Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

Der Niedergang der Presse

Es gab eine Zeit, in der man sich aus Überzeugung ein bestimmtes Blatt hielt. Politiker, Geschäftsleute, Intellektuelle, die einen umfassenden Blick haben wollten, lasen gleich mehrere Gazetten: den „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt am Sonntag“ als Wochenzeitungen und die „FAZ“, die „Süddeutsche“, die „Welt“ und vielleicht auch die „TAZ“ als Tageszeitungen. Das war durchaus sinnvoll, denn kein Blatt war wie das andere. Nicht nur unterschieden sie sich durch die politische Ausrichtung und einen eigenen Ton, nein, sie brachten auch unterschiedliche Nachrichten. Es gab investigativen Journalismus – befähigte Mitarbeiter mit fachlichen Kompetenzen und einer eigenen Feder recherchierten oft wochen- oder monatelang, um dann ein Knallbonbon zum Platzen zu bringen. Und was der eine brachte, war für den anderen Tabu. So garantierte Wettbewerb Qualität.

Spätestens nach der Machtübernahme des Internets sind diese Zeiten vorbei. Heute, so hat es den Anschein, besteht die Orientierung des Journalisten nicht mehr im Raum, sondern in der Zeit. Nicht Tiefe oder Labyrinth, sondern Schnelligkeit ist die Zentralkategorie. Man hat den Eindruck, als sitze man in den Redaktionsstuben nur noch am DPA-Ticker, um ja als erster, mit einem Vorsprung von wenigen Minuten oder Sekunden, die Nachricht in die Welt plärren zu können. Oft steht dann „Eilmeldung“ – man weiß noch nichts, aber man muß schon berichten. Alle berichten das gleiche.

Mit dem Willkommenskultursommer wurde zudem die inhaltliche Gleichschaltung evident. Zwar gab es noch immer vereinzelte charakteristische Stimmen – nur weil es sie gibt, kann Klonovsky (vom 15.7.2016) sie so trefflich parodieren –, die Botschaft, die sie auf verschiedene Weise verkündeten, wurde zunehmend ununterscheidbar, von einigen seltenen defätistischen und pseudo-legitimierenden Gastbeiträgen, die die Meinungsvielfalt vortäuschen sollten, unterbrochen. Nehmen wir nur die Spiegel-Kolumne: Jakob Augstein, Sascha Lobo, Margarete Stokowski, Sibylle Berg, Georg Diez – alle haben einen eigenen Stil, aber seit einem Jahr sind ihre Beiträge vorhersagbar wie der Sonnenuntergang und nur durch geringfügige inhaltliche Differenzen zu unterscheiden. An dieser Phalanx läßt sich die unsägliche Linkslastigkeit der Zentralmedien, die an anderer Stelle bereits analysiert wurde, wunderbar vorführen.

Nun fährt die Journaille die Ernte ein, die sie selbst gesät hat, nun kippt der Kahn, auf dem alle nach Backbord laufen. Die Verkaufszahlen brechen massiv ein. Das Volk traut seiner Presse nicht mehr und auch die Redakteure sind plötzlich gezwungen, das ungeliebte Spiel mitzuspielen.

Ich stelle mir vor: Ein Beitrag wie dieser – Linken-Politiker setzte sich für Bleiberecht von Syrer ein –, den alle Medien brachten, muß fürchterlich geschmerzt haben. Darin wird berichtet, daß die Abschiebung des späteren Selbstmordattentäters von Ansbach von einem Bundestagspolitiker der Linken verzögert wurde, damit Mohammed Daleel seine Therapie zu Ende führen darf.

Daran ist an sich nichts verwerflich und niemand konnte ahnen, wozu der Mann in der Lage sein würde. Darüber hinaus ist die Nachricht unbedeutend und vergleichsweise irrelevant. Aber der Beitrag heizt natürlich die empfindsame Stimmung an und stellt einen unausgesprochenen Zusammenhang zwischen linker Willkommenskultur und Terrorgefahr her, genau jenen Konnex also, den man bisher herzustellen mit allen Mitteln vermeiden wollte. Aber weil nicht mehr Raum, sondern Zeit das entscheidende Kriterium der Pressearbeit ist und weil man weiß, daß die Meldung ohnehin auf anderen Kanälen verbreitetet werden wird, und weil man auch weiß, daß ein Verschweigen der Meldung als Beweis für die „Lügen- oder Lückenpresse“ wird herhalten müssen, ist man gezwungen, zähneknirschend, wie ich vermute, diese Meldung so zu bringen.

Und damit fährt die Presse die Ernte jener Saat ein, die seit letztem Sommer von ihr ausgesät worden war. Die Presse schafft sich ab.

 Zur Vertiefung: Das rote Mehr

 

 

Die Faszination des Islam

Wenn man sich auch nur ein klein wenig mit dem Islam in Deutschland beschäftigt, dann kommt man nicht umhin, die Menge an Youtube-Videos zu bemerken, die junge deutsche Konvertiten voller Stolz und meist mit missionarischem Eifer ins Netz stellen. Junge Männer mit Ziegenbärten, diversen Kopfbedeckungen und oft beeindruckenden Arabisch- und Korankenntnissen.

deutsche Konvertiten auf Youtube

deutsche Konvertiten auf Youtube

Wie kommt es, fragt man sich, daß eine unserer Geisteswelt weit entfernte Religion und Kultur solch eine Attraktion ausüben kann? Einige werden sogar Gotteskrieger, kämpfen für islamistische Truppen oder sprengen sich für die heilig angenommene Sache in die Luft. Nicht selten sind es intelligente junge Männer, mit Abitur und oft glänzenden Aussichten. Einfache Erklärungen helfen nicht weiter. Einerseits müssen wir akzeptieren, daß die moderne Gesellschaft oft nicht mehr in der Lage ist, eine Sinngebung hervorzubringen, andererseits scheint gerade der Islam auf bestimmte Charaktere eine starke Magnetwirkung auszuüben. Um diesen ziehenden Anteil geht es hier.

  1. Der Islam in seinen wesentlichen Schriften bietet ein vergleichsweise einfaches Regelwerk und damit eine klare Strukturierung des Lebens.
  2. Theologisch wird die Lehre des Islam weder durch Komplikationen und Paradoxien (z.B. die Dreieinigkeit) beschwert, noch kennt er eine dem Christentum vergleichbare theologische Vielfalt und Differenzierung. Sein Lehrgebäude ist wesenhaft scholastisch und weitgehend abgeschlossen.
  3. Anhänger des Islam leben in der Überzeugung, Recht zu haben, auf der richtigen Seite zu stehen, sowohl historisch als auch theologisch. Der Islam wird siegen und er basiert auf der letztgültigen Offenbarung.
  4. Er befriedigt den agonalen maskulinen und adoleszenten Geist mit der Gewißheit, Sieger zu sein.
  5. Er beruhigt damit ein gewisses Protestbedürfnis junger Männer, gerade in einer „weichen“ Zeit, in der es scheinbar nichts mehr gibt, wogegen man sich auflehnen könnte.
  6. Muslime sind Internationalisten. Die Umma ermöglicht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, die Welt wird aufgeteilt in Gläubige und Ungläubige. Der Muslim trägt in erster Linie Verantwortung für sich selbst und für seine Glaubensgenossen.
  7. Viele Lehren des Islam enthalten einen inhärenten Männlichkeitskult. Der Koran spricht vornehmlich Männer an; er regelt zudem das Geschlechterverhältnis.
  8. Der männliche Konvertit bekommt das Versprechen, eine Frau zu finden, ohne daß er den komplizierten und verunsichernden Weg der Brautwerbung gehen muß. Diese Frau ist ihm zudem qua Scharia hörig.
  9. Es gibt eine strenge quantitative Begrenzung des Wissens. Wissenschaft im Islam heißt in erster Linie Konzentration auf Koran, Sunna, Hadithe und Rechtsschulen – es entfällt das Unendlichkeitskriterium des offenen Wissens.
  10. Der Islam bietet starke Vaterfiguren, was ihn in einer „vaterlosen Gesellschaft“ umso attraktiver macht. Statt schleichenden Autoritätsverlustes findet der junge suchende Mann in seinem Gott, dem Propheten und den Vaterfiguren in der Umma schützende Autorität.

Die moderne Gesellschaft mit ihren dekadenten Erscheinungen des Überflusses, der Materialität, der Entzauberung, des Sinn- und Gottesverlustes, der Offenheit …, vertreibt einen Teil ihrer Nachkommen, ekelt diese an. Auf der anderen Seite bietet der Islam als Sinnstiftung und bieten die muslimischen Gemeinschaften Heimat, Familie und Geborgenheit. Psychisch dürften diese jungen Männer durchschnittlich ihren Altersgenossen überlegen sein. Die Flucht vor der Freiheit in die Eindimensionalität setzt ungeahnte Kräfte frei.

Zwillinge: Jurastudent, Bundeswehrsoldat und Selbstmordattentäter

Zwillinge aus Castrop-Rauxel: Jurastudent, Bundeswehrsoldat und Selbstmordattentäter

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Huhn oder Ei

Islam und Islamismus zu verstehen, gehört zu unseren dringendsten Aufgaben. Dazu gehört es, auf relevante Stimmen zu hören. In der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ erschien ein Artikel über und ein Interview mit Abdelkader Sadouni, einflußreicher Imam in Nizza, der Stadt des Terrors. Beides kann sehr gut dazu dienen, der Aufgabe ein klein wenig besser gerecht zu werden. (leicht gekürzt)

NizzaDer Imam von Nizza: “Die laizistische Verfaßtheit Frankreichs ist für die Attentate verantwortlich.“  

Abdelkader Sadouni, sunnitischer Prediger im Stadtzentrum: “Die Attentate sind alleinige Schuld der Franzosen.“

© Luca Steinmann/Il Giornale – 19/07/2016

Die Avenue Jean-Mèdecin, die Magistrale Nizzas, die vom Bahnhof bis zur Promenade des Anglais reicht, ist stark bevölkert. Sie wird von handtuch- und sonnenschirmbewaffneten Touristen überquert, die zum Strand gehen. Viele Einwohner Nizzas nutzen sie, um auf der Suche nach Schnäppchen von Geschäft zu Geschäft zu bummeln.

Die Bars und Restaurants sind voll und nichts läßt ahnen, daß sich die Stadt in diesem Moment im Ausnahmezustand befindet. Vor der Basilika Notre Dame treffen sich verschiedene Touristen, die die gotische Fassade photographieren.

Hinter der Kirche, genau gegenüber, wurde inmitten des historischen Zentrums eine Moschee errichtet. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Viertel zu einem islamischen Stadtteil entwickelt. Die Straßen werden ununterbrochen von Männern mit langen Bärten überquert, die Sandalen tragen und lange weiße Tuniken. Alle Lebensmittelläden verkaufen Halal-Produkte, die alten Weinboutiquen wurden in Islamzentren oder koranische Bibliotheken verwandelt. An der Seite der Moschee ist der Fußweg mit Modepuppen zugestellt, die lange weite Gewänder, typisch für die islamische Welt, für Frauen und Männer zu Schau stellen. Dahinter erblickt man ein Geschäft, in dessen Schaufenster neben Kinderbüchern mit Titeln wie „Warum Allah gut ist“, verschiedene Koranausgaben ausliegen.

Dieses Geschäft gehört Abdelkader Sadouni, einem malakitischen sunnitischen Imam mit algerischen Wurzeln, der nun schon seit einigen Jahren das Gesetz Allahs in Frankreich predigt. Immer wieder treten verschiedene Gruppen von Gläubigen ein, um irgendein Produkt zu erwerben, streng islamisch, oder um Rat einzuholen. Es sind Tage, in denen die muslimische Gemeinschaft Nizzas unter großem Druck steht und viele fragen den Imam, wie sie sich verhalten sollen. Der antwortet, man solle sich ruhig verhalten und das Wort Mohammeds weiterhin verbreiten. „Wir tragen für das, was passiert ist, keine Verantwortung – schuldig sind andere“, sagt er.

Abdelkader Sadouni ist einer der am meisten gehörten Prediger Nizzas. Seine Popularität verdankt er seinen Predigten in der Moschee, seinem Geschäft im Zentrum des Viertels, aber auch einer privilegierten Beziehung zu Christian Estrosi, dem ehemaligen Bürgermeister und dem heutigen Regionalpräsidenten. In diesen Tagen wird Estrosi für seine zweideutigen Kontakte mit radikalen Muslimen angegriffen, für Sadouni sind das allerdings nur fruchtlose Polemiken.

