Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

Der Niedergang der Presse

Es gab eine Zeit, in der man sich aus Überzeugung ein bestimmtes Blatt hielt. Politiker, Geschäftsleute, Intellektuelle, die einen umfassenden Blick haben wollten, lasen gleich mehrere Gazetten: den „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt am Sonntag“ als Wochenzeitungen und die „FAZ“, die „Süddeutsche“, die „Welt“ und vielleicht auch die „TAZ“ als Tageszeitungen. Das war durchaus sinnvoll, denn kein Blatt war wie das andere. Nicht nur unterschieden sie sich durch die politische Ausrichtung und einen eigenen Ton, nein, sie brachten auch unterschiedliche Nachrichten. Es gab investigativen Journalismus – befähigte Mitarbeiter mit fachlichen Kompetenzen und einer eigenen Feder recherchierten oft wochen- oder monatelang, um dann ein Knallbonbon zum Platzen zu bringen. Und was der eine brachte, war für den anderen Tabu. So garantierte Wettbewerb Qualität.

Spätestens nach der Machtübernahme des Internets sind diese Zeiten vorbei. Heute, so hat es den Anschein, besteht die Orientierung des Journalisten nicht mehr im Raum, sondern in der Zeit. Nicht Tiefe oder Labyrinth, sondern Schnelligkeit ist die Zentralkategorie. Man hat den Eindruck, als sitze man in den Redaktionsstuben nur noch am DPA-Ticker, um ja als erster, mit einem Vorsprung von wenigen Minuten oder Sekunden, die Nachricht in die Welt plärren zu können. Oft steht dann „Eilmeldung“ – man weiß noch nichts, aber man muß schon berichten. Alle berichten das gleiche.

Mit dem Willkommenskultursommer wurde zudem die inhaltliche Gleichschaltung evident. Zwar gab es noch immer vereinzelte charakteristische Stimmen – nur weil es sie gibt, kann Klonovsky (vom 15.7.2016) sie so trefflich parodieren –, die Botschaft, die sie auf verschiedene Weise verkündeten, wurde zunehmend ununterscheidbar, von einigen seltenen defätistischen und pseudo-legitimierenden Gastbeiträgen, die die Meinungsvielfalt vortäuschen sollten, unterbrochen. Nehmen wir nur die Spiegel-Kolumne: Jakob Augstein, Sascha Lobo, Margarete Stokowski, Sibylle Berg, Georg Diez – alle haben einen eigenen Stil, aber seit einem Jahr sind ihre Beiträge vorhersagbar wie der Sonnenuntergang und nur durch geringfügige inhaltliche Differenzen zu unterscheiden. An dieser Phalanx läßt sich die unsägliche Linkslastigkeit der Zentralmedien, die an anderer Stelle bereits analysiert wurde, wunderbar vorführen.

Nun fährt die Journaille die Ernte ein, die sie selbst gesät hat, nun kippt der Kahn, auf dem alle nach Backbord laufen. Die Verkaufszahlen brechen massiv ein. Das Volk traut seiner Presse nicht mehr und auch die Redakteure sind plötzlich gezwungen, das ungeliebte Spiel mitzuspielen.

Ich stelle mir vor: Ein Beitrag wie dieser – Linken-Politiker setzte sich für Bleiberecht von Syrer ein –, den alle Medien brachten, muß fürchterlich geschmerzt haben. Darin wird berichtet, daß die Abschiebung des späteren Selbstmordattentäters von Ansbach von einem Bundestagspolitiker der Linken verzögert wurde, damit Mohammed Daleel seine Therapie zu Ende führen darf.

Daran ist an sich nichts verwerflich und niemand konnte ahnen, wozu der Mann in der Lage sein würde. Darüber hinaus ist die Nachricht unbedeutend und vergleichsweise irrelevant. Aber der Beitrag heizt natürlich die empfindsame Stimmung an und stellt einen unausgesprochenen Zusammenhang zwischen linker Willkommenskultur und Terrorgefahr her, genau jenen Konnex also, den man bisher herzustellen mit allen Mitteln vermeiden wollte. Aber weil nicht mehr Raum, sondern Zeit das entscheidende Kriterium der Pressearbeit ist und weil man weiß, daß die Meldung ohnehin auf anderen Kanälen verbreitetet werden wird, und weil man auch weiß, daß ein Verschweigen der Meldung als Beweis für die „Lügen- oder Lückenpresse“ wird herhalten müssen, ist man gezwungen, zähneknirschend, wie ich vermute, diese Meldung so zu bringen.

