und locke die Polizisten damit in einen Hinterhalt, um sie zu bekämpfen.

Es geht um Territorien, berichtet ein anderer Polizist. Pflastersteine sind Alltag, Molotowcocktails, Stich- und Schußwaffen, selbst Handgranaten keine Seltenheit. Kriminelle Gangs stecken ihren Claim ebenso ab wie radikale Islamisten. Auch die Kamera des NRK-Teams wirkte wie ein rotes Tuch – das Team mußte die Beine in die Hand nehmen.

„Das Allerwichtigste“, sagt die norwegische Ministerin, die gerade ihren Einwanderungsbericht vorlegen muß, „ist die Frage, wie viele nach Norwegen kommen werden. Wenn Integration glücken soll, so ist es entscheidend, die Zahl der Ankommenden niedrig zu halten.“ Der Bericht aus Schweden sei „schockierend“ – ein Schock zur rechten Zeit!

Noch ist Norwegen nicht verloren.

Quellen:

NRK: Reportage Från NRK Om Det Mångkulturella Sverige (die gesamte Reportage)

NRK Text: Svensk politi: – Vi er i ferd med å miste kontrollen

NRK Text: Sjokkert over tilstandene i Sverige

Drei Mal Knast

Nun wissen wir also, weshalb Mohammed plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Ohne Ausweis wurde er von der griechischen Polizei aufgegriffen und verbrachte 10 Tage im Knast. Jetzt hat er zumindest wieder vorübergehende Papiere und wird erneut versuchen, die Grenze zur Türkei zu überwinden.

Wie immer versuche ich die Geschehnisse gleich in den Sprachdrill einzubauen. „Hussain, warst du auch schon mal im Gefängnis?“ Überraschenderweise bekomme ich zur Antwort: „Ja, ich war schon mal im Gefängnis, zwei Mal.“ Khaled, am anderen Tischende, und noch längst nicht so fließend, sagt: „Ich auch schon in Gefängnis gewesen haben.“

Nun will ich es wissen, wende mich, wie meist, zuerst Hussain zu, damit Khaled die deutschen Sätze noch einmal hören kann. „Hussain, wo warst du im Gefängnis?“ – „Ich war zwei Tage in Ungarn und zwei Tage in Tschechien im Gefängnis“. Das Deutsch ist perfekt, die Geschichte weniger prickelnd. Sie saßen jeweils zwei Tage in Gemeinschaftsräumen und warteten die Papierkontrollen ab.

Als Khaled zu erzählen beginnt, vergesse ich alles Sprachliche, berichtige ihn nicht mehr.

Er wurde von der Polizei verhaftet, ohne Grund, rein zufällig. Ständig wurden Straßenkontrollen gemacht und wer den Militärs nicht gefiel, wurde mitgenommen, einfach so. „Drei Tage geschlagen“, sagt er, erst mit der Hand und dann auch mit einem Eisenrohr. Und dann auch so: er nimmt die Hände in die Luft und hebt den rechten Fuß. Aussprechen kann er es noch nicht, aber wir verstehen: sechs Stunden wurde er gefesselt aufgehängt, ohne daß die Füße Bodenkontakt hatten. Dabei schlugen sie ihn gezielt auf eine frische Narbe. Wenige Wochen zuvor hatte er dort eine Unterleibsoperation (Varicozele), eine Krampfader wurde gezogen. Noch war die Narbe frisch; die Schergen schlugen immer wieder bewußt darauf. Fast ist es ein Glück, denn vielen, sagt Khaled, wurde stattdessen in die Hoden geschlagen, sogar Kastrationen und Genitalverstümmelungen soll es gegeben haben. Hussain spricht von vergewaltigten Frauen, denen man danach Mäuse in die Vagina einführte – Syrian Psycho? Warum? Wozu?

„Du bist gegen Assad“, schreien sie immer wieder und natürlich war er das, beteuert jedoch das Gegenteil. „Wir knallen dich ab.“ Dann gibt es Einzelhaft, die Hände und Füße werden aneinanderfesselt, so daß aufrechtes Sitzen unmöglich ist. Wieder gibt es Schläge. Gruppenzelle. Ständig geht die Tür auf und einer der Gefangenen wird herausgeholt, um Schläge zu empfangen. Alles erscheint willkürlich, ohne Ziel und Plan. So auch die Entlassung, von einem Moment auf den anderen. Khaled verläßt danach das Land und geht in den Libanon, die Wunde entzündet sich und macht ihm noch lange Ärger.

Während er all das erzählt, lacht und strahlt er, als wäre es der größte Spaß gewesen. Ich frage ihn danach, erwäge das Wort „Trauma“. Denkt er noch oft daran? Jeden Tag, aber was soll man machen? Das Leben geht weiter – „Ich muß es vergessen.“

siehe auch: Narben