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Nizza ist die Hauptstadt der europäischen foreign fighters. Mehr als 100 junge Männer der islamischen Kommune sind nach Syrien gereist. Sie sind einer der bedeutendsten Anlaufpunkte dieser Gemeinschaft. Wie erklären Sie das Phänomen?

In den letzten Jahren waren wir regelmäßig Zeuge der Ausreise nach Syrien vieler junger Muslime aus Nizza, die oft sogar Frauen und Kinder mitnehmen. In den meisten Fällen handelt es sich um Personen, die alle Annehmlichkeiten der französischen Staatsbürgerschaft genießen und trotzdem entscheiden sie sich, die Côte d’Azur zu verlassen, um an einem bewaffneten Konflikt teilzunehmen, und das Risiko einzugehen, das eigene Leben und das der Familien aufs Spiel zu setzen. Das beweist das Versagen der französischen Politik im Hinblick auf den Islam. Die Diskriminierung der französischen Muslime, die islamophoben Attacken und das Verbot, die religiösen Symbole öffentlich zu nutzen, sind die Motive, die jene Jugendlichen dazu treibt, sich nicht als Teil der Gemeinschaft zu empfinden und sich zu entscheiden, sich mit jenen zusammenzuschließen, die sie als Ihresgleichen wahrnehmen. Meiner Meinung nach ist die Situation der Muslime in Frankreich der ausschlaggebende Faktor, der diese Leute in den Kampf treibt. Solange es nur so wenige Moscheen gibt, solange deren Konstruktion Proteste erregt, solange Muslime diskriminiert werden, so lange wird es diese Reaktionen geben. Zwar sicherlich falsche Reaktionen, aber eben reale und in deren Anbetracht muß man jene Phänomene ausrotten, die diese hervorbringen.

Sie klagen also das französische System an, für die Explosion des bewaffneten Djihadismus verantwortlich zu sein? Meinen Sie nicht, daß es auch interne Verantwortlichkeiten der muslimischen Kommune gibt?

Das Problem der muslimischen Kommune ist, daß sie keinen Platz im Inneren der französischen Gesellschaft findet. Frankreich ist ein laizistisches Land, das sich der Förderung der Religion und ihrer Manifestationen widersetzt. Indem sie das tut, treibt sie den Islam in einen Winkel, die Muslime werden diskriminiert und attackiert, nur weil sie ihren eigenen Glauben leben wollen. Das Problem ist nicht die muslimische Gemeinschaft, sondern die mangelnde Bereitschaft, ihr mehr Raum zu geben.

Die Laizität ist allerdings das Fundament der französischen Republik und der Werte, die die Revolution und die Aufklärung bejaht haben …

Die Laizität wäre ein richtiges Prinzip, wenn sie die Freiheit des Kultes für alle garantierte. Das geschieht gerade nicht. Die heutige Laizität ist ein Extremismus, der dazu tendiert, alle Religionen auszumerzen. Die Christen haben sich daran gewöhnt, die Muslime machen das nicht, weil es eine Ungerechtigkeit wäre. Wenn die Laizität weiterhin so angewandt wird wie heute, wird der Wunsch, sich unter Muslimen, die nach Syrien gehen, zu vereinen, in vielen Jugendlichen sehr stark erhalten bleiben.

Sie verstehen also die Gründe derjenigen, die in den Djihad ziehen?

Ja, ich verstehe sie, aber ich rechtfertige sie nicht. ISIS repräsentiert eine starke und gewalttätige Identität, die deshalb viele junge Menschen anzieht. Menschen, die sich nicht als Teil Europas verstehen, sind weniger durch ihre eigenen Anfänge als durch die eigenen religiösen Wurzeln angezogen.

Sie sind ein sehr bekannter Imam in Nizza und Sie werden sicherlich von vielen jungen Leuten angesprochen, die Ihnen den Willen, zu ISIS zu gehen, deutlich machen. Was sagen Sie denen?

Ich sage, daß ISIS nicht der Islam ist und daß die Unterstützung, die sie ihm geben, nicht gerechtfertigt ist. Ich lade sie ein, mir in die Moschee zu folgen, wo sie die Botschaft des Propheten wirklich verstehen können und sich nicht in falsche Interpretationen des Korans verstricken, die sie oft im Internet aufschnappen.

Die Daten der Gendarmerie zeigen jedoch, daß fast die Gesamtheit derjenigen, die abgereist sind, sich in der Moschee radikalisiert haben, oft durch Predigten radikaler Imame. Wenn Sie ISIS bekämpfen wollen, müßten Sie doch versuchen zu verhindern, daß sich bestimmte Arten von Botschaften in den Kultorten übermittelt werden.

Ich stimme zu. Wir müssen verhindern, daß bestimmte falsche Interpretationen sich verbreiten. In Nizza gibt es viele verschiedene Gruppen von Muslimen, wie die Salafisten und die Muslimbrüder, zu denen ich nicht gehöre. Man muß darauf aufmerksam machen, denn die Gesetze des Islam finden in den Moscheen wie in der Gesellschaft Platz ohne den Terrorismus berühren zu müssen. Der erreicht nichts anderes, als die Attacken, die wir Muslime ohnehin schon erfahren, zu vermehren.

Sie sagen, daß nicht alle Muslime gleich sind und daß ISIS ein Feind ist. Denken Sie also, daß es notwendig sei, jene muslimischen Kräfte zu unterstützen – wie etwa das Syrien Assads – die gegen die Terroristen kämpfen?

Nein, das denke ich nicht. Ich denke, daß es hingegen notwendig ist, die Finanzen der Terroristen zu treffen. Mittlerweile wissen wir doch alle, daß Katar und Saudi-Arabien ISIS finanziert haben – man müßte verhindern, daß die Finanzierungen und Nachschübe die Krieger erreichen. Wie man auch die Finanzierung anderer terroristischer Gruppen abschneiden müßte, die den Terror im Nahen Osten im Kampf gegen ISIS verbreiten. Man müßte zum Beispiel versuchen zu verhindern, daß der Iran weiterhin die Hisbollah finanziert, die ihrerseits eine terroristische Vereinigung ist.

Sie verurteilen die Konstitution und die französischen Gesetze. Mit welchen anderen Gesetzen wollen sie das ersetzen? Mit denen des Korans?

Die Scharia ist Gottes Gesetz, nicht das Gesetz des Staates. Ich identifiziere mich mit der französischen Nation und ich möchte, daß diese Gesetze förderte, die es den Gläubigen gestatten, im öffentlichen und privaten Leben das göttliche Gesetz zu leben.

Quelle:
Il Giornale: L’imam di Nizza: „La laicità francese è responsabile per gli attentati“, 19.7.2016

 

München – islamistischer Terror

Der Anfang des Terrors ist nicht das ausgeführte Einzelattentat der einen Seite, sondern der Wille und die Bereitschaft von Konfliktpartnern, in der ausgeweiteten Konfliktzone zu operieren. (Peter Sloterdijk)

Schnell und fast ein wenig erleichtert war sich die deutsche Medienwelt einig, daß es sich bei dem Attentat in München nicht um Terror oder gar islamistischen Terror gehandelt hatte – zwischenzeitlich spielte man auch mit dem Begriff des Rechtsterrors. Die deutsche Sprache bietet für diese Art des Tötens das malaysische Wort „Amok“ an. Allerdings ist auch dieser Begriff offensichtlich falsch, denn der Amoklauf bezeichnet im europäischen Verständnis eine Affekttat, im fernöstlichen dagegen eine kriegerische Handlung, oft unter Einsatz von Drogen, die die vollkommene Selbstaufgabe beinhaltet, um dem Kriegsgegner größtmögliche Schäden zuzufügen, ihn aber auch einzuschüchtern.

Es geht hier nicht primär um die korrekte Wortfindung, wenn ich behaupte, daß es sich bei den Münchner Ereignissen ganz ohne Zweifel um islamistischen Terror handelte. Auch möchte ich nicht auf die zahlreichen Widersprüche eingehen, vor allem daß englische oder türkische Medien (und womöglich noch andere) auch zwei Tage nach der Tat noch immer von Zeugen berichteten, die ein „Allahu Akbar“ gehört haben wollen oder auf der Existenz von mehreren Tätern beharren, aber auch daß sie Bilder von drei Verhaftungen zeigen, daß der Nizza-Reporter Richard Gutjahr (der mit einer ehemaligen Mossad-Agentin verheiratet ist) ausgerechnet gleichfalls in München in der ersten Reihe stand etc. Das Takbīr ist nicht zuletzt durch westliche Medien zum Inbegriff des Terrors geworden. Und schließlich spielen auch die deutsch-iranischen Wurzeln des Attentäters keine Rolle in meinen Überlegungen: Ali S. ist in München aufgewachsen, ging hier zur Schule und ist mithin Deutscher – im Dialog mit einem Anwohner, der ihn „Wichser“ nannte, antwortete er: „Halten Sie die Schnauze, Mann!“ und beweist damit sogar im Extremfall eine tief verinnerlichte Höflichkeit.

Daß es sich bei der Schreckenstat um islamistischen Terror gehandelt hat, versteht man erst, wenn man die Bedeutung des Begriffes „Terror“ erfasst. „Terror“ heißt „Schreckensnachricht“, das Wort beschreibt die Wirkung, die psychische Wirkung der Tat und nicht die Tat selbst. Diese Differenzierung ist wesentlich.

Sie macht die Tat unmittelbar als Terror sichtbar. Instinktiv – denn die Angst sitzt bereits in uns – dürften fast alle Menschen an islamistischen Terror gedacht haben, als sie die Nachricht – wo und wie auch immer – erhielten. Für den ersten Augenblick ließ vieles auf das Terrormuster islamistischer Extremisten schließen: Schüsse in einem Einkaufszentrum, mehrere Täter und auch die ersten Bilder eines dunkelhaarigen jungen Mannes mit Rucksack paßten ins Bild. Kaum jemandem dürfte in diesem Moment der seltsame Gang des jungen Mannes aufgefallen sein und erste Zweifel kamen erst mit Veröffentlichung des Dialogs auf dem Parkhaus auf.

Was Terror ist, entscheidet nicht der Täter, der Sender der Schreckensnachricht, sondern liegt im Auge des Betrachters, beim Empfänger, in der Wirkung auf ihn.

Noch die verspätete Wortmeldung Merkels enthält mit den Worten „Immer sind es Orte, an denen jeder von uns hätte sein können. So kann ich jeden verstehen, der heute mit Beklommenheit auf eine Menschenmenge zugeht, der im Hinterkopf die Frage hat, ob er dann sicher ist“, den immanenten Terrorbezug und die Kontinuität der Interpretationen. „Wir alle stehen noch unter dem Eindruck der Bilder, der Berichte der Augenzeugen … So ein Abend, so eine Nacht, sind schwer zu ertragen. Sie sind umso schwerer zu ertragen, als wir so viele Schreckensnachrichten binnen ganz weniger Tage hinnehmen mußten.“ Hinnehmen mußten wir islamistischen Terror in Orlando und in Nizza und in Würzburg, Merkel definiert in ihrer Ansprache Terror schlechthin.

Islamistisch ist der Terror aufgrund seiner Kontinuität. Es hätte jede andere Form von Terror sein können – rechter, linker, religiöser, veganer, NSU-, Tierschutz-, Abtreibungs- oder Fußballterror … –, aber in München war es islamistischer Terror, weil wir in einer Situation leben, in der Terror wesentlich islamistisch besetzt ist. Der islamistische Terror ist die mit Abstand größte Terrorangst unserer Tage und es müßte schon eine Moschee Ziel eines Anschlags sein, um unsere unmittelbaren Gedanken umzulenken und selbst dann würden wir noch an einen innerislamischen Zusammenhang denken.

Der islamistische Terror, der 2001 eine Urszene schuf, die sich auf ewig ins kollektive Bewußtsein fraß, der seither fast 30 000 Menschen tötete und ein Vielfaches davon verstümmelte und verletzte und Milliarden beeindruckte, hat es geschafft und arbeitet durch tagtägliche Wiederholung weiterhin daran, das Adjektiv nahezu überflüssig zu machen.