Und damit fährt die Presse die Ernte jener Saat ein, die seit letztem Sommer von ihr ausgesät worden war. Die Presse schafft sich ab.

 Zur Vertiefung: Das rote Mehr

 

 

Die Faszination des Islam

Wenn man sich auch nur ein klein wenig mit dem Islam in Deutschland beschäftigt, dann kommt man nicht umhin, die Menge an Youtube-Videos zu bemerken, die junge deutsche Konvertiten voller Stolz und meist mit missionarischem Eifer ins Netz stellen. Junge Männer mit Ziegenbärten, diversen Kopfbedeckungen und oft beeindruckenden Arabisch- und Korankenntnissen.

deutsche Konvertiten auf Youtube

deutsche Konvertiten auf Youtube

Wie kommt es, fragt man sich, daß eine unserer Geisteswelt weit entfernte Religion und Kultur solch eine Attraktion ausüben kann? Einige werden sogar Gotteskrieger, kämpfen für islamistische Truppen oder sprengen sich für die heilig angenommene Sache in die Luft. Nicht selten sind es intelligente junge Männer, mit Abitur und oft glänzenden Aussichten. Einfache Erklärungen helfen nicht weiter. Einerseits müssen wir akzeptieren, daß die moderne Gesellschaft oft nicht mehr in der Lage ist, eine Sinngebung hervorzubringen, andererseits scheint gerade der Islam auf bestimmte Charaktere eine starke Magnetwirkung auszuüben. Um diesen ziehenden Anteil geht es hier.

  1. Der Islam in seinen wesentlichen Schriften bietet ein vergleichsweise einfaches Regelwerk und damit eine klare Strukturierung des Lebens.
  2. Theologisch wird die Lehre des Islam weder durch Komplikationen und Paradoxien (z.B. die Dreieinigkeit) beschwert, noch kennt er eine dem Christentum vergleichbare theologische Vielfalt und Differenzierung. Sein Lehrgebäude ist wesenhaft scholastisch und weitgehend abgeschlossen.
  3. Anhänger des Islam leben in der Überzeugung, Recht zu haben, auf der richtigen Seite zu stehen, sowohl historisch als auch theologisch. Der Islam wird siegen und er basiert auf der letztgültigen Offenbarung.
  4. Er befriedigt den agonalen maskulinen und adoleszenten Geist mit der Gewißheit, Sieger zu sein.
  5. Er beruhigt damit ein gewisses Protestbedürfnis junger Männer, gerade in einer „weichen“ Zeit, in der es scheinbar nichts mehr gibt, wogegen man sich auflehnen könnte.
  6. Muslime sind Internationalisten. Die Umma ermöglicht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, die Welt wird aufgeteilt in Gläubige und Ungläubige. Der Muslim trägt in erster Linie Verantwortung für sich selbst und für seine Glaubensgenossen.
  7. Viele Lehren des Islam enthalten einen inhärenten Männlichkeitskult. Der Koran spricht vornehmlich Männer an; er regelt zudem das Geschlechterverhältnis.
  8. Der männliche Konvertit bekommt das Versprechen, eine Frau zu finden, ohne daß er den komplizierten und verunsichernden Weg der Brautwerbung gehen muß. Diese Frau ist ihm zudem qua Scharia hörig.
  9. Es gibt eine strenge quantitative Begrenzung des Wissens. Wissenschaft im Islam heißt in erster Linie Konzentration auf Koran, Sunna, Hadithe und Rechtsschulen – es entfällt das Unendlichkeitskriterium des offenen Wissens.
  10. Der Islam bietet starke Vaterfiguren, was ihn in einer „vaterlosen Gesellschaft“ umso attraktiver macht. Statt schleichenden Autoritätsverlustes findet der junge suchende Mann in seinem Gott, dem Propheten und den Vaterfiguren in der Umma schützende Autorität.

Die moderne Gesellschaft mit ihren dekadenten Erscheinungen des Überflusses, der Materialität, der Entzauberung, des Sinn- und Gottesverlustes, der Offenheit …, vertreibt einen Teil ihrer Nachkommen, ekelt diese an. Auf der anderen Seite bietet der Islam als Sinnstiftung und bieten die muslimischen Gemeinschaften Heimat, Familie und Geborgenheit. Psychisch dürften diese jungen Männer durchschnittlich ihren Altersgenossen überlegen sein. Die Flucht vor der Freiheit in die Eindimensionalität setzt ungeahnte Kräfte frei.

