Heute sind wir tolerant …

Rara temporum felicitas, ubi quae velis sentire et quae sentias dicere licet. (Tacitus)

Heute sind wir tolerant und morgen Fremde im eigenen Land.

Seit drei Tagen meditiere ich über diesen Satz. Der Satz ist falsch, so viel weiß ich. Das hat man mir gesagt. Er muß falsch sein! Wieso sonst der mediale Aufschrei? Nur, wo liegt der Fehler, was ist daran verwerflich? Darüber zerbreche ich mir den Kopf und finde keine Lösung.

Als Marxist habe ich gelernt, die Dinge dialektisch, kritisch und historisch zu sehen. In seinem kausalen und dichotomischen Aufbau könnte es ein hegelscher oder gar ein marxscher Satz sein. Sie liebten derartige Konstruktionen. Sicher, er ist plakativ, aber was erwartet man auf einem Plakat?

Was soll er sagen? Doch wohl dies: Wenn wir heute zu tolerant sind, also zu freizügig und ohne Auswahl nach Kriterien des Anspruches und der Tauglichkeit Menschen anderer Kultur, Religion, Sprache und Mentalität in großer Zahl ins Land lassen, dann könnten wir, die sogenannten Deutschen, also deutsch und europäisch sozialisiert,  in Zukunft bald fremd im eigenen Land sein, will sagen, von Fremden umgeben, von Fremden vielleicht sogar ausgezählt. Keiner kann in die Zukunft schauen und meistens kommt es sowieso anders. Die größten und schrecklichsten Visionen sind Heilige Bücher geworden: Offenbarung, Koran, Manifest … Auf ihr Eintreten warten wir schon lange nicht mehr.

Die Vision kann sich irren – wie alle Visionen sich bisher geirrt haben. Irrtum ist schlecht, aber nicht vermeidbar und also nicht strafbar. Und wenn es eine Voraussage gegeben hat, die nach allen offenkundigen Gesetzen der Logik eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, dann ist es diese und nicht: Kommunismus, Apokalypse oder Neoliberalismus (Fukuyama).

Falsch ist der Satz, werde ich belehrt, weil die NPD ihn schon im Munde führte und weil eine Nazi-Band mit dem komischen Namen „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ ihn als Parole brüllte. Connaisseurs dieser Musik, wie Heiko Maas, ist das natürlich sofort aufgefallen. Hier muß ich meine Bildungslücken eingestehen; ich kannte die Combo bisher nicht und ich schätze auch Gauland eher als Klassik-Typen ein. Und NPD-Plakate kenne ich nur aus nächtlichen Klebeaktionen, als ich selbst noch für die PDS unterwegs war und der heiligen Rosa weisen Satz „Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden“ bevorzugt über NPD-Plakate kleisterte. Gelesen habe ich sie nie.

Entsteht da nicht eine Wortpolizei? Ich bin mir sicher, daß Bruno Ganz im Hauptquartier mit Schaum vor dem Mund irgendwo seine Generäle anbrüllt: „Wir schaffen das!“, oder es steht in seinen Tischreden und Tagebüchern – und trotzdem nehmen manche Leute diesen Satz heutzutage noch in den Mund.

Heute sind wir tolerant und morgen Fremde im eigenen Land. Ein bißchen einfach, ja, ein bißchen einlinig …, aber falsch? Ich kann nichts finden!

Helft mir, Leute! Wo liegt mein Fehler? Seit drei Tagen meditiere ich diesen Satz, ich muß wieder raus aus der Schleife … Zum Glück gibt es Marx, der rettet mal wieder meinen Tag. Er zitiert in seinen bemerkenswerten „Bemerkungen über die Preußische Zensurinstruktion“, die man in der SPD-Zentrale mal wieder lesen sollte (MEW 1, 3-28), diesen wunderbaren Gedanken des Tacitus: O seltnes Glück der Zeiten, in denen du denken darfst was du willst, und sagen kannst was du denkst.