Selbst wenn des Täters Überlegungen in andere Richtung gegangen sein sollten – Breivik oder Winnenden oder Columbine –, dürfte auch er gewußt haben, daß seine Tat diese Konnotation herstellt; weshalb sonst bestand er auf seinem Deutschsein?

Es spielt auch keine Rolle, was er dachte: München war so oder so islamistischer Terror.

Siehe auch: Die Botschaft des Terrors

Unterschätzt

Nun, nachdem feststeht, daß auch Khaled die Stadt verläßt, stellt sich eine neue Frage. Die habe ich und die haben wohl auch viele Willkommenskulturisten unterschätzt.

Nach sieben Monaten recht intensiven Kontaktes hat sich zwangsläufig eine persönliche Nähe aufgebaut. Irgendwann, wenn die Syrer ihren Asylbescheid haben, verschwinden sie dann aus der sächsischen Provinz, ziehen in die großen Städte, zu Verwandten – man hat überhaupt keine Vorstellung, wie viele Großfamilien bereits über das ganze Land verstreut sind –, suchen sich nach erfolgtem Familiennachzug eigene Wohnungen oder finden, wie eben Khaled, eine Braut und ziehen zu ihr. Ihn wird es nach Baden Württemberg verschlagen. Dort wird er bei der Familie seiner Verlobten wohnen: Mutter, zwei Geschwister. In dem kleinen Ort Möckmühl gibt es bereits eine kleine syrische Gemeinde.

Ich fühle mich ein wenig ausgelaugt. Kann mir im Moment nicht vorstellen, all die emotionale Energie noch einmal aufzubringen. Es geht nicht um die Zeit, nicht um „Streß“, es geht einzig und allein um die Frage: wie oft kann man emotionale Beziehungen aufbauen, wie viele Trennungen kann man verkraften, ohne seelisch abzustumpfen. Und sicher geht das vielen anderen ebenfalls so.

Sollte es eine neue Welle an Asylsuchenden geben, sollten erneut ehrenamtliche Helfer gesucht werden, dann vermutlich ohne mich. Auch deswegen werden wir es nicht schaffen: der Nachschub ist potentiell endlos, die eigenen Kräfte sind es nicht.

Islamismus – Ein- und Ausstieg

„Zahlreiche Politiker des rechten Flügels hat man lange Zeit als Rassisten bezeichnet, weil sie behaupteten, daß die dänischen Islamisten die Fünfte Kolonne des Kalifats seien. Es war einfach, diese Behauptungen abzuschießen, denn was wußten die Leute schon, die außerhalb standen und von außen in ein Milieu schauten, das sie nicht kannten? Aber ich, der ich jahrelang im Zentrum dieser Welt gestanden habe, muß heute zugeben: Sie hatten recht.“ Ahmed Akkari

Es gibt inzwischen dutzende Ausstiegsbücher, aber das vielleicht wichtigste wird dem deutschen Leser wohl nie bekannt werden. Ahmed Akkaris „Mein Abschied vom Islamismus“ zeichnet sich gleich mehrfach aus. Akkari überragt die meisten seiner Schicksalsgenossen durch Intelligenz und Gelehrsamkeit, er war an der Spitze der islamistischen Bewegung und Hauptverantwortlicher für die größte Nachkriegskrise des kleinen Dänemark, seine Einsichten in das System des Islamismus sind daher exklusiv. Und seine Abkehr von der Ideologie ist ein seltenes Beispiel, daß auch die tolerante, weiche Auseinandersetzung der Demokratie mit den Fanatikern zu Erfolgen führen kann.

Vor allem aber führt er den Leser in seinem voluminösen Buch in eine Parallelwelt, deren Existenz man sich kaum vorstellen mag. Ich jedenfalls saß gebannt und geschockt wie lange nicht mehr vor diesem Buch!

Darin erzählt er sein Leben, erklärt, wie ein gut aufgenommener libanesischer Junge aus säkularer Familie sich radikalisieren und in den innersten Zirkel des Fanatismus eindringen konnte und er verdeutlicht uns im zweiten Teil die wahren Hintergründe der Katastrophe um die Mohammed-Karikaturen, die Dänemark und Europa verändert haben. Dieser Schock sitzt tief und ist noch längst nicht überwunden.

Trotz eines sicheren Elternhauses treibt ein gewisses metaphysisches Ungenügen den jungen Eleven in die Arme der Ålborger Moschee. Dort erfährt er Respekt, Zusammenhalt, Wärme,  Anerkennung. Sein Lerneifer wird schnell bemerkt und angefeuert. Allmählich eignet er sich islamisches Wissen an, es werden ihm erste Aufgaben und Predigten überantwortet, was das Selbstwertgefühl des jungen und kleinen Mannes ungemein steigert. Unter diesen Vorzeichen übersieht man schnell die internen Machtkämpfe oder die Divergenzen zwischen den verschiedenen islamistischen Schulen – Salafisten, Muslimbrüder, Djihadisten, Dawaer etc. Sogenannter Arabisch-Unterricht für Kinder wird zur religiösen Indoktrination genutzt. Gemeinnützige Ziele – Kultur- oder Sportvereine etwa – werden vorgeschützt, um die Behörden hinters Licht zu führen.

Akkari schätzt, daß etwa ein Viertel aller dänischen Muslime im Banne des Islamismus stehen. Am gesellschaftlichen Leben sind sie nicht interessiert, es sei denn, es geht um die Sozialhilfe oder die letzten „islamfeindlichen“ Äußerungen der Dansk Folkeparti. Alle TV-Schüsseln in den Vorstadt-Gettos sind gen Mekka gerichtet. Moderate und integrierte Muslime ließen sich in den Moscheen in Aarhus, Odense, Ålborg oder Kopenhagen nicht sehen. Die meist nur gering ausgebildeten Flüchtlinge und Einwanderer aus dem Nahen Osten, die einen großen Teil der Auditorien ausmachten, hatten „nie einen gesunden Sinn für Kritik ausgebildet und die Vielfältigkeit der Welt in den Schulen gelernt, und sie waren daher prädestiniert, mit einfachen Regeln, die keinerlei Zweifel über richtig und falsch ließen, zu leben.“

So wurde Akkari immer tiefer und in unmerklichen Schritten in die Gehirnwäsche hinein gesaugt und mußte zwangsläufig mit der dänischen Gesellschaft kollidieren. Doch die Dänen sind hypertolerant und vergeben ihm gleich zwei Mal. Nur so kann er seinen Spagat zwischen radikalem Prediger und Student bzw. Lehrer aufrecht erhalten und im Nachhinein, so konstatiert Akkari, hat ihm das das Leben gerettet. Hätte die dänische Gesellschaft mit einem Ausschluß reagiert, dann wäre er verloren gewesen, dann wäre er vollständig im Sumpf des Islamismus versunken. Nur dank der Bereitschaft der dänischen Menschen und Institutionen wissen wir heute, was hinter den Türen der Moscheen und der Wohnungen geschieht.

Dort schöpft man zum Beispiel alle finanziellen und juristischen Mittel des Sozial- und Rechtsstaates gnadenlos ab, lacht sich aber ins Fäustchen ob der Naivität. Führende Islamisten kommen wegen der kostenlosen medizinischen Behandlung selbst mit Familienmitgliedern in das Land, das sie als verkommen und dekadent bekämpfen. Es fließen Schwarzgelder. An den religiösen Freischulen, an denen Akkari als Lehrer arbeitete, die alle vom Staat finanziert werden, wird hart ideologisch gearbeitet und eine wunderbare Show aufgeführt, wenn ministerielle Kontrollen durchgeführt werden …

Kurz und schlecht – ich muß mich hier bescheiden – Akkari beschreibt en detail eine voll ausgebildete Parallelwelt mit all ihrer Infrastruktur und es wäre naiv zu glauben, dies sei nur ein dänisches Phänomen. In ihr herrscht weitgehend die Überzeugung, daß das Bestehlen und Betrügen von Ungläubigen legitim sei, daß man eine zivile Fassade zu wahren habe, hinter der die eigenen Interessen durchgesetzt werden können.

Diese Fassade brach kurzzeitig in der Mohammed-Krise zusammen und Akkari war an erster Stelle. Er war Teil jener Delegationen nach Ägypten und in den Nahen Osten, die durch Doppelspiel und Falschinformation „Dänemark in die Knie zwingen“, die den ganz großen Clash provozieren wollte. Hunderte Tote waren in der islamischen Welt bei inszenierten Massenprotesten zu beklagen, Ambassaden brannten, die dänische Wirtschaft wurde durch Boykotte empfindlich getroffen, tausende Arbeitsplätze gingen verloren, eine ganze Reihe von Menschen müssen seither unter permanentem Polizeischutz leben … Dänemark ist seitdem ein anderes Land und die „Dänische Volkspartei“ wäre heute vielleicht nicht dort, wo sie ist – in Regierungsverantwortung –, wenn das skandinavische Land diesen Gewaltausbruch und den damit verbundenen Schock nicht hätte erleben müssen. Die Geschichte dieses Großereignisses muß nach Akkaris minutiösen Auflistungen neu geschrieben werden.

All dies zu erfahren, macht das Buch schon höchst bedeutsam. Wirklich ergreifend wird es, wenn man Akkaris Gründe für den Ausstieg begreift. Natürlich ist er abgestoßen von der Realität des radikalen Islam, der mit dem Ideal der Religion wenig zu tun hat, aber entscheidend ist der Umgang seiner zivilgesellschaftlichen Umgebung. Obwohl er dem Land unermeßlichen Schaden zugefügt hatte, begegnet man ihm immer wieder mit Offenheit, gewährt man ihm seine bürgerlichen Rechte, ja tritt sogar aktiv dafür ein. Akkari ist ein lebendes, wenn auch extrem seltenes Beispiel dafür, daß die urchristliche Botschaft des „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Matthäus 5,39), funktionieren kann. Er ist auch ein Beweis dafür, daß Abneigung und Ausschluß in vielen Fällen wohl eher ein Beitrag zur Radikalisierung sind.

Die westlichen Gesellschaften haben demnach die schwere und schier unlösbare Aufgabe vor sich, dem Islam und dem Islamismus auf dem schmalen Grad zwischen Verteidigung des Eigenen und verständiger Akzeptanz des anderen zu begegnen. Gelingt dies nicht, wird der demographisch wachsende Islam unmerklich nach den wehrlosen Wirtsgesellschaften greifen oder sie aktiv und möglicherweise gewaltsam bekämpfen.

Ahmed Akkari lebt heute aus Sicherheitsgründen auf Grönland. Sein Buch sollte in alle Weltsprachen übersetzt werden.

Ahmed Akkari: Min afsked med islamismen. Muhammedkrisen, dobbeltspillet og kampen mod Danmark. Viborg 2016 (2014)

Entwarnung: Moscheenzensus

Wieder so ein Qualitätsprodukt der Leitmedien. „Experten rechnen vor“ – wer die Experten sind, bleibt ungesagt.

Focus: Im vierstelligen Bereich: so viele Moscheen gibt es in Deutschland wirklich

Demnach „recherchiert“ die „Zeit“ und zählt alle Moscheen in Deutschland zusammen, denn bislang gibt es – das ist doch der eigentliche Skandal! – keine offizielle Bestandsaufnahme. Man kommt auf 2750. Ist das nun viel oder wenig? Wie kommt man auf diese Zahl, wenn es „keine offiziellen Auskünfte gibt“? Und was ist überhaupt eine Moschee? Ein Bau mit Kuppel und Minarett oder zählt jeder x-beliebige Gebetskeller im Hinterhaus dazu?

Der „Focus“ schießt den Vogel an Unwissenheit ab, indem er uns das sehenswerte Yenidze-Gebäude in Dresden präsentiert – das definitiv nie eine Moschee war, sondern eine Zigarettenfabrik.

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Überhaupt will man beim linkspopulistischen „Focus“ durch die Blume Entwarnung geben ohne freilich den Mut zu haben, wirklich zu bekennen. Das signalisiert der Eingangssatz: „In Deutschland gibt es schätzungsweise sechzehn Mal mehr christliche Kirchen als Moscheen.“ Also kein Grund zur Panik.

Doch ist die Zahl sinnlos, wenn man nicht die Dynamik betrachtet. Wie viele Moscheen gab es vor 50 Jahren? Wir wissen es nicht, doch dürfte die Zahl nicht im vierstelligen, sondern eher im zweistelligen Bereich gelegen haben. Und vor 40 Jahren, vor 30, vor 20, vor 10 Jahren? Man riskiert keine Lüge, wenn man von einem exponentiellen Wachstum ausgeht.