Zwillinge: Jurastudent, Bundeswehrsoldat und Selbstmordattentäter

Zwillinge aus Castrop-Rauxel: Jurastudent, Bundeswehrsoldat und Selbstmordattentäter

.

Huhn oder Ei

Islam und Islamismus zu verstehen, gehört zu unseren dringendsten Aufgaben. Dazu gehört es, auf relevante Stimmen zu hören. In der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ erschien ein Artikel über und ein Interview mit Abdelkader Sadouni, einflußreicher Imam in Nizza, der Stadt des Terrors. Beides kann sehr gut dazu dienen, der Aufgabe ein klein wenig besser gerecht zu werden. (leicht gekürzt)

NizzaDer Imam von Nizza: “Die laizistische Verfaßtheit Frankreichs ist für die Attentate verantwortlich.“  

Abdelkader Sadouni, sunnitischer Prediger im Stadtzentrum: “Die Attentate sind alleinige Schuld der Franzosen.“

© Luca Steinmann/Il Giornale – 19/07/2016

Die Avenue Jean-Mèdecin, die Magistrale Nizzas, die vom Bahnhof bis zur Promenade des Anglais reicht, ist stark bevölkert. Sie wird von handtuch- und sonnenschirmbewaffneten Touristen überquert, die zum Strand gehen. Viele Einwohner Nizzas nutzen sie, um auf der Suche nach Schnäppchen von Geschäft zu Geschäft zu bummeln.

Die Bars und Restaurants sind voll und nichts läßt ahnen, daß sich die Stadt in diesem Moment im Ausnahmezustand befindet. Vor der Basilika Notre Dame treffen sich verschiedene Touristen, die die gotische Fassade photographieren.

Hinter der Kirche, genau gegenüber, wurde inmitten des historischen Zentrums eine Moschee errichtet. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Viertel zu einem islamischen Stadtteil entwickelt. Die Straßen werden ununterbrochen von Männern mit langen Bärten überquert, die Sandalen tragen und lange weiße Tuniken. Alle Lebensmittelläden verkaufen Halal-Produkte, die alten Weinboutiquen wurden in Islamzentren oder koranische Bibliotheken verwandelt. An der Seite der Moschee ist der Fußweg mit Modepuppen zugestellt, die lange weite Gewänder, typisch für die islamische Welt, für Frauen und Männer zu Schau stellen. Dahinter erblickt man ein Geschäft, in dessen Schaufenster neben Kinderbüchern mit Titeln wie „Warum Allah gut ist“, verschiedene Koranausgaben ausliegen.

Dieses Geschäft gehört Abdelkader Sadouni, einem malakitischen sunnitischen Imam mit algerischen Wurzeln, der nun schon seit einigen Jahren das Gesetz Allahs in Frankreich predigt. Immer wieder treten verschiedene Gruppen von Gläubigen ein, um irgendein Produkt zu erwerben, streng islamisch, oder um Rat einzuholen. Es sind Tage, in denen die muslimische Gemeinschaft Nizzas unter großem Druck steht und viele fragen den Imam, wie sie sich verhalten sollen. Der antwortet, man solle sich ruhig verhalten und das Wort Mohammeds weiterhin verbreiten. „Wir tragen für das, was passiert ist, keine Verantwortung – schuldig sind andere“, sagt er.

Abdelkader Sadouni ist einer der am meisten gehörten Prediger Nizzas. Seine Popularität verdankt er seinen Predigten in der Moschee, seinem Geschäft im Zentrum des Viertels, aber auch einer privilegierten Beziehung zu Christian Estrosi, dem ehemaligen Bürgermeister und dem heutigen Regionalpräsidenten. In diesen Tagen wird Estrosi für seine zweideutigen Kontakte mit radikalen Muslimen angegriffen, für Sadouni sind das allerdings nur fruchtlose Polemiken.

——————————————————————————————————–

Nizza ist die Hauptstadt der europäischen foreign fighters. Mehr als 100 junge Männer der islamischen Kommune sind nach Syrien gereist. Sie sind einer der bedeutendsten Anlaufpunkte dieser Gemeinschaft. Wie erklären Sie das Phänomen?