Merken wir uns den Faktor 16. Die nächste Zählung wird ihn nicht mehr bestätigen und in 10, 20, 30, 40 oder 50 Jahren wird er Makulatur sein.

Allein unsere Presse bleibt stoisch und lebt – im Hier und Jetzt.

Die Ausnahme und die Regel

Es ist immer wieder eine Freude mit Hussain, dem 21-jährigen Syrer, zu arbeiten. Und es ist sicher kein Zufall, daß wir zueinander gefunden haben. Er ist der Einzige, der instinktiv sofort begriffen hatte, welche Möglichkeit ihm der Zufall zuspielte, als ich mich im Oktober mit sechs Syrern traf. Schon die Woche darauf stand er als Dolmetscher an meiner Seite, als die neue Erstaufnahme unter chaotischen Bedingungen zum ersten Mal bezogen wurde. Damals wollte er mich als eine Art Ersatzvater haben – ich schlug ihm vor, Freunde zu sein. Diese Rechnung ging auf.

Ich gab ihm ein Versprechen: Wenn du hart an dir arbeitest, alle Termine einhältst, die Hausaufgaben machst, das ständige Gespräch suchst, dann wirst du in einem Jahr so gut Deutsch sprechen, um dich in Deutschland einleben zu können. Den empfohlenen Assimil-Sprachkurs zum Selbststudium hat er zu zwei Dritteln schon durch. Jetzt, acht Monate später, schreibt er perfekte Emails und ins Englische wechseln wir nur noch bei theologischen Diskussionen. Er ist auch der Einzige, von dem ich etwas gelernt habe, das mehr über die blanke Lebensgeschichte hinausgeht.

Im Integrationskurs etwa saß er mit dem Eritreer Adlan zusammen, meinem ersten Schüler, der nun seit zwei Jahren in Deutschland ist und noch immer kaum die Sprache spricht. Hussain wurde gerade in einen neuen Kurs gesteckt, für Fortgeschrittene, weil er die Klasse weit überragt.

Wir machen viel Konversation und Sprachdrill. Die Konjugationen laufen wie geschmiert, auch die kompliziertesten. Zum Beispiel: „Ich hatte den Imam gesprochen, als ich in die Moschee ging, und wußte, daß ich ihn zum letzten Mal gesehen haben werde.“ Ohne einen einzigen Fehler rattert Hussain die drei Zeitformen in einem Satz herunter und über den ketzerischen Inhalt lachen wir beide. Er hat einen guten Humor.

Apropos: Damit keine Unklarheiten entstehen: Alle meine Alumni, Syrer und Eritreer, wissen, daß ich über sie schreibe, befürworten das und Hussain liest nun seit einiger Zeit sogar mit!

Die letzten Reserven

Im Anschluß an das letzte terroristische Großereignis, die Todesfahrt eines französischen Bürgers muslimischen Glaubens und tunesischer Herkunft in Nizza, gab es eine Meldung, deren wahre Bedeutung offenbar nur wenigen aufgegangen ist. Man hat sie gebracht, auch in den deutschen Medien, aber man hat sie nicht kommentiert, wie das ansonsten üblich ist. Dabei beweist sie mehr als alles andere den wahren Zustand unserer europäischen Demokratien, zumindest den unseres westlichen Nachbarn; aber was derzeit in Frankreich und Belgien geschieht – daran kann kein Zweifel bestehen – wird die Zukunft aller Länder sein, die ähnliche Einwanderungsentwicklungen zulassen. Die tausendfachen in großer Selbstverständlichkeit vorgebrachten Allahu-Akbar-Rufe aufgebrachter Türken vor deutschen Rathäusern und Botschaften in Deutschland sind nur eines von vielen Indizien.

Berlin

Stuttgart

Bielefeld

Die Meldung lautet: „Frankreich ruft Bürger zum Reservedienst auf“. Gedient oder ungedient, mit militärischer Ausbildung oder ohne, „patriotische Bürger“ – das wäre in Deutschland schon fast unsagbar – sollten sich melden.

Was heißt das anderes, als daß der demokratische Rechtsstaat an seinen Reserven kratzt. Die Substanz der Wehrhaftigkeit ist weggespart, pazifiziert, gegendert, entmannt, verweichlicht, fortdiskutiert, ist aufgebraucht im Angesicht einer massiven und doch diffusen Bedrohung. Die Exekutive des Staates kann ihre Bürger nicht mehr schützen. Es genügen drei mittelgroße Attentate und die Leistungsgrenze ist erreicht.

Noch ist die Stimme leise, ein fernes Flüstern vielleicht, aber die Männer (und Frauen) auch dieses Landes sollten damit beginnen, sich die Frage zu stellen: Wie werde ich entscheiden, wenn das Vaterland ruft? In Frankreich ist es schon soweit.

Bringt es auf den Punkt: Zeller Zeitung

Bringt es auf den Punkt: Zeller Zeitung

Röhm – Kirow – Gülen

Es wäre jedoch zu oberflächlich, die mörderischen und selbstmörderischen Maßnahmen Stalins allein mit Herrschsucht, Grausamkeit, Rachsucht und anderen persönlichen Eigenschaften zu erklären. Stalin hat schon längst die Kontrolle über die eigene Politik verloren. Die Bürokratie insgesamt hat die Kontrolle über die eigenen Selbstverteidigungsreflexe übernommen. (Trotzki: Stalins Verbrechen)

Die Parallelen sind einfach zu auffällig, als daß man nicht ein wenig Geschichtsesoterik betreiben dürfte.

Wir sind soeben Zeuge eines seltsamen historischen Ereignisses geworden, das schnell mit dem Etikett „Putsch“ bedacht wurde. Teile der türkischen Armee versuchten strategische Punkte in Ankara und Istanbul zu besetzen unter dem Vorwand „die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederherzustellen.“ Die Welt schaut live zu und wundert sich.

Was tatsächlich vorgefallen war, offenbart vielleicht die Geschichte und nicht die Gegenwart.

Im Sommer 1934 ließ Hitler in einer Nacht- und Nebelaktion die SA enthaupten, indem er ihr die Köpfe abschlug. Als Vorwand galt ein unmittelbar bevorstehender Putsch: der Röhm-Putsch. Ob es ihn tatsächlich gegeben hat, darüber streitet die Geschichtswissenschaft noch heute. Tatsächlich war die SA mit vier Millionen Mitgliedern ein ernstzunehmender Machtfaktor geworden und Ernst Röhms Vorstellungen von der „Nationalsozialistischen Revolution“ unterschieden sich deutlich von denen Hitlers. Röhm wollte nach der Machtkonsolidierung, die Hitler unvorstellbar schnell gelungen war, eine „zweite Revolution“, er wollte Hitler links überholen und den „sozialistischen“ Gründungsgedanken der Bewegung wiederbeleben. Es verdichteten sich Anzeichen einer Revolte gegen Hitler, aber Röhm war zu naiv und freute sich über die angesetzte Aussprache der SA-Führung mit dem Reichskanzler. Der jedoch hatte anderes im Sinne: Mit einem Schlag wurde die Führungsriege beseitigt, zumeist ermordet, die SA als politische Kraft kastriert.

Hitler war großzügig und zählte unter die unliebsamen Gegner auch politische Größen ganz anderer Observanz. Er nutzte den Röhm-„Putsch“ zum Rundumschlag – ihm fielen auch Kurt von Schleicher, Gregor Strasser und Edgar Julius Jung zum Opfer, um nur einige bedeutende Namen zu nennen.

In Moskau verfolgte man die Ereignisse genau und zog eventuell eigene Schlüsse. Zwar gab es keinen Putsch, doch war die kometenhafte Karriere Sergej Kirows Stalin wohl ein Dorn im Auge. Auf dem 17. Parteitag der KPdSU wurde die geheime Wahl zum Zentralkomitee eine Demütigung für Stalin: fast 300 Delegierte stimmten gegen ihn, wohingegen Kirow mit nur drei Gegenstimmen ein Traumergebnis einfuhr. Zehn Monate später war Kirow tot, im Leningrader Smolny niedergeschossen von einem eifersüchtigen Ehemann, dem Kirow wohl Hörner aufgesetzt hatte – Gerüchte, daß Stalin diesen Mord beauftragt hatte, starben nie aus. Am 1.12.1934 wurde die trotzkistisch-sinowjewsche Verschwörung geboren. Die Chance war jedenfalls zu gut, um nicht politisch instrumentalisiert zu werden. Mit großem Pomp trug Stalin höchstpersönlich den Sarg Kirows an die Kremlmauer um danach eine Säuberungsaktion unbekannten Ausmaßes, die sich über Jahre und in mehreren Wellen über das Land ergoß, zu inszenieren. Schnell wurde eine hanebüchene Geschichte um eine Verschwörung gebastelt; sie stand, wie Bruno Laqueur schrieb, am Anfang des „Großen Terror“, dem u.a. die gesamte leninsche Parteiführung und weite Teile der sowjetischen Armeeführung zum Opfer fielen.

In beiden klassischen „Putschen“ – man könnte den Reichstagsbrand vielleicht noch dazu zählen – folgte, wie Stalin-Biograph Robert Payne es nannte, das „Ritual des Terrors“. Trotzki hatte in mehreren luziden Analysen die bürokratische Verselbständigung des stalinistischen Terrors vorausgesagt und beschrieben, dem er 1940 im mexikanischen Exil selbst zum Opfer fiel.

Putsch hin oder her – es muß keinen gegeben haben, um sich seiner zu bedienen. Der Putsch in der Türkei enthält fast alle Ingredienzien für eine Verschwörungstheorie und es dauerte nur Stunden, bis die ersten Beobachter von einer Inszenierung sprachen. Dilettantisch vorbereitet und durchgeführt; die Angst und Unsicherheit der Soldaten konnte jeder am Bildschirm sehen; Erdogan nicht in seinem Hotel, als es bombardiert wurde; dafür aber schnell an der Telefonstrippe, die Massen zu mobilisieren; diese auch sofort zur Stelle …

Auch wenn die tatsächlichen Abläufe – wie fast immer, wenn es um Theaterputsche geht – vielleicht nie ergründet werden … es ist vor allem Erdogans Nachbereitung, die stutzig macht und Sorge bereiten sollte. Noch während Soldaten nach der Waffenniederlegung von Patrioten gelyncht wurden, weiß Erdogan schon, wer dahinter steckt: Fetullah Gülen, ein erzorthodoxer Islamist und das, obwohl sich die „Putschisten“ als Kemalisten und Säkularisten zu erkennen gaben. Gülen ist für Erdogan, was Trotzki für Stalin war.

Sogleich wurden 2700 Richter abgesetzt, es gab 6000 Verhaftungen ganz im Stile des NKWD und Nachfolgeorganisationen, die ihre Transportlisten auch nie trocken werden ließen. Erdogan spricht von einem „Gottesgeschenk“ und in der Tat sind sich die Analysten alle einig: Es gibt nur einen Gewinner und die Lage ist so eindeutig, daß man schlimme Gedanken hegen kann.

Aber das könnte zu kurz gedacht sein. Innerhalb von Stunden sind Konflikte mit den USA, Griechenland, Deutschland und Europa entstanden. Der schnelle Ruf nach Rache und Todesstrafe sollte aufmerksam registriert werden. Auch das Vokabular – von „Säuberung“ ist die Rede, von „Viren“ und „Metastasen“ – darf man nicht überhören. Das alles wäre weniger bedenklich, wenn wir nicht von einem Nato-Partner sprächen, von einem – wenn es nach Merkel geht – Bald-EU-Land, von einem Aktionär, an dessen Wohlwollen das politische Schicksal Europas hängt.

Kurz und gut: Wir wissen nun endgültig – und das ist die gute Nachricht –, sowohl im historischen Vergleich als euch in der Interpretation der Zeitgeschehnisse, wer dieser Mann ist: ein Despot, ein Diktator, ein Verbrecher, ein Islamist …, an dem es kein Attribut gibt, das ihn und das von ihm regierte Land prädestiniert, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Diesen Wahnwitz kann man nun endlich beenden; eine Türkei in der EU wäre der letzte Sargnagel. Vielmehr sollte man sich Gedanken machen, wie man mit den Millionen Erdogan-Anhängern (und Erdogan-Gegnern) im eigenen Land umgehen will, die eine politische Macht sind und mithilfe der Islam-Verbände und einer eigenen Partei noch mehr Macht anstreben.