In den letzten Jahren waren wir regelmäßig Zeuge der Ausreise nach Syrien vieler junger Muslime aus Nizza, die oft sogar Frauen und Kinder mitnehmen. In den meisten Fällen handelt es sich um Personen, die alle Annehmlichkeiten der französischen Staatsbürgerschaft genießen und trotzdem entscheiden sie sich, die Côte d’Azur zu verlassen, um an einem bewaffneten Konflikt teilzunehmen, und das Risiko einzugehen, das eigene Leben und das der Familien aufs Spiel zu setzen. Das beweist das Versagen der französischen Politik im Hinblick auf den Islam. Die Diskriminierung der französischen Muslime, die islamophoben Attacken und das Verbot, die religiösen Symbole öffentlich zu nutzen, sind die Motive, die jene Jugendlichen dazu treibt, sich nicht als Teil der Gemeinschaft zu empfinden und sich zu entscheiden, sich mit jenen zusammenzuschließen, die sie als Ihresgleichen wahrnehmen. Meiner Meinung nach ist die Situation der Muslime in Frankreich der ausschlaggebende Faktor, der diese Leute in den Kampf treibt. Solange es nur so wenige Moscheen gibt, solange deren Konstruktion Proteste erregt, solange Muslime diskriminiert werden, so lange wird es diese Reaktionen geben. Zwar sicherlich falsche Reaktionen, aber eben reale und in deren Anbetracht muß man jene Phänomene ausrotten, die diese hervorbringen.

Sie klagen also das französische System an, für die Explosion des bewaffneten Djihadismus verantwortlich zu sein? Meinen Sie nicht, daß es auch interne Verantwortlichkeiten der muslimischen Kommune gibt?

Das Problem der muslimischen Kommune ist, daß sie keinen Platz im Inneren der französischen Gesellschaft findet. Frankreich ist ein laizistisches Land, das sich der Förderung der Religion und ihrer Manifestationen widersetzt. Indem sie das tut, treibt sie den Islam in einen Winkel, die Muslime werden diskriminiert und attackiert, nur weil sie ihren eigenen Glauben leben wollen. Das Problem ist nicht die muslimische Gemeinschaft, sondern die mangelnde Bereitschaft, ihr mehr Raum zu geben.

Die Laizität ist allerdings das Fundament der französischen Republik und der Werte, die die Revolution und die Aufklärung bejaht haben …

Die Laizität wäre ein richtiges Prinzip, wenn sie die Freiheit des Kultes für alle garantierte. Das geschieht gerade nicht. Die heutige Laizität ist ein Extremismus, der dazu tendiert, alle Religionen auszumerzen. Die Christen haben sich daran gewöhnt, die Muslime machen das nicht, weil es eine Ungerechtigkeit wäre. Wenn die Laizität weiterhin so angewandt wird wie heute, wird der Wunsch, sich unter Muslimen, die nach Syrien gehen, zu vereinen, in vielen Jugendlichen sehr stark erhalten bleiben.

Sie verstehen also die Gründe derjenigen, die in den Djihad ziehen?

Ja, ich verstehe sie, aber ich rechtfertige sie nicht. ISIS repräsentiert eine starke und gewalttätige Identität, die deshalb viele junge Menschen anzieht. Menschen, die sich nicht als Teil Europas verstehen, sind weniger durch ihre eigenen Anfänge als durch die eigenen religiösen Wurzeln angezogen.

Sie sind ein sehr bekannter Imam in Nizza und Sie werden sicherlich von vielen jungen Leuten angesprochen, die Ihnen den Willen, zu ISIS zu gehen, deutlich machen. Was sagen Sie denen?

Ich sage, daß ISIS nicht der Islam ist und daß die Unterstützung, die sie ihm geben, nicht gerechtfertigt ist. Ich lade sie ein, mir in die Moschee zu folgen, wo sie die Botschaft des Propheten wirklich verstehen können und sich nicht in falsche Interpretationen des Korans verstricken, die sie oft im Internet aufschnappen.

Die Daten der Gendarmerie zeigen jedoch, daß fast die Gesamtheit derjenigen, die abgereist sind, sich in der Moschee radikalisiert haben, oft durch Predigten radikaler Imame. Wenn Sie ISIS bekämpfen wollen, müßten Sie doch versuchen zu verhindern, daß sich bestimmte Arten von Botschaften in den Kultorten übermittelt werden.

Ich stimme zu. Wir müssen verhindern, daß bestimmte falsche Interpretationen sich verbreiten. In Nizza gibt es viele verschiedene Gruppen von Muslimen, wie die Salafisten und die Muslimbrüder, zu denen ich nicht gehöre. Man muß darauf aufmerksam machen, denn die Gesetze des Islam finden in den Moscheen wie in der Gesellschaft Platz ohne den Terrorismus berühren zu müssen. Der erreicht nichts anderes, als die Attacken, die wir Muslime ohnehin schon erfahren, zu vermehren.