Fazit: Röhm-Kirow-Gülen ist nur ein Spiegelbild, die Parallele einer anderen Reihe.

Terror als Ausweg

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

Der „schöne Tod“ war einst ein Ideal der stoischen Philosophie. Der Weise entschied nach langer Meditation und ohne äußeren Drang den Tod als natürlich und unabänderlich zu akzeptieren und bestimmte selbst den Zeitpunkt. Schon Sokrates machte es vor, als er das Ansinnen seiner Jünger, den Todestrakt zu fliehen, ablehnte und gleichgültig den Schierlingsbecher leerte. Der Stoiker Seneca war einer der großen Sterbemeister – er schnitt sich in aller Seelenruhe die Pulsadern auf. Es gab vor allem zwei Todesarten, die den Stoiker überzeugten: Verhungern und Verbluten – in beiden Fällen war die Irreversibilität aufgehoben, konnte die Entscheidung bis zuletzt freiheitlich bestimmt rückgängig gemacht werden, war Reue nach der Tat also ausgeschlossen. Freitod ist der treffende Begriff dafür.

Aber dieses Ideal wird selten erreicht. Selbstmord ist in den allermeisten Fällen eine Verzweiflungstat, die keiner wohlüberlegten und philosophisch durchdachten freien Entscheidung, sondern meist psychisch determinierten Zwängen folgt. Die moderne Gesellschaft bringt immer mehr Menschen an den Rand dieser Verzweiflung – die Ursachen sind komplex.

Muslimen allerdings – die statistisch gesehen vermutlich unter den gleichen Zwängen, Ängsten, Depressionen, Frustrationen und Sinnentleerungen leiden – steht dieser Weg nicht offen. Koran und Hadithe sind hier eindeutig: „Und tötet euch nicht selbst. Siehe, Allah ist barmherzig gegen euch. Und wer das in Frevelhaftigkeit und Ungerechtigkeit tut, den werden Wir ins Feuer stoßen; und das ist Allah ein leichtes.“ (Sure 4.30f.) oder: „Jemand der sich erdrosselt, erdrosselt sich für die Hölle. Jemand der sich selber ersticht, der ersticht sich für die Hölle.“(Bukhari 2.23.446) u.a. Das Höllenfeuer droht und die meisten Muslime fürchten das Höllenfeuer mehr als irgend etwas, auch mehr als den Tod.

Turkmenistan und Mauretanien liegen als erste islamische Länder mit einer Quote von 8,5 Suiziden auf 100 000 Ew. weit abgeschlagen auf Rang 55 der Weltsuizidliste, andere arabische Länder geben sogar Null Prozent an.

Nur für den Märtyrer gilt das nicht unbedingt – so lehren es die heiligen Bücher und verschiedene Schulen: „Jeder, dessen Füße für die Sache Allahs mit Staub bedeckt werden, wird vom Fegefeuer unberührt bleiben.“ (Bukhari 4.52.66) oder: „‘O Prophet Allahs! Wer ist der Beste unter den Gläubigen?‘ Allahs Prophet antwortete: ‚Ein Gläubiger, welcher sein Äußerstes hergibt für die Sache Allahs mit seinem Leben und seinem Besitz.‘“ (Bukhari 4.52.45)

Wer, so glauben einige – ganz grob verallgemeinert –, für die Sache des Islam sein Leben gibt, kommt direkt ins Paradies. Damit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Höllenfurcht wird „besiegt“ und eine Abkürzung ins Paradies geboten und die eigene Lebenssattheit kann positiv instrumentalisiert werden.

Was also liegt näher, als immer öfter auf Menschen zu treffen, die diese Verbindung herstellen werden, die glauben und sich einreden – denn natürlich ist es gegen die koranische Urintention – als Märtyrer (sprich Selbstmordattentäter) im Glaubenskampf durchzugehen, wenn sie sich medienwirksam an Flughäfen in die Luft sprengen oder sich in Lastkraftwagen oder Nachtklubs oder an Badestränden erschießen lassen?

Wir werden vielleicht in Zukunft verstärkt mit diesen „Märtyrern“ zu tun zu haben, die weder im Solde des „Islamischen Staates“ stehen, noch durch Geheimdienstarbeit auffindbar sind. Es könnten ganz einfach irregeleitete Irre falsch verstandenen und instrumentalisierten – aber auch ermöglichenden! – muslimischen Glaubens sein.

Katastrophenerwartung

Es kommt in diesen Überlegungen der Topos ‚Aus Schaden wird man klug‘, makaber aufgebläht, ins Spiel, und ein apokalyptisch überhöhtes ‚Wer nicht hören will, muß fühlen‘ hat unverkennbar daran seinen Anteil.“ (Sloterdijk)

Geht es nur mir so? Seit Monaten stehe ich morgens auf und schaue als erstes in den Netz-Gazetten nach, ob über Nacht die große Katastrophe stattgefunden hat, ob es wirklich relevante Neuigkeiten gibt. Und die schöne neue Welt hat mich nicht enttäuscht: Paris, Köln, Brüssel, Brexit …, um nur die ikonischen Ereignisse zu nennen. (Nicht zufälligerweise muß ich heute Nizza einfügen – die Zeilen sind zwei Wochen alt.)

Was nur haben fast alle diese Supergaus gemeinsam, direkt oder indirekt?

Den Schock begleitet auch eine perverse Bestätigung, für die ich mich fast ein wenig schäme, eine heimliche Schadenfreude. Dann die unausgesprochene Frage: Wacht man nun endlich auf?

Und die Gewißheit, daß morgen wieder etwas passieren kann, etwas noch Größeres, noch Schrecklicheres, noch Schockierenderes und noch …

Boris Bashing

Erster Paukenschlag der neuen britischen Premierministerin Theresa May war die Ernennung Boris Johnsons zum Außenminister des Landes. Die deutschen Medien haben sich seit Wochen auf breiter Front gegen Johnson aufgebaut – sie halten ihn für den Verantwortlichen des Brexit. Aber auch Johnson hatte nur eine Stimme und wir wissen noch nicht einmal – bei seinem Sinn für Humor – an wen die ging.

Entsprechend wird die Schußfrequenz erhöht und die Wahl skandalisiert. Genüßlich läßt man etwa den SPD-Sympathieträger Stegner granteln: „Frau May wirkt schwächer durch eine solche Personalentscheidung“ und gleich nachtreten: Johnson sei nicht als guter Diplomat bekannt, „jetzt verhandelt er den Brexit. Gute Reise!“ In dieser zynisch-beleidigten Tonlage könnte man durch verschiedene Parteien fortsetzen.

Die „Zeit“ tut es auf ihre Weise, indem sie eine Kompilation vermeintlicher diplomatischer faux pas Johnsons unter der Überschrift „Der Diplomatie-Stümper“ präsentiert. Einige Highlights: Dem „teilweise kenianischen“ Präsidenten Obama bescheinigte Johnson eine „angestammte Abneigung gegen das britische Empire“, weil dieser es gewagt hatte, „eine Büste von Winston Churchill umzustellen.“ Hillary Clinton fiel bei Johnson wegen ihres Aussehens in Ungnade. Sie erinnere ihn an eine „sadistische Krankenschwester in einer Psychiatrie“. Selbst vor Donald Trump, der vom Aussehen und dem Grad der Exzentrizität mit Johnson verwandt sein könnte, machte Johnson nicht halt: „Der einzige Grund, warum ich manche Teile von New York meiden würde, ist, daß man dort auf Donald Trump treffen könnte.“

Schließlich hat er sich gnädig über Präsident Wladimir Putin geäußert. „Auch wenn er ein wenig wie Dobby der Hauself aussieht, ist er ein rücksichtsloser und manipulativer Tyrann“.

Erdogan bekam auch sein Fett in Form eines Gedichtes weg: „There was a young fellow from Ankara / Who was a terrific wankerer / Till he sowed his wild oats / With the help of a goat / But he didn’t even stop to thankera.”

Und selbst mit mighty China legte er sich an: Bei den Schlußfeierlichkeiten der Olympischen Spiele in Peking pries er 2008 die ehrenwerten Gastgeber. Allerdings müsse man doch noch sagen dürfen, daß Tischtennis im 19. Jahrhundert an britischen Eßtischen erfunden wurde. „Das war so. Und es wurde wiff waff genannt.“

Ich kann nicht anders als mich schieflachen, wenn ich diese „Enthüllungen“ der deutschen Presse und Politik lese. Sie zeugen von einer kompletten Unkenntnis der englischen Seele und von deren begnadetem Mutterwitz. Vielleicht muß man lange im Vereinigten Königreich gelebt haben, um diesen genialen Humor genießen zu können. Niemand weiß, ob und wie Johnson diese wichtige Rolle ausfüllen wird, aber Theresa Mays Spielzug könnte der Beginn einer originellen Kombination auf dem politischen Schachbrett sein. Kombinationen sind freilich schwer bis zum Ende durchzurechnen und hängen manchmal vom Geschick des Partners/Gegners ab.

Aber eine Idee der unterschiedlichen Mentalitäten kann jeder bekommen, der sich die Zeit nimmt, Camerons letzte „Prime Ministers Questions“ im Unterhaus anzuschauen und diese humor-, esprit- und rhetorikgeladene halbe Stunde mit jeder beliebigen Bundestagssitzung zu vergleichen.

Diese scharfsinnige Schlagfertigkeit, Intelligenz und Ironie ist auch Produkt der in den deutschen Medien gern gescholtenen elitären Erziehung, die neben Politik und Wirtschaft seit Jahrhunderten auch die englische Kultur bereichert und definiert. Man wird sie kaum von einer ehemaligen FDJ-Sekretärin erwarten dürfen.

Slide Show: Best of BJ

Die Freude am Verschwinden

„Kunden und Kollegen müssen sich ans Kopftuch gewöhnen“, schreibt sichtlich begeistert Parvin Sadigh in der „Zeit“ und reitet damit ihr Lieblingspferd der letzten Jahre eine Runde weiter. Es geht um die Einschätzung der Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofes, die einer klagenden Muslima Recht gibt, auch weiterhin als Vertreterin an Türen klingeln zu dürfen und dabei das Kopftuch zu tragen. So weit so gut.

Aber im Artikel fallen zwei Sätze, schön verpackt, die aufhorchen lassen. „Die gute Nachricht ist: Die langweilige Diskussion, ob Muslime in europäische Länder gehören, ist wirklich vorbei.“ Der Satz ist gleich mehrfach fraglich. Es gibt keine guten Nachrichten an sich – außer vielleicht die „Gute Nachricht“ –, sondern nur in Abhängigkeit vom Empfänger. Gute Nachricht für wen? Langweilig ist die Diskussion zudem wohl nur für diejenigen, die sie nicht mehr führen wollen, für die die Frage schon längst entschieden ist. Fait accompli. Und drittens gibt es diese Diskussion doch gar nicht, wird sie hier verrührt mit der hochaktuellen und hoch brisanten Frage: Gehört der Islam zu Europa/Deutschland? Mit ein paar linguistischen Tricks soll Normalität fingiert werden.

Wirklich brenzlig wird es dann zwei Zeilen weiter: „Wie sehr Muslime schon mitten unter uns sind, zeigt sich schon allein daran, dass wir nicht mehr nur über ihre Rechte reden, sondern dass sie selbst ihre Rechte einfordern.“

Sadigh – das bedeutet übrigens „Freund“ – beschreibt eine kaum mehr zu bezweifelnde Tatsache, insofern spricht sie die Wahrheit. Aber Kontext und Ton weisen auf eine präskriptive Intention hin: Wir haben das demnach zu bejahen. Daß sie in diesem einen Satz, den man durch ein einziges Wort ersetzen kann, eine fundamentale Umwälzung der Gesellschaft einfordert, kann man nur zwischen den Zeilen lesen. Das Wort heißt: Islamisierung.

Vermutlich kennt Sadigh den südafrikanischen Autor Peter Hammond nicht und er gehört auch nicht zu den allseits zu vertrauenden Quellen – zu sehr bestimmen Abneigung gegen den Islam und Missionswille seine Arbeit. Aber er hat eine interessante Nomenklatur der Islamisierung aufgestellt, die, bei aller Holzschnittartigkeit, zu falsifizieren wäre.