Sie sagen, daß nicht alle Muslime gleich sind und daß ISIS ein Feind ist. Denken Sie also, daß es notwendig sei, jene muslimischen Kräfte zu unterstützen – wie etwa das Syrien Assads – die gegen die Terroristen kämpfen?

Nein, das denke ich nicht. Ich denke, daß es hingegen notwendig ist, die Finanzen der Terroristen zu treffen. Mittlerweile wissen wir doch alle, daß Katar und Saudi-Arabien ISIS finanziert haben – man müßte verhindern, daß die Finanzierungen und Nachschübe die Krieger erreichen. Wie man auch die Finanzierung anderer terroristischer Gruppen abschneiden müßte, die den Terror im Nahen Osten im Kampf gegen ISIS verbreiten. Man müßte zum Beispiel versuchen zu verhindern, daß der Iran weiterhin die Hisbollah finanziert, die ihrerseits eine terroristische Vereinigung ist.

Sie verurteilen die Konstitution und die französischen Gesetze. Mit welchen anderen Gesetzen wollen sie das ersetzen? Mit denen des Korans?

Die Scharia ist Gottes Gesetz, nicht das Gesetz des Staates. Ich identifiziere mich mit der französischen Nation und ich möchte, daß diese Gesetze förderte, die es den Gläubigen gestatten, im öffentlichen und privaten Leben das göttliche Gesetz zu leben.

Quelle:
Il Giornale: L’imam di Nizza: „La laicità francese è responsabile per gli attentati“, 19.7.2016

 

München – islamistischer Terror

Der Anfang des Terrors ist nicht das ausgeführte Einzelattentat der einen Seite, sondern der Wille und die Bereitschaft von Konfliktpartnern, in der ausgeweiteten Konfliktzone zu operieren. (Peter Sloterdijk)

Schnell und fast ein wenig erleichtert war sich die deutsche Medienwelt einig, daß es sich bei dem Attentat in München nicht um Terror oder gar islamistischen Terror gehandelt hatte – zwischenzeitlich spielte man auch mit dem Begriff des Rechtsterrors. Die deutsche Sprache bietet für diese Art des Tötens das malaysische Wort „Amok“ an. Allerdings ist auch dieser Begriff offensichtlich falsch, denn der Amoklauf bezeichnet im europäischen Verständnis eine Affekttat, im fernöstlichen dagegen eine kriegerische Handlung, oft unter Einsatz von Drogen, die die vollkommene Selbstaufgabe beinhaltet, um dem Kriegsgegner größtmögliche Schäden zuzufügen, ihn aber auch einzuschüchtern.

Es geht hier nicht primär um die korrekte Wortfindung, wenn ich behaupte, daß es sich bei den Münchner Ereignissen ganz ohne Zweifel um islamistischen Terror handelte. Auch möchte ich nicht auf die zahlreichen Widersprüche eingehen, vor allem daß englische oder türkische Medien (und womöglich noch andere) auch zwei Tage nach der Tat noch immer von Zeugen berichteten, die ein „Allahu Akbar“ gehört haben wollen oder auf der Existenz von mehreren Tätern beharren, aber auch daß sie Bilder von drei Verhaftungen zeigen, daß der Nizza-Reporter Richard Gutjahr (der mit einer ehemaligen Mossad-Agentin verheiratet ist) ausgerechnet gleichfalls in München in der ersten Reihe stand etc. Das Takbīr ist nicht zuletzt durch westliche Medien zum Inbegriff des Terrors geworden. Und schließlich spielen auch die deutsch-iranischen Wurzeln des Attentäters keine Rolle in meinen Überlegungen: Ali S. ist in München aufgewachsen, ging hier zur Schule und ist mithin Deutscher – im Dialog mit einem Anwohner, der ihn „Wichser“ nannte, antwortete er: „Halten Sie die Schnauze, Mann!“ und beweist damit sogar im Extremfall eine tief verinnerlichte Höflichkeit.

Daß es sich bei der Schreckenstat um islamistischen Terror gehandelt hat, versteht man erst, wenn man die Bedeutung des Begriffes „Terror“ erfasst. „Terror“ heißt „Schreckensnachricht“, das Wort beschreibt die Wirkung, die psychische Wirkung der Tat und nicht die Tat selbst. Diese Differenzierung ist wesentlich.

Sie macht die Tat unmittelbar als Terror sichtbar. Instinktiv – denn die Angst sitzt bereits in uns – dürften fast alle Menschen an islamistischen Terror gedacht haben, als sie die Nachricht – wo und wie auch immer – erhielten. Für den ersten Augenblick ließ vieles auf das Terrormuster islamistischer Extremisten schließen: Schüsse in einem Einkaufszentrum, mehrere Täter und auch die ersten Bilder eines dunkelhaarigen jungen Mannes mit Rucksack paßten ins Bild. Kaum jemandem dürfte in diesem Moment der seltsame Gang des jungen Mannes aufgefallen sein und erste Zweifel kamen erst mit Veröffentlichung des Dialogs auf dem Parkhaus auf.

Was Terror ist, entscheidet nicht der Täter, der Sender der Schreckensnachricht, sondern liegt im Auge des Betrachters, beim Empfänger, in der Wirkung auf ihn.

Noch die verspätete Wortmeldung Merkels enthält mit den Worten „Immer sind es Orte, an denen jeder von uns hätte sein können. So kann ich jeden verstehen, der heute mit Beklommenheit auf eine Menschenmenge zugeht, der im Hinterkopf die Frage hat, ob er dann sicher ist“, den immanenten Terrorbezug und die Kontinuität der Interpretationen. „Wir alle stehen noch unter dem Eindruck der Bilder, der Berichte der Augenzeugen … So ein Abend, so eine Nacht, sind schwer zu ertragen. Sie sind umso schwerer zu ertragen, als wir so viele Schreckensnachrichten binnen ganz weniger Tage hinnehmen mußten.“ Hinnehmen mußten wir islamistischen Terror in Orlando und in Nizza und in Würzburg, Merkel definiert in ihrer Ansprache Terror schlechthin.

Islamistisch ist der Terror aufgrund seiner Kontinuität. Es hätte jede andere Form von Terror sein können – rechter, linker, religiöser, veganer, NSU-, Tierschutz-, Abtreibungs- oder Fußballterror … –, aber in München war es islamistischer Terror, weil wir in einer Situation leben, in der Terror wesentlich islamistisch besetzt ist. Der islamistische Terror ist die mit Abstand größte Terrorangst unserer Tage und es müßte schon eine Moschee Ziel eines Anschlags sein, um unsere unmittelbaren Gedanken umzulenken und selbst dann würden wir noch an einen innerislamischen Zusammenhang denken.

Der islamistische Terror, der 2001 eine Urszene schuf, die sich auf ewig ins kollektive Bewußtsein fraß, der seither fast 30 000 Menschen tötete und ein Vielfaches davon verstümmelte und verletzte und Milliarden beeindruckte, hat es geschafft und arbeitet durch tagtägliche Wiederholung weiterhin daran, das Adjektiv nahezu überflüssig zu machen.

Selbst wenn des Täters Überlegungen in andere Richtung gegangen sein sollten – Breivik oder Winnenden oder Columbine –, dürfte auch er gewußt haben, daß seine Tat diese Konnotation herstellt; weshalb sonst bestand er auf seinem Deutschsein?

Es spielt auch keine Rolle, was er dachte: München war so oder so islamistischer Terror.

Siehe auch: Die Botschaft des Terrors

Unterschätzt

Nun, nachdem feststeht, daß auch Khaled die Stadt verläßt, stellt sich eine neue Frage. Die habe ich und die haben wohl auch viele Willkommenskulturisten unterschätzt.

Nach sieben Monaten recht intensiven Kontaktes hat sich zwangsläufig eine persönliche Nähe aufgebaut. Irgendwann, wenn die Syrer ihren Asylbescheid haben, verschwinden sie dann aus der sächsischen Provinz, ziehen in die großen Städte, zu Verwandten – man hat überhaupt keine Vorstellung, wie viele Großfamilien bereits über das ganze Land verstreut sind –, suchen sich nach erfolgtem Familiennachzug eigene Wohnungen oder finden, wie eben Khaled, eine Braut und ziehen zu ihr. Ihn wird es nach Baden Württemberg verschlagen. Dort wird er bei der Familie seiner Verlobten wohnen: Mutter, zwei Geschwister. In dem kleinen Ort Möckmühl gibt es bereits eine kleine syrische Gemeinde.

Ich fühle mich ein wenig ausgelaugt. Kann mir im Moment nicht vorstellen, all die emotionale Energie noch einmal aufzubringen. Es geht nicht um die Zeit, nicht um „Streß“, es geht einzig und allein um die Frage: wie oft kann man emotionale Beziehungen aufbauen, wie viele Trennungen kann man verkraften, ohne seelisch abzustumpfen. Und sicher geht das vielen anderen ebenfalls so.