Demnach korreliert der Grad der normativen Islamisierung einer Gesellschaft mit dem Bevölkerungsanteil, ganz gleich, welcher konkreten islamischen Ausrichtung. Er ist friedlich und submissiv, solange der muslimische Bevölkerungsanteil unter 2% der Gesamtbevölkerung liegt. Werden es bis 5%, beginnt die systematische Missionsarbeit, nicht zuletzt in Gefängnissen, Vorstädten, bei Immigranten. Die nächste Stufe sei dann die direkte Einflußnahme auf mikropolitische Prozesse und die durch die „Religionsfreiheit“ abgedeckte Einforderung eigener Rechte, wie etwa das Tragen der Verschleierung, der Bau von Moscheen oder die Versorgung mit Halal-Produkten. Diese Interessen werden sowohl juristisch als auch mehr oder weniger offen durch Gewaltandrohung durchgesetzt. In der Heimgesellschaft finden sich zusehends Interessenvertreter in Medien und Verbänden, eine Islam-Lobby, die diese Forderungen unter freiheitlich-demokratischem Mantel und edlen Motiven zu den ihrigen machen. Sadighs Artikel dürfte dazu ebenso zählen wie der Beschluß des Europäischen Gerichtshofes.

Es folgen Forderungen nach Selbstregulierungen, Scharia-Zonen, geschlossene Moscheen etc.; man verbittet sich die Einmischung staatlicher Stellen – wie wir es aus bestimmten Stadtteilen in Deutschland bereits kennen. Ab 10% wird Gewalt zunehmend normal, oft „getarnt“ als „soziale Gewalt“, wie man sie in Paris in den Banlieues, oder als Empörungsgewalt, in vielen Städten Europas im Zuge der Mohammed-Karikaturen beobachten konnte. Dort wurden offen und polizeibeschützt Plakate getragen mit der Aufschrift: „Behead those who insult Islam“, „Britain go to hell“, „Islam will dominate the world“ oder „Muslims rise up! Establish the Sharia“. Die Lage wird zusehends volatil, jederzeit kann das beliebige Tun eines „Anti-Islamisten“ zu Eruptionen eines „beleidigten“ Mobs führen. Die Zivilgesellschaft erstarrt dann in der Regel in Furcht, reagiert mit Vorabentschuldigungen, beschneidet „freiwillig“ die Presse- und Meinungsfreiheit und versucht immer wieder „Verständnis für die Belange der Muslime“ aufzubringen. Ab 20% nehmen Terror und militärische Konflikte zu, Kirchen und Synagogen werden in Brand gesetzt, wie man das in Zentralafrika beobachten kann. Es folgen sukzessive, nach Hammond, Scharia, Bürgerkrieg, ethnische Säuberungen, Genozid, Terror, kurz: die Verfolgung Andersgläubiger, wie man sie im Iran, in Pakistan und zunehmend in der Türkei studieren kann.

Dann allerdings, bei Komplettislamisierung, so beschreibt es Hammond, könnte der Islam tatsächlich die Religion des Friedens sein: wenn alle Muslims sind und alle das gleiche wollen. Und da das nie der Fall ist, wird man sich an gemäßigteren Muslimen gütig tun oder über die Landesgrenzen schauen, denn das Ziel sei der weltumspannende Islam.

Davon ahnt die klagende Kopftuchträgerin nichts und auch Parvin Sadigh würde das als islamophob bezeichnen. Und sie hat recht: Es gibt Gründe, vor dem Islam Angst zu haben!

Das Opium des Volkes im Kontext

Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.

Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis (Gebet für Altar und Haushalt) widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine Wirklichkeit sucht und suchen muß.

Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur (Ehrenpunkt), ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.

Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

Die häßlichste Stadt Deutschlands

Selbstverständlich steht mir ein solches Urteil gar nicht zu. Aber man wird ja noch sagen dürfen …

Eine altehrwürdige, jahrtausendealte Stadt mit glorreicher Geschichte und einer ganzen Latte an großen Söhnen und Töchtern. Heute ist sie grau, dreckig, dröhnend. Unzählige Architektursünden beleidigen das Auge. Neben jedem ansehnlichen Haus steht scheinbar systematisch ein bleierner Betonklotz, als wollte ein mächtiger Gestalter alle Freude im Keim ersticken. Neu und häßlich sind hier Synonyme.

typisch Bonn

typisch Bonn

Seit Jahren wurde offensichtlich nicht mehr renoviert. Alle Asphaltwege sind mit platt getretenen Kaugummis übersät. Müllberge häufen sich an den Straßenrändern, Abfall wird achtlos auf die Gehwege geworfen, Plastiktüten fliegen durch die Luft, Uringestank an vielen Ecken und Enden.

Vor einem grauen Betonklotz am Bahnhof demonstrieren ein paar Studenten mit bunten Luftballons lautstark gegen Einfalt und für den Erhalt der Vielfalt.

Die schwarzen Regenränder an den Häuserwänden wirken wie traurige Tränen geschminkter Frauen. Die Leute schauen mürrisch drein, die Sprachen der vorbeigehenden Paare sind mir unverständlich. Lange muß ich in der Universitätsstadt nach einem Buchladen suchen, der nicht „Thalia“ heißt, und finde einen unmittelbar neben dem Frauenzugang zu einer Moschee. Während ich die schweren Taschen raus trage, treten 20 vollverschleierte Frauen auf die Straße und schnattern ein kehliges Idiom.

Milli-Görus-Moschee neben Antiquariat

Milli-Görus-Moschee neben Antiquariat

Was ist mit Bonn geschehen? Der Verlust des Hauptstadtstatus wird der einstigen Metropole arg zugesetzt haben. Es mag andere strukturelle oder regionale Probleme geben, von denen ich nichts weiß. Bonn ist in den letzten 20 Jahren erst so geworden, versichern Einwohner.

Offensichtlich aber ist, daß der soziale Zusammenhalt in Bonn sehr leidet und wie sollte es auch anders sein, beherbergt die Stadt doch gleich mehrere Gruppen an kulturell diversen Menschen. Geschätzt hätte ich 40%, laut Statistik ist es nicht einmal die Hälfte – aber das zeigt, wie wenig es eigentlich braucht, um einen Ort kippen zu lassen.

Ginge es nach den Multikulti-Propagandisten, müsste Bonn eine helle, bunte, fröhliche Stadt sein. Doch statt bunter Vielfalt graue Tristesse.

Nun verstehe ich zweierlei: Gabriels populistische Forderung nach einer Aufbauhilfe West und das seltsame Erstaunen vieler westdeutscher Besucher Plauens, die von einer wunderschönen Stadt schwärmen. Bisher konnte ich sie selbst nicht sehen.

DITIB ist auch hier - ,ist Minarett

DITIB ist auch hier – mit Minarett

Frauen im Schutze des Islam

„… daß Frauen niemals ihre vollen Rechte, natürliche Freiheit und vollständigen persönlichen Rechte genießen werden, als unter dem SCHUTZ des ISLAM. Der Islam hat eine Menge Rechte für Frauen festgelegt und eingesetzt. Dem entsprechend hat er auch bestimmte Pflichten benannt und festgelegt, die sie einhalten und erfüllen muß. All dies aus dem Grund, weil der Islam eine Göttliche Religion ist, im Gegensatz zu den von Menschen gemachten Gesetzen.“

Ist man mit Muslimen zusammen, läßt sich die Geschlechterfrage nicht umgehen. Nachdem es einige Mißverständnisse und Konfrontationen gegeben hatte und wir darüber zu diskutieren versuchten, legte Khaled mir ein kleines Büchlein vor: „Frauen im Schutz des Islam“. Darin sei alles erklärt. Die Schrift lag in der Moschee aus und ist frei erhältlich. Sie gehört zu den am weitesten verbreiteten muslimischen Aufklärungsschriften. Tatsächlich wird man die darin versammelten Argumente im Gespräch mit Muslimen – alteingesessenen ebenso wie neu hinzugekommenen – immer wieder hören. Wir haben es hier mit außerordentlich weit verbreiteten Positionen zu tun. In Hinblick auf die Frage der Integrierbarkeit, sollte man sich dessen stets bewußt sein! Sie sind weitgehend unantastbar und diskursiv nicht zu erschüttern, weil sie ausschließlich mit dem Autoritätsbeweis (Koran, Sunna, Hadithe), und nicht mit rationalen Argumenten arbeiten. Daher gilt es, dies zur Kenntnis zu nehmen – es ist kein Diskussionsbeitrag.

Eine Diskussion wird mit Menschen dieser Denkweise nicht möglich sein, denn, wie Norbert Bolz einmal schrieb: „Wenn der Dialog beginnt, hat der Liberalismus schon gewonnen. Und dafür haben die Frommen ein untrügliches Gespür … Wenn sich die Fundamentalisten auf einen ‚Dialog‘ einlassen würden, gäbe es gar keinen Grund mehr für einen Dialog“ („Konsumistisches Manifest, 29). Daß diese Positionen auch bei in Deutschland geborenen, aufgewachsenen, ausgebildeten Muslimen dominant sind, beweist dies ebenso wie die dem Islam genial eingearbeitete Veränderungsresistenz. Sie ist der Religion und dem Koran inhärent und wesenseigen: „Der Islam ist in jeder Hinsicht genau, fehlerlos und deutlich.

Die Apologie – auch das ein wichtiges Detail – stammt aus Saudi Arabien. Ich werde sie ausgiebig zitieren, empfehle darüber hinaus aber das eigene Studium; man kann sie hier herunterladen.

Der Autor macht aus seiner scholastischen Einstellung kein Hehl, betont gleich zu Beginn, nichts Neues präsentieren zu wollen, sondern lediglich „alles, was ich an Geschriebenem zu diesem Thema finden konnte, zu sammeln“. Seine Suche ging nicht weit: die heiligen Texte und zwei, drei islamische Traktate, aus denen wiederum er alle westlichen Quellen zitiert: Schopenhauer, Gustave Le Bon, Annie Besant, Will Durant … alles kreuz und quer. Mal schreibt er Lebon oder Le Bond und zeigt, daß er keinerlei Ahnung hat, die Autoren gar nicht kennt, und ausgerechnet Annie Besant, die Theosophin zu zitieren, zeugt auch nicht gerade von Durchblick. Es werden Quellen angeführt, die es nicht gibt und sogar ein „Sankt Trotolian“ muß herhalten (Tertullian?), ein Heiliger, den es (m.W.) gar nicht gibt – nur auf islamischen Agit-Prop-Seiten, die just vorliegende Schrift zitieren.

Überhaupt ist das intellektuelle Niveau der Broschüre erschreckend niedrig, sie folgt keiner inneren Methode, enthält zahlreiche logische Widersprüche … man würde sie angewidert weglegen, wenn man nicht wüßte, daß sie den geistigen Zustand eines gewissen Teils der muslimischen Welt widerspiegelt und damit große Wirkung erzielt.

Vorab gilt: Rufe nach „Freiheit der Frau, Unabhängigkeit und gleichen Rechten … sind in Gesellschaften und Ländern annehmbar, in denen den Frauen nicht die ihnen zustehenden Rechte gewährt werden“. Es erstaunt den Verfasser also, „derartige Rufe auch aus den islamischen Gesellschaften zu hören“, denn es gibt „kein einziges Gesetz, System oder Regelwerk, das Frauenrechte bereitstellt, enthält oder schützt, wie es der Islam tut“ – auch kein Grundgesetz.

Ein beliebter wenngleich leicht zu durchschauender Trick in derartigen Debatten ist der nun folgende: Es werden historische Beispiele von Frauenunterdrückung erwähnt – vorislamische Gesellschaften, alte indische, chinesische, römische, griechische, jüdische, christliche Gesellschaften –, überall wurden Frauen unterdrückt und im Vergleich dazu seien die Offenbarungen Mohammeds ein wahrer Fortschritt. Stillschweigend werden die antiken mit den modernen Gesellschaften gleichgesetzt, daß das Alte Testament etwa ein heute fragwürdiges Frauenbild malt, wird der in dieser fernen Kontinuität stehenden modernen Sozietät nahtlos angerechnet: „Hier werden wir die Rechte, die der Islam den Frauen zugesteht, mit denen vergleichen, die Frauen in anderen Gesellschaftsformen gewährt werden“ (nicht: wurden).