Sollte es eine neue Welle an Asylsuchenden geben, sollten erneut ehrenamtliche Helfer gesucht werden, dann vermutlich ohne mich. Auch deswegen werden wir es nicht schaffen: der Nachschub ist potentiell endlos, die eigenen Kräfte sind es nicht.

Islamismus – Ein- und Ausstieg

„Zahlreiche Politiker des rechten Flügels hat man lange Zeit als Rassisten bezeichnet, weil sie behaupteten, daß die dänischen Islamisten die Fünfte Kolonne des Kalifats seien. Es war einfach, diese Behauptungen abzuschießen, denn was wußten die Leute schon, die außerhalb standen und von außen in ein Milieu schauten, das sie nicht kannten? Aber ich, der ich jahrelang im Zentrum dieser Welt gestanden habe, muß heute zugeben: Sie hatten recht.“ Ahmed Akkari

Es gibt inzwischen dutzende Ausstiegsbücher, aber das vielleicht wichtigste wird dem deutschen Leser wohl nie bekannt werden. Ahmed Akkaris „Mein Abschied vom Islamismus“ zeichnet sich gleich mehrfach aus. Akkari überragt die meisten seiner Schicksalsgenossen durch Intelligenz und Gelehrsamkeit, er war an der Spitze der islamistischen Bewegung und Hauptverantwortlicher für die größte Nachkriegskrise des kleinen Dänemark, seine Einsichten in das System des Islamismus sind daher exklusiv. Und seine Abkehr von der Ideologie ist ein seltenes Beispiel, daß auch die tolerante, weiche Auseinandersetzung der Demokratie mit den Fanatikern zu Erfolgen führen kann.

Vor allem aber führt er den Leser in seinem voluminösen Buch in eine Parallelwelt, deren Existenz man sich kaum vorstellen mag. Ich jedenfalls saß gebannt und geschockt wie lange nicht mehr vor diesem Buch!

Darin erzählt er sein Leben, erklärt, wie ein gut aufgenommener libanesischer Junge aus säkularer Familie sich radikalisieren und in den innersten Zirkel des Fanatismus eindringen konnte und er verdeutlicht uns im zweiten Teil die wahren Hintergründe der Katastrophe um die Mohammed-Karikaturen, die Dänemark und Europa verändert haben. Dieser Schock sitzt tief und ist noch längst nicht überwunden.

Trotz eines sicheren Elternhauses treibt ein gewisses metaphysisches Ungenügen den jungen Eleven in die Arme der Ålborger Moschee. Dort erfährt er Respekt, Zusammenhalt, Wärme,  Anerkennung. Sein Lerneifer wird schnell bemerkt und angefeuert. Allmählich eignet er sich islamisches Wissen an, es werden ihm erste Aufgaben und Predigten überantwortet, was das Selbstwertgefühl des jungen und kleinen Mannes ungemein steigert. Unter diesen Vorzeichen übersieht man schnell die internen Machtkämpfe oder die Divergenzen zwischen den verschiedenen islamistischen Schulen – Salafisten, Muslimbrüder, Djihadisten, Dawaer etc. Sogenannter Arabisch-Unterricht für Kinder wird zur religiösen Indoktrination genutzt. Gemeinnützige Ziele – Kultur- oder Sportvereine etwa – werden vorgeschützt, um die Behörden hinters Licht zu führen.

Akkari schätzt, daß etwa ein Viertel aller dänischen Muslime im Banne des Islamismus stehen. Am gesellschaftlichen Leben sind sie nicht interessiert, es sei denn, es geht um die Sozialhilfe oder die letzten „islamfeindlichen“ Äußerungen der Dansk Folkeparti. Alle TV-Schüsseln in den Vorstadt-Gettos sind gen Mekka gerichtet. Moderate und integrierte Muslime ließen sich in den Moscheen in Aarhus, Odense, Ålborg oder Kopenhagen nicht sehen. Die meist nur gering ausgebildeten Flüchtlinge und Einwanderer aus dem Nahen Osten, die einen großen Teil der Auditorien ausmachten, hatten „nie einen gesunden Sinn für Kritik ausgebildet und die Vielfältigkeit der Welt in den Schulen gelernt, und sie waren daher prädestiniert, mit einfachen Regeln, die keinerlei Zweifel über richtig und falsch ließen, zu leben.“

So wurde Akkari immer tiefer und in unmerklichen Schritten in die Gehirnwäsche hinein gesaugt und mußte zwangsläufig mit der dänischen Gesellschaft kollidieren. Doch die Dänen sind hypertolerant und vergeben ihm gleich zwei Mal. Nur so kann er seinen Spagat zwischen radikalem Prediger und Student bzw. Lehrer aufrecht erhalten und im Nachhinein, so konstatiert Akkari, hat ihm das das Leben gerettet. Hätte die dänische Gesellschaft mit einem Ausschluß reagiert, dann wäre er verloren gewesen, dann wäre er vollständig im Sumpf des Islamismus versunken. Nur dank der Bereitschaft der dänischen Menschen und Institutionen wissen wir heute, was hinter den Türen der Moscheen und der Wohnungen geschieht.