Die Einstellung zur Frau hängt ganz wesentlich von ihrer Rolle und ihrer Situation ab: Tochter, Gattin, Mutter, Witwe … heiratsfähig, Braut, menstruierend, schwanger, stillend …

Es war ohne Zweifel ein Fortschritt, als Mohammed den Arabern verbot, ihre ungeliebten neugeborenen Töchter im heißen Sand zu vergraben. Der Muslim – sowohl der Koran als auch die vorliegende Schrift spricht, ohne daß man sich dessen bewußt zu sein scheint, ausschließlich zu Männern – hat seither der jeweiligen Frau mit Nachsicht zu begegnen, ihr „Freundlichkeit, Respekt, Ehre, Würde und Integrität“ zukommen zu lassen. So darf ein männliches Kind dem weiblichen nicht bevorzugt werden. Auch „schätzt der Islam die Meinung der Tochter, wenn es um ihre Heirat geht“.

Und um Heirat geht es vor allem. Alles ist bis ins Kleinste durchreglementiert, weshalb die Frau als Gattin besonders ausgiebig behandelt wird. Sie hat das Recht auf eine Brautgabe. Später wird ihr diese negativ verrechnet, wenn sie nur halb so viel erben darf, wie ein Mann. Sie darf auch nicht „über alle Maßen mißhandelt“ werden. Nur eine Frau, „die Unzucht treibt oder Ehebruch begeht, darf streng behandelt werden und der Mann darf ihre Brautgabe zurückverlangen“. Rechte und Pflichten, Freiheiten und Gesetze werden hier gern verdreht: „Der Islam vergißt auch die seelischen und emotionalen Rechte der Frauen nicht … Frauen müssen vom Mann, vor allem vor unsittlichen Menschen, beschützt werden. Sie dürfen keinen Orten des sittlichen Verfalls, Nachtklubs oder ähnlichem ausgesetzt werden.“

Besonders wertgeschätzt wird die Mutter. Die Sorge um die Eltern soll sogar dem Djihad vorgezogen werden.

Daß das Frauenbild des Islam keinen guten Leumund hat, ist dem Verfasser nicht entgangen. Er widmet sich folglich ausgiebig den „Mißverständnissen“. Ganz oben auf der Agenda das Thema „Mehrehe“. Wieder wird der historische Dreh genutzt; es werden polygame Gesellschaften ebenso angeführt wie westliche Denker, die die Notwendigkeit der Vielweiberei begründet haben sollen. Bedingung für eine Mehrehe ist die Gleichbehandlung aller Frauen, sowohl materiell als auch sexuell – der Muslim scheint sich gern als Frauenglück zu sehen – und die Fähigkeit, einen großen Haushalt zu führen. Wann sollte der Mann über eine Zweit/Dritt/Viertfrau nachdenken?

  1. „Wenn eine Frau steril ist, und der Ehemann möchte gern Kinder haben; was ist das beste für eine Frau: geschieden zu werden, ohne daß sie eine Sünde oder ein Verbrechen begangen hätte, oder im Haushalt ihres Gatten gemeinsam mit seiner anderen zu verbleiben?“ Hier scheint die Logik wunderbar durch. Einerseits wird ein schwierig zu akzeptierendes Gegensatzpaar konstruiert – die Möglichkeit einer Mediation oder eines Verzichtes wird gar nicht erst erwogen –, andererseits ist die gesamte Argumentation nur sinnvoll in einer Welt, in der eine Scheidung per se als Urschande begriffen wird.
  2. „Wenn die Frau unheilbar krank ist und sie kann ihre ehelichen Pflichten nicht erfüllen; was ist in ihrem Fall besser: geschieden zu werden oder daß eine andere Frau hinzukommt …“ Man könnte die Frau ja pflegen – aber das ist (auch) Aufgabe der Neuen …
  3. „Manche Männer sind sexuell fordernd. Eine Frau könnte nicht in der Lage sein, das erlaubte Verlangen ihres Gatten zu erfüllen. Oder wenn ihre Menstruation oder ihre Wochenbettzeit beträchtlich länger als normal ist, oder sie besitzt kein sexuelles Verlangen, das dem des Gatten entspricht; was ist für beide, Ehemann und Ehefrau, in einem solchen Fall besser? Ist es besser für den Mann, irgendwo anders, außerhalb der Ehe, auf unerlaubte Weise sein sexuelles Verlangen zu befriedigen, oder eine zweite rechtmäßige Frau zu nehmen, die ihn rein hält?“ Erneut wird ein Scheinkonflikt aufgebaut und die zeitweise sexuelle Enthaltsamkeit, die Triebbeherrschung als zivilisatorische Errungenschaft, nicht erwogen – der Mann hat demnach ein Naturrecht auf dauerhafte sexuelle Befriedigung.
  4. Kriege und Bürgerkriege führen zu Frauenüberschuß. Ein valides Argument in kriegsfreudigen Gesellschaften – dies dürfte der eigentliche Grund sein, weshalb der Koran die Vielweiberei ermöglichte. Mohammed führte laut Ibn Ishaq innerhalb von 10 Jahren 27 Feldzüge persönlich an und initiierte 47 Raub- und Eroberungszüge, zudem war die weitere kriegerische Verbreitung des Islam systematisch angelegt. Daraus musste sich ein demographisches Ungleichgewicht ergeben (das im Übrigen durch ausgedehnten Sklavenhandel für Muslime teilweise kompensiert wurde) … Für Mohammeds Zeit, die Jahrhunderte der islamischen Expansion, die zudem die männlichen Gegner vornehmlich töten ließ, mag die Vielehe eine logische Konsequenz gewesen sein.
  5. „Eine andere Konsequenz der Kriege ist das Vorhandensein von vielen Witwen, Geschiedenen und alten Jungfern in den Gesellschaften. Was ist für Frauen in ihren Situationen besser: allein zu bleiben und unter Schwierigkeiten des Lebens und seinen fordernden Bedürfnissen zu leiden oder eine Ehe als zweite Frau mit einem ehrlichen, beschützenden, ehrbaren und reinen Ehemann anzunehmen?“

Aus alldem ergibt sich natürlich die Frage der Gleichberechtigung: „Wenn wir die Mehrehe für Männer erlauben, warum ist sie dann nicht auch für Frauen erlaubt? Die Antwort ist folgende: Völlige Gleichheit zwischen Mann und Frau in der Polygamie ist aus natürlichen und körperlichen Gründen nicht möglich, wie wir erläutern werden: Körperlich: In den meisten Gesellschaften der Welt besitzt der Mann die Autorität über den Haushalt. Nur zur Diskussion: Wenn eine Frau zwei oder mehr Ehemänner hätte, wer hätte dann die Autorität und die Führung im Haus? Und wessen Verlangen sollte die Frau erfüllen, das des ersten oder das des zweiten Mannes? Es ist für eine Frau zweifellos unmöglich, all die Begierden, Bedürfnisse und Verlangen der Männer zu erfüllen. Wenn die Frau den einen vor dem anderen bevorzugen würde, wären alle ärgerlich und entsetzt. Natürlich: Eine Frau kann nur einmal im Jahr schwanger werden, wenn überhaupt. Und sie kann nur von einem Mann schwanger werden. Der Mann andererseits kann jedoch von verschiedenen Frauen mehrere Kinder in demselben Jahr bekommen, wenn er mehr als eine Frau hat. Wenn der Frau darüber hinaus erlaubt wäre, mehr als einen Mann zu heiraten, wer wird denn dann im Fall der Schwangerschaft der wirkliche Vater ihres Kindes sein und wie würde das ermittelt?“

Nach diesen Kapriolen ist die Konklusion wenig überraschend: „Wenn wir fair und gerecht sein wollten, könnten wir sehen, daß die Polygamie im Islam die Frauen beschützt, ehrt, erhält und respektiert. Polygamie ist besser als die westliche Prostitution …“ und der Seitensprung. Daraus entstünden uneheliche Kinder und das ist die größte vorstellbare Schande.

Aus den natürlichen Gegebenheiten ergibt sich auch das verminderte Recht der Frau, vor Gericht auszusagen. Laut Koran muß eine Straftat von zwei Männern bezeugt sein oder von zwei Frauen und einem Mann, was der Halbierung der Gültigkeit der Frauenaussage gleichkommt. „Göttliche Weisheit gab den Frauen im Allgemeinen sehr sensible Emotionen, sanfte Gefühle, Fürsorge und Liebe. Dies befähigt die Frau zu ihrer natürlichen Aufgabe, Kinder zu bekommen, zu stillen … Aufgrund dieser emotionalen Eigenschaften der Frau kann sie sehr leicht ihren gefühlsbetonten Eingebungen folgen und von der Wirklichkeit abschweifen, weil sie sich in einen Fall sehr stark hineinversetzt. Die Liebe einer Frau und ihre Gefühle können über sie und das, was sie bezeugt hat, kommen und dadurch die Geschichte ihrer Zeugenaussage und das Zeugnis zerstören. Daher wurde eine göttliche Vorsichtsmaßnahme getroffen, um jegliche emotionale Betroffenheit der Frau, im Falle einer Zeugenaussage in ernsten, kritischen und extrem gefährlichen Fällen, wie Morde, ernste Verbrechen und Angriffe, auszuschließen. Wenn eine Frau bei einem Verbrechen anwesend ist, wenn ein Mord geschieht, dann könnte sie ihre Augen schließen.“ „Trotzdem akzeptiert der Islam aber die Aussage einer einzelnen Frau, wenn es um die Feststellung der Jungfräulichkeit, die Geburt eines Kindes, die Klärung von weiblichen, sexuellen Fehlern oder andere Dinge geht, die aufgrund eines Streits einer Untersuchung der Intimsphäre einer Frau bedürfen.“ Auch macht man sich um die Sicherheit Sorgen: „Ein Ergebnis der Zeugenaussage und Bezeugung können finanzielle und körperliche Lasten sein. Ein Zeuge könnte in manchen Einzelfällen ermordet werden. Der Islam beabsichtigt deshalb, viele dieser Schwierigkeiten, die die Zeugenaussage miteinschließt, den Frauen abzunehmen.“

Abnehmen will der Islam den Frauen auch die Bürde der Verantwortung. „Die finanzielle und moralische Verantwortung eines Haushaltes benötigt eine starke Persönlichkeit, Präzision und Entschlossenheit beim Treffen von Entscheidungen, usw. Die Haushaltsangelegenheiten führen, leiten und bewegen ist im Islam die Verantwortung des Mannes, und nicht die der Frau. Die körperliche und geistige Beschaffenheit des Mannes befähigt ihn dazu …“ Umgekehrt sind es die Schwächen der Frau, die sie davon ausschließen: sie menstruiert – der Islam ist menstruationsbesessen –, sie gebiert, sie stillt, sie ist körperlich schwach, sie mangelt der Rationalität, sie ist zu emotional, ihr Nervensystem ist anders organisiert, selbst ihr Gewebe ist ein weicheres. „Daher sind Männer von Natur aus schon dazu ausgestattet und qualifiziert, die Rolle des Führers über den Haushalt im allgemeinen und über die Frauen im besonderen zu übernehmen.“

Auch das Erbrecht sieht Unterschiede vor: Koran: „Auf einen männlichen Geschlechts kommt gleichviel wie auf zwei weiblichen Geschlechts“ (4.11). In der islamischen Logik wird das wie folgt erklärt: Der Mann bezahlt ein hohes Brautgeld, hat also bei Eheschluß ein Verlustgeschäft gemacht. Außerdem muß er bei Scheidung für die Kinder Unterstützung zahlen. „Männer und Frauen tragen nämlich im Islam nicht dieselbe finanzielle Verantwortung und Pflicht auf ihren Schultern.“ – was man ja verändern könnte – „Also wäre es unfair. Beiden dasselbe Erbe zukommen zu lassen. Allah nahm jegliche finanzielle Aufregung, Druck, Verantwortung und Pflicht von den Frauen. Zusätzlich ehrte Er die Frau, indem Er ihr das Recht zusprach, alles was sie braucht, von ihrem Ehemann, Bruder oder Sohn besorgt zu bekommen … Wenn also nach dem Islamischen Gesetz eine Frau nur die Hälfte des Anteils eines Mannes beim Erbe erhält, so ist dies wirklich fair und gerechtfertigt.“ Ein sich selbst bestätigendes System.

Dann gibt es noch ein sogenanntes Blutgeld. „Der Islam schreibt vor, daß das Blutgeld für den Mord an einer Frau die Hälfte dessen beträgt, was für einen Mann gezahlt wird.“ Eine Art Entschädigung für den Verlust eines Menschen. „In dem Fall einer unabsichtlichen Tötung ist das Blutgeld, das den Erben des Opfers halb so viel, wie das für die absichtliche Tötung eines Mannes, wegen des Schadens, den die Familie durch den Tod des Mannes erleidet.“ „Daß daher das Blutgeld für eine Frau die Hälfte dessen ist, das für einen Mann veranschlagt wird, erklärt sich von selbst.“

Diese archaischen Regeln sind für Deutschland im Moment noch wenig relevant. Spannender wird es beim Arbeitsrecht. Die Frau wurde „mit Liebe, Freundlichkeit, Mitgefühl, Fürsorge und Zuneigung begabt, damit sie ihre schwierigen Pflichten mit einem Lächeln im Gesicht und Stolz und Würde erfüllen kann.“ Es ist „die natürliche Aufgabe der Frau, die Arbeiten im Haus zu erledigen und im Allgemeinen für seine Bedürfnisse (sic!) Sorge zu tragen.“ „Der Islam beraubt die Frau aber trotzdem nicht des Rechtes, zu arbeiten. In der Tat erlaubt ja der Islam der Frau, sich persönlich um ihre Geschäftsverträge und finanziellen Transaktionen zu kümmern.“ Sollte sie trotzdem aus unerfindlichen Gründen das Bedürfnis spüren, für den eigenen Unterhalt zu sorgen, so sind folgende Regeln zu beachten:

  • „Die Arbeit der Frau außerhalb des Hauses, darf ihren Pflichten und Verantwortlichkeiten ihrem Ehemann und ihren Kindern gegenüber nicht entgegenstehen.“
  • „Eine Frau muß zusammen mit anderen Frauen arbeiten. Sie darf nicht in einer Umgebung arbeiten, in der sie in körperlichen Kontakt mit Männern gerät.“ Das bringe nur uneheliche Kinder und damit Katastrophen hervor.
  • Sie muß ihren Körper „anständig bedecken“, darf keine „anziehende, kurze, verführerische Kleidung tragen“, denn es laufen viele „schlecht gesonnene Männer“ mit „natürlichen Bedürfnissen“ herum, die sie dann an diesen Frauen bedauerlicher- aber verständlicherweise befriedigen könnten.
  • „Die Arbeit muß eine erlaubte Tätigkeit sein, die zur Natur der Frau paßt.“

Das alles ändert nichts an der Verwunderung: „Warum arbeitet die Frau eigentlich? Wenn die Frau für ihren eigenen Unterhalt arbeitet, so hat der Islam sie doch davor bewahrt“, sprich: ganz gleich ob Mutter, Tochter, Witwe, Schwester, Schwägerin … immer verpflichtet der Islam einen Mann, für die Frau zu sorgen.

Die Frau darf auch geschieden werden, aber „die Kraft der Scheidung liegt beim Mann“, der schließlich das Brautgeld bezahlt hat, besser in der „Lage ist, seine Launen, Gefühle und Reaktionen zu kontrollieren“, und also ist es „der natürlichste und logischste Weg, den Mann die Kontrolle über den Scheidungsprozeß haben zu lassen.“ Hochzeit und Scheidung sind ungültig „ohne einen (männlichen) Vertreter für die Frau“

Schwierig wird auch das Reisen ohne männliche Begleitung. „Der Islam verbietet der Frau (ob verheiratet oder nicht), allein, ohne die Begleitung eines nahen, nicht zu heiratenden Verwandten als Reisebegleiter zu reisen. … Solch ein Verwandter muß einer von denen sein, die ihr zum Heiraten durch die direkte Blutsverwandtschaft verboten sind.“ Umgekehrt sagte der Prophet auch: „Kein Mann darf das Haus einer Frau betreten, wenn kein männlicher Verwandter im Haus ist.“ Natürlich gibt es dafür auch gute und leicht einsehbare Gründe: „Frauen sind von Natur aus zumindest körperlich schwächer als Männer. Das sind sie aufgrund von Schwangerschaft, Menstruation, Stillen und Kinderbetreuung. Frauen sind auch gefühlsbetonter als Männer. Sie sind leichter geneigt, ihren Gefühlen eher als den Tatsachen zu folgen. Frauen werden ebenfalls leicht von der Umgebung und dem Milieu beeinflußt“, sprich, sind leicht verführbar. Daher muß sie in einer Welt des Mißtrauens vor sich und vor Männern geschützt werden: „Eine Frau stellt für Männer mit schlechten Hintergedanken durch ihre körperliche und emotionale Beschaffenheit ein leichtes Ziel und ein leichtes Opfer dar. Eine Frau benötigt einen Mann, der ihr hilft, ihren Bedarf zu sichern, auf sie aufpaßt und die benötigte Fürsorge, Sicherheit und Aufmerksamkeit entgegenbringt, damit sie nicht in Verlegenheit gerät, einen Fremden um Hilfe bitten zu müssen, der dann aus ihren Bedürfnissen einen Vorteil zieht.“

Das würde zwangsläufig zu Strafen führen. Darf man eine Frau auch schlagen? Die Antwort ist eineindeutig: „Tatsächlich untersagt der Islam das Schlagen der Frauen und warnt ernsthaft davor. Und zwar aus dem Grund, weil die Frau in ihrer körperlichen Beschaffenheit schwächer ist als der Mann. … Obwohl Schlagen verboten ist, erlaubt es der Islam in eingeschränkten und begrenzten Gelegenheiten.“ Es ist wie eine bittere Medizin, die scheußlich schmeckt, aber doch heilt. Zuerst muß die Frau ermahnt und gewarnt werden, dann meidet man das Bett der Frau und hungert sie sexuell aus und wenn das alles nichts hilft, als „dritte und letzte Stufe: Schlagen ohne zu verletzen, Knochen zu brechen, blaue und schwarze Flecken auf dem Körper zu hinterlassen und unter allen Umständen vermeiden, ins Gesicht zu treffen.“ „Diese Behandlung hat sich für zwei Sorten von Frauen als sehr wirkungsvoll erwiesen“: „Die kontrollierende und führende Frau“ und „die unterwürfigen Frauen. Diese Frauen genießen es, geschlagen zu werden.“ Das alles freilich nur „in absoluter Privatsphäre“, als „Disziplinierung und Erziehung“, so, wie der Vater dem Sohn einen Klapps gibt oder der Lehrer dem Schüler.

Es sind vor allem diese letzten Zeilen, die vor sechs Jahren, als man noch einen kritischeren Blick auf den Islam haben durfte, zu Razzien und Beschlagnahmungen in Moscheen, die diese Broschüre verteilten, führten. Heute liegt sie wieder öffentlich aus und den darin geäußerten Meinungen und Lebensweisen begegnet man in dieser oder jener Form aller Orten.

Integrationsillusionen

Was wird nicht alles über „Integration“ geschwätzt! Was es wirklich bedeutet, ahnen die wenigsten. Mit ein paar Sprach- und Integrationskursen ist es nicht getan. Das sehe ich gerade wieder an Hussain, meinem Meisterschüler.

Nun ist er es, der mit dem Schicksal hadert. Dunkle Augenringe umrahmen erloschene Augen. Es dauert lange und benötigt viel Enthusiasmus, um sie wenigstens für ein paar Minuten wieder zum Leuchten zu bringen. Mit großen Hoffnungen und Begabungen ist er gekommen, aber nun droht auch er abzukippen.

Dabei ist er der einzige und letzte aller Syrer, der den geraden Weg bis hierher durchgehalten hat. Alle anderen haben den Kampf aufgegeben und irgendeine bequemere Lösung gesucht: Familiennachzug, zurück in die Türkei, Verlobung und Verheiratung, Wegzug nach Hagen, Mönchengladbach oder ins Ruhrgebiet, wo schon große arabische Kommunen bestehen und wo man in weitgefassten Familien- oder Freundeskreisen abtaucht. Diese Männer – meist Mittelalter, meist ungebildet, wie Salim, Mohammed, Muhannad, Schlasch, Walid … – werden sich wohl nie integrieren. Sie wählen das leichtere Leben jetzt und wissen noch nicht, daß sie es später schwer haben werden. Hussain geht den anderen Weg: Er stellt sich den augenblicklichen Problemen und hofft, es damit später besser zu haben. Die richtige Idee – wenn er es durchhält. Das System bestraft ihn dafür.

Als einziger wirklicher Kriegsflüchtling, als einziger, der tatsächlich die Sprache lernt und die Sitten weitestgehend annimmt, wartet er nach fast einem Jahr noch immer auf seine Anerkennung als Asylberechtigter. Locker könnte er den B1-Sprachtest bestehen, aber die Bürokratie zwingt ihn, die Mühle der Anfängerkurse abzuschrubben.

Im Moment sieht er gehetzt aus, obwohl er keine Termine hat. Es fehlt ihm der Schlaf, obwohl er 18 Stunden am Tag schlafen kann, er ist abgemagert, obwohl er sich vollfressen könnte.

Es ist die Einsamkeit! Tag für Tag allein in der Wohnung. Alle anderen Syrer haben das Haus verlassen, die zwei deutschen Mietparteien sind tätowierte prekäre Hartzer mit Lippenpiercing, Schnapsgesichtern und Schäferhund. Zwar gibt es einen Integrationskurs, in dem Hussain alle anderen überragt, aber auch dort findet er nicht seinesgleichen. Was hat er mit Eritreern und pubertierenden Irakern zu tun? Small Talk, schlechtes Deutsch, keine Anreize, keine Freunde. Zu Hause wartet die weiße Wand, ein paar Hausaufgaben, das Handy mit billigen Islamvideos und ewige Stunden des Nichtstuns. Er wünscht sich eine Frau … woher nehmen, wenn nicht – beim Imam bestellen?

Ich mache mir Sorgen. Wenn nicht bald etwas geschieht, könnte auch er eine Psychose wie Mohammed entwickeln. Wir überlegen, ihn wenigstens tage- oder stundenweise bei uns aufzunehmen. Vielleicht läßt er sich in eine Schulklasse integrieren? …

Integration ist ein tagtäglicher, stündlicher, permanenter Austausch, eine Einbeziehung auf ganz individueller und sozialer Ebene, ein Eintauchen ins pralle Leben! Wer soll das leisten können? Millionenfach!

Verkehrte Welt

„Man betrachte z.B. den Koran: dieses schlechte Buch war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen, das metaphysische Bedürfnis zahlloser Millionen Menschen seit 1200 Jahren zu befriedigen, die Grundlage ihrer Moral und einer bedeutenden Verachtung des Todes zu werden, wie auch, sie zu blutigen Kriegen und den ausgedehntesten Eroberungen zu begeistern. Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus. Viel mag durch die Übersetzungen verloren gehen; aber ich habe keinen einzigen wertvollen Gedanken darin entdecken können. Dergleichen beweist, daß mit dem metaphysischen Bedürfnis die metaphysische Fähigkeit nicht Hand in Hand geht.“ (Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung)

Als Ungläubiger kann man den Koran durchaus als eine Sammlung von Verhaltensregeln in einer bestimmten konkreten Situation lesen, die demjenigen, der die Situation nicht kennt, nicht viel sagen, die für ihn nicht relevant sind.

Daraus ließe sich ein möglicher Grund für die prinzipielle Fortschrittsfeindlichkeit weiter Teile des Islams, dessen Grundfeste der Koran ist, schließen. Entwickelt sich die Gesellschaft zu stark vom koranischen Zustand weg, wird der Grundtext sukzessive unverständlicher und belanglos. Der Koran aber ist unveränderlich. Daher der Drang, das Entwicklungsverhältnis umzukehren, das gesellschaftliche Leben einfach zu halten, zu bremsen, dem Buch und der Lehre anzugleichen, die Veränderungen abzulehnen, Entwicklungen auszuschließen. Die Welt hat sich an der Lehre zu orientieren und nicht die Lehre am Sein.

Letztendlich wird der Islam daran scheitern müssen oder aufgeben, Islam zu sein. Aber auch: Er wird mit verstärkter Gewalt darauf reagieren, Gewalt gegen Reformer, mehr aber noch Gewalt gegen akzelerierende Gesellschaftsprozesse.