Dort schöpft man zum Beispiel alle finanziellen und juristischen Mittel des Sozial- und Rechtsstaates gnadenlos ab, lacht sich aber ins Fäustchen ob der Naivität. Führende Islamisten kommen wegen der kostenlosen medizinischen Behandlung selbst mit Familienmitgliedern in das Land, das sie als verkommen und dekadent bekämpfen. Es fließen Schwarzgelder. An den religiösen Freischulen, an denen Akkari als Lehrer arbeitete, die alle vom Staat finanziert werden, wird hart ideologisch gearbeitet und eine wunderbare Show aufgeführt, wenn ministerielle Kontrollen durchgeführt werden …

Kurz und schlecht – ich muß mich hier bescheiden – Akkari beschreibt en detail eine voll ausgebildete Parallelwelt mit all ihrer Infrastruktur und es wäre naiv zu glauben, dies sei nur ein dänisches Phänomen. In ihr herrscht weitgehend die Überzeugung, daß das Bestehlen und Betrügen von Ungläubigen legitim sei, daß man eine zivile Fassade zu wahren habe, hinter der die eigenen Interessen durchgesetzt werden können.

Diese Fassade brach kurzzeitig in der Mohammed-Krise zusammen und Akkari war an erster Stelle. Er war Teil jener Delegationen nach Ägypten und in den Nahen Osten, die durch Doppelspiel und Falschinformation „Dänemark in die Knie zwingen“, die den ganz großen Clash provozieren wollte. Hunderte Tote waren in der islamischen Welt bei inszenierten Massenprotesten zu beklagen, Ambassaden brannten, die dänische Wirtschaft wurde durch Boykotte empfindlich getroffen, tausende Arbeitsplätze gingen verloren, eine ganze Reihe von Menschen müssen seither unter permanentem Polizeischutz leben … Dänemark ist seitdem ein anderes Land und die „Dänische Volkspartei“ wäre heute vielleicht nicht dort, wo sie ist – in Regierungsverantwortung –, wenn das skandinavische Land diesen Gewaltausbruch und den damit verbundenen Schock nicht hätte erleben müssen. Die Geschichte dieses Großereignisses muß nach Akkaris minutiösen Auflistungen neu geschrieben werden.

All dies zu erfahren, macht das Buch schon höchst bedeutsam. Wirklich ergreifend wird es, wenn man Akkaris Gründe für den Ausstieg begreift. Natürlich ist er abgestoßen von der Realität des radikalen Islam, der mit dem Ideal der Religion wenig zu tun hat, aber entscheidend ist der Umgang seiner zivilgesellschaftlichen Umgebung. Obwohl er dem Land unermeßlichen Schaden zugefügt hatte, begegnet man ihm immer wieder mit Offenheit, gewährt man ihm seine bürgerlichen Rechte, ja tritt sogar aktiv dafür ein. Akkari ist ein lebendes, wenn auch extrem seltenes Beispiel dafür, daß die urchristliche Botschaft des „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Matthäus 5,39), funktionieren kann. Er ist auch ein Beweis dafür, daß Abneigung und Ausschluß in vielen Fällen wohl eher ein Beitrag zur Radikalisierung sind.

Die westlichen Gesellschaften haben demnach die schwere und schier unlösbare Aufgabe vor sich, dem Islam und dem Islamismus auf dem schmalen Grad zwischen Verteidigung des Eigenen und verständiger Akzeptanz des anderen zu begegnen. Gelingt dies nicht, wird der demographisch wachsende Islam unmerklich nach den wehrlosen Wirtsgesellschaften greifen oder sie aktiv und möglicherweise gewaltsam bekämpfen.

Ahmed Akkari lebt heute aus Sicherheitsgründen auf Grönland. Sein Buch sollte in alle Weltsprachen übersetzt werden.

Ahmed Akkari: Min afsked med islamismen. Muhammedkrisen, dobbeltspillet og kampen mod Danmark. Viborg 2016 (